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Full text of "Rheinlands sagen, geschichten und legenden"

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THE NEW YORK | 
PUBLIC LIBR 22 | 







ASTIR, —— 
TILBEN Fa; 











In afschmar nv 


s) 


Kheinlaudstagen 


CÖLN und AACHEN 
Kohpen x Friedheim. 


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ITH nk YORK. 


Pin. :C LIBRARY 


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nhe ialande Sagen u 


Geſchichten und Legenden, 


Herausgegeben 


von 


Alfrey Reumont. 


Mit acht Stahlſtichen und einem Titelkupfer. 


— DOC 


Köln und Anden, 
Verlag von Ludwig Kohnen, 
(Bohnen & Kriedheim,) | 
2837. 


THE NEW YORK 
PUBLIC LIBRARY 


416777 


ASTOR, LENOX AND 
TILDEN FOUNDATINNS, 
RK 1908 L 





Ihrer Königlichen Hoheit 


der Prinzeflin 





Friedrich von Preuften 


unterthänigſt gewidmet 


vom Verleger. 


Inhalt. 


Seite 
Zur Erklaͤrung des Titellupfers, Gedicht yon Reinick IX. 
Vorwort bes Derausgebrs - » - 2 0 XIII. 


‚ ©t. Gertrudens Minne, von A. T. Ber. 1. 


Der Schwanenritter, von X. Reumnt . « « . . .  1l 
Die Solinger Klingen, von F. Steinmann . . + 19 
Die Stiftung des Kloſters Altenburg, von A.T.Beer 31. 
St. urfula und bie eilftauſend Jungfrauen, +» 45 
Der Dombau zu Köln. . 2 2 2 80 
Der Kampf mit dem Löwen, von X. Reumont . . . 61. 
Albertus Magnus, von E Werden - - «2 2. «6 
Hermann Sofeph, von & Wenden . - : 0 0 0 0. 7% 
Rihmodis von Abudt, von E Wenden . . c . . 77. 
Der Ring der Faſtrada, von A. Reumont . . . . 81 
Der Münfterbau zu Aachen, von A. Reumont . « 86, 
Die budligen Mufitanten, von A. Reumont, „ « «9. 


Inhalt. 


Der Pfalzgrafund bie Kaiſerstochter, v. A. Reumont 


Der Hinzenthurm, von A. Keumont. 
Drachenfels und Rolandseck, von E. Weyden . . 
Die Stolzenburg, von Schrͤder 0 v0. 
Die Gründung von Steinfeld, von X. NReumont . 
Die Brüber, von X. Reumont . - 2 2 0 2 0. 
St. Goar, von A. Rumnnt » x 2: 2 0 2 2... 
Loreley, von E Wenden - 2 2. 0 00. 
Die ſieben Jungfrauen, von A. Reumont. . - . 
Pfatzgrafenftein, von A. Reimont .. ER 
Die Zeufelsleiter, von A. Reumont. - 2... 
Das Wisperthal, von A. Schreiber 
Die Braut vom KRheinftein, von M. Friedheim.. 
Der h. Rupert, von N Vo 2 2 2 een. 
Die h. Hildegard, von A. Reumont . » x. +. . 
Der Mäufetdgurm, von M. Friebhbim «+... 
Die fieben Wächter, von U Reuumnt . 2. . » 
Heinrich der IV. auf Klopp, von A. Reumont . « 
Brömfer und Gifela, von U, Reumont . x «>» » 
Kart und Elbegaft,vn W We . oe... 
Die Königin Hildegardis, von M. Friedheim .. 
Adolf von Naſſau und Imagina, von A. Reumont 
Eppſtein, von A. Reumont2 
Eginhard und Emma, von A. T. Ber oe... 
Die Gründung von Belnhaufen, von E. Wenden 
Der Moͤnch zu Lorſch, von A. Reumont. « « . « 


Rodenſtein, von A. Reumont . ee ne = 


‘ 


“ 


> o 
Inpdtt. * 


Der Tag bei Seckenheim, von A. Reumont.. + . 3%. 
Der Wolfsbrunnen, von A. Reumont . » .331. 
Das redende Marienbild, vn ©, . x... 35 
ulrich Landfhaden, von X. Reumont. » 2 » » 2.83 
Die Gründung der Minneburg, von A. Reumont . 345. 
Die heil. Rotburga, von A. L. Grimm. - » 2. 0. 349. 
Karlder Große zu Heilbronn, von A. NReumont, „. . 356. 
Das Kaäthchen von Heilbronn, von A. 2. Beer. . 32. 
Der Hennengraben, von A, Breiter -» . 2 2 2. 39. 
Siegfried und die Nibelufgen, von G. Wenden. . 385. 


Stablſtiche. 


Nro. J. Zu ber Sage: Der Schwanenrittr . © 2. 11. 
„U. ven Hermann Zofepp Gegenüber dem Titel. 
v I v v uw Der Ring der Faſtrada 890. 
v» IV. von Lore: eV) 0. en. IM 
nv» Vom Die Braut vom Mheinftein. . . 184. 
„NL. vom" Seineih IV auf Klopp. ... 218. 
» VI. v vn Die Gründung von Gelnhaufen . 296. 
„» VOR" » Der Rodenſtein4310. 


« 


Bur Erklärung des Titelblaites, 





1. 
FR 
Es ragen fieben Berge an einem maͤcht'gen Fluß, 
Wie fieben Niefenhüter, bie bieten friihen Gruß, 
Wie fieben Riefenmarken, weithin im Land zu fehn, 


Die Ebne dort zu fiheiden von weinumkraͤnzten Felſenhoͤhn, 


Dort Schritt ich eines Abends im heilen Mondenglanz, 
Es rauſchten alte Zeiten baher im Wellentanz, 
Doch mitten in dem Strome — welch' Anblid wunderbar! — 
Auf einem Kelfenbette warb einen Reden id gewahr, 


Gin Greis war ee zu ſchauen, er ragte ob dem’ Strom, 
Obgleich im Schlummer ruhend, hoc, wie ber Kölner Dom, 
Geftäget Haupt und Arme auf einer Urne Bord, | 
Mit Shilf umfränzt bie Schläfe, fo lag ber greife Rede dort. 


und ihm zur Seit’ erblickt' ich ein allgewaltig Bud, - 
Das Buch war aufgeichlagen, brin Mähren wohl genug, 
Davon das erfte Blatt ſchon olel Schöne Gage bet 


Bon Siegfried und Tpriembiiden und yon der Nibelungen Noth. 
*4 


“ 


Bur Erklärung des Titelblaites, 





1. 
2 
Es ragen fieben Berge au einem maͤcht'gen Fluß, 


Wie fieben Niefenhüter, die bieten friſchen Gruß, 
Wie fieben Riefenmarken, weithin im Land zu fehn, 
Die Ebne dort zu fiheiden von weinumkraͤnzten Felſenhoͤhn, 


Dort Schritt ich eines Abends im hellen Mondenglanz, 
Es rauſchten alte Zeiten daher im Wellentanz, 
ODoch mitten in dem Strome — welch' Anblick wunderbar! — 
Auf einem Felſenbette ward einen Recken ich gewahr. 


Ein Greis war er zu ſchauen, er ragte ob dem’ Strom, 
Dbgleid im Schlummer ruhend, hoch wie ber Kölner Dom, 
Geſtuͤtzet Haupt unb Arme auf einer Urne Borb, | 
Mit Schilf umkraͤnzt die Schläfe, fo lag ber greife Recke dort, 


und ihm zur Geil’ erblickt' ich ein allgewaltig Bud, - 
Das Buch war aufgefchlagen, drin Mähren wohl genug, 
Davon das erfte Blatt ſchon viel ſchoͤne Gage bet 


Eon Siegfried und Tpriembiiden und von ber Nibelungen Noth. 
cxm 


x a» . 


unb kaum, daß ich's gewahret, da rauſcht es in dem Rohr, 
Hei was dba Menſchlein krochen rings um den Stein hervor I 
Dem Nahen kaum entfprungen fie liefen zu dem Buch, 
Da ſah man Greife, Knaben und alter Mütterlein genug. 


Dort hatten welche Federn und Dinten und Papier, 
Gin Saitenfpiel bie andern, dann fah ich wieder hier 
Mandy’ fröhlichen Gefellen, den Griffel in der Hand, 
Die Bilder nachzureißen, die ſchmuͤckten jener Maͤhrlein Rand. 


Nun ging es an ein Schrei und an ein Gonterfei’n, 
Drauf ward ein Blatt gewendet, o weh der Noth und Pein! 
Die Zungen mußten heben wohl drei an einem Blatt, 

Die Alten Erochen drunter, zum Stügen war ihr Arm zu matt. 


Auch ſah ich Kühne Buben, bie waren fchnell babei, 
und fchnitten aus ben Blättern der Stüdlein mancherlei 
und trugen fie zum Nachen und fuhren fchnell davon. 
Hält’ es gewahrt der Alte, mich duͤnkt, fie hätten böfen Lohn. 


So mocht' wohl eine Stunde das bunte Spiel beftehn, 
Da ruͤhrte fih im Schlummer ber Rede unverfehn, 
Hei was bie Leute liefen, fo fchnell man Yaufen kann; 
Wer hätt’ auch Stand gehalten, als fich erhob der greife Mann! 


Sein Fuß ftand in den Wellen, doch von der Wollen Saum 
umkraͤnzet warb fein Scheitel, fo fand er wie im Traum, 
Und maͤcht'gen Schrittes zog cr durchs ebne Land dahin, 
Doch duͤnkt' mich, daB die Träume noch immer nicht verlaffen ihn. 


CIIITIĩXIIXETTCAè C 


3 


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4 


Und wieder in ber Nähe hört’ rauſchen ich's im Rohr, 
Es waren bie Gefellen, bie ich gefhaut zuvor. 
Ich wollte fie beffhgen, doch Keiner hört auf mich, 
Mit ihrem Raub zeiftreuten fie bald in alle Lande ſich. 


Ein Mütterchen nue Eonnte fo eilig nicht binfort, 
Sie mußte Athem fhöpfen und weilte drum am Ort, 
Die fragt? ich nad) dem Wunder, das eben ich geſchaut; 
Da bat fie treulic Alles nach beſtem Willen mir vertraut. 


„Der Rede, den du faheft, es iſt ber alte Rhein, 
Ein Held gar wunderfräftig, kein Beſſrer mochte fein ; 
Wie Zelfen fein Gebeine, body feiner Stimme Ton — 
Wie hät er oft mit Braufen erſchreckt manch' armen Fiſcher ſchon.“ 


„Aus fernen Bergen ſchreitet er taͤglich bis hieher 
Manch hundert Stunden Weges, hier ruht vom Wandern er, 
Ein tiefer Schlummer ſenkt ſich auf ſeiner Augen Schein, 
Doch ſelbſt ter Schlummer laͤßt ihm nicht lange Ruhe angebeihn.“ 


„Denn traͤumend geht er weiter durch's gruͤne Niederland, 
Und traͤumend ſteigt er nieder durch weißen Uferſand, 
Bis er zum Meer gelanget, wo freudig er erwacht 
Inmitten aller Ströme, die preiſen feine Herrſchermacht.“ 


Und was auf ſeinen Wegen er Herrliches geſehn, 
Und was an feinen Ufern Gewalt’ges iſt geſchehn, 
3um Frommen feiner Brüder fehreibt zr’s in jened Bud, 
- Das neben ihm gelegen und das er ſcheidend mit fich trug. 


XII 


„Das Buch iſt wunderbarlich, ſein Band von Golde ſtrahlt, 
Mit Edelſtein gezieret und Perlen mannichfalt; 
Mimer hat ihn geſchmiedet, ein vielerfahrner Mann, 
Vom Hort der Ribelungen er Edelſtein' und Golp' gewann. 


„Die Blätter, draus gebunden bas überreiche Bud, 
Sind von der Haut bes Draden, den Siegfried einft erfchlug, 
Die Feder, die's gefchrieben, von jerem weißen Schwan, 

Der einft nach Cleve führte gar einen wunderfühnen Dann.” 


„Die Zinte, fo bewahret bie Mähren alt und gut, 
Eie kommt von Aömannshaufen, tft lauter Nebenblut; 
Wohl ift ſchon manches Wörtlein von Mäufen drin zernagt, 
Das thaten jene Mäufe; bie Hatto’s böfen Leib geplagt.” 


„Biel könnt’ ich die noch melden, was ich im Buch gefehn, 
Dod meine Enkel warten, Beit ift es heimzugehn. 
Heut hab’ ich viel gelefen, es orbnen wird mir fchwer, 
Schon wanket mein Gedaͤchtniß, das koͤmmt vom hohen Alter her.” 


„Zu meiner Zeit war's anders, von Munde nur. zu Mund 
Ein Mährlein man erzählte, jegt wird es Jedem kund; 
Denn bie Gefellen alle, die du beim Buch’ erblickt, 
Eie ſchreiben's auch in Büchlein, die werden durch das Land geſchickt.“ 


Die Alte ſchlich von bannen, wohl ſprach fie Wahrheit mir, 
She ſeht's an dieſem Büchlein und geht es Euch wie mir, 

Daß Ihr erfunden wollet die Sagen von dem hen: 

Hier findet She fie wieder, drum laßt fie Such willlommen fein. 


— ⏑ — 


Vorwort. 


In den Nhätifchen Alpen, ber riefgen Grenzfcheide 
Germaniend und Italiens, zwifchen wüften Eid, und 
Schneefeldern and büftern Tannenforften, entfpringt ein 
) Strom, ein wildes Bergwaſſer, hunderten gleich, welche 
in biefen Thälern ein kurzes Dafein haben, einen bald 
' wechfelnden Namen tragen. Nichts läßt feine einftige 
Größe ahnen, da wo feine verfchiedenen Quellen der 
Erde Mutterfchoofe entfprudeln, oder wo der Wandrer, 
wenn er aus dem fonnigen Welfchland kommt und 
auf der Splügener » oder Bernhardinerfiraße in die 
Kantone des grauen Bundes eintritt, von denen die 
cisalpinifchen Landfchaften Loögeriffen, kaum noc im 
Munde. des Aelplers deutfche Namen bewahren, beim 
Dörfhen Splügen ihn nad) den Niederungen hinab⸗ 
fhießen fieht. Wie ein unbezwingliched Felfenthor thürs 
men die fchroffen Wände fich ihm entgegen, an deren 
ſchmalem Rande die Bia mala fic dahin zieht: in ſchwin⸗ 


XxIV 


delnder Höhe führen Bruͤcken über den im düſtern Abs 
grunde fich verlierenden Strom; zitternd und fchen bes 
tritt fie der Fuß, und ein Schauer durchriefelt den Mens 
ſchen, wenn er der Natur in ihrem ganzen gewaltigen 
Ernfte Aug’ ins Auge blickt. An der Bündtnerifchen 
Hauptſtadt vorüber eilt der rafche Strom durch einen 
Theil des Schweizerlandes, bid der Conflanzer See ihn 
in fid) aufnimmt. Aber dem Rhodan gleich, deffen Quel⸗ 
Ien den feinigen benachbart find und der den Strand 
bes Mittelmeers in reißendem Laufe fucht, wartet fein 
noch eine glänzendere Bahn: nachdem er das helvetifche 
Heimathland verlaffen, bildet er die Grenze zwifchen 
‚deutfchem und franzöfifchem Gebiet, aber nicht zwifchen 
deutfcher und franzöfifcher Zunge, und fließt dann, im⸗ 
mer mächtiger von Often und Werten die Gemäfler an 
fich ziehend, die im Schwarzwald und den Bogefen, in. 
den Hanrdtbergen und dem Odenwald, in Franken, 
Schwaben und Lothringen ihre Quellen haben, durch 
ben ſchoͤnſten Theil von Deutſchland. Bei Schaffhauſen, 
wo ſeine ſchäumenden Waſſermaſſen von den Felſen 
herabſtürzen, iſt ſein Jugendleben zu Ende, gemaͤßigter 
geworden, ſtrömt er in geregelterem Laufe dahin, wenn 
auch bisweilen Die alten Launen nicht ganz vergeſſend. 
Dann aber zieht er weiter in feiner ruhigen Größe, ein 
König in feiner Majeftät, Tribut empfangend von Land 
und Volk, die er beide in gleichem Maße beglüdt, 


XV 


So iſt der Rhein, dem noch Fein andrer Strom 
Europa's den Rang der Schönheit flreitig gemacht hat. 
Und taufend Empfindungen wedt fein Name in ber 
Bruft jedes Deutfchen. Er ift verfchwiftere mit den 
wichtigften Ereigniffen der Gefchichte des Vaterlandes, 
für deffen ſüdweſtliche Marken er in ruhigen Zeiten 
die große Heerſtraße bildet, wie er in flürmifchen oft 
deren Schutzwehr gewefen iſt. Blühende Staaten, reich 
durch mweitverzweigte Thätigfeit, umgeben ihn, bemohnt 
von einem Volke, welches nie den deutſchen Sinn vers 
leugnet hat. Und der deutfche Gefang und bie beutfche 
Sage find heimifch auch den Ufern des Rheines. 

Diefe Ufer erzählen ihre Gefchichte, lauter denn 
Urfunden und Jahrbücher des Chronitenfchreiberde. Da 
liegen die Städte, jugendmuthig in ihrem Alter; da 
erheben fich die Kirchen, nach fo: manchem Raube noch 
reich an den herrlichften Schäßen der Künfte; da ftehn 
die Klöfter, aus denen die Bewohner gewichen find, 
deren einft wohlthätige. Wirkfamfeit aber in Stabt und 
Feld und Weinberg ihre Spuren hinterlaffen hat; da 
ſchauen die Burgen herab von den Höhen, in ihrer 
Zertrümmerung . einen Spiegel vergangener Tage vor; 
haltend. Das find die Blätter der rheinifchen Geſchichte. 
- Und hundert »Dinge erzählt man von dieſen Städten 
und Kirchen, diejen Klöftern und Burgen, und von 
ihren Erbanern und Bewohnern; zum Gefchehenen ges 


a 


xVvI 


ſellt fich die Sage, und dad Lied erklingt, bald ernft 
bald heiter, und berichtet von den Tagen und Thaten 
ber Bäter, von altem Ruhm und alter Größe, von 
Glück wie von Leid, Das iſt die Stinime des theini⸗ 
ſchen Volkes. 

Bon den Nibelungen herab, Yon der Zeit an, wo 
Bas Chriftentbum Wurzel zu fohlagen begann auf dem 
füddeutfchen Boden, wär die Sage biefen Ufern treu 
Eine anmuthvolle, in ein fantaftifches Gewand gehüllte 
Begleiterin, folgt fie den Zügen des großen Kaifers 
Karl, fie berichtet von den Dttonen und den Galiern, 
Bon den an Verwirrung wie an großen Thaten reichen 
Zeiten der Kreuzzüge, von den hohenftaufifchen Herr 
fchern und den Tagen der Habeburger, Aber nicht 
immer ift fie auf hiftorifchem Boden erwachfen: auch 
wnabhängig ſteht fie da und greift aus dem Leben des 
Mitters und des Landmanns immer wechjelnde Begebens 
heiten. Wer die Fahrt vom Rheingau bid zum Sieben: 
gebirge macht, erblickt mit ftets erneutem Staunen bie 
zahlloſe Menge der Burgen, die auf jeder Höhe thronen, 
bald wie eines Adlers Horft auf einem überhangenven, 
in jedem Moment den Einſturz drohenden Vorfprung 
einer Klippe eingeniftet; bald mit ausgedehnten Mauern 
und flattlichen Thürmen den Rüden eines breitern His 
geld einuehmend und zum Schutze einer tiefer liegenden 
Stadt beſtimmt; bald als einfame Warte auf einem die 


AV 


Gegend ringsumher überfchauenden Gipfel landeinwärts 
fich erhebend, Und kaum möchte eine darunter fein, in 
Deren verwitterndem Gemäuer nicht die Sage wohnte, 
neben dem grünen Eppich, der die Steinmaffen ſchmückt, 
bis er fie formlos auseinanderfprengt, die einzige 
Lebensfpur in der Verödung. Sie öffnet vor dem 
furfchendem Auge die Hallen der Bergangenheit, von 
deren Thore fie den fihmweren Riegel wegfchiebt: mit 
feften Zinnen verfehn ift die hohe Warte, vom Schutt 
befreit der Burghof, in welchem die Linde grünt und 
blüht, gefchmüdt und mit fröhlichen Gäften gefüllt die 
Kemnate; Kaifer und Könige halten Gericht, führen 
den Hecrbann an, entfcheiden über den Kampfpreis; 
in den Schluchten lauern Räuber und überfallen” den 
wehrlofen Handeldmann; um Minnefold und Ehre dient 
ber treue Ritter; Feen und Kobolde treiben ihr Spiel, 
bald boshaft, bald dem Menſchen dienend, wenn er 
gutgeartet iſt; heilige Männer durchziehn lehrend und 
betend das Land, und aus den Klöftern erfchallt froms 
mer Geſang; der Landsfnecht, Heimath und Herrn wech⸗ 
felnd, je nachdem wo Kampf und Löhnung ihn hinrufen, 
sieht mit"gewichtigen Waffen vorüber, ein ungern gefes 
hener Saft; Kriegslärm umtobt Mauer und Graben, der 
Landmann wie der Städter fehnt fich nach friedfichen 
Zeiten, und benußt jeden Montent der Ruhe zur Erbaus 
ung der Verfchönerung ber Kirche, die feinen Wohnort 


XVIII 


ziert, und die ſich von ferne ſchon mit hohem Thurm 
und melodiſchem Glockenlaͤuten als das Palladium, das 
Liebfte und forgfamft Gehegte im Glück wie in der Noth, 
verfündet. Und es ift nicht immer ein bloßer Traum 
von der Vergangenheit. Mit eignen Augen fehn wir 
fie. . Feſt und innig ift fie mit der Gegenwart verwach⸗ 
fen. Ein Gang durch manche rheinifche Stadt ift belehrens 
der denn eine Vorlefung über das Mittelalter. Ueberall 
ftößt das Auge auf denfwäürdige, durch eigenthümliche 
Schönheit ausgezeichnete, oder durch daran haftende 
Erinnerungen bemerfenswerthe Bauten. Sind aud) des 
großen Karls Kaiferpaläfte zu Ingelheim und Aachen 
faft bis auf die lete Spur verſchwunden, ift der Königs 
ſtuhl zu Rhenſe durch frevelnde Hand zerflört, fandte 
dad Nachbarland morbbrennerifche Notten, um die rheis 
nifchen Ufer in eine Einöde zu verwandeln: noch flehn 
Denfmale der herrlichiten Baufunft, die Dome und Kirs 
chen von Altenberg, Aachen, Köln, Bonn, Koblenz, 
Dberwefel, Mainz, Frankfurt, Oppenheim, Worms und 
"Speyer; noch troßt der Zerflörung, auch in feiner Vers 
waifung, das Heidelberger Schloß, der ſchönſte rheinis 
ſche Fürftenfiß, und, Hohenſchwangau im Baierland, 
wie dem nachbarlichen Stoljenfeld ein Mufter, erhob 
fi aus feinen Trümmern der Rheinftein,. wiedergeboren 
zu, einem heitern Dafein, von forgfam treuer Hand ges 
pflegt und geſchmückt, unter dem Schub ber mächtigen 


E 


XIX 


Adlerſchwingen eine gaſtliche Burg für ein teutſches 
Geſchlecht, freudig begrüßt von zahlloſen Wandrern, 
welche jeder neue Frühling zu diefen auch im Ernft und 
in der Einſamkeit fhönen Ufern lockt. 

Wir fichn auf einem reichen Boben. Der Schacht 
iſt tief und ergiebig: wo der Bergmann anklopft, findet 
er Erz Nichts ift bedeutungslos. Während jenes anf 
einen Charafterzug irgend eined bedeutenden Mannes 
ſich gründet, den der Annalift überfehn, auf eine Bege⸗ 
benheit in feinem häuslichen Leben, die man nicht für 
wichtig genug gehalten, in Tateinifchen Chroniken neben 
der Erzählung großer Thaten zu flehn: bezieht dieſes 
ſich auf eine abgelegte Sitte ded Volkes, auf ein einft 
Geglaubtes, auf ein Erlebtes, Vorübergegangened, Vers 
geſſenes. Was uns fabelhaft erfcheint, hatte feinen 
Grund; und betrachten wir es näher, ftreifen wir ihm 
das. fremde, feltfame, abenteuerliche Gewand ab, fo 
erläutert es nicht felten das, mas wir noch heut fehn, 
und nach deffen Urfprung und Herkunft wir vielleicht 
lange vergeblich geficcht haben. 

Zieht der Landfchaftmaler am Strome dahin, fe 
bieten feinem Auge fo viele reizende Bilder fidh bar, 
baß er nicht weiß, welchen er den Borzug fchenfen folk, 
wenn es drauf ankommt, ihre Umriffe auf feinen Blät—⸗ 
tern feftzuhalten. Sieht der Erzähler fih um nadı Ge- 
genfländen für feine Darftellung,. fo findet er. ſo viele, 


xx 


daß fein Gedaͤchtniß ihm untren zu werden droht. Es 
kommt auf die Wahl an unter dieſem Reichthum. Wo 
aber ſo viel iſt, wird die Wahl ſchwer. 

Fleißige und gewiſſenhafte Sammler und Forſcher 
haben laͤngſt die Maſſe des Stoffes ans Licht gezogen, 
unterſucht, geſichtet. Es wäre überflüſſig, bei Erwäh⸗ 
. nung gefchichtlicher Arbeiten auf Schöpflind, Kre⸗ 
mersd, Schannatd, Widders, Bodmanns, Vogts, 
Dahls, u. v. A. Verdienſte aufmerkſam machen zu 
wollen: faſt jede einzelne Stadt und viele einzelne Bur⸗ 
gen haben ihren Geſchichtſchreiber gefunden. Hier, wo 


- nur ber romantiſche Theil der rheinlaͤndiſchen Hiſtorie 


in Betracht kommt, möge auch nur von den Borgängern 
biebei die Rede fein. Niclas Vogt verfcdymähte es 
nicht, in feinem großen Werke, das erft jebt, nad) bes 
verdienfivollen Berfaflerd Tode, ganz befannt gemacht - 
werden wirb, die Sagen und Legenden zu erzählen, 
welche im Munde des Bolfed leben; Alois Schreiber 
veranftaltete die umfaffendfte Sammlung, mit befonderer 
Berüdfichtigung der oberrheinifchen Gegenden, und durch 
fhlichte Darftellungsweife die zahlreichen Freunde vers 
dienend, welche fie fich erworben hat. Wo der Poefie 
ein fo ergiebiger Stoff geboten ift, konnte fie nicht feiern: 
wir begegnen den berühmteften Namen deutſcher Dich- 
tung auf den Ufern des vaterländifchen Stromes, und 
wie bedeutend die Ausbeute gewefen ift, hat erſt neulich 


XXI 


die fchöne und dankenswerthe Sammlung von Karl 
Simrod gezeigt, zu welcher dennoch eine nicht geringe 
Nachleſe gehalten werden könnte. 

Was nun das hiemit dargebotene und eingeführte 
Buch betrifft, fo hat der Herausgeber, durch bie freunds 
liche Theilnahme geachteter Schriftfteller und Landölcute 
unterftüßt, den Zweck gehabt, vorzugmweife folche Sagen 
zu wählen, die eine weitere Ausführung in Erzählung« 
form zulaffen: einestheild, weil er eine Einfchränfung 
in Hinficht des durch Die Aufnahme der biöher zu mes 
nig beachteten niederrheinifchen Sagen fich mehrenden 
Stoffes für nöthig hielt, andrerfeitd weil ed ihm ers 
fprießlich fchien, durch. eingewobene Schilderungen der . 
Dertlichkeit wie durch Benutzung hiftorifcher Data die 
Sfiszen zu Heinen Gemälden abzurunden. Es konnte 
indeß Dabei ebenfowenig feine Abficht fein, fich ſtreng 
an die Gefchichte zu halten (was etwa nur in der Ers 
zählung von der heil. Hildegarbis umd in der von ber 
Sedenheimer Schlacht der Fall if), ald das Gebiet des 
biftorifchen Romans zu betreten. Db erreicht worden, 
was er und feine Mitarbeiter fich vorfekten: einen Bes 
leiter auf der Nheinreife, ein Erinnerungsbuch für den 
Sneimgefehrten zu liefern, mögen Andere entſcheiden. 
Eine zweite Beſchränkung iſt eine geografiſche. Der 
Leſer wird hier naͤmlich vom Niederlande her ſtromauf⸗ 
waͤrts geführt, bis da wo der Neckar ſeinen Namen 


XXI 


verliert, und Heidelberg mit feinen Schloßthürmen, 
Epeyer mit dem Dom, in welchem die Kaifer fchlafen, 
fi) in den Fluthen fpiegeln. Die oberrheinifchen Ge» 
genden find auögefchloffen — aber man befucht die Drte, 
wo der große Kaifer fein ruhmvolles Leben geendet, die wil⸗ 
den Eifelftriche, den Taunus und Odenwald‘, und den 
Nedar bis Heilbronn, reich an Erinnerungen aus der 
. Zeit des Ritterthums. — Der Herauögeber hatte fich 
urfprünglich vorgenommen, diefem Buche eine Reihe 
gefchichtlicher und topographifcher, wie auch Iiterarifcher 
. Erläuterungen ald Nachtrag beizugeben. Seine Ents 
fernung von der Heimath wie von den zu Diefem Zwecke 
veranftalteten Sammlungen nöthigt ihn jegt, wo bie 
Nachricht, daß die Einfendung dieſes Vorwortes vers 
langt werde, ihn überrafcht, davon abzuftehn. Er muß 
ſich alfo begnügen, vorerft Darauf aufmerkffam zu machen, 
daß einige wenige Stüde der Sammlung (25, 27, 46, 
49) den Werken von Bogt, Schreiber und Grimm 
(Borzeit und Gegenwart an der Bergftraße u. f. mw.) 
entlehnt find; zwei andere, Bearbeitungen nach dem 
FSranzöfifchen Cin den Promenades d’un artiste) mögen 
hier ald Probe fiehn, wie ein talentooller Ausländer 
den Geift deutfcher Sage aufgefaßt hat. Aehnliche Vers 
fuche find nicht immer geglüct, am wenigiten dem Ir⸗ 
länder Eolley Grattan, einem fonft gewandten Ers 
zähler. Planché's Büchlein CLays and Legends of 


xxıı 
the Rhine) iſkwenig beachtet worden; Bulwer, von 
dem. eine Gefchichte Cdie Brüder) in einigen heilen 
benußt worben, hat zu viel Fremdartiged hineingemifcht, 
— Bei ber Erzählung von der h. Urfula, muß auf Ke⸗ 
verbergs Buch mit feinen Erläuterungen Hemlingſcher 
Bilder verwieſen werben; bei der Geſchichte vom Köl⸗ 
ner Dombau, vom Herrmann Gryn, vom Magus Als 


bertus und von der wiedererftandenen Nichmodid, auf 7 
bas Kölner altdeutſche Taſchenbuch, Rouſſe au's Doms 


lieder, Weydens Vorzeit Kölns. Die Sage von 
Faſtradens Ring erzählt ſchon Petrarca in einem 
Briefe an ſeinen Freund Colonna; die von der Abtei 
Steinfeld gründet ſich auf eine Chronik in Verſen. Die 
übrigen bedürfen nur weniger Erläuterungen, die mang 
in Dahl's Panorama und ſeiner Schrift über die h. 
Hildegard, in Rouſſeau's Purpurviolen der Heiligen, 
in dem Sagenfranz des Fräulein von Stolterfoth, 
in & ©. Brauns Schriften, in Gottſchalks Nitter- 
burgen, Schreibers Rheinreiſe und endlich in den. 
größern Werfen über deutfche Gefchichte findet. Karl 
und Elegaft ift eine freie Bearbeitung des alt s nieder- 
deutfchen, neuerlich von H. Hoffmann von Kallers; 
leben herausgegebenen Gedichted. Leber die Sagen des 
öftlichen Ufers und ded Nedard und deren Localität, 
geben die mit Dank benugten Schriften von Gerning, 
Grimm, Kirchner, Säger, v. Leonhard m. A. 


xxIv 

reichliche Auskunft. — Die Ribelungenfäge, nach dem 
Volksbuche und dem Epos als umfaffende Sfisze, dem 
Zwecke gemäß bearbeitet, begrenzt, fo weit fie dem Rheins 
lande angehört, die in diefen Darftellungen durchmeſſene 
Bahn fo ziemlich an Anfang and Ende, und bildet hier, 
da das Burgundifche Worms der Hauptfchauplat der . 
Tragödie ift, den Schlußftein. 

Der Herausgeber kann ſich einer eigenthümlichen Em⸗ 
pfindung nicht erwehren, indem er, umgeben von Szenen 
und Denfmälern einer andern Größe und eines andern 
Ruhmes, unter verfchiedenartigen und dem gegenmwärtis 
gen Gegenſtande ferneliegenten Studien und Befchäftis 
gungen, diefe Zeilen fchreibt und im Begriffe ſteht, fie 
Aber die Alpen zu fenden, um ein Such einzuleiten, 
welches während eined einftweiligen Aufenthalts im 
Deutichland in den Sahren 1835 unb 36 entitand, 
Wohin er auch den Pilgerftab gefebt haben mag, nir- 
gend und nie verließ ihn die Erinnerung an die Schön⸗ 
heit der Heimat, 


om, am Neujahrstage, 1837. 


Nheinlands Sagen, 


Geſchichten und Legenden. 
Herausgegeben 


von 


Alfred Reumont. 











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I: 


St. Gertradens Minne. 


Nas heißt Minne? — Eigentlich Gedenken; denn es 
war eine Zeit, wo Lieben — und die Kiebe in treuen 
Herzen bewahren — ald untrennbar von einander 
gedacht wurbeit, wo — wie Jeder, ver minnen konnte, 
auch Lieben mußte, — fo Jeder, der geliebt hatte, 
auch minnen mußte. Die Zeit ift Tängft vorbei, und 
jest ift e8 freilich ein himmelweiter Unterfchied, — zu 
Lieben’ oder die Liebe im heiligen ſtillen Andenken 
aufzubewahren; aber das Wort „Minnen“ für „Lieben“ 
ift geblieben. — Nur bei ven Dänen noch heißt Minbe: 
Gedenken, und eine Menge Bärtchen,. Gütchen, Denk⸗ 
male werben Chriſtians⸗, Frederik's⸗, Louiſens⸗Minde 
genannt, welches ſo viel bedeutet als Souvenir de 
Chrétien ꝛc. (Wir Deutſchen haben, nachdem das Wort 
ſeine urſprüngliche Bedeutung veraͤnderte, kein entſpre⸗ 
chendes mehr, ſonſt würde nicht auf tauſend Nadels 


büchschen und Brieftaſchen Souvenir wſtehen ſendern 
Minne) 


4 ꝓS. Gertrudens Minne. 


Es gibt Menſchen, die den Glauben hegen, ein 
recht Iebhaftes Gedenken eines Lieben übe eine Art von 
Zauber auf denfelben, fo daß feine Seele gezwungen fei, 
in Diefem Augenblicke bei demjenigen zu fein, Der mit 
feiner Minne befchäftigt ift. Daß ein folcher Glaube 
feinen guten Grund hat, wird die Gefchichte von Ger⸗ 
trudend Minne al&bald offenbaren. — Aud gibt es 
andere Menfchen, welche glauben, daß — da Sehovah 
dem Noah den Weinſtock gezeigt habe, bald nachdem 
die Waffer der Sündfluth ſich verlaufen hatten — fo 
fei diefer gleich dem Regenbogen eine Art Bundedzeichen 
zwifchen der Gottheit und dem Erdgebornen, und man 

müſſe feine Gelegenheit verfäumen, um feinen geheiligten 
Saft zu: trinken. Eigends von Gott Begünftigte haben 
son jeher einen befondern Segen in der heiligen Traube 
gefunden, zumal wenn ihr Saft gepreßt war und ges 
gohren hatte; und in vielen Weinländern geht die Sage, 
daß nicht nur alles. Gift im Weine die verderbliche 
Kraft verliere, fondern daß auch der dem Andenfen 
frommer Seelen geweihte Tranf gegen Unheil aller Art 
den beften Schuß gewähre cCbefonderd wenn der Wein 
unverfälfcht und von edlem Gemächfe ift). Ueberall ift 
man diefer Meinung befreundet und fpendet gern dem 
Scheidenden, ober demjenigen, der etwas von Wichtige 
feit unternimmt, einen Weihetrunk; aber nirgends tft 
biefer Glaube fo eingewurzelt wie am Rhein, wo man 
nicht gern irgend eine Gelegenheit vorüber gehen läßt, 
bem Scheidenden, Kommenden oder Weilenden einen 
ae Weins zu reichen und mit zu genießen. Mancher 
a  Nnerfahrene nennt daher die Aheinländer arge Schlemmer 


©t, Gertrudens Minne. 5 


und Trinterz aber dem Geſchichtskundigen und beſonders 
dem, der gern in den alten Büchern und Pergamenten, 
die den Vater Rhein umgeben, blättert, muß es bald 
fund werden, daß die Rheinländer nicht trinten, 
fondern — St. Gertrudendg Minne feiern, wie 
die Borfahren fhon Odins und Freia's Minne feierten. — 
Folgende Sage mag jeden Zweifler noch vollends befehren. 


mn 


Als die heilige Gertrud noch ein, obwohl ſitt⸗ 
fames, doch der Welt angehörendes Mägblein war, 
führte fie ihren Namen Gertrud, die Bielgeliebte, mit 
vollem Rechte, denn Jeder, der bie Jungfrau erblicte, 
fühlte den füßen Zauber ihres holdſeligen Weſens. Beſon⸗ 
ders gab ſich ihr ein Ritter, flolzen Namend und tapferer | 
Thaten, bergeftalt zu eigen, baß er feinen Sinn von 
allem andern Thun und Treiben abs und einzig der 
holden Königin feines Herzens zumwandte, obgleich dies 
felbe noch durchaus jung an Jahren und er wohl dem 
Löwen zu vergleichen war, der ſich von der Hand eines 
Kindes leiten läßt. 

Gertrud war über alle Maßen milbthätig, eine 
Tugend, die ſich bei ihr ſchon in den frühflen Jahren 
entwidelte, fo daß fie zu wiederholten Malen im bloßen 
Hemdchen von ihren Heinen Streifereien heimfam, weil 
fie Alles, was fie auf fi trug, den Armen gefchentt 
hatte. Später zwar verbot ihr die Sittſamkeit eine 
folche Handlungsweife, indeffen war fie Durch ihre gräns 
jenlofe Freigebigfeit immer fo arm an Baarjchaft und 
Kleinodien, daß fie nicht ſelten einen Nothleidenden 


ir 


6 St. Gertrudens Minne 


unbeſchenkt entlaſſen mußte, was ihr jedesmal fo tiefen 
Kummer verurfachte, daß fie.den ganzen Tag in Thräs 
nen zubracdhte. | 

An einem jener Tage, ald fich eine arme Hauses 
mutter, deren Mann erfranft war, in ihrer höchſten 
Bedrängniß an fie gewendet hatte, wagte ed der Ritter, 
ihr ein Gefchmeide, das er bei fich trug, zur Hülfe für 
die Nothleidenden anzutragenz fie ergriff ed mit danfbarer 
Begierde und eilte fehnell damit in die Hütte der Armuth, 
wo fie den edlen Geber nannte, und den Haushalt in 
Freuden verließ. Der Ritter wollte anfangs Hoffnung 
für feine eigenen Werbungen aus der Haft entnehmen, 
mit der die Jungfrau die Gabe ergriff, aber wenige 
Tage belehrten ihn, Daß durchaus nur Gertrudend 
Mildtkätigfeit und Feine irdifche Liebe Theil hatte an 
ihrer Willfährigfeit, fich ihm zu verpflichten. Dennoch 
beglückte ihn die Freudigfeit, mit der die Vielgeliebte alle 
Gaben aus feiner Hand annahm, um fie augenblicklich 
wieder zu vertheilen, fo fehr, daß er fein Vermögen 
nicht fchonte, um ihr immer häufigere Spenden zufoms 
men zu laſſen. Es hatte fich durch diefed gemeinfchafts 
liche Wirken für die Nothleidenden eine fehr ‚innige 
Freundſchaft fir den Ritter in Gertrudend Herzen 
F geregt, die indeſſen viel zu arglos war, um zu ahnen, 
daß ihre eigene ſchöne Geſtalt ven Ritter zur Liebe ent⸗ 
flammt haben könne, — fo daß fie feiner Handlungs 
2 weife feine anderen Beweggründe beilegte, als diejenigen, 

deren fie fich bei der ihrigen bewußt war. 
Als Gertrud achtzehn Sahre zählte, theilte fie ihrem 
Freunde eines Tages mit, wie ſie entſchloſſen ſei, ihr 


GL. Gertrudens Minne _ . 7 


Leben ihrem lieben Herrn Sein nnd feinem von ihr 
befonders verehrten Sänger Sohannes zu wibmen, und 
daher fi in ein SKlofter von ber Welt zurückziehen 
welle. Die Weife der Jungfrau bei dieſem Bekenntniß 
war fo rein und überirdifch, daß der Ritter fich fcheute, 
ihr feinen tiefen Kummer über ben Vorſatz mitzutheilen, 
ur wagte er es fie zu fragen, ob fie denn nicht mit 
einigem Schmerz auf Die Ausficht verzichte, einen Mann 
zu beglüden und Kinder an ihre Bruft zu brüdens 
worauf die Sungfran ohne zu erröthen in holder Unbe⸗ 
fangenheit erwiederte: daß fie nie einem Irdiſchen fe 
zugethan fein koͤnne, wie ihrem lieben St. Sohannes, 
nnd daß fie fhon jest Kinder wie Sand am Deere 
babe, da jeder Nothleidende ihr Kind fe. — Der Ritter 
fühlte, daß er vor ſolchen Nebenbuhlern verſtummen mußte, 
und befchwichtigte feinen Schmerz. Er fah Getruden vor 
der Burg ihrer Väter Abfchied nehmen und in das Klos 
fter ziehen. Sein einziges Glück beftand von jeht au 
darin, bie Jungfrau feiner Liebe von Zeit zu Zeit zu 
fehen, was bie milde Regel des Ordens nicht vermehrte, 
wo er dann jedesmal nicht ihr, — deun bad war ihm 
nicht mehr geftattet, — fondern ihrem Klofter reiche 
Geſchenke darbrachte. Gertrud freute fig eines jeben 
folchen Befuches herzlich, . und fchloß ihren Freund täg⸗ 
lich in ihr Gebet dermaßen ein, daß das Befühl der 
Empfängerin immer rein und Gott gefällig blieb, wähs 
rend der Geber wohl fühlte, daß ihm bei feinen Spenden 
weniger an den armen Nothleivenden lag, ald an der 
holden Jungfrau, deren Dank ihn erfreute. Auch ruhte 
für ihn fein Segen auf feinem, feit geraumer Zeit mit 


8 Et. Gertrudens Minne. 


Nachlaͤſſigkeit verwalteten Bermögen, unb da er für feinen 
Zufluß von anderer Seite Sorge trug, fo warb ber 
Strom feined Reichthums nach und nad) immer feidhter, 
und bald war ber letzte Tropfen in Gertrudens Klofter 
gefloſſen. — 

Eine düſtre Verzweiflung bemächtigte fich bei biefer 
Entdedung des Nitterd, denn wie follte er ſich jeßt 
ihren Danf verdienen. Er fattelte fein Roß und machte 
einen wilden Ritt auf die Heide, immer bei ſich ermäs 
gend, wie er ed möglich machen möchte, durch feine 
gewohnte Freigebigfeit auch ferner Gertrudend holdes 
Lächeln zu gewinnen. — Da ſcheute auf einmal fein 
Roß vor einem Dornenbufche, und als ed noch ſchnau⸗ 
fend davor ſtand, erhob fich ein grüner Jäger mit einem 
mißgeftalteten Beine und einer Hahnenfeder auf ber 
Mütze, der hinter dem Buſche geruht zu haben fchiem, 
Der Grüne wußte bald ein Gefpräch einzuleiten, und 
war in nicht zu langer Frift fo weit mit dem Ritter 
gefommen, daß er der Vertraute aller feiner Sorgen 
war. — „Dafür, meinte ber pferbefüßige Gaft, gibt 
es Rath; alle Schäße der Erde ſtehen mir zu Gebote, 
und fein Bergmann verfteht fo tief zu graben, als ich. 
Seht died Pergament, das mir nad, 7 Sahren erft Eure 
Seele zu eigen gibt, wenn Ihr's mit Eurem Blute 
unterfchreibt, Beſinnt Euch nicht lange, und dieſe 7 
Fahre hindurch folt Shr haben — was Euer Herz bes 
gehrt.“ — 

Der Ritter dachte nicht an feiner Secle Heil, fonts 
dern nur an Gertrudend Dank, wenn fie fid) durch ihn 

In den Stand gefegt fühe, allen Armen, won denen fie 


Su Gertrubens Minne 9 


aur irgend hören könnte, zu helfen. Und fchnell ritzte 
er fich eine Aber auf und ergab fich dem Teufel, indem 
er die Hahnenfeber bed Grünen, bie biefer zierlich zu⸗ 
gefpigt von feiner Müsge nahm, in fein rothes Blut 
tauchte und feinen Namen an dad Ende des Pergaments 
feste. . 

Sept eilte er heim und fand feine Geldfiften gefüllt 
— und jemehr er dem Klofter fchenfte, deſto reicher 
warb er. Aber nie berührte er zu feinem eigenen Bes 
darf einen Heller von dem gefährlichen Schaße, und 
lebte nach wie vor in Einfachheit und firenger Ents 
fagung. - 

So vergingen 7 Sahre, und Gertrud war Aebtiffin 
ihres Klofterd geworden, ohne daß ihre geiftliche Stans 
beds Erhöhung den freundfchaftlichen Verkehr mit ihrem: 
Ritter im mindeften unterbrochen hatte. — Der Tag, 
wo alle Herrlichkeit des Armen ein Ende haben follte, 
war heran genaht, und der Ritter befchloß den Morgen. 
noch einmal zu Gertrud zu gehen, um dann den Nach» 
mittag zur Hölle zu fahren. — Als er fcheiden wollte, 
fündigte er an, daß er am Vorabend einer großen 
Reife fei, und feine Freundin wohl lange nicht wieder, 
fehen werde, Gertrud fagte: „Des Herrn Wille ges 
fchehe! Aber eins müßt Shr mir nicht abfchlagen, 
vor Diefer weiten Reife: nämlich noch einmal unter St. 
Johannes Weihe, auf meine Minne zu trinfen, denn 
ich möchte wohl ficher fein, daß Shr in der Ferne meiner 
nicht vergäßet, wie Euch denn auch andbererfeitd der 
Weihetrank meines Heiligen vor allem Uebel bewahren 
wird,“ — 


10 St. Gertrudens Minne. 


- Mit zerfnirfchtem Herzen trank ber unglückliche 
Nitter Gertrudens Minne, fchwang fi aufs Roß 
und fprengte mit verhängtem Zügel jener Heide zum, 
wo er fein Verderben zu finden gewärtig war. Auch 
fah er fchon von Weiten den grünen Säger, mit feiner 
Pergamentrolle in der Hand, am Dornbufche ftehen, 
und er z0g den Zügel au und ritt Iangfamer, Gertrus 
dens mit innerer Seelenangft gedenkend, hinan. Da 
prallte plöglich Der Grüne einige Schritte zurück, und rief, 
indem er dad Pergament von ſich warf: „Da habt Ihr 
Euren Kontraft zurück; — fie fist ja hinter Euch mit 
ihrem Heiligenfchein und wehrt mich ab.” — Und mit 
Diefen zornig gefprochenen Worten war der Jäger vers 
fchwunden, und auf der kahlen Heide war nichts zu 
ſehen als das zerfnitterte Pergament. — Der Ritter 
ritt nach Haufe und fand in feinen Kiften den ganzen 
Schatz .unverfehrt liegen. — St. Gertrudendg Minne 
hatte ihn geheiligt. \ 





+44 Where son sau 


—— 





Banane Dach Kant Vorl 





Der Schwanenritter. 


Colerzu das Bild I, erfunden von H. Pluͤddemann, geflochen von 
eh. A. Schuler.) 


In der Stadt Nymwegen, im Niederlande, war ein 
gewaltiged Drängen und Treiben. Ritter und Knappen 
eiften ber und hin, Reiſige und Trabanten gingen in 
ihren NRüftungen und reichen Anzügen umher, fıhöne 
Frauen füllten von früh bis fpät die Eden der hohen, 
mit fpigen Giebeldächern verfebenen Häufer. Ed war 
ein ganz ungemwohntes Leben, und die vielen Fremden, 
welche von allen Seiten herbeiftrömten, fonnten für ſich, 
für ihre Begleiter und Noffe, nur mit Mühe ein Unters 
fommen finden. 

Die Urfache dieſes Volkszulaufs wi ich euch bes 
richten. König Karl war in Nymwegen angekommen, 
um die Klage der Herzogin von Brabant gegen ihren 
Schwager zu vernehmen, und ihre Streitfache wo mög⸗ 
lich in Güte zu fihlichten. Die Angelegenheit verhielt 
fih nämlich fo: Gottfried, Herzog von Bouillon und 
Brabant, welchen das nach dem Morgenlande zichende 
Kreuzheer, um feiner erprobten Weisheit und Tapfer⸗ 


12 Der Shwanenritter. 


feit willen, zu feinem Anführer erwählt, und welcher 
fi) durch die Eroberung Jeruſalems und Befreiung ber 
heiligen Stätten aus den Händen der Ungläubigen zum 
gefeiertften Helden der Chriftenheit emporgefchwungen 
hatte, war in Paläftina ohne Hinterlaffung männlicher 
Erben geftorben. Er hatte jedoch in einer von feinen 
Bafallen genehmigten Urkunde geftiftet, daß fein Lanb 
der Herzogin und feiner Tochter verbleiben ſolle. Hieran 
fehrte fich aber Gottfriedd Bruder, der mächtige Sad 
ſenherzog, nicht: er berief fi) auf dad Salifche Geſetz, 
welches die Weiber von der Nachfolge in der Regierung 
augfchließt, und bemächtigte fich des Landes, Uber wels 
ches fein Bruder geherrfcht, nicht achtenb auf die Bors 
‚ftellungen und Klagen der Wittwe und Waife, welche 
endlich an den König felbft fi) zu wenden befchlofien. 

Auch der Herzog von Sachſen war nad) Nymwegen ges 
fommen, und ftand der gegen ihn erhobenen Klage Antwort. 
Ald nun eben das Gericht angehen follte, wobei die meiften 
der Anmwefenden wohl im Herzen zu Gunften der verwitts 
weten Herzogin und ihrer [chönen Tochter Beatrir ſich aus⸗ 
fprachen, aus natürlichem Mitgefühl für die trauernden 
Frauen, — aber doch an einem guten Ausgange ihrer 
Angelegenheit verzweifelten, da erhob fich ein großes 
Getöfe, ein Schreien und Rufen, dad vom Ufer des 
Rheines herzufommen fchien. Und als der König nebft 
vielen Andern an das Fenſter trat, um bie Urfache des 
Tumults zu erforfchen, fiehe, da erblidte er einen 
fchneeweißen Schwan, der dad Waſſer heraufſchwamm, 
und an einer ſilbernen Kette ein Schifflein nach fich 
zog. In dem Schifflein aber fchlief ein Ritter, fein 


Der Echwanenritter, 13 


Haupt ruhte auf dem Schilde, neben ihm Tagen Helm, 
Halsberg und Panzerhofen. Der Schwan zog die ſchwere 
Laft als ein guter Seemann durch die Fluth und gegen 
die Strömung an, denn das Schifflein hatte weder 
Segel noch Maftbaum. Karl und der ganze Hof vers 
wunderten ſich höchlich über die feltfame Erfcheinung, 
und als das Schifflein ſich dem Geſtade näherte, vergaß 
Sedermann die Klage der Frauen und lief hinab an’s 
Ufer, wo dad Bolf dichtgebrängt ftand, und mit man⸗ 
chem Ausruf des Erftaunend dem Wunder zufah. Uns 
terbeffen war ber Ritter erwacht, hatte feine Nüftung 
angelegt und war an’d Land geftiegen. Der König 
empfing ihn freundlich, nahm ihn bei der Hand und 
geleitete ihn nad) der Burg. Da wandte fich der Ritter 
um zu dem Vogel, der mit ihm gekommen war, und 
verabjchiedete ihn mit den Worten: Fliege wieder 
heim, lieber Schwan; wenn ic; dein Fünftig bedarf, 
fann ich dir wohl wieder rufen, und du Fehreft getreits 
lich zu mir zurück. Kaum hatte der Schwan die Anrede 
vernommen, fo fchlug er mit dem blendendweißen Flüs 
gelpyaar, hob feinen Hald und war in wenig Augens 
bliden mit dem Scifflein Aller Augen entrüdt. Jeder 
fchaute den fremden Gaft neugierig an, und manches 
Wort flüfterte ein Nachbar dem andern ind Ohr, denn 
das Abentheuer fohien ihnen gar zu räthfelhaft. Karl 
trat wieder in den hohen Saal und nahm feinen frühern 
Sig ein, worauf er den Streitenden zuwinkte, mit ber 
Darlegung ihrer Gründe zu beginnen; dem Frembling 
aber, deſſen Ankunft bad Gericht unterbrochen hatte, wies 
er einen Plaß unter den übrigen Fürſten und Großen am. 


14 Der Schwanenritter. 


Die Herzogin von Brabant, ihre Tochter Veatrir 
an ihrer Seite, hub nun an ihre Klage ausfährlich vor: 
autragen, indem fie ſich auf den Erbvertrag ihreö ver 
ftorbenen Gemahls berief, in welchen alle feine Lehns⸗ 
leute eingewilligt. Hierauf vertheidigte fi ber Herzog 
von Sachſen, inden er als Betätigung feiner Anfprüche 
und Rechtfertigung feiner Befignahme der brüderlichen 
Lande, auf dad allgemeine beobachtete Herfommen und 
die beftehenden Rechtsverhaͤltniſſe ficy bezog. Und als 
er fah, daß der König zauderte, und nicht mußte wels 
chen Entfchluß er zu faflen habe, da erbot er fich zum 
Kampfe für fein Recht, und forderte, die Herzogin folle 
ihm einen Ritter entgegenftellen, das ihrige gu beweiſen. 

Karl gab dem Borfchlag feine Zuflimmung, denn, 
in Wahrheit, er fah ſich dadurch aus einer peinlichen Vers 
Vegenheit geriffen, indem er die Entfcheidung vom Wafs 
fenglücl abhängig werden ließ. Die Herzogin hingegen 
erfchraf heftig: der Herzog von Sachſen war ein flreit 
barer Held und von Wuchs fchier ein Niefe, fo Daß 
Niemand ihn zu beftehen wagte, Vergebens ließ fie bie 
Augen im Kreife ſchweifen; fie begegneten wohl mitleis 
digen Blicken, fanden aber Niemand, der fih für fie 
zu kämpfen erboten hätte. Beatrir weinte und fprad: 
„Sp müffen wir denn verderben und unfern Gegner 
triumphiren fehen, weil fein Ritter das Schwert für 
und erheben will!” Da trat der Süngling, welchen 
ber Schwan an’d Land gezogen hatte, vor den Lonig 
und gelobte, der Frauen Kämpfer zu fein. 

Ein ſchwerer Stein fiel von der Bruft mancher, bie 
ed vernahmen, obgleich Viele fürchteten, der Fremde, 


Der Schwanenritter. 15 


hochgewachſen, aber mehr ſchlank denn kraͤftig, werde dem 
Herzoge nicht gewachſen ſein. Die beiden Frauen, welche 
ſchon am guten Ausgang ihrer Sache verzweifelten, hatten 
nur ſtummen Dank im Blicke. Auf dem freien Platze 
vor der Koͤnigspfalz wurden ſogleich Schranken errichtet; 
der Sachſenfürſt und der Schwanenritter gingen, ſich 
vollſtändig zu rüſten, und erſchienen bald darauf wieder 
mit heruntergelaffenem Bifr. Eine unzählige Men⸗ 
fehenmenge umgab die herumfiehenden Edeln und Tra⸗ 
bauten, weldye nur mit Mühe das Bolt zurückhielten. 
Der Kampf war lang und hartnädig, denn Beide führ⸗ 
ten ihre Waffen mit großer Kraft und Gewandtheit; 
endlich traf ein gewaltiger Hieb den Helm des Herzogs, 
er tanmelte und ſank nach ein Paar Augenbliden zu 
Boden. Als man fein Viſier öffnete, war er verfchieden. 

Da begrüßte lauter Zuruf den Sieger; der König 
verließ feinen hohen Sitz und führte ihn in den Saal 
zu den Frauen, welche mit der größten Herzensangft 
dem Ausgange entgegen geharrt hatten. Mit. welchen 
Danfeöbezeugungen empfingen fie ihren Ritter! . Karl 
fprach num der Herzogin ihr Erbe zu, das kein Gegner 
sder Verwandter mehr in Anſpruch nahm, und ald Alle 
auseinander gingen, nachdem fie ihre Glück gewünfcht 
zum guten Erfolge, folgte der Fremde gerne der Einlas 
dung der Frauen, ihnen auf der Rüdfehr nach Eleve, 
wo fie zu wohnen pflegten, das Geleite zu geben. 

In der Burg zu Cleve nun verlebte der Schwanen⸗ 
titter, den man unter feinem andern Namen fannte, 
glücliche Tage... Das Volk pries ihn, wo er ſich fehen 
ließ, denn-es liebte die Herzogin und fah in ihm ihren 


16 Der Schwanenritter. 


Erlöfer. Die Blicke der ſchoͤnen Beatrir geftanden ihm 
bald, daß mehr noch ald dad Gefühl der Dankbarkeit 
fie an ihn feflele: mit Freuden fah die Mutter bie Reis 
gung, welche Beide verband, denn nun wußte ſie, daß 
fie auch ihrem Lande und Volke einen Helden und Edel⸗ 
gefinnten fchenfen könne, zum Erfat für den Berluft 
ihres tapfern und frommen Gemahls. Nicht lange Zeit 
verging, fo war Beatrix die beglüdte Braut des Rit⸗ 
terö; aber er fteckte ihr nicht eher den Ring an, bis fie’ 
ihm die heilige Berficherung gegeben hatte, baß fie nie 
und zu feiner Zeit fragen werde, woher er gekommen 
und welches fein Gefchlecht fei. Wenn fie es thue, fo 
werde fie ihn unmiederbringlich verlieren: fein Gefchid 
fei an diefe Frage gefnüpft. 

Ssahre vergingen. Dad Land war ruhig und 
glüdlich, denn ber Ritter regierte ed mit Milde und 
Feftigkeit, und ber Ruf feiner Weisheit und Tapferkeit, 
welcher ſich überall hin verbreitet hatte, hielt jeben 
Feind von feinen Grenzen ab. Beatrir war Mutter 
zweier Knaben geworden, bie zu werben verfprachen, 
wie ihr edler Vater. Dft hatte fie in ſtillen Stunden 
darüber nachgefonnen, was es wohl fein koͤnne, das 
ihren Gatten abhalte, feine Herkunft wiffen zu laſſen. 
Mehr dern einmal ſchwebte die Frage ihr auf den Lippen 
aber die Furcht fowohl als ihr gegebenes DVerfprechen 
hielten fie zuri, Nachdem aber viele Zeit verfloffen 
war, und fie endlich nicht mehr ertragen konnte, baß fie 
sticht wiffen follte, wer ihrer Kinder Vater fei, that fie 
einft in ber Nacht bie verbotene Frage. Da erfchraf 
der Ritter auf's äußerfte. Beatrix, ſprach er mit 


Der- Schwanentitter. 1? 


wehmüthiger Stimme, Du felbft haft nun Dein und 
‚mein Glüd vernichtet. Sch muß von hinnen, wie ich 
Dir einft am Trauungstage fagte — nichts vermag 
mich bier zu halten, 

Kaum war der Morgen angebrocdhen, fo war bie 
ganze herzogliche Burg von Cleve in ‚Bewegung. — 
Die Herzogin war ein Bild des größten Jammers; ihr 
Gemahl ging ſtumm und ernft durch die Räume umher, 
"am Abfchied zu nehmen von den Orten, die fein Glück 
gefehen. Als die Sonne fchon hoch am Himmel ftand, 
ba fah man einen Schwan den Strom herauf ſchwim⸗ 
men, ein Schifflein nad) fich ziehend. Der Ritt:r legte 
Diefelbe Rüftung an, in welcher er an jenem verhängs 
nißvollen Zage nach Nymwegen gefommen war, ließ 
fi) feine beiden Kinder bringen und füßte fie, fchloß 
Die verzweifelnde Mutter noch einmal in feine Arme, 
und trat dann hinaus auf den Plag, der an den Rhein 
ftieß. Der Schwan war bi an's Ufer geſchwommen 
und fchien dort zu harren; alle Bewohner der Stadt 
hatten fich verfanmelt: fie fielen ihrem Herrn zu Füßen, 
und baten ihn flehend, er möge bei ihnen bleiben und 
fie nicht verlaffen. Aber die Erfüllung deſſen, was fie 
verlangten, hing nicht ab von feinem Willen. Der Ritter 
fpracdh noch einige Worte des Abfchiedes, indem er ihnen 
dankte für ihre Anhänglichfeit und Treue, und ertheilte 
dann dem ganzen Volke feinen Segen, Hierauf trat er 
in's Schiff, warf noch einen legten Blick auf die Burg 
und auf die ihm voll Bekümmerniß Nachichauenden, fuhr 
den Rhein hinunter und Tehrte nimmer wieder. 


2 


18 | Der Schwanenritter. 


Beatrir fam Anfangs das ganze Ereigniß wie ein 
Zraum vor. Ach, ed war nur zu traurige Wahrheit. 
"Michts vermochte fie zu erheitern und zu tröften, und 
ihre Mutter, die alte Herzogin, mußte noch am Lebends 
abende den Echmerz haben, ihre einzige geliebte Tochter 
dahinmelfen zu fehen, im Xenze ihrer Zage und der 
Blüthe ihrer Schönheit. Oft fah man fie von früh bis 
fpät auf dem Göller der hohen Burg fißen, den Buſen 
vol Sram und Reue, dad Haupt auf die Hand geſtützt, 
den Blick fehnfüchtig nach der Gegend hingewandt, wo 
ihr edler Gatte verfchwunden war. Bisweilen, wenn 
ein weißes Segel in der Ferne auftauchte, pochte lauter 
ihr Herz, denn da hoffte fie, er könne wieberfehren. 
Aber ed war vergebend. So gingen nicht viele Monde 
yorüber, da hatte fie fich zu Tode gehärmt, und bie 
Ihrigen beweinten ben doppelten Berluft. 

Die Herzogin, allein geblieben in der verwaiſten Burg, 
309 ihre Enkel in Gottesfurcht und edlen Gefinnungen 
auf. Aus ihrem Saamen ftammten mehrere Gefchledys 
ter, die von Geldern fowohl ald von Eleve, die Grafen 
von Rheined und manche andere am fchönen Rhein; 
alle führen den Schwan im Wappen, zur Erinnerung 
an ihren Urfprung. Dad Schloß zu Cleve hat zwar 
längft feine angeflammten Beherrfcher verloren, abg 
auf feinem hohen Thurme ftcht noch der Schwan, weit 
umberfchanend über Strom und Land, und heute noch 
fnüpft fich das Andenken des unbefannten Ritters und 
der fihönen Beatrir an diefen Schwanenthurm. 


Die Solinger Klingen. 


Es war der Shriftfefimorgen des Sahres 1561, als, 
während noch der Morgenftern bel am unbewölften 
Himmel glänzte, zu Solingen die Kirchgloden gar heis 
ter Täuteten, die Kerzen auf den Altären brannten und 
in der Kirche zu den feierlichen Tönen der Drgel ber 
Öefang der Gemeinde erflang, in herzerhebender Andacht 
das Sahresfeft der Geburt des Herrn und Heilandes zu 
begehen. Noch war der Gefang nidjt verflungen, als ein 
‚Mägplein haftig aus der Kirchenpforte trat, und ängftlidy 
um fich fchauend und laufchend die Stufen des Gottes⸗ 
haufes hinabftieg. Auf dem Kirchhofe blieb fie flehen, 
und ließ, während Geſang und Orgelfpiel noch fort 
tönten, dad Haupt ſinken. Bald aber erhob fie beit 
BE zum Himmel, von dem der Morgenftern heil her; 
nieder leuchtete, und fprach betend: 


18 | Der Schwanenritter. 


Beatrir fam Anfangs das ganze Ereigniß wie ein 
"Traum vor. Ach, ed war nur zu traurige Wahrheit. 
Nichts vermochte fie zu erheitern und zu tröften, und 
ihre Mutter, die alte Herzogin, mußte noch am Lebends 
abende den Schmerz haben, ihre einzige geliebte Tochter 


dahinwelten zu fehen, im Lenze ihrer Tage und der 


Blüthe ihrer Schönheit. Oft fah man fie von früh bis 
fpät auf dem Söller der hohen Burg fiten, den Bufen 


vol Sram und Reue, dad Haupt auf die Hand geftügt, 


ben Blick fehnfüchtig nach der Gegend hingewandt, wo 
ihr edler Gatte verfchwunden war. Bisweilen, wen 
ein weißes Segel in der Ferne auftauchte, pochte Tauter 
ihr Herz, denn da hoffte fie, er könne wiederfehren. 
Aber ed war vergebend. So gingen nicht viele Monde 
vorüber, da hatte fie ſich zu Tode gehärmt, und bie 
Ihrigen beweinten den doppelten Berluft. 

Die Herzogin, allein geblieben in der verwaiften Burg, 
309 ihre Enkel in Gotteöfurcht und edlen Gefinnungen 
auf. Aus ihrem Saamen ftammten mehrere Geſchlech⸗ 
ter, die von Geldern ſowohl als von Cleve, die Grafen 
von Rheineck und manche andere am ſchönen Rhein; 
alle führen den Schwan im Wappen, zur Erinnerung 
an ihren Urſprung. Das Schloß zu Cleve hat zwar 


laͤngſt ſeine angeſtammten Beherrſcher verloren, abeg 


auf ſeinem hohen Thurme ſteht noch der Schwan, weit 
umherſchauend über Strom und Land, und heute noch 
knüpft ſich das Andenken des unbekannten Ritters und 
der ſchönen Beatrix an dieſen Schwanenthurm. 


Ban — —“⸗ 


Die Solinger Klingen. 


Es war ber Ehriftfefimorgen bed Jahres 1561, als, 
während noch der Morgenftern bel am unbewölkten 
Himmel glänzte, zu Solingen die Kirchgloden gar heis 
ter Täuteten, die Kerzen auf den Altären brannten und 
in der Kirche zu den feierlichen Tönen der Drgel ber 
Gefang der Gemeinde erflang, in herzerhebender Andacht 
das Sahresfeft der Geburt des Herrn und Heilandes zu 
begehen. Noch war ver Gefang nicht verflungen, als ein 
Mägplein haftig aus der Kirchenpforte trat, und ängftlid) 
um fich fchauend und lauſchend Die Stufen des Gottes» 
haufes hinabftieg. Auf dem Kirchhofe blieb fie ſtehen, 
und ließ, während Gefang und Orgelfpiel noch fori- 
tönten, das Haupt ſinken. Bald aber erhob fie beit 
Bit zum Himmel, von bem der Morgenftern hell her: 
nieder leuchtete, und ſprach betend: 


\ 


20 Die Solinger Klingen. 


„Du weißt ed, wie meine Mutter auf ihrem Todes⸗ 
lager Severind Hand in die meinige legte, und mit 
ſchon brechender Stimme fprach: Haltet feft an einander 
in Freud und Leid; denn ich fühle es in mir, ihr ſeid 
für einander beſtimmt. Tritt euch aber das Unheil ents 
gegen, fo harret aus; der Gram der Fiebe macht fie 
felbft und noch lieber. — Du, meın Bater im Himmel! 
das Unheil und der Sram find gefommen, follte ich 
nun nicht thun, wie mir die Mutter gefagt hat?“ 

Martha, Martha! flüfterte es jebt hinter dem Hols 
Iunderftamme her, der feine kahlen, weißbefchneiten 
Zweige gefpenftig von der Kirchhofsmauer ausſtreckte. — 
Bit Du es Severin? fragte dad Mädchen. — Ja 
wohl, ich harrte Dein fchon am Grabe der Mutter — 
war die Antwort. — Sch fomme — erwiederte Martha. 
Der Herr wird mir die Sünde vergeben, baß ich bie 
Kirche verließ, um von Dir zu vernehmen, "was mein . 
Dater Dir geftern Abend geantwortet hat. 

Sie gingen zum Grabe der Mutter, auf ben die 
verwelften Kränze an dem Kreuze im Winde raufchten, 
und Severin beganıı: Holde Martha! mache Dir keinen 
Bormwurf daraus ‚ daß Du mich bier anhörſt; der Herr 
ift überall, wo nichts Böſes gefchieht. Und wollte es 
fich denn anders thun laffen, daß ich Dich zum Letzten— 
mal fpreche? — Zum Leßtenmal? fragte Martha mit 
bebender Stimme. Du willft fort? — Sieh — fuhr er 
fort, da Martha fchwieg, weil fie ihr ftilled Weinen 
nicht verrathen wollte — ich dachte ed recht gut zu 
machen, daß ich geflern nicht eher zu Deinem Bater 
ging, bid aus allen Fenftern die Chriftbäume mit tauſend 


Die Solinger Klingen, 21 


Lichtern leuchteten, indem ich ihn bei Dir zu finden 
glaubte. Allein Hedwig fagte mir, er fei noch immer 
in feinem Arbeitsfämmerlein neben der Waffenſchmiede 
beichäftigt. Da pflegt er gewöhnlich mürrifch zu fein, 
wenn man ihn ſtört; indeß ich hatte Dir verfprochen, 
au dem Tage mit ihm zu reden; und fo ging ich hinein. 
Mit Düfterem Blick empfing er mich, und fragte, was 
ich wolle? Meifter — begann ich — ich bin noch nicht 
fo lange: bei euch, ald ich fein moͤgte; aber ich halt’ 
- nicht aus, wenn ihr nicht endlich mir euren Segen 
gebt, und fprecht: geht wieder zu meiner Martha; du 
follft mein Sohn werden. Sch wollte noch mehr fagen; 
aber er fchloß mir auf einmal den Mund mit dem 
fchwerften Nein, das ich je in meinem Leben gehört 
habe. Da er mich nun fo betroffen fah, fügte er allerlei 
hinzu: wie ich ein tüchtiger Waffenfchmied und ihm ein 
werther Gefelle fei, wenn er auch meinen Umgang mit 
feiner Tochter und den Galviniften nicht leiden möge. — 
Hab’ ih Dir's nicht gefagt? unterbrady ihn Martha. 
Aber Severin fchüttelte den Kopf und erwiederte: Da 
liegt's nicht! Ich gehe mit den Genfer Waffeufchmieden 
um, bie aus ihrer Baterfiadt die neue Lehre mitbringen. 
Ob ich dabei auch Aug’ und Ohr nicht fchließe, fo will 
ich Dennoch ald ein guter Fatholifcher Chrift leben und. 
erben. Dad fagte ich Deinem Vater; und er fchlug’d 
nicht in den Wind, ſah aber eine Zeitlang flarr vor 
fih hin, wie einer, der mit ſich felbft einen Kampf 
ſchlichtet. Endlich athmete er tief und fagte: Shr könnt 
mir Doch nicht helfen, wie gut ihr auch beim Amboß 
ſeid. Das befremdete mich, und machte mich warnt, fo. 


22 Die Eolinger Klingen. 


daß ich rief: Wenn mein Glück vom Amboß zu holen iſt, 
fo gebt's nur immer in meine-Hände, Meifter; ich laſſe 
es euch wahrhaftig da nicht liegen. Er aber lachte faft 
höhnifch auf und entgegnete: Nun, fo wißt denn kurz 
and gut: ich bin ein verarnter Mann. Theils durch 
nichtönußigen Kauf, theils durch allerlei Toftfpielige 
Verſuche wollte ich das Geheimniß, DamadeenersKlingen 
zu fertigen, gewinnen; es ift aber mißglüct, und body 
habe ich mich fchon gerühmt, e& zu Fünnen. Ich bebarf 
eines reichen Schwiegerfohnd, um vielleicht auch deſſen 
Geld durch den Rauchfang zu jagen; denn nicht leben 
mil ich, fol ich's mit Schande thun. Nach biefen 
Morten wandte er das Auge wieder von mir, unb 
ftierte den Boden an. Sch fland da, unruhig und 
finnend; jeßt aber noch möchte ich Gott fragen, ob's von 
ihm fan oder vom Satan, als ich mic; vermaß, ich 
wollt's dem Meifter fchaffen, daß er des Geheimniffes 
kundig würbe, wenn er mir feine Tochter verfpräche. 
Und wie nın Herz und Hoffnung beredt find, ftellte ich 
ihm vor: ich wolle gen Damasfus ziehen, und bort fo 
ange den Klingendienft treiben, bis ich den Türken bie 
Kunft abgelernt hätte, dann aber heimfehren und Dich 
ald mein Weib umarmen. Da zucdte ihm wieder ein 
Lachen um den Mund, wozu ich die Worte vernahm: 
- Run fo zieht nad; Damaskus! Ein Jahr lang will ich 
- euch meine Martha aufheben. Habt ihr dann euer 
Wort nicht gelöft, fo bin ich des meinigen quitt- Mit 
meiner Tochter habt ihr aber weiter feinen Verkehr; 
und num fchlaft euch Kräfte zur Reife. So mußte ich 
denn gehen, und fiahl nur noch die Gelegenheit, ber 


Die. Solinger Klinger. 33 


Hebwig zu fagen, daß ich euch hier zu fprechen 
wünfchte. — 

Tief betrübten Herzend hörte Martha Severins 
Worte, und ihm die Hand drücdend, warf fie ihm mit 
unterdrücktem Schluchzen vor: Mußteft Du denn Alles 
gleich zum Aeußerften treiben? Nuu willft Du fort! — 
Sa, und das gleich — redete Severin drein, ihre Hand 
fefthaltend — dort liegt mein Ränzel, und von hier aus 
wandere ich zur Straße, die gen Damaskus führt. Ein 
Jahr ift rafch vorüber. Lebe wohl, gute Martha, ges 
benfe mein, und bitte Gott, daß er mein Borhaben 
gelingen. laffe. Sollte ic; aber nicht zurückkehren — 

Hier brach ihm die Rede, fo daß eine Paufe ents 
ftand, die plößlich unterbrochen wurde von den Fräftig 
gefprochenen Worten: Gott fegne euch, und laffe euch 
bei einander. Und fiehe — ein fremder Mann, grauen 
Hauptes und Barted, angethan mit fchwarzem ritterlis 
“ en Kleide, legte feine Rechte auf die Hände des lies 
benden Paares. In einer Negung bed Grauens barg 
Martha ihr Angeficht an Severind Schulter. 

Schrecket nicht vor mir zurüd, Sungfrau! begann 
der Fremde. Worte und Blicke, die euch furchtbar fein 
tönnten, liegen längft hinter mir. Für Euch aber, ' 
junger Gefelle, habe ich Hülfe. Am Sylveftertage, wenn 
— dem Himmel fei Dank! — wieder ein Sahr von der 
Ewigfeit abtrünnig wird, dann wandert zur Mitternacht 
und gen Mitternacht von der Höhe der Stadt hinunter, 
dem Strom der Wupper entlang, in den Wald hinein, 
bis Schr die Fadel auf einem Thurme brennen feht. 
Dort rufet den Namen Johannes; die Pforte wird ſich 


24 Die Solinger Klingen. 


aufthun, und ich werde Euch die Reiſe nach Damaskus 
unnoͤthig machen. 

Severin ſah den Fremden, der in der Morgendaͤm⸗ 
merung ein geiſterhafter Anblick war, bedenklich an, 
bevor er fragte: Seid Ihr ein Waffenſchmied, Herr? 
— Ein Waffenſchmied? entgegnete Jener; wohl habe 
ich mein Lebelang Waffen geſchmiedet wider mich ſelbſt; 
ich fühle ihre Schärfe, und Dir will ich helfen, daß ih 
mir vielleicht einen ruhigen Tag gewinne, Du fommft? 
— Verzeiht, Herr! begann Severin verlegen. Der 
Fremde aber fuhr troßig auf: Nun fo laß es, Thor! 
Doc ſich vor die Stirne fchlagend, fette er begütigend 
hinzu: Nein, laß es nicht! Zieh’ nicht von Deiner 
Liebe! : Dein Ziel ift weit, und der Menfchen Gunft hat 
kurze Weile, Wilft Du Dein Glüd ergreifen, haft Du 
Muth, fo fomm zur rechten Stunde! — Der Fremde 
wandte fi, und heftig rief Severin ihm nach: Sch 
komme. Was haft Du gethban? fragte Martha entfegt., 
Geverin aber antwortete: Mit Gott nichts, worüber 
wir uns zu haͤrmen brauchen. 

Ehen zug die andaͤchtige Menge wieder heim unter 
dem Geläute der Glocken aus dem Gotteshauſe, und 
Martha, ihrem Geliebten zuflüfternd: Noch einmal 
muß ich Dich fprechen, ehe Du Dein Vorhaben augs 
führt — ſchloß ſich an Hedwig, die gleichfalls aus der 
Kirche fam, und um ihre Unterredung mit Severin wußte, 
Severin aber nahm fein Ränzel, und fchritt gedanken, 
voll wieder in ſeine Herberge. 

In den naͤchſten Tagen ward ihm doch unheimlich 
in Muth; er mied im Zwieſpalt mit ſich ſelbſt feine cale 


Die Solinger- Klingen, 25 


viniſtiſchen Freunde, vie Genfer Klingenfchmiedgefellen, 
befuchte die Kirche fleißig in ben Kefltagen, fich beras 
thend im Gebete, und verftohlen mwechfelte er hier zuwei⸗ 
len ein Wort mit Martha, die ihn mit den inbrünftigften 
Bitten von dem gefährlichen Gange abzumahnen fuchte, 
Er aber beharrte bei feinem Entſchluß, und es fügte ſich 
nicht, daß er nochmals der Geliebten fein volled Herz aus⸗ 
fhütten konnte. Bon Hedwig vernahm er nur, daß 
Martha niedergefchlagenen Sinned und fcheu, wie eine 
‚ Kranfe, im Haufe umherwandle. — 

Der Syliveftertag war da. Am Sylvefterabend, als 
die Glocke vom Kirchthurm die neunte Stunde verfüns 
dete, nahm er nichtd mit fich als fein Erucifir, und 
ftand lange vor Martha’d Haufe. Obwohl er nun zus 
weilen bed Meifterd Stimme im Gefpräch mit feiner 
Geliebten zu hören glaubte, warb Doc, Niemand fichtbars 

fo daß er endlich beklommenen Herzens zur Stadt hinaus 
wanderte. 

Es war eine milde Winternacht. Die Erde, leicht 
mit Schnee bedeckt, hatte das Anſehen, als habe ſie ſich 
feſtlich angethan, das neue Jahr zu empfangen, und 
die Sterne blickten aus dem ungetrübten Blau hernieder, 
die armen Wanderer mit Vertrauen zu erfüllen. Severin 
zog ernft feines Weges, Gott und feinen Schußpatron 
anrufend. Dennoch ward ihm die Bruſt enge, ald er endlich 
den Thurm vor ſich fah, den er am Tage zu finden fich 
vergeblich gemüht hatte. Mit kurzen Athemzügen fland 
er da, hinauffihauend nad) der Fadel, die ihren düſtern 
Qualm in die reine Luft hinaufwirbeln lich, und die 


26 Die Solinger Klingen. 


Stimme verfagte ihm mehrmals, ald er: Johannes rufen 
wollte. Sich .zufammenraffend legte er endlich fein 
Grucifir an die Pforte, und fräftig erflang nun ber 
Name; aber der vielfache Wiederhal machte ihn in 
Diefer nächtigen Dede abermals fchaudern. Die Pforte 
that fih auf, und ein Willfommen tönte ihm entgegen 
aus einem erleuchteten Gemache, zu dem eine Steige 
hinanführte. Ed war der Alte vom Kirchhof, ber ihn 
begrüßte, und ihn näher rief. Eben fo gekleidet wie 
damals war nur dad graue Haupt ganz entblößt, nd 
ein großed Buch hielt er im Arm. Um ihn her 
ftand allerlei Geräth; auch einen Amboß gewahrte 
Severin, fo wie Alled, was zum Waffenfchmieden dienen 
fonnte. | 
Tretet näher! begann der Alte düſter, und geht 
an's Werk; es fol raſch gethan fein. Severin zögerte 
noch; endlich fuhr's ihm heraus: Herr, ich bin gefonts 
men, damit ihr nichts Uebles von mir denkt und mich 
nicht der Feigheit befchuldigte. Doch zeitlich Glück will 
ich nicht mit Sünden erfaufen. Sprecht alfo: wollt She 
mir nugen mit Gottes Hülfe oder —? Er wagte nicht, 
weiter zu fprechen; denn ber Alte unterbrach ihn mit 
kurzem Lachen der Uebermacht, und ordnete das Werks 
zeug, bis er wie in einem Anflug von Wahnfinn fpradh: 
Haltet Shr auch Erfenntniß und Wiffen für die Feuers 
taufnamen ded Satans? Auf unferem dürftigen Pas 
neten find fie freilich jegt noch wenig nüßez; aber feine 
trügerifch feltgehaltene Höle muß endlich dennoch das 
rüber fo tief zu Grunde gehen, daß er leichter und 
erleichtert wird, daß er fleigt und fleigt, bis der rechte 


Die Solinger Klingen, 27 


Gedanke plöglicy den Steg wirft, auf bem ein einziger 
Schritt zum Himmel führt. Schlagt auf Eure Klingen, 
Freund, ruft bei jedem Schlage einen Eurer Heiligen 
an, betäubt Ohr und Seele, damit. Ihr nicht denfet! 
Ein Gedanke, der nicht zu Ende gebracht werben kann, 
ift der tödtlichite Feind des Geiſtes, und alle Gedanken 
find dann ein nichtiged Chaos, oder fie find die Wucht 
aller Laften, die dem Leben nur wenige langweilige 
Regungen übrig laffen, weil in ihrer Kette der eine fehlt. 
Was kümmert’ Euch weiter, wenn ein Unglüclicher 
Euch Euer Glück bietet? Greift zu, in weſſen Namen 
Ihr wollt. Mir ift das und Alles gleich! — Doch wie 
könnt Ihr faffen, was mir felbft entging? Schmiedet 
alfo Eure Waffen im Namen Gottes! Dabei ergriff 
er einen Stab, und fchlug in die Kohlenmafje auf dem 
SHeerde, daß die Flamme hoch aufloderte, und genau— 
zeigte er num dem verftummten Lehrlinge, wie er durch 
Benubung ber Elemente feinen Zwed erreiche, fo daß 
+ eine der fchönfteg Damascenerklingen in Severind Hand 
glänzte, ald draußen die Dämmerung zu weichen 
begann. | 
Wollt Ihr's nochmals üben? fragte der Alte, Doc 
Severin entgegnete: Nein, Herr! Was mir einmal 
gelang, das habe ich ficher für alle Zeit, Doc, wie 
fol ich nun banken, und wer ift es, den ich im 
Gedaͤchtniß als meinen höchſten Wohlthäter bewahren 
muß? Ä 
Berleugnen mag ich mich nicht, bin ich auch ber 
Schreden ſchlauer Thoren und thörigter Kinder, verhaßt 
mir felbft, weil ich mich hoch über das Gefühl ſtellte, 


28 Die Solinger Klingen, 


und nun dennoch fühle. Ich heiße Johannes Kauft. 
Zittert nicht! Die Menfchen zählen mich fchon zu den 
Todten, zu früh und dennoch zu fpät. Geht mit Eurem 
Gott, und denft meiner nur, wenn Shr Hülfe bebürfet. 
So fprechend fchlug er mit feinem Stabe in die Flamme. 
Rauch und Dampf ballten fich ringsum, und Severin 
ward davon hinauägetrieben in's Freie, wo er ſich ents 
fest fchüttelte, wie aus einem fchweren Traume erwarhend, 
obwohl die Klinge in feiner Hand ihm Alles zur Wirk 
lichkeit machte. — — 2. 

Der Morgen war fchon weit vorgeruckt, als er 
wieder in Solingen eintraf, und mit freudigem Schrecken 
ſeinen Meiſter und ſeine liebliche, jetzt aber todtbleiche 
Martha fand, Sie hatte ihrem Vater Alles erzählt, 
und in ihrer fleigenden Angft nicht eher geruht, bie . 
jener ihr folgte, zu fohauen, wie ed Severin ergangen. 
Der berichtete fein Abenteuer, und reichte dem Meifter 
die Klinge hin, verfichernd er wolle ihm nun Tauſende 
gleich diefer fertigen. Der Meifter nahm bebend die® 
Klinge, und als er fie betrachtete, wmechfelte in feinem 
Angeſicht die Flamme des Zornd mit der DBläffe des 
Keides, und wüthend rief er aus: Habe ich meine 
beften Sahre vergeblich daran gefeßt, dad Geheimniß zu 
ſuchen, damit ich nun fehe, wie ein tüdifcher Kobold 
dem, der ſich noch gar nicht Darum mühte, Dad übergibt, 
was mir mein Geld raubte, und nur frühzeitig graues 
Haar mir erwarb? Was mir den Schlaf fihenchte, 
kommt ihm wie im Schlafe, und ein aberwigiger Stüm⸗ 
per fich? ich vor dem, Der mein Meifter ward durch 
ein zudringliches Ungefähr. 


Die Solinger Klingen. 29 


Mit den mildeiten Worten firebten: Severin und 
Martha ihn zu beichwichtigen; doch in dem Alten glühte 
ed immer -unbändiger auf, bis er ſprach: Ihr wolltet 
gen Damaskus ziehen, und thatet es nicht; ich bin 
meined Wortes quitt. Aber halten werde ich's, wenn 
hr mir Eins ſchwört. Ich wild ertragen, daß ich 
mein Ziel verfehlte; nimmer aber ertrage ich's, in 
meiner Werkſtatt folhe Klingen fertigen zu feben. 
Bevor ich nicht die Augen gefchloffen, Darf Feiner 
in Solingen mit diefer Kunſt prunfen; ja — nur 
Eurem Sohne follt Ihr fie dereinft lehren, und er mag 
den Ruhm diefer Wiffenfihaft haben. Schwöret Ihr 
das? Ich ſchwöre es! fagte Severin, und reichte ſeiner 
Martha freundlich die Hand. 

Severin hielt den Schwur. Oft wenn in drang⸗ 
voller Zeit er ſich durch ſein Geheimniß die Fülle des 
Wohllebens hätte herbeiführen können, ſtand er am 
Amboß, im Schweiße feined Angefichted fein Brod 

WB zu erwerben, und ‚wenn ihm Martha nad) dem Tode 
ihres Vaters rieth, ſich an heiliger Stätte von dem 
Schwur entbinden zu laffen, fchüttelte er fein Haupt, 
und arbeitete nur rüftiger im Bewußtſein, jeder Bers 
lockung widerfianden zu haben. Sein ältefter Sohn, 
nach feinem Großvater Peter genannt, wuchs gedeih⸗ 
lich heran, und ald es Zeit war, lehrte ihm der 
Bater die fo reblich für ihn aufbewahrte Kunft; ber 
Sohn ward die Stüge feiner Eltern, um die in ihren 
alten Tagen ſich der Neichthum ausbreitete. Die 
Gefchichte nennt den Weter Simmelpuß — dies 
war GSeverind Familienname — als den. Erften, 


30 Die Solinger Klingen. 


der in Dentichland DamascenersKlingen fertigte. 
Bon dem Thurme an ber Wupper fand aber Severin 
niemals wieder eine Spur, und auch Fein Anderer hat 
ihn entdeckt. 


Die Eründung des Kloflers Altenberg. 


Mer hätte nicht im Herzogthum Berg vor zwanzig 
Sahren die Klagen vernommen, die weit und breit und 
immer von Neuem ertönten, über dad Unglück, daß die 
fchönfte Kirche des Landes zum großen Theil ein Opfer 
verheerender Flammen werben mußte? —) Wo einft 
das Schloß Berg mit feinen Thürmen und Warten 
ftand, eine Biertelftunde oberhalb der Burg Straus 
weiler, auf fteilem Hügel an der Dhün, da ragen 
noch jetzt zwiſchen Buchen und Eichen die verödeten 
Kloftermauern, immer noch fchön, empor, und preifen 
. Iaut Die Namen Borfchbac und Fritzen, die damals, 
durch feltenen Muth die Macht des Feuers hemmenp, 
bie Kirche vor gänzlicher Zerftörung bewahrten; — doch 
lauter noch den Namen Friedrich Wilhelm; denn 
der hochherzige Kronprinz von Preußen, der ſchon früher 
dad alte Kloſter befuchte, Fam 1833 abermald dahin 





*) Am 17. November 1816, 


32 Die Sränduna des Klofters Altenberg. 


und — die gänzlihe Wiederhberftellung wurde 
befchloffen und bereitd begonnen. — So wird denn 
fünftig nicht mehr der Schnee den Hochaltar und bie 
alten Fürftengräber deden, und bie danfbare Gemeinde : 
wird fich von Neuem in dem Gottedhaufe der Vorfahren 
zur Andacht verfammelit. 

Um das Sahr 1100 war große Freude auf der Burg 
des Grafen Adolph III., den man im Volke, nad 
feinem Schloffe, den „Bogt vom Berge nannte. — 
Der fohwermüthige, obgleich fanfte Graf faß lächelnd 
an dem Bette feiner Gemahlin, der Gräfin Marge 
rethba von Kefernberg, die von Thüringen an bie 
Dhün gezogen war, um ihrem Cheheren zu folgen. 
Heute, nach achtjähriger, bis dahin unfruchtbarer Ehe, 
hatte fie zwei Knäblein zur Welt gebradjt, Die ber. 
hocherfreute Bater abwechjelnd auf den Knieen fchaufelte, 
und von diefem Tage an fehien er feined frühern Gras 
mes vergeſſen zu wolle. 

Mit diefem Gram cher hatte es folgende Bewandts 
niß. Auch fein Vater war einft von einer tugendſamen 
Hausfrau, Adela von Lothringen, durd die Ges 
burt zweier Söhne erfreut worden, aber faum war bie 
Wöchnerin genefen, ald ein heuchlifcher Freund dem 
Grafen Argwohn gegen ihre Treue einflößte, und 
diefem Argmwohn einen ſolchen Schein der Wahrheit zu 
geben wußte, daß der verblendete, fonft edle Mann, 
die unglücliche Adela enthaupten und ihre Kinder vor 
der Burg in einem leichten Körbchen allen Zufälligfeiten 
ded Wetters und dem Grimme wilder Thiere ausſetzen 
ließ. — Adela legte ihr fittfanes Haupt ohne Murren 


Die Gründung des Klofters Altenberg. 33 


anf den Block und bat in den lebten Augenblicken Gott, 
ihre Unfchuld um der Knäblein Willen, bereinft noch 
an den Tag kommen zu Taffen. — Als das ſchreckliche 
: Urtheil vollſtreckt war, ließ der Graf die Leiche an 
‚einer dden Stelle im Walde begraben, und vermieb 
biefelbe auf feinen Jagdzügen mit Fleiß. — Doch eines 
Tages, ed war ein Jahr vergangen, brachte ihn den⸗ 
noch ein ihm felbit unbekannter Pfab an die felfige 
unfruchtbare Stätte. Erſtaunt fland er vor berfelben 
fill und betradjtete mit weitgeöffneten Augen das Wun⸗ 
ber, das fi ihm barbot. Mitten aus bem felfigen 
Geroͤll erhob ſich ein blumiges Beet, das genau bie 
Kormen der einft jo holden Kran bezeichnete, und am 
der Stelle, wo bad treue Herz der Märtyrin gefchlagen 
hatte, flieg vor den Augen ded Grafen eine Lilie in Die 
Höhe und ein fanfted Klingen, wie dad Zwitichern 
junger Rachtigallen‘, fchien aus den, Blumenkelchen 
‚hervorzudringen. Bei diefem Anblide burchfchanerte 
den Grafen die Ueberzeugung, daß feine Gemahlin uns 
fchuldiger Weife den Tod von Henkershand erlitten 
habe, und zerknirfcht warf er ſich an der Gruft nies 
der. Als er nach langer Frift wieder aufſchaute, lag 
die Grabftätte Fahl und fleinig vor ihm, und er verließ 
den Unglüddort eiligft, um Befehl zu geben, den Leib. 
der Gräfin in die Gruft feiner Ahnen zu legen. Seine 
nächfte Sorge war, die beiden Knaben wieder zu finden, 
wenn fie nicht von den Thieren bes Waldes verzehrt 
der vor Hunger umgefommen wären. Aber alles Fors 
ſchen blieb vergeblich, und ed vergingen vier Jahre, Die 
der Graf freudens und kinderlos in ſtrengen Bußuͤbungen 
| | 3 


* 


34 Die Gruͤndung des Kloſters Altenberg, 


verbrachte. Eines Tages begehrte ein Bauerömann 
den Herrn zu fprechen; — als derfelbe eingetreten war 
sand der Graf den Blick zu ihm erbob, fuhr er von 
freudigem Schreck bewegt von feinem Site empor, denn 
der Banersmann hielt auf jedem Arm einen Knaben, ” 
wovon der eine ihn mit den Augen feiner verflärten 
Adela, der andere mit feinen eigenen anſah. Der Bauer 
erzählte, daß er auf einer Wanderung, bie er. wegen 
einer Erbjchaft nad) Schwaben habe antreten müſſen, 
biefe beiden Kinder bei Zigeimern gefunden, und durch 
ihre Schönheit aufmerffam gemacht, bei näheren Nadıs 
forfchungen erfahren habe, daß die Zigeuner die Knaäb⸗ 
fein vor fünf Sahren im einem Korbe vor dem Schloffe 
Berg aufgelefen und mitgenommen hätten. Mehrere 
Zeichen überzeugten den Grafen völlig, daß die Kleinen 
feine eigenen Kinder feien, und er nahm biefed Pfand 
der Vergebung mit Freudigfeit und Demuth an, erzog 
auch Die Kinder auf das Gorglichfte, machte ſich's aber 
zur Pflicht, jedes Abends ihr gemeinfchaftliched Geber 
mit den Worten zu ſchließen: „Verzeihe auch, Herr! 
unferm graufamen Vater, Der unfere unfchuldige Mutter 
ungerechter Weiſe hat verftümmeln und hinrichten Laffen.‘* 
Anfangs fagten die Kinder diefe Worte, ohne fidh etwas 
dabei zu denken; fpäter aber, ald ihnen der Siun 
dieſes fchrecklichen Gebete kund ward, fing ihr Herz 
an, fih von dem Vater abzuwenden, während fie 
einander gegenfeitig' mit der zärtlichften Liebe zugethan 
waren. | | 
Auf beide nun herangewachſene Sünglinge goß die. 
Geſchichte ihrer Kindheit eine fo tiefe Melancholie aus, 


Die Gründung bes Klofters Altenberg. 35 


daß nichts fie daraus emporzureißen vermochte, fo daß 
. Bruno fih in frühen Sahren fchon dem geiftlichen 
Stande widmete, und fpüter Erzbiſchof von Köln 
ward; während Adolf, obzwar in ritterlicyen Hebungen 
erfahren, doch auf Feine Weife die Luft der Jugend 
genoß. Der reuige Vater ftarb, als feine Söhne eben 
das miündige Alter erreicht hatten und Adolf auf 
einem Kriegdzuge in Thüringen war, wo er feine Ge⸗ 
mahlın Margaretha Fennen lernte und gewann. Aber 
auch die Liebe zu ihr war mehr ein wehmiüthiges Hinneiger, 
als jenes jubelnde Zufammenfchlagen zweier Flammen, 
wie ed bei Iebenöfrifchen fröhlichen Gemüthern vors 
fommt; — bid endlich, wie Anfangs erwähnt, nach adıt 
Fahren die Geburt mwunderfchöner Zwillinge dag Glück 
des Grafen zu Frönen fchien, aber es dennoch völlig 
zerftörte. Denn die Mutter fchloß nach wenigen Tagen ihre 
Augen. auf immer, und Adolf II. fühlte ihren Verluſt 
go fchwer, daß er, ehe die Knaben noch ein Jahr ers 
reicht hatten, neben ihr im Grabe lag. 

Adolf und Eberhard waren Kinder fo holdfeliger 
Art, wie nur Schmerz und Liebe im fchönften Verein 
fie erzeugen fönnen. Auch fchien Die Zärtlichkeit, bie 
ihr Bater und Oheim gegen einander gehegt hatten, 
vollfommen auf fie übergegangen zu fein; denn feiner 
fannte eine Freude, die ber Andere nicht mitgenoß, 
und jeder Schmerz fchien Beide zugleich zu treffen. —. 
In ritterlichen Uebungen waren fie neidloſe Nebenbuhler, 
ebenfo in edlem Sinn und gottesfürchtigem Wandel; 
wie man denn überhaupt fchwer begreift, daß ein fo 
von Gott gefegneted fchöned Land, wie dad Rheinland 


36 Die Gruͤndung des Klofterd Altenberg, 


dem Menfchen zum Entzücken gefchaffen, andere ale 
edle Söhne erziehen kann. | 
Gm Anfange nahmen fich Adolf und Eberhard vor, 

fi) nie von einander zu trennen, bis ein Umftand nad 
ihrer ebert eingetretenen Bolljährigfeit diefen Entſchluß 
umftieß: Der Graf von Cleve ſandte ihnen um biefe 
Zeit eine Einladung zu der Hochzeitfeier ihres Betterg, 
ded Grafen Sieghardt von Kefernberg mit Gifela 
von Gleve, feiner älteften Tochter, und bie beiden 
Sünglinge machten fich aldbald auf den Weg, fich höch⸗ 
lich der Fefte erfreuend, Die eine folche Beranlaffung 
ihrer lebendfrohen Sugend bot. — Gifela hatte ohne 
Weigern ihre Einwilligung gu biefer VBermählung geges 
. ben, fobald die Eltern den Wunſch dazu ausgeſprochen 
hatten. Als die Sünglinge nad) ihrer Ankunft in bie 
Gemächer der Gräfin von Cleve traten, ftanden ihnen 
zwei Sungfrauen, an ber Seite einer Matrone, gegens 
über, bie Beide wie zwei Sterne, wenn auch mit vers 
ſchiedenem Lichte Yeuchteten. „Gott gebe” — fagte 
‚Adolf zu Eberhardt, daß die zur Linken nicht bie 
Braut;“ — „Gott gebe’ flüfterte Eberhardt, Daß es 
nicht die zur Rechten ſei.“ — Aber ed war bie zur 
Rechten, und Eberhardt Iernte die Freuden ber Liebe 
nur fennen, um ihnen für immer zu entfagen. — Auch 
von Giſela's rofigem Gefichte verfchwand nadı einigen 
Tagen das Lächeln, während ihre Schweiter, Adelheid, 

mit jedem Tage muthwilliger und fröhlicher ward, jemehr 
fie fich überzeugte, daß Graf Adolf ihr allein mit anf 

richtigem Herzen huldigte. — Ob jemald eine Stunde 

gekommen ift, in der Eberhardt und Gifela fich vers 


“ 


Die Gründung bes Klofters Altenberg. | 37: 


fanden haben, ift erlaubt nach mehr als fiebenhundert 
Jahren nicht zu wiffen; aber fo viel ift befannt, daß 
nach drei Wochen das Beilager des Grafen Sieghardt 
gefeiert ward, und daß wenige Monate fpäter Graf 
Adolf Die holde Adelheid nach Schloß Neuenburg heims 
führte, Eberhardt dagegen fich nie mehr mit Liebe einem 
Weibe zuneigte, und befto inniger an feinem Bruder 
hing. Trotz diefer Zärtlichkeit, meinte Eberhardt Doch, 
baß man ſich nie in die Mitte eined neuvermählten 
Paared ftellen müfje, und zog ſich auf Schloß Berg 
an ber Dhün zurüd, dad Adolf ihm gefchenkt hatte, 
während er für ſich felbft Neuenburg an der Wup⸗ 
per erbaute. Noch geht die liebliche Sage dieſer bei: 
fpiellofen Bruderzärtlichfeit durdy das Land; fie hielten 
den Zag für verloren, an dem fie ſich nicht ſahen, mit 
der Erinnerung bei einander burchlebter Stunden Tegten 
"fie fi) zur Ruhe, zur frohen Erwartung des freudigen 
Wiederfehend weckte fie der Morgen. Da aber ihre 
Burgen zu weit von einander waren, ald daß fie ſich 
fogleich vor Angeficht zu Angeficdt den Morgengruß 
hätten bringen fünnen, fo fliegen fie beim erften Früh⸗ 
roth in der heiligen Stille des erwachenden Tages auf. 
die hoͤchſte Warte ihrer Schloßthürme, nahmen die weit- 
fchallenden Jagdhörner zur Hand, wetteiferten darin, 
wer dem Bruder den erſten Morgengruß über die thau- 
glänzenden Hügel zuiauchzen würde, und verftändigten 
fih in verabredeten Tonzeichen, wo fie füch finden, und 
wie fie den Tag zubringen wollten. 

Erzbifhof Bruno von Köln hatte von früh 
an die Erziehung beider Brüder auf eine ausgezeichnete 


38 Die Gruͤndung des Klofters Altenberg, 


Art geleitet. Jetzt in feiner Einfamfeit widmete ſich 
Eberhardt, auf diefer Grundlage fortbauend, den Wifs 
fenfchaften mit regem Eifer, ohne fich darum den. ritters 
lichen Uebungen zu entziehen; nur das Getümmel ber 
Welt mied er und liebte. die Einſamkeit, die in dem 
ftilen Dhünthale nur durch Befuche feines Bruders und 
durch das Geräuſch der gemeinfchaftlichen Sagdluft unters 
brochen wurde. 

Der Krieg ftörte dies jtille Leben, als Walram 
von Limburg die Hülfe der Brüder gegen Gottfried 
von Brabant in Anſpruch nahm. Vereint mit dem 
Freunde ſchlugen Adolf und Eberhardt eine blutige 
Schlacht bei Thaldorf, in der fie den Sieg errangen; 
Nachdem der Kampf auögetobt, famen alle Ritter zus 
fammen um fich zu begrüßen; nur Eberhardt fehlte: 
Adolf ließ ihm auffuchen, fat bis in den Schooß der 
Erde und bis in das Gebiet der Wellen; aber er blieb 
verloren. Dennoch war er nicht fodt: von einer feinds 
lichen Streitart am Haupte verwundet, war er unbeachtet 
vom Pferde gefallen und befinnungslos hingefunfen, bie 
dad Gewühl der Schlacht zu Ende war, und er allein 
in tiefiter Sinfamfeit erwachte. Ringsum ſah er die 
fchredlichen Folgen des Krieges, verftümmelte Peicye 
name, zeritampfte Saaten, verbrannte Dörfer — und 
ſich ſelbſt ald eine der leitenden Kräfte in diefer Zerftö« 
rung. — Auf ein lange fchon zum Nachdenfen geneigted 
Gemüth war der Eindruck entfcheidend, und fein Ent 
ſchluß: nie mehr ein Schwerdt zu führen, unerfchitters 
lich. — Er bemächtigte fich eines ledig gehenden Roſſes 
und trabte hinmeg von Dem Schauplak.:diefer Gräuel - 


Die Gründung des Klofters Altenberg. 3 


nach dem ferneren Altena an der Lenne, wo er hofs 
fen durfte, von feinem Bruder nicht fogleich gefunden zu 
werden, Er ließ feine Kopfwunde eiligit heilen und 
begab ſich dann in die weite Welt, um unerkannt als 
frommer Pilger feine Bergehungen zu bereuen. Sein 
eriter Weg ging nah Roms; die Kardinäle und der 
heilige Vater felbit ertheilten ihm Abfolution und Se⸗ 
gen ‚ vermochten aber nicht, den Wurm in feinem 
Innern zu tödten. Er wallfahrtete, jenfeitd der Pyre⸗ 
näen, nach St. Yago di Eompoftella; doch umfonft 
betete er auch hier an den Gebeinen des heiligen Apo⸗ 
fteld, die von Karls des Großen bis auf unſere Zeiten 
dort begraben liegen. Er feste feinen Pilgerftab weiter 
und durchwanderte erft bie berühmtejten Wallfahrtöörter 
Franfreichd, und endlich auch die feines eigenen Vater⸗ 
landes. Aber Gebet und heifiger Müßiggang vermoch⸗ | 
ten ihn nicht zu tröften. — Da nahm er fich vor, durd | 
Fleiß und unermüdeten Eifer im Dienfte eines Herrn 
Gott und die Menfchheit mit fich za verföhnen. „Sch 
- habe mein Angeficht in der Hiße und der fündlichen: An⸗ 
ftrengung des Kampfes in Schweiß gebadet,“ — fagte - 
er, — „und will's jest zum Wohl der Menfchen in 
täglicher Arbeit benegen, und das Feld bauen, das ich 
zertreten habe.’ — Er trat daher, feine vornehme Er: 
siehung und Sitte bei Seite legend, in die Dienfte eines 
Paͤchters, nahe bei demfelben Thaldorf, wo er zuerft 
zur Einficht feiner Verirrungen gelangte. Hier hatte 
er wohl fünf Sahre in Demuth und Gottesfurcht aus- 
geharret, als eines Tages zwei Bergifche Edelleute, 
ſeines Bruders Vaſallen, die ein Traum - zu einer 


40 Die Gründung bes Kloſters Altenberg. 


Wallfahrt nach St. Aegidien in ber Champagıte vers 
anlaßt hatte, in die Gegend kamen und ihn, ber auf 
dem Felde arbeitete, nad, dem Wege fragten. Doch 
faum hatte der. eine der Herren feine edle Haltung 
näher beobachtet, den Klang feiner hochgebildeten Sprache: 
vernommen, ald er eritaunt ausrief: 


„Herr, Ihr feid wahrhaftig unfer laͤngſt verloren 
geglaubter Herr Graf!‘ 


Eberhardt konnte fich einer flüchtigen Ueberraſchung 
nicht erwehren, ſammelte ſich aber alſobald und ſtellte 
ſich ganz unwiſſend, was den Edelmann in Erſtaunen 
ſetzte und beinahe irre führte. Der Pächter war auch 
hinzugetreten und verficherte lachend, daß fein Knecht 
ihn zwar feit Sahren treu und reblich gedient, von 
einer folchen Standeserhöhung aber nie geträumt habe. 


Der Edelmann erwiderte nichts, erfah ſich aber 
feinen Vortheil und fchlug plößlich, ehe der Graf ſich 
deſſen verfehen fonnte, fein in ber Hitze gelodertes Uns 
tergewand auseinander, fo baß ein rothed eingeäbtes 
Kreuz, mit den Buchftaben I. N. R. J., auf der Bruft 
des angeblichen Knechtes fichtbar warb. Dies Zeichen 
war untrüglich, denn es war den beiden Zwillingebrüs 
dern in früher Kindheit von ihrem Oheim Bruno 
eingeäßt worden; der Graf hatte auch nun, von Rübs 
rung übermannt, bie Kraft zur Verſtellung verloren, 
und gab ſich den Freudenbezeugungen feiner befben 
Bafallen ohne fernere Weigerung hin, indem er auch 
nicht verfehlte feinem guten, bisherigen Brobherrn 
dem vor Erfiaunen, einen fo vornehmen Gaft unter 


Die Brändung bes Klofters Altenberg. 41 


feinen Dienftleuten gehabt zu haben, bie Zunge gelähmt 
war) die Hand auf das Herzlichite zu drücken. 

Sein Dafein hatte. Eberhardt nun zwar einge 
räumt, inbeflen war er zu einer Rückkehr nach feinen 
Befibungen durchaus nicht willig, fondern beharrte 
vielmehr darauf, zu bleiben wo er war. Einer ber 
beiden Edelleute machte fich alsbald auf. den Weg zu 
Graf Adolf, um ihn von feined Bruders wunderbarer 
Auffindung zu benachrichtigen; dieſer eilte augenblicklich 
herbei, um dem geliebten Eberhardt feine LXiebe, wie 
fein . Erbe, die er beide getreulich aufbewahrt hattef® 
wieber zu erftatten. Doch Graf Eberhardt wollte. fi . 
nur ber Erfteren erfreuen, und wies das Erbe zurück. 

Die ganze Gegend war von dem Gerüchte dieſes Vor⸗ 
falled erfüllt, den der bisherige Brobherr Eberharbts auch 
dem Abte des Klofters, deſſen Pächter er war, mittheilte. 
Diefer Abt war ein fehr gelehrter und Ieutfeliger Herr, 
aus dem Haufe ber Markgrafen von Deftreich, und da er 
bie wunderbare Begebenheit vernahm, begab er fich fos 
gleich zu Eberhardt. Auf dad Anrathen diefes frommen 
und gelehrten Mannes, entfchloß fich diefer mit ihm in 
fein Klofter zu Morimund zu ziehen, und ba er 
in allen Wiffenfihaften, die dev Mönchsftand erforderte, 
ald vollfommen erfahren erfannt wurde, nahm er 


9 Morimond, (Morimont, Morimundus), eine bedeutende 
Gifterzienfer-Abtei in der Champagne, in einem Waldthale, un= 
weit Langres, im Anfang bed 12. Jahrhunderts, wahrfcheinlich 
1115, von einem Herren von Choifeul und feiner Gemahlin 
Adelina geftiftet, und fpäter von den Herren von Bour⸗ 
bonne bedeuntend erweitert, 


ag ‚Die Gründung bes Klöſters Altenberg. 


ſogleich den Prieſterſegen und lebte einige Zeit als Ci 
fterzienfers Mönch in dem Kloſter. 

Die weite Trennung von ihm, und der Gedanke, 
daß Eberhardt felbft fo fern von feiner Heimath fei, 
wurden inbefien Adolf zu fehmerzlich, und er befchloß 
den Bruder mit dem Stammfchloffe feiner Ahnen und 
dem Lieblingsanfenthalte feiner Sugend, dem Schloffe 
Berg zu befchenfen, um dort das Klofter Altenberg 
zu gründen, welches im Sahre 1133 am 3. Auguft, ale 
dem Tage einer totalen Eonnenfinfterniß, vom Erzbifchofe 
Bruno von Köln feierlic; eingeweiht wurde. Hier 
lebte Eberhardt nun ald Mönch im weißen Gifterzienfers 
leide wie ein Engel des Friebend, nachdem er feinen 
Freund, den Abt von Morimund und zwölf Monche 
bewogen hatte, mit ihm zu ziehen. 

Als er eines Morgens in ſeiner Zelle ſaß und 
ſeinen heiligen Gedanken nachhing, ſah er von ferne 
einen Zug von Reiſigen und Frauen auf dad Kfofter 
zureiten. An der Spike des Zuges ritt auf weißen 
Zelter im tiefſter Trauer eine achtunggebietende Frau, 
die dem Pförtner felbft bedeutete, den hodywürdigen 
Abt diefes Klofterd in ihrem Namen um eine gaftfreie 
Aufnahme für einige Stunden zu erfuchen. Während 
die Dienerfchaft reich bewirthet ward, begehrte die Dame 
den Grafen Eberhardt, ihren Herrn Vetter, zu fprechen, 
und nachdem ihn der Abt davon benachrichtigt hatte, 
fah er fich urplöglich der Geliebten feiner Jugend, ber 
Gräfin Gifela von Kefernberg gegenüber: Obgleid) 
nım die Zeit der weltlichen Gefühle für ihn worüber - 
fein mußte, fo flammte doch einen Augenblick ein irdiſches 


‘ 


Pie Gaündeng bes Kloftere "Altenberg... 4 


Roth in feinen Wangen auf; aber bie ernfte Würde 
Der noch immer fchönen Frau, ber heilige Ausdruck ihrer 
reinen Stirne befehwichtigte fchnell jede Wallung, bie 
aus der Erinnerung eincd eben 37jährigen Mannes 
hervorgehen mochte. „Was ift Euer Begehr? theuerite 
. Muhme,’ fragte Eberhardt. Euch einmal, Tiebwerther 
Better, in Eurer Heiligfeit zu ſehen, eriwieberte bie 
ſchoͤne Gifela, und Eures Segens theilhaftig zu werben; 
„Bo iſt mein Vetter, Euer Gemahl? fragte der 
Mönd nad, kurzer Paufe weiter. „Im Herrn entichlas 
fen,” war die Antzwort. Nach einem mehrftündigen - 
Aufenthalte im Klofter Fniete Gifela vor Eberhardt. 
„nieder und empfing feinen Segen, ben er ihr mit ficht- 
licher Rührung gab. — Sie bat ihn aud), ihrer Söhne 
im Gebete zu gebenfen, und ritt langfam von bannen, 
wie fie gefommen war, Eberhardt blickte ihr nach, fo 
lange er den weißen Zelter im Abendlichte leuchten fah, 
und Tieß fih dann zu einem langen Gebete auf feinen 
Betfchemel nieder. 
Ein Paar Sahre fpäter ließ ſich Eberhardt bewegen 
das Kloſter Altenberg zu verlaffen, um das ihm von 
Giſela eingeräumte Schloß Sorisburg zu einem Klos 
fter einzurichten, und bemfelben mehrere Sahre als Abt 
vorzuftehen; ald aber Gifela farb, zog ed ihn wieder 
nad) der Heimath, und er kehrte ald Mönch nad) Als 
tenberg zurüd. Als das Alter herannahte, ward ihm 
noch eine Freude fchönfter Art befchieden: Adolf legte, 
nachdem feine Gemahlin Adelheid von Cleve geftorben war, 
* zu Gunſten feiner Söhne die Regierung nieder, und die 
‚beiden innigft verbundenen Brüder verlebten noch einige 


44 Die Gründung bes Kloflers Altenberg. 


ungetrübte Sahre zufammen. — So hatte fich Diefe 
fchöne Bruberliebe wie der goldene Faden eined Gewe⸗ 
bed durdy ihr Leben gezogen, und wenn ihr Anblid 
rührend und lieblich unter den Roſen der jugend 
war, fo war er herzerhebend und erbaulich, als biefe 
ofen längſt verblüht. waren. Am 21. Mai des Sahres 
1152 ftarb Eberhardt, feinem Bruder ein baldiges Ende 
perfündend; mit Freuden vernahm biefer eine ſolche 
Botfchaft, berief feine Söhne zu einem herzlichen Abs 
fehiede, und wurde am 12. Oktober deſſelben Jahres 
neben Eberhardt unter bemfelben Grabfteine beigefett. 


u 


St. Urſula 


und bie eilftaufend Jungfrauen. 


I) 


im Sahre des Heild 220 herrfchten Vionetus und 
aria in GroßsBritannien. Nur Eines fehlte ihrem 
lücke: fie hatten Feine Kinder. Daher baten fie Gott 
glich, ihnen einen Sohn zu fchenfen, Damit das Fönigs 
he Gefchlecht des Vionetus nicht ausfterbe, fondern 
zahlreicher Nachkommenſchaft fortlebe. Ihr Gebet 
wde nur halb erhört, denn Daria gebar eine Tochter. 
tefe war von Jugend auf eine Heilige; ihr Herz hing 
x an Gott, dem allein anzugehören fie feierlichft 
(übte. Mit jedem Tage nahm fie an Schönheit und 
igend zu, und ihr Ruf verbreitete ſich bis in die 
nften Länder. So gefhah es, daß ein beutfcher 
wit, Agrippinns, fie von Vionetus für feinen Sohn 
gehrte. Seine Gefandten brachten herrliche Gefchente 
t, beftehend in Ieuchtenden Waffen, Gold und Silber 
id fonftigen koͤſtlichet Dingen. 


46 St. Urfula und bie eilftaufend Jungfrauen. 


Nur ungern hatte Vionetus den ntfchluß feiner 
Tochter, fich der Welt zu entziehen, vernommen, und 
er feufzte heimlich bei dem Gedanken, daß eine fo 
tugendbegabte Jungfrau für Diefelbe verloren gehen 
follte. Da er aber den geleifteten Schwur für heilig 
hielt, fo antwortete er den Gefandten, daß es nicht 
mehr in feiner Gewalt ftände, ihren Bitter zu willfahs 
ren, und daß fie die reichen Sefchenfe dem Agrippinus 
wiederbringen, und ihm fein herzliches Bedauern aus 
drücken möchten. Die Gefandten aber gaben noch nicht 
jede Hoffnung auf, fie vermweilten vielmehr einige Zeit 
“in der Hauptftadt ded Reiches. Da gefchah es, daß 
in einer Nacht, wo der Kummer über den gefaßten 
Entfchluß feiner Tochter, den König wachend erhielt, 
ihm ein gottgefandter Engel erfchien, der ihm im Namen 
des Höchiten die Erlaubniß zu Ur ſula's ehelicher Vers 
bindung brachte. Sebt ergab fich die Jungfrau, und 
ftellte.felbft die Bedingungen feſt, unter denen fie ben 
DBrautwerbern folgen wollte. 

Bionetud wollte feine Tochter nicht abreifen Laffen, 
ohne ihr ein ihres Ranges würdiges Gefolge mitzugeben. 
Eilftaufend Sungfrauen, alle aus den beften Familien 
des Königreichd, wurden ausgewählt, fie auf ihrer 
Reife nach Deutfchland zu begleiten. Am feitgefegten 
Zage verfammelten ſich die Auserwählten, ſämmtlich 
weiß gefleidet und heilige Lieder fingend, am Ufer. Als 
die Schiffe zur Abfahrt bereit waren, ermahnte Urſula 
ihre Gefährtinnen, bevor fie einftieg, fich nicht vor dem 
Meere, fondern vor Gott zu fürchten; und da ir ber 
Born des Wiſſens von höherer Hand erfchloffen Wang 


St. Urſula anb bie eitftaufend Sungfrauen, 47 


lehrte fie ihnen die Kunft ein Schifflein zu lenken, und 
ſchickte alle Männer von den Schiffen hinweg. Nach 
dieſen Vorbereitungen ſtachen ſie in See. Es muß ein 
herrlicher Anblick geweſen ſein, dieſe eilftauſend Jung⸗ 
frauen, gleich einem Schwarme weißer Tauben, auf 
den Schiffen zu fehen, wie fie die Segel hißten ober 
auf dem Bordertheil des Schiffes- fanden, wie andere 
das Steuerruder führten, und Urſula, die ſchöne Braut, 
Allen die verſchiedenen Bewegungen vorſchrieb; oder 
wenn bei günftigem Winde die Flotte mit vollen Segeln 
auf dem ruhigen Meere dahin fuhr, und diefe eilftaufend. 
Ssungfrauen auf dem Verdeck faßen und die Luft mit 
harmonifchen Gefängen erfüllten. 

Nach einigen Tagen glüdlicher Fahrt gelangte die 
wunderbare Flotte, von Gotted Hand geführt, an die 
Mündung des Rheines, den fie firomaufmärts, bie 
nach Köln, befuhren. Aquilinus, der hier ald Statts 
halter im Namen des Kaiſers regierte, erwies Urſula 
und ihren DBegleiterinnen die größte Ehre, aber fie feßs 
ten bald ihre Reife fort. Da fie nad) Rom pilgern 
wollten, fuhren fie weiter bis gen Bafel hinauf, wo 
fie von bem römifchen Landpfleger Pantulus mit cben 
fo vielen Ehrenbezeugungen empfangen wurden. Gie 
ließen nunmehr ihre Schiffe in Bafel und wanderten 
zu Fuß über die Alpen und durch die Schweiz. Pan⸗ 
tulus, um die Sungfrauen beforgt, entichloß fich, fie 
mit einer .ftarfen Bedeckung nach Rom zu begleiten. 
Und darım wird Pantulus ald. Heiliger verehrt; 
denn er hat Theil gehabt an ihrem gottfeligen Un 
ternehmen, und dadurch Die ewige Geligfeit erworben. 


48 St. ürfula und die eitftanfend Jungfrauen. 


Sein Altar ſteht in der 8. Urfulas Kirche zu 
Köln. 

In Rom tanfte fie der Papſt Eyriacus. Gie 
befuchten die Gräber der heiligen Apoſtel und bereis 
teten fi dann zur Rückkehr nach dem Rhein. Der 
heilige Vater, fagt die Chronik, legte Die. päpftliche 
Würde und Regierung in andere Hände, um die from⸗ 
men Iungfrauen, mit einem großen Theil der Geiſtlich⸗ 
keit zu begleiten. 

Nun finden wir die frommen Pilgerinnen wieber 
auf dem Rhein; in Mainz, wo fie landeten, erwartete 
fie des Agrippinus Sohn, der Bräutigam Urſula's. 
Coman war ein Heide, ald er aber feine junge, 
fchöne Berlobte mit ihren eilftanfend Sungfrauen fah, 
als deren Königin fie erſchien; ald er den Papft im Sil⸗ 
berhaar, mit der hohen Geiftlichfeit erblickte, regte ſich 
in feinem Herzen eine heftige Liebe zu Urfula und 
ein Zweifel an der Wahrheit ded Glaubens feiner 
Vaͤter. Es ift wahrfcheinlich, daß der Engel, welcher 
Vionetus zur PVerheirathung der Tochter beftinnnte, 
auch auf Die Seele des jungen Barbaren wirkte. Wie 
dem auch fei, Soman befehrte fi, und ließ ſich taus 
fen. Nun fuhren die Verlobten mit ihrem ungeheuren 
Gefolge den Rhein hinunter nach Köln. 

Kaum waren fie hier angelangt, ald die Gothen, 
bie einen feindlichen Einfal in das Land gemacht 
hatten, die Stadt berennten, und mit ftürmender 
Hand einnahmen. Die eilftaufend Sungfrauen wurden 
- auf alle erdenkliche Weife gemartert, aus Verhöhnung 
des am Kreuze geftorbenen Gottes gefreuzigt; andere 


St. Urfulazand.pie eitftaufend Imsfrauen. 49 


mit Keulen erſchlagen, ober enthauptet. Der Papſt 
ECyriacus und bie ganze Geiſtlichkeit kamen auf dieſe 
Weiſe um, und die Barbaren verſchonten Coman und 
feine Braut nur, um durch ihre Marter dieſe Graͤuel⸗ 
ſcenen zu kroͤnen. 
Eines der Bilder in der, der Heiligen geweihten 
Kirche zu Köln, ſtellt ihren Tod auf rährende Weiſe 
bar. Coman iſt von mehren Stichen burchbohrt; mit 
brechenden Augen blidt er auf Urfula, und fcheint fo 
die Kraft zu fuchen, als Chrift zu flerben; doch drückt 
fein Ange mehr Liebe ald Ergebung aus. Urſula, heis 
- Tiger, und jeder irbifchen Leidenſchaft ledig, ift nur das 
rauf bedacht, Coman durch Worte und Blide. zu tröften: 
Shre durch Folterqualen beftegelte Verbindung würde 
im Himmel erft gefchloffen werden. 

Sa einer Kapelle, nahe beim Chor, befinbet fidh 
das Grab der heiligen Urſula. In Marmor gehauen, 
liegt fie, mit gefalteten Haͤnden, auf ihrer Bahre; zu 
ihren Füßen flieht man eine weiße Taube. Diefe 
Taube ift ed, welche ben Ort zeigte, wo bie Gebeine 
der Heiligen ruhten. Als der heiligen Gunibert, fo 
erzählt man, eined Tages bie Meſſe lad, flatterte 
eine Taube um fein Haupt, flog dann zur Erde und 
fharrte fie mit Fuß und Schnabel auf. Als man 
darauf an biefer Stelle grub, fand man bie Gebeine 
ber Heiligen Urſula. 


a 


Dar Dombau zu Köln. 


Innige Wehmnth ergreift den Wanderer bei dem An- 
blick der mächtigen Ruine, ‘die, vollendet, das fchönfte 
Monument gothifcher Baukunſt in.den weiten Reichen, 
die Ehriftus milde Lehre beherrfcht, geworden wäre. 
In dent, was ſich ihm darbietet, fieht der flaunende 
Blick ded Befchauers, was da hätte vollendet werden 
mögen, und ungern ſich der Vorſtellung fügend, Daß 
die Unzulänglichfeit menfchlicher Kräfte die Schuld trage 
an der Nichtvollendung des herrlichen Werkes, gibt er 
fi gern dem Glauben an die Sage hin, welche fie der 
Bosheit und Rachſucht des Erbfeindes zuſchreibt. 
Ald der Erzbiſchof Konrad von Hochfieden eine 
Kirche bauen laſſen wollte, welche alle bisher in Deutſch⸗ 
land, Frankreich und den Nieberlanden erfiandenen an 
Schönheit und Pracht übertreffen follte, verlangte er 


Der Dombau gu Koͤln. 31 


einen Plan dazu von dem berühmteſten Baumeiſter in 
Köln. Der Name dieſes Baumeiſters iſt unbekannt 
geblieben, nicht aus dem Grunde, weil ſo viele andere 
Erbauer herrlicher Denfmäler des Mittelalters daſſelbe 
Loos theilen, — nein, die Urſache iſt eine andere, wie 
man ſogleich erfahren wird. Es war im Jahre 1248, 
als der Erzbiſchof Konrad dieſen Beſchluß faßte, und 
im Jahre 1499, — 250 Jahre fpäter, arbeitete man 
noch an dem Dome. 

‚  Eined Zaged alſo, ald der Baumeifter, bem 
der Erzbifhof Konrad den Auftrag gegeben hatte, 
am Ufer des Rheines einherging und über den Plan 
nadıfann, gelangte er zu der Stelle, welde man 
die Frankenpforte nennt, und bie noch heutigen Tages 
durch ein Paar verftümmelter Steinfiguren bezeichnet 
ift. Hier ſetzte er fich gedanfenvoll auf eine Bank nies 
der und zeichnete mit dem Stocke, den er in der Hand 
hielt, im Sande die Umriffe zum Dom, verwifchte fie 
bald wieder und zeichnete neue, Darüber ging bie 
Sonne unter und ihre legten Strahlen fpiegelten ſich 
in dem klaren Nheinftrome. Hingeriffen von dem prächs 
tigen Anbli rief der Künftler begeiftert aus: „Ha, 
„ein Dom mit himmelanftrebenden Thürmen, die nod) 
„im Lichte des Tages glänzten, wenn tief unten fchon 
„Stadt und Fluß in Nacht begraben liegen, ha, das 
„wäre ſchön!“ — Und, eifrig finnend, begann er wies 
der im Sande zu zeichnen. Endlich glaubte er, den 
erfehnten Plan gefunden zu haben, und rief, indem er 
die Zeichnung im Sande freudigen Antliges betrachtete, 
laut: „Ich babe ihn, da ift er vor mir!’ 


52 Der Dombau zu Köln. 


Da ertönte plötßlich, dicht neben ihm, cine heifere 
Stimme, die ihm äffend nachſprach: „Ja wohl, da iſt 
„er, — der Münfter von Straßburg!” Der Meifter 
fuhr auf and fah unfern von fich ein alted eidgranes 
Männlein fißen, welches die Blicke mit einem Augdrud 
von Spott auf ihn heftete. Er ließ indeß die beißende 
Bemerkung des unfreundlichen Tadlers unerwibdert, weil 
er fühlte, daß fie richtig war: denn er hatte geglaubt, 
infpirirt zu fen — und hatte fid nur erinnert, 
Sp löfchte er denn auch die Zeichnung aus und begann 
einen nenen Plan zu entwerfen. 

Aber and diefer erlag der einſylbigen Kritik des 
Alten, welcher nur das Wort „Mainz“ ausſprach, und 
mit den Worten „Amiens“, „Worms“, zwei neue 
Pläne des unermüdlichen Meiſters vernichtete. Darüber 
ward dieſer endlich wild und fuhr den Alten zornig an: 
„Beim Teufel, Herr, da Ihr ſo trefflich zu tadeln ver⸗ 
„ſtehet, ſo werdet Ihr auch einen beſſern Plan zeichnen 
„können; ſo zeiget mir denn, ob Ihr zur Kunſt gehöret!“ 
Worauf das Männlein kein Wort erwiderte, ſondern 
wiederum höhniſch Tächelte, Darob ereiferte ſich der Künſt⸗ 
ler noch mehr und drang nun in den Alten, indem er ihm 
feinen Stock reichte, daß er zu zeichnen beginnen möge. 

Der Alte betrachtete den Baumeifter mit feltfamen 
Blicken, nahm den Stod und begann mit folcher Kunfts 
fertigfeit und tiefen Berechnung zu zeichnen, daß ber 
Meifter bewundernd audrief : „Wahrlich, ich ſehe, daß 
„Ihr Meiſter in der Kunſt ſeid! Seid Ihr von Köln?“ 

„Nein!“ erwiderte der Alte trocden, und gab ihm 
den Stock zurüd. 


Der Dombau zu Köln. 53 


„Ss fahret denn fort mit Eurer Zeichnung, ich 
bitte Euch, vollendet fie!‘ 

„Mit Nichten, Herr, Shr hättet: Daun meinen 
Plan und auc alle Ehre davon!” 

„Höre, Alter, flüfterte der Baumeifter, „wir find 
bier allein (und fo war's in der That, denn das Ge- 
lade war leer geworden und die Nacht brach mit 
fhnellen Schritten herein), ich gebe Dir zehn Gold» 
gülden, wenn Du dieſen Plan hier vor mir vollendeft!” 

Zehn Goldgülden! mir? — Und bei diefen Worten 
309 der Alte einen gefüllten Beutel unter feinem Man 
tel hervor und fchüttelte ihn. Und der Klang war 
eitel Goldes Klang. Der Baumeifter trat verwundert 
einige Schritte zurüd, und näherte fich nad kurzem 
Befinnen dem Alten mit finftern und drohenden Mienen, 
yadte ihn beim Arme und fagte, indem er einen Dolch 
auf ihn zückte: „Vollende den Plan, ‚oder ftirb! “ 

„Was meint Shr, Gewalt gegen mich?” Und 
indem er dies fagte, fchleuderte er den Arm des Meis 
ſters mit Niefenfraft von dem feinen hinweg, und im 
naͤchſten Augenblide lag Diefer vor den hohnlachenden 
Alten zu Boden und fah feinen Dolch auf feine eigene 
Bruft gezüdt. 

„Fürchte nicht für Dein Leben!’ nahm jetzt ber 
Alte dad Wort: „Siehe — jett, da Du weißt, daß 
nicht Gold, nicht Gewalt etwas über mich vermögen, 
fage ich Dir, daß Du ihn erlangen Tannft, diefen Plan, 
den ich hier vor Deinen Augen begonnen, daß Du ihn 
erhalten und den Ruhm davon einärndten kanuſt!“ 

„Sp nenne mir den Preis!‘ 


54 | Des Dombau gu Köln.- 


„Deine Seele!’ 

Der Baumeifter ftieß einen heftigen Schrei aus, 
und machte das Zeichen des Kreuzes. 

Der Teufel verſchwand. 

Als der Baumeiſter ſich geſammelt hatte, fand er 
ſich im Sande ausgeſtreckt liegen. Er raffte ſich auf 
und wankte in ſeine Wohnung, wo ihn Mechthilde, 
ſeine betagte Haushälterin, welche früher ſeine Amme 
geweſen war, beſorglich fragte, warum er ſo lange 
ausgeblieben ſei. Doch er hörte ſie nicht. Sie brachte 
ihm den Abend⸗Imbiß; er aß nicht. Er warf ſich auf's 
Lager; ſchreckliche Traumgebilde quälten ihn; in allen 
ſah er ben entſetzlichen Greis und die wunderbaren: 
Linien bed Plan's, den er begonnen. Diefer Dom, bem 
fein anderer ſich vergleichen Fonnte, Died Meifterwerk, 
welches feiner Phantafie vorgefchwebt hatte, ed war: 
da, der Plan dazu hatte vor feinen entzücten Augen 
gefchimmert! 

‚Früh Morgend entriß er fid) dem Lager, das 
ihm zur Folterbanf. geworden war, und eilte an's Zeis 
henbrett. Sn ungeduldiger Haft entwarf er neue Pläne, 
leidenfchaftlich befchwor er die Erinnerung herauf an 
Die Umriffe des Plan’s, den der teuflifche Greis begons 
nen hatte, zeichnete Thürme und Portale, zeichnete 
Säulen, Spitbögen, Kreuzgänge, Chöre — nichts 
wollte ihm genügen, nichtd erreichte das Bild, welches 
der arge Verfucher in den tiefen Abgrund feiner Seele 
geworfen hatte. 

Haft wahnfinnig aufgeregt, ſprang er endlich auf, 
warf ſich erfchöpft in einen Lehnſeſſel, und rath⸗ und 


Der Dombau gu. Köln. 55 


ilflos Hefchloß er emplich, beides im Haufe bes Herrn 
r fuchen. Er ging in Die Kirche der heiligen Apoſtel 
id warf fidy nieder, um zn beten. Eitles Beftreben! 
eine Gedanken blieben fern von Gott und hafteten, 
ie. bezaubert, an Stein und Mörtel, Wie winzig 
fhien ihm der enge Ban dieſes Kirchleins, wie groß, 
je gotteswürdig der wunderbare Dom des Alten! 
n Geifte durchbrach.er das niedrige Gewölbe, weitete 
ben engen Raum, höher und höher fliegen hundert 
ächtige Pfeiler und fchlanfe Säulen, und auf den zier: 
hen Kapitälen erhob fich in Fühnem Streben himmel; 
ı die herrliche Wölbung. Da, wie er im wachen 
raume den Schlußftein baran zu legen vermeinte, 
infte ihm mit teuflifchem Hohne das Antlig des Alten 
6 der Höhe entgegen, und ber Iuftige Rieſenbau 
urzte krachend zuſammen. Er erwacte. und taumelte 
rzweifelnd nach Haufe. 

Der Abend fand den Meifter am Ufer des Rheins. 
z war fo ftil da, fo einfam, wie am Abend zuvor. 
ei. der Franfenpforte ftand der Alte und zeichnete mit 
iem Stabe an der Mauer. Jede Linie, welche er 
g, war ein feuriger Strahl, und alle diefe flammen⸗ 
n Linien durchfreuzten und verfchlangen fich in ben 
rfchiedenften Formen und Geftaltungen, und bildeten 
anfcheinender Verwirrung die herrlichſten Glocken⸗ 
irme und Spitzſäulen, Geſimſe, Portale und Fenſter⸗ 
gen, welche aber nach einem Augenblick des Leuchtens 
eder verſanken in dunkle Nacht. Zuweilen ſchienen 
fe feurigen Linien ſich zu einem regelmäßigen Gans 
a verbinden zu wollen, und fchon glaubte der Bau— 


56 Dee Dombau gu Köln. 


meilter ben ganzen Plan des Wunder⸗Doms vor feinen 
entzückten Augen zu fehen, da ploͤtzlich verwirrte ſich 
das Zauber⸗Gebild und entſchwand feinen Blicken. 

„Wie iſt's, willſt Du meinen Plan?“ fragte ber 
Alte den Baumeiſter. Dieſer ſtieß einen tiefen Seufzer 
aus. „Willſt Du ihn? ſprich!“ Und mit dieſen Wor⸗ 
ten entwarf er in flammenden Zügen die Zeichnung 
eined Portales, die er alfogleich wieder verlöfchte, 

„Ich wi thun, was Du verlangft!“ rief ber Baus 
meifter, faft von Sinnen gebracht. 

„Zu Morgen benn, um Mitternacht!“ 


Am andern Morgen erwachte der Baumeiſter heiter 
und wohlgemuth, er hatte alles vergeffen, bis anf bie ' 
beglüdenbe Gewißheit, baß er endlich ben Plan bes 
unfihtbaren Domes, den Gegenftand feiner heißeſten 
Sehnfucht, befommen werde, Er febte ſich an’d Fenſter 
und fchaute hinaus auf den Rhein, der in Form eines 
Halbmondes, von dem heiterften fonneglänzenden Him⸗ 
mel befchienen, vor ihm ruhig und majeftätifch dahin⸗ 
fluthete; er überfchaute das mächtige Köln, welches, 
fo weit das Ange reichte, das Ufer des Stromes mit 
feinen Häufern und Palläften bedeckte. „Wo werde ich 
meinen Dom hinbauen?“ fragte er fi, und ſuchte 
mit den. Augen einen geeigneten Pla. Seine Gedanken 
führten fchon den Wunderbau auf und feine Bruft 
ſchwoll von Stolz und Freude. Da fah er bie alte 
Mechtildis aus dem Haufe treten; fie war ganz ſchwarz 
gekleidet. „Wo willft Du bin, gute Mutter,” rief er 
ihr zu, „wohin gehft Du in dieſem feierlichen Anzuge ? 


[4 


Der Dombau zu Köln 57 


„za den heiligen Apofteln gehe ich,” antwortete 
Mechtildis, „eine Meſſe Iefen zu Iaffen, auf daß eine 
arme Seele, welche im Fegefeuer ſchmachtet, erlöfet 
werden möge!” 

„Eine Erloͤſungsmeſſe?“ rief der Baumeifter tief 

erfchüttert aus, ſchloß das Fenfter und warf füh auf 
fein. Lager, und bie Thraͤnen flürzten ihm aus den 
Angen. 

„Eine Erloſungsmeſſe!“ wiederholte er ſchluchzend, 
„o, mich werben nicht Meſſen noch brünftige Gebete 
erlöfen! Verdammt, verdammt auf ewig! Berbantmt, 
weil ich felber es gewollt babe! Und dennoch, — mußte 
ih ed nit? — o Gott hilf mir!” Und in biefem 
beffagendwerthen Zuftande, der ihm die Qualen ber 
Hölle fchon hienieden vergegenwärtigte, fand den Ars 
men bie aus der Kirche zurückkehrende Amme. Gie 
fragte .ihn beforglich, was ihm fehle; und ald er ihr 
nicht ſogleich Antwort gab, drang fie mit fo zärtlichen 
und rührenden Bitten in ihn, daß er nicht länger zu 
wiberftehen vermochte und erzählte, was ihm begegnet 
und was er verfprochen habe. Die Alte erftarrte vor 
Schrecken. „Dem Böfen feine Seele verkaufen! Ents 
ſetzliches Gelöbniß!” So wenig erinnerte er fich alfo 
der Berfprechen, die er geleiftet am Altare, ald er bie 
heilige Weihe des Chriften empfing, fo wenig ber from⸗ 
men Lehren, bie er von ihr erhalten hatte. Alfogleich 
zur Beichte zu gehen, war dad, worauf fie ernftlich 
drang. Der. Baumeifter feufzte aus tiefftem Herzen. 
Das Bild ded wunderbaren Doms ſchwebte vor feinen 
Angen und. beftridte feine Seele, dann aber brängte 


58 Der Domlau gu Köln, 


fi) wieder ber Gedanfe an feine ewige Berbammung 
fo Tebhaft und qualvoll hervor, daß ihm fein Lage 
zur Folterbant wurde. 

Die Amme war ungewiß was fie thun folltfe, umb 
befchloß endlich, fich bei ihrem -Beichtvater Raths zu 
erholen. Sie erzählte ihm den Vorgang. Der Prieiter 
- hörte fie aufmerffam an und verfanf in tiefed Nach—⸗ 
denken. „Ein Dom,’ fagte er endlich, ‚welcher Köfn 
zur erften Stadt Deutfchlands, zur Bewunderung Frank: 
reichd und ber Niederlande machen würde!“ — 

„— Aber, hochwürdiger Vater“ — — ‚Ein Dom, 
zu welchem Pilger aus ale Welttheilen zu wallfahrten 
kaͤmen.“ — | 

Nach Tangem Sinnen und reiflichem Ueberlegen 
öffnete der Priefter einen Schrein, nahm eine Reliquie 
heraus und reichte fie der Alten, indem er fagte: „Bier, 
gute Mutter, nimm hier diefe Neliquie von den eilf⸗ 
tauſend Jungfrauen. Gib ſie Deinem Herrn. Er ſtecke 
ſie zu ſich bei ſeinem heutigen Gange. Sage ihm, daß 
er verſuchen möge, den Plan der Wunderkirche in ſeine 
Hände zu bekommen, bevor er den Pakt unterſchreibt, 
und dann dem Teufel dieſe Reliquie vorzeige.“ — 


Es war halb zwölf Uhr in der Nacht, als der 
Baumeiſter feine Wohnung verließ. Seine Amme ents 
ließ ihn unter Segnungen; er felbft hatte den Abend 
in brünftigem Gebete zugebracht. Unter dem Mantel 
trug er feinen Schußgeift, die heilige Reliquie. 

Er traf den Teufel am verabredeten Orte. Diefen 
Abend war er unverhüllt. „Fürchte nichts!“ rief er 


| 





Der Dombau gu Köln, . 50 


vem bebenden Baumeiſter entgegen, „fürchte nichtd und 
tritt näher.” Der Baumeiſter näherte fich ihm. 

„Hier ift der Plan’ zum Dome, und hier der Vers 
trag, den Da unterfchreiben ſollſt.“ 

Der Baumeifter erfannte, daß der Augenblick ges 
fommen war, von dem fein Heil abhing. Er empfahl 
fih dem Himmel in einem leiſen Gebete, und ergriff 
fodann mit ber einen Hand den Plan, während er die 
andere mit der heiligen Neliquie erhob und ausrief; 
„sm Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen 
Geiſtes, und Kraft diefer heiligen Neliquie, beſchwöre 
ich Dich, Satanad, weiche gun binnen! | 

Der Teufel ftand einen Augenblid unbeweglich da. — 
„Das bat. Dich ein Pfaff gelehrt,‘ hob er endlich zäh⸗ 
nelnirfchenb an,” folche Lift Eonnte nur die Kirche ers 
finnen!’ Und er trachtete, dem Baumeifter feinen Plan 
wieder zu entreißen und drohte, ihn zu tüdten. Der 
aber war auf feiner Hut, drücdte den Plan feft an feine 
Bruſt nnd bielt dem Zeufel die Neliquie ald Schild 
entgegen. . 

„Sch bin beſiegt,“ fchrie Satanad nad, einigen 
Sekunden fruchtlofen Beftrebend, „ich bin befiegt, — 
doch ich werde mich zu rächen willen, troß Deiner 
Pfaffen und Reliquien. Diefe Kirche, die Du mir ges 
ftohlen haft, foll nie vollendet werden, und Dein Name 
fol nie genannt werden von den kommenden Geſchlech⸗ 
tern. Verdammt wirft Du nicht werden, Erbauer des 
Kölner Domd, aber vergeffen follft Du werden und 
unbekannt bleiben immerdar!“ 

Und mit diefen Worten verſchwand der Teufel. 


60 J Der Dombau zu Köln 


Seine letzten Worte hatten ben Baumeiſter feltiam 
ergriffen. Vergeſſen nnd unbelannt! — Er ging nad 
Hauſe und war traurig, ob er gleich im Beſitze des 
erfehnten Planes war. Demungeachtet ließ er am andern 
Morgen eine Danfmeffe lefen und unmittelbar barauf 
die Arbeiten am Dome beginnen. Der Baumeifter ſah, | 
wie fie vorfchritten, wie die Mauern ſich nach und nad 
erhoben, und gab ſich der Hoffnung hin, daß die Weiſſa⸗ 
gungen ded Teufels nicht in Erfüllung gehen würben. 
Auch wollte er feinen Namen in eine eherne Platte 
hber dem Portale eingraben lafien, um dem Fluche ber 
Vergefienheit: zu entgehen. „Eitle Hoffnung! Bald um 
terbrachen Fehden zwifchen dem Bifchofe und den Bürs 
gern von Köln die Arbeiten am Dombau. Der Baus 
meifter felbft ftarb eined yplößlichen Todes, unb unter 
Umftänden, die da eine Einwirfung bed Zeufeld vers 
muthen ließen. 

Seit jener Zeit hat man zu verfchiebenen Malen 
erfolglos verfucht, den Ban zu Ende zu bringen, unb 
vergeblid; haben die Gelehrten Deutfchlaude nach bem 
Kamen ded Baumeifterd geforfcht. Der Dom ift nod 
heutigen Tages unvollendet, fo wie des Meifters Name 
unbefannt. 


Per Kampf mit dem Füwen. 


reiche und mächtige Stadt Köln hatte faſt immerfort 
ge Kehden mit ihren Erzbifchöfen zu beſtehen. Kunfts 
‚, Gewerbe und Handel hatten fie auf eine ber 
3 Stufen unter den Städten Deutſchlands empors 
ben; neben dem eigentlichen Bürgerfiande Iebte 
halb ihren ausgedehnten Mauern ein zahlreicher 
„ oft uneinig unter fich felbft, bald Partei machend 
yem Bolfe, bald gegen baffelbe. Mit den geiftlis 
Herrfihern feßte ed manchen harten Strauß ab, 
ver Freiheiten und Privilegien Willen, welche bie 
'hängigfeit Tiebende Stadt mit großer Beharrlichkeit 
t deren Einfluß und Uebermacht zu behaupten 
md. 


62 Der Kampf mit dem Löwen. 


Faſt zu feiner Zeit indeß ging es toller und wilder 
zu im Erzftift, ald unter Engelbredjt von Falfenburg, 
welcher im Sahre 1261 dem Gründer ded Doms, Konrad 
von Hochfteden, folgte. Anfangs trat der neue Herr 
mit großer Kraft auf und fuchte die widerfpenftigen 
Bürger durch Gewaltthätigfeit zu fchreden; noch erins 
yert an den Beginn feiner Regierung der Bayenthurm, 
mit feinem flarfen Mauerwerk, feinen Gitterfenftern, 
feinen Wappenfchildern und Zinnen, ald ein weither . 
fhon erblicktes Wahrzeichen der alterthümlichen Stadt 
am Ufer ded Stromes. ' Aber im zweiten Jahre bereits 
brach der Sturm gegen die ungewohnte Zwangherrfchaft 
1085 die Thürme wurden von den muthigen Bürgern 
erftürmt und die Fölnifche Fahne auf ihnen aufgepflangt, 
. bie Söldner des Erzbifchofd von den Thoren verjagt. 
Der entbrannte Engelbrecht belagerte die ungefügfame 
Stadt, mußte fich aber endlich nothgedrungen au einent 
Bergleiche verfteheit. 

Neben Mathias Overftolz, dem durch ſeine tätige 
Theilnahme am Kampfe gegen den Erzbifchof Konrab 
berühmten Boigte, dem Sprößling einer Familie, beren 
Urſprung in die Römerzeit zurüdgeführt, und beren 
Namen hundertmal in der Gefchichte der bürgerlichen 
Unruhen jener aufftrebenden, bewegten Zeit genannt 
wird,. hatte, fich der Bürgermeifter Hermann Gryn, 
einem ber älteften und edelften Häufer Kölns angehör 
rend, vor Allen in der mannhaften Verfechtung der In⸗ 
terefien und Gerechtfame des Volkes hervorgethan. Ward 
er deshalb von dieſem geehrt und geliebt, fo hatte ihm 
dagegen die erzbifchöfliche Partei unverfühnlichen Haß 





Dev Kampf mit dem Löwen. 63 


und Rache gefchtworen. Wenn nun, nach eingegangenen 
Vergleich und wenigfiend für, ven Augenblick wieders 
hergeftellter Ruhe, Feine Gelegenheit vorhanden war, 
ihm öffentlich etwas anzuhaben, fo fannen feine Feinde 
um fo eifriger darauf, ihn durch heimliche Ränke zu 
verderben. Um. zu ihrem Zwede zu gelangen und ben 
Argwohn einzufchläfern, ſtellten fie fich freundlich und 
verföhnt: aber Honig hatten fie auf den Lippen, Galle 
im Herzen. Endlich war ihr Plan reif: fie glaubten 
eine ſichere Falle geftellt zu haben, ben Gryn zu fangen 
und zu verderben. 

Unter den Domherren des Erzſiifts gab es zweie, 
die, durch böſe Einflüſterungen des den Kölnern vor⸗ 
züglich feindlich gefinnten Raths des Erzbiſchofs, Des 
Hermann von Wittinghof, fo wie durch eigenen Groll 
angetrieben, ja, wie es heißt, vom Falfenburger felbft 
zu böfer That ermuntert, längſt fchon gefucht hatten, 
ſich mit dem Bürgermeifter in ein genaueres Verhältniß 
zu fegen, und welche fcheinbaren Antheil an den Interejjen 
der Stadt geſchickt ald Vorwand zu gebrauchen wußten. 
Es gelang ihnen wie fie wünfchten. Der Ritter Hers 
mann, offen, ehrlich und arglos, hielt ihr Entgegen- 
kommen für aufrichtig, und fah ed ald Gewinn an, 
auch Die geiftlichen Herren zum heil auf des Volkes 
Seite herüberziehen zu können. So gefchah es denn, 
daß, als die Beiden ihn eines Tages um feine Gegen⸗ 
wart bei einen Mahle baten, ſich in gefelligem Geſpräche 
mit ihm zu vergnügen, er bereitwillig der Einladung 
folgte. Zur beftimmten Stunde verfügte er fi nad 
dem Domkloſter, welches in biefen. Zeiten der Zerwuͤrf 


64 Der Kampf mit dem Löwen. 


niß nur Wenige zu betreten pflegten, unb nahm Sein 
Arg, ale fie fi erboten, ihm vorerft die verfchiebenen 
Gemaͤcher der fchönen Wohnung zu zeigen, um fo mehr, 
da die übrigen Gäfte, weldye man zu erwarten vorgab, 
noch nicht eingetroffen waren. 

Sp ging denn Gryn, die wohnliche Einrichtung 
des ftattlichen Stiftsgebäudes bewundernd, mit feinen 
Führern von einem Zimmer zum andern, bis fie, am 
Ende eined langen Ganges im Erdgefchofie, an eine 
Thüre gelangten. Der eine der Domherren ſchloß auf, 
der Ritter trat in eine große, halbbunfle, gewölbte 
Halle — im Augenblid aber, wo er ben Fuß hinein⸗ 
feste, fchlug krachend das ſchwere Eichenthor hinter ihm 
zu, während and einem Winkel ein graufenerregender 
Ton erfhol. Kaum hatte Gryn Zeit fich zu befinnen, 
fo fah er vor fich in geringer Entfernung die drohenden 
Augen eines Löwen leuchten, den man hier eingefchloffen 
hielt, und beffen Wuth tagelanges Hungern noch vers - 
mehrt hatte Der Moment ber drohenden Gefahr 
raubte dem Ritter die Entfchloffenheit nicht: einen 
Schritt zurädtretend, umwickelte er rafch ben einen Arm 
mit dem langen Tuchmantel, welchen er trug, riß fein 
Schwerdt heraus, ftieß, gegen die fchügende Wand ſich 
drückend, bie Linfe in ben weitgeöffneten Rachen bes 
im Nu mit einem entfeßlichen Sprunge auf ihn einftür 
genden Thieres, während fein Stahl ihm die Bruſt 
durcchbohrte. Der Kampf war bald entfchieden: erſtickt 
und im Blute ſchwimmend lag der Löwe am Boben. 

Alled died war bad Werk weniger Yugenblide, 
Bevor noch der auf fo wunderbare Weiſe Gerettete 


Des Kampf mit dem Ediwen. 05 


„Zeit hatte, fi von dem Drange ber ihn beflürmenden 
Empfindungen zu erholen, fchlugen verworrene Töne 
von.auffe® her an fein Ohr. Ein wilder Tumult erhob 

ſich auf der Straße. Die beiden Verräther, denen es 
nicht in den Sinn gefommen war, an bem Gelingen 
ihres meuchelmörderifchen Planes zu zweifeln, waren 
fogleich auf die Gaffe gerannt, wo fie laut um Hülfe 
fhrien: der Bürgermeifter fei von dem Löwen des Erz 
biſchofs angefallen worden. Das Volk firömte herbei — 
eine ungeheure Menge hatte fich bald zufammengerottet, 
ale man plößlich wider das letzte Fenſter des Gebäudes 
wiederholt anfchlagen hörte. Die Domherren wurden 
todtenbleich; ein Dichter Haufen ſtürzte hinein — bie 
Thüren wurden erbrochen, und im Subel wurde der 
yon Blut befprüste, aber nur leicht verletzte Held auf 
den Armen der Seinigen heraudgetragen. Keiner traute 
feinen Augen, als er den Löwen tobt hingeftreckt, den 
Bürgermeifter, ben fchon verloren geglaubten, lebend 
erblickte. 

Die feigen Miffethäter hatten ſich durch die Flucht 
zu retten gefucht. Bald aber wurben fie von der 
tobenden Menge ergriffen, und nad, kurzem Prozeß, 
ohne Rüdficht auf die Priefterwürbde, die fie gefchändet, 
unter dem, nahe am Domflofter gelegenen Thore auf 


gefnüpft. Diefes fol von diefer Zeit an das Pfaffen 


thor genannt worben fein: höher hinauf gehende Alter: 

thumsforſcher wollen indeß dieſe Benennung aus den 

Roͤmerzeiten herleiten, indem fie eine- Porta Paphia 

daraus machen. Am Portal bed alten Rathhauſes, 

einem der merfwürbigften und am meiften in die Augen 
| .. M 


Ey 


66 Der Kampf mit dem Loͤwen. 


fallenden Bauwerke, welche das an Erinnerungen und- 
Dentmalen aus den hier fo rührigen Zeiten bes Mittels 
alterd reiche Köln zieren, fieht man die That des 
Bürgermeifterd Hermann Gryn auf einem Steine in 
balberhobener Arbeit dargeſtellt. 


Albertus Magnus. 


Um die Mitte des breizehnten Jahrhunderts lebte und 
ehrte in Köln Albertus, Teutonifus und gewöhnlich 
Magnus zubenannt, denn der Ruf feiner Gelahrtheit 
yatte fich in allen Landen verbreitet und ihm Schüler 
8 ‚den fernften Gegenden zugeführt. Nicht nur in 
ven philofophifchen Wiffenfchaften berühmt, fondern auch 
a den mathematifchen, legte er ſich mit befonderem 
Sifer auf die Mechanif, und hatte allerlei Mafchinen 
rfunden und gefertigt, fo unter andern auch eine Bild» 
äule, die ihm auf feine Frage Rede und Antwort gab, 
velche aber von feinem Schüler, Thomas Aquin, aus 
Inwiffenheit oder Wengftlichfeit zerftört wurde. 

Auch verftand Albertus noch fonft viele geheimen 
Rünfte, die ihm unter feinen Zeitgenoffen den Namen 
ined Negromanten zuzogen. Als im Jahre 1248, um 
as Feſt der Geburt bed Exlöferd, der von Erzbiſchof 


8 u Albertus Magnus, 


Konrad von Hochftetten gegen den Hohenflaufen Fried 
rich II. bei Worringen zum König gewählte Graf 
. Wilhelm von Holland, von Aachen ans, das er belagert 
hielt, nach Köln gezogen fam, um hier die Weihnachten 
zu begehen, verlangte e8 ihn fehr, auch den berühmten 
Gelehrten, Albertus, kennen zu lernen. Er entbot ihn 
Daher zu einem Abendfchmaufe. Albertus fam und war 
. bereit, auf ded Königs Begehr, einige feiner Künfte 
zu zeigen. Zuerſt nahm er einen Humpen Rhein⸗ 
wein, murmelte einige Worte, und fieh, aus dem 
Humpen fprüheten blänliche Flämmchen, worauf er den 
Mein gegen bie Dede ausgoß, jo daß Die Ritter und 
Serren ihre Köpfe bargen, um ſich vor dem Feuer zu 
fhügen, aber die herabfallenden Tropfen wurden zu 
buntgefiederten Vöglein, die im Zimmer umberflatter; 
ten und allerlei Tiebliche Werfen flöteten. Dies gefiel 
nun dem jungen König und feinen Edlen gar wohl; 
doch fohnitten dieſe gar faure Gefichter, als ihnen aus 
ihren Bechern, wenn fie Diefelben zum Trinfen anfeßten, 
auch die lohen Flammen entgegen fchlügen, und fie 
Daher mit trodener Gurgel fiten mußten, worüber fi ich 
Koͤnig Wilhelm waidlich ergoͤtzte. 

Albertus ſchritt darauf einige Male um den Tiſch, 
ber nur mit den fpärlichen Gerichten beſtellt war, die 
der Winter bietet. Mit einem Male Iachten den Gäften 
die fchmadhafteften Frücdte und Speifen entgegen, 
welche nur die Gabe der heitern Sommermonde find. 
Auh das Koftbarfte war hier zu finden, die Sinne 
der ganzen Geſellſchaft auf's erquickendſte belebend, und 
Alle griffen, - bei biefem Iodenden Anblide des erfen 


Albertus Magnus :69 


Spuks vergefiend, wader zu. Doc Albertus war 
alfobald verfchwunden, und mit ihm bas anmuthige 
Sefiht. Bar poſſierlich und wunderlich fah es aber 
aus, wie bie Föniglichen Edelherren und Ritter ſich 
einander bei den Nafen hielten, die Finger in den 
Mund geftekt hatten, oder an den Zipfeln ihrer 
Mäntel kauerten. — Am allerdrolligiten war aber 
des‘ Könige Schallönarr anzufehen, der unter dem 
Tiſche fauerte und eines Rindes Schweif ins Maul 
gefteckt hatte. 

Wollten fich die Herren anfänglich auch ärgern, 
fo mußten fie, ftaunend, zulegt doc, über den Infligen 
Streich lachen. 

Der König machte am andern Tage, fammt feinem 
Gefolge, dem Albertus einen Befuch im Klofter, um 
hier feine Kunftwerfe in Augenfchein zu nehmen. Als 
fi die Herren nun allenthalben umgeſehen, frug ber 
Magus den König, ob er nicht wünfche, einmal feinen 
Blumengarten zu fehen. Laut fingen Alle an zu lachen, 
denn war es doch fo Falt, daß der Rhein bid auf den 
Grund eingefroren, und nur an Blumen auf den Fen⸗ 
fterfcheiben zu denken war. 

Albertus führte fie aber durch ein Pförtlein, und 
mit einem Male befanden fle fich in dem herrlichiten 
Garten, den fie je gefehen. Sie wagten kaum ben 
Fuß voran zu fegen und rieben die Augen, ald ob ein 
Traumgeficht fie blende. Mailich blühten vingsher die 
Tieblichften Blumen in Geflalten und Farben, die ihnen 
alle fremb waren, und füllten die Luft mit den füßelten 
Düften. Die. feltfamften Vögel mit buntem Gefteber, 


20 Albertus Magnus, 


groß und Fein, heil zwitfchernd und ſingend, flatterten 
ſich neckend durch die blühenden Bäume und Sträucher, 
wiegten fi auf den mit Blüthen und Früchten -prans 
genden Xeften, zwifchen welchen klare Springbruunen 
ihre das Spiel der Negenbogenfarben wiederholenben 
Strahlen im blendenden Sonnenlichte emporfchoffen. 
Alle waren hoch erftaunt ob dem freundlichen Mal⸗ 
garten und fonnten fih von ihrem Staunen nicht ers 
holen, yflücten fih auch wohl manche der fchönen, 
feltfamen Blumen, welches ihnen Albertus auch nicht 
unterfagte. Ded Königs Schalfsnarr hatte vor will. 
mutbiger Luft: feine Schellenfappe auf einen Baum ges 
worfen, und war, um fie zu holen, binaufgeruticht. 
Als ſich Alle nun fo recht nach Herzensluft wunderten 
ob der fchimmernden milden Frühlingspradht, war auf 
einmal Alles verſchwunden; die ſich Blumen und Früchte 
gepflüct hatten, hielten verborrte Reiſer, trodene 
Tannzapfen oder gelbe und weiße Rüben und Dergleis 
chen in den Händen. Hoch in einem Fenſter war Des: 
Königs Schalfenarr zwifchen den Gitterftäben einges 
klemmt, und fihrie gar erbärmlich, da er nicht vorwärts 
noch rückwärts fonnte, Alle mußten darum über den 
feltfamen Trug lachen und verabjchiedeten fich vergnügt 
von dem weifen Albertus, Alfo gefhah um Weihnachten 
des Jahres unſeres Heild 1248 in der freien Reichsſtadt 
Köln, wo Albertuß auch im Jahre 1280 ftarb und feine 
irdischen Ueberrefte ruhen. Bor feinem Ende war er. 
ganz dumm geworben, denn ald er in feiner Jugend 
in den PredigersOrden getreten, war er fo tölpelhaft 
dumm, bapß er auch dad Geringſte nicht faſſen konnte. 


Albertus Magnus, 71 


Auf fein inbrunftiges Gebet erfchien ihm die Mutter 
ded Herrn, und fragte, ob er in der Gottedgelahrtheit, 
oder in der Weltweisheit ausgezeichnet fein wolle? Da 
er leßtered vorzog, fo geftand ihm die heilige Sungfrau 
Died zwar zu, jedoch follte er drei Sahre vor feinem 
Ende wieder ganz dumm werden, welches auch gefchah, 
fo daß er auf einmal in feinem Bortrage ftecfen blieb. 
Man bat daher gefagt, Albertus fei zweimal auf wun- 
derbare Weiſe aus einem Efel in einen Weltweifen und 
aus einem Weltweiſen in einen Efel verwandelt worden, 


Hermann JIofeph. 


(Hierzu das Bild II., erfunden von H. Kretſchmer, geſtochen von 
Eduard Schuler.) 


In ber Stadt Köln fteht ein fattliche$ Gotteshaus, 
von Finden umfchattet, zu St. Marien, im Capitol 
genannt, weil einft die Stelle defjelben ber Römer 
Gapitol eingenommen haben fol. An ber füd-öftfichen 
Seite deſſelben befindet fich ein niedliched Thor im 
Spitzbogenſtyle, mit vier Nifchen überbaut, in welchen, 
in alten Steinbildern, die Anbetung der heiligen brei 
Könige Ddargeftellt ifl, Neben diefem Thore, vom 
Bolfe Dreifönigenthörchen genannt, wohnten vor Tangen 
Ssahren arme, aber fehr brave und gottesfürchtige Leute, 
Der Mann, ein Schufter, frchte mit feiner Hände Arbeit 
feine Fleine Familie, fo gut er konnte, zu ernähren, 
Der Eltern höchfte Freude war ihr einziges Söhnlein, 
Hermann Joſeph; denn, fromm, gefittet und tugenbs 
haft, ſuchte der Kleine durch Gchorfam und Findliche 
Anhänglichfeit das zu vergelten, was fie mit forgender 
giebe für ihn thaten, 


Hermann Sofeph. 13 


Hermann Gofeph wurde von feinen Eltern zur 
Schule geſchickt, und nie ging er hin, ohne zuvor vor 
einem fleinernen Mutter-Gotted-Bilde in der nahgelegenen 
Kirche fein kindliches Gebet zu verrichten. An Spiels 
tagen, wenn die andern Knaben ſich auf den Pläßen 
und Straßen herumtummelten, eilte er zu feinem lieben 
Plaͤtzchen und erzählte dem freundlich blickenden Jeſus⸗ 
finde, das die Heilige Mutter auf dem Arme trug, was 
er alles gelernt und was er noch lernen wollte. Hold⸗ 
felig horchte dad kleine Jeſuskind feinen Erzählungen, 
und ud ihn oft ein, zu ihm hinauf fpielen zu kommen; 
aber ed war dem Kleinen immer zu hoch, bis dahin, 
wo bas Bild ſtand. Wenn er dann fo traurigen Blickes 
binauffchaute, tröflete ihn Maria, daß er einfl größer 
werden und dann auch mit dem Sefusfinde fpielen folle. 

Als ihm nun eines Tages die Mutter einen wunders 
fhönen Apfel gefchenft, eilte er, freudigen Muthes, zu 
feinem Mutter-Gottes-Bilde und bot ihn dem Kindlein 
mit ben Worten bar: „Da haft Du meinen Apfel!” Der 
Feine Sefus reichte mit freundlichem Blicke zu ihm herab 
und nahm den Apfel. Unbefchreiblich war des Knaben 
Freude, und wenn er nur immer etwas zum Gefchenfe 
erhielt, Obſt oder. Kuchen, fo hatte er nichts Eiligeres 
zu thun, ald es bem Sefusfindlein zu bringen, welches 
die Gabe auch immer mit Dank hinnahm. 

Hermann Sofeph follte, da er größer wurde, aud) 
Schufter werben, denn feine Eltern konnten bie Koften 
nicht mehr beftreiten, und ihn daher nicht mehr zur 
Schule ſchicken. Betruͤbten Herzend, denn er hätte fo 
gerne noch mehr gelernt, fchlich er nun eined Nachmit⸗ 


74 Hermann Iofepb. 


tags nach der Kirche, um dem Sefusfinblein fein Leid 
zu Hagen. Als er fo mit Thränen im Auge zur Maria 
und ihrem Sohne binauffchaute, frug ihn die Hochges 
benedeite: „Was ift Dir, Hermann Joſeph?“ und er 
erzählte feinen Kummer, wie er ja noch fo gerne in bie 
Schule ginge, died aber feinen Eltern zu ſchwer ftele, 
und er nun Schufter werden müſſe. 

„Das folft Du nicht, Hermann Joſeph,“ ſprach 
milde die Tröſterin, „geh' in den Kreuzgang, dort fin⸗ 
deſt Du links an der Thüre einen Stein, den hebe nur 
auf, und Du wirſt finden, was Du bedarfſt.“ 

Mit Thraͤnen im Auge dankte Hermann Joſeph 
ſeiner gütigen Beſchützerin und eilte nach dem Steine, 
den er, wenn auch ziemlich gewichtig, ohne Mühe fort⸗ 
bob, und unter demfelben aud) fand, was ihm nöthig 
war. Er fonnte jest, auch ohne feinen Eltern im Ges 
ringften zur Laſt zu fallen, ferner am Unterrichte Theil 
nehmen, denn was er nur immer bedurfte, fand er 
unter diefem Steine. Nie ließ er aber auch ab, feiner 
Beihüserin zu danfen, immer blieb fein liebſtes Pläßs 
‚chen vor dem gnabenvollen Bilde in St. Marien im 
Capitol. 

Hermann Joſeph ſtudirte jetzt aufs Fleißigſte, 
und Alles, was er nur angriff, gelang .ihm durch dem 
Beiftand der Muttergottes. 

Al er nun dad Alter erreicht hatte, wo man fid) 
einen Stand zu wählen hat, befcjloß er, fi) dem geißs 
lichen Stande zu widmen und in ben Orden der Bene 
biktiner zu treten. Er erfah fid) Dazu das Klofter zu 
Steinfeld in der Eifel, wo man ben gettesfürchtigen 


Hermann Iofeph. 75 


Jüngling auch gerne aufnahm. Mit allem Eifer legte 
er fih man auf dad Studium der Philofophie und 
Theologie, und ließ Tag und Nacht nicht ab von feinen 
Bemühungen, fo, daß er feine Fürfprecherin Maria, 
- beinahe darüber vergaß. Aber, fiehe! alle feine Ans 
firengumgen waren umſonſt; er konnte Feine Kortfchritte 
in den Wiffenfchaften machen, fo ernftlich er es fich 
auch angelegen fein ließ, Da nahm er feine Zuflucht 
wieder zum Gebete, und als er nım eines Nachts auf 
dem Chore voll inniger Andacht faß, von den Arbeiten 
des Tages ganz erfchöpft, Fam ein füßer Schlaf über feine 
Augen und er träumte einen fchönen Traum. Er’bes 
fand ſich in einem wundervollen Garten, in dem die 
Vieblichften Kräuter dufteten, bie herrlichften, von ihm 
nie gefehenen, Früchte auf den Baumen prangten, deren 
Hefte von taufend Vögeln belebt waren. Ein nie vers 
nommened Klingen durchbebte die Luft, füge Stimmen 
. fangen dazwifchen Lobgefänge dem Herrn, und anmu⸗ 
thige Brünnlein riefelten durch biumenreihe Matten, 
Endlich erfchien die Mutter Gottes, fo wie er ſie in 
den Tagen feiner Kindheit unzählige Male zu St. 
Marien im Sapitol gefeh’n, das Jeſuskindlein an der 
Hand führend, welches ihn mit freundlicher Geberde 
einlud, jeßt auch einmal mit ihm zu fpeifen, da er ihm 
fo manden fchönen Apfel und andere fchöne Sachen 
gefchenft habe. Hermann Sofeph nahm die Einladung 
danfend an, und ald er nun an ber reichen Tafel, von 
wunderholden Englein bedient, ſich des Himmels Koft 
recht ſchmecken ließ, erwachte er — und des Traumes 
Erfcheinungen waren auch verſchwunden. Er fühlte fih - - 


76 Hermann Joſeph. 


aber auf eine eigene Weiſe geftärft und in feinem tm 
nerften Wefen ganz verändert. Seine Studien hatten 
jet rafchen Fortgang. 

Bon Allen geehrt und geliebt und, befonders feiner 
Gelehrſamkeit wegen berühmt, lebte Hermann Sofeph 
noch lange Zeit in der Abtei zu Steinfeld, wo er aud 
ftarb, und wo jetzt noch fein Grab gezeigt wird. 

Sn der Kirche zu St. Marien im Capitol ift zur - 
rechten Hand am Ende der Nebenhalle Hermann Sofeph, 
ber fpäter heilig gefprochen wurde, in Stein abgebildet, 
wie er ald Schüler dem Sefusfinde einen Apfel bare 
reicht, zum ewigen Gedächtniß diefed frommen Mannes, 


Nichmodis von Aducht. 


Jede des Grabes herrſchte in den ſonſt ſo volkbelebten 
ztraßen der Stadt Köln, denn zahllos waren bie 
pfer, welche die Peft hier im Sahre 1400 dahinraffte. 
a8 Sterben war fo groß und fo allgemein, daß man 
en Leichen nicht einmal ein ehrlich, chriftliches Begräb⸗ 
iß geben Fonnte, fondern fie in großen Gruben vers 
harren mußte, um fie nur and dem Wege zu räumen. 

Zu ber Zeit lebte auf dem Neumarkte, in bem 
aufe zu den Papagayen eine ehrbare Frau, Namens 
ichmodis, Gattin eined Herrn von Aducht. Sie wurde 
anf, und in wenigen Tagen ruhte fie ſchon im Sarge. 
yr Gemahl ließ ſie auf dem Friedhofe zu St. Apoſteln 
iſetzen. Die Todtengraͤber hatten aber wahrgenom⸗ 


— 


. 78 RKichmodis von Aducht. 


men, daß die Leiche noch ihre goldenen Ringe an den 
Fingern trug, und beſchloſſen der Todten dieſe Koſt—⸗ 
barkeiten zu nehmen. In der Nacht ſchlichen ſie daher 
zu dem Grabe, ſcharrten die Erde weg, und öffneten 
den Sarg. Schon waren ſie im Begriff der Leiche die 
Koſtbarkeiten abzuſtreifen, als ſich Frau Richmodis, 
aus tiefer Bruſt aufſeufzend, im Sarge erhob. Die 
Todtengräber ergriff ſtarrer Schrecken, aus dem ſie erſt 
aufwachten, als Frau Richmodis die Worte ſtöhnte: 
„Wo bin ih?” Sie flohen, taub gegen das Hülferufen 
der Faltitarren Frau. 

Fran Richmodis entftieg der Gruft, nahm die von 
den Entwichenen zurücgelaffene Leuchte, und wanfte 
ſchwach ihrer Wohnung zu. Sie pochte an. Die Dies 
ner famen, eilten aber eben fo ſchnell wieder zurüd, 
als ihnen auf ihre Anfrage, wer fo ſpät noch Einlaß 
begehre, die Antwort wurde: „die Hausfrau,” und fie 
auch derem Etimme erkannten. Aengftlich verbargen fie 
fich in ihren Betten. Die Frau ließ aber nicht ab zu 
pochen, und pochte fo lange bis ihr Eheherr erwachte 
und den Dienern befahl, nachzufehen, wer braußen vor 
dem Thore ſei. Zitternd vor Angft berichteten fie, ber 
Geiſt der grau verlange Einlaß und fie feien zu furcht—⸗ 
ſam, um noch einmal zum Thore zu gehen. Der Herr 
fchalt fie Narren, da fie ihm aber verficherten, ber 
Hausfrau Stimme erfannt zu haben, ging er felbft zum 
Fenſter und frug, wer draußen poche. 

Er ſah die noch in das Leichentuch Gehüllte, und 
ſchauderte unwillkührlich zuſammen, als er ſeiner Ehe⸗ 
frau Stimme feloft erkannte, die ihn anflehte, fie doch 


Dichmodis von Aducht. 79 


einzulaſſen. Er ermannte ſich und fragte, wer ſie denn 
ſey? „Wie? Du erkenn Deine Gattin nicht mehr,“ 
antwortete Frau Richmodis fchluchzend. 

Es ift fo viel möglich, daß Du meine Gattin big, 
ſprach der Herr von Aducht, als daß ſich meine Pferde 
aus dem Stalle losreißen und auf den Söller gehen. 
Kaum hatte er das Wort über feine Lippen gebracht, 
als er feine Hengfte auch ſchon laut polternd die Stie- 
gen hinan ftürmen hörte. Er flog mehr, ald er die 
Treppe herunter ging, um ber Wiedererftandenen die “ 
Thüre zu öffnen. Mit forgender Liebe bot er nun Alles 
auf, um die Halberftarrte zu erquicken und fie wieder 
ganz in's Leben zurüdzurufen. 

Noch viele Jahre hindurch erfreute fich Frau Rich⸗ 
modis der beten Gefundheit, und befchenfte ihren Ge- 
mahl noch mit drei gefunden Kindern. Kein Fächeln 
fpielte saber mehr auf ihren Lippen, felbit wenn ftille 
Freude ihre Seele füllte. Emfig webte fie ein Faften- 
tuch, welches fie der Kirche zu den heiligen Ayofteln 
fhenfte, und worauf ihre Wiedererwedung aus dem 
Grabe gefchildert wurde. 

Als fie endlich im hohen Alter verfchied, wurde fie 
neben ihrem Gemahl am Eingange der Kirche, in einem 
erhöhten Grabe beigefeßt, und Tiebliche Töne flüfterten 
dem aufmerffam Horchenden aus dem Grabe zu. 
Der Hergang der Wiedererweckung wurde im Haupt- 
Eingange der Kirche zum ewigen Andenken gemalt, 
Doch ift dieſe Halle, wie Bieled Des Alterthuͤmlichen 
in Köln, zerſtört, und mit ihr die Schilderef — Ume 
fonft fucht der Wanderer auch jegt noch hie Pferde, 


. 


u 


80 Richmodis von Kuh 


welche der Sage nach, zur Erinnerung an diefe Vege⸗ 


. benheit, auf dem Neumarkte im Söfferfeniter des 


Hauſes aufgeftelt waren, welches die Familie von 
Aducht bewohnt haben ſoll. 


“rn 


IT 


Be 


7 


Der Bing der Faſtrada. 


(Hierzu das Bild JII., erfunden von A. Rethel, geftochen von 
E. Rauch.) 


Das anmuthige Thal, in welchem das betriebfame 
L Aachen mit feinem Ruhme alter Zeit und dem Wohl 
ftande und der Blüthe jüngerer Tage fich zwifchen fanfts 
auffteigenden Höhen birgt, hat manches ftille freundliche 
Plaͤtzchen, welches fo recht dazu gefchaffen ſcheint, der 
Doefie vergangener Sahrhunderte, der mittelalterlichen 
e Sage, einen willfommenen Zufluchtort zu bieten, nadıs 
Dem es ihr zu laut geworden ift und unheimlich in dem 
Getriebe einer Stadt, in welcher dad Moderne allmähs 
lig den Sieg davon getragen hat über das Alterthüms 
liche des vormaligen Sites des heiligen römifchen 
Reiches. Da beften ſich denn liebe Erinnerungen an 
graue bemonfte Steine, mit dem falben Eppich ranfet 
fidy der Gedanke an Thurm und Maner hinauf, jugend» 
6 


8 Der Ring der Faſtrada. 


liche Tage fcheinen dem Grabe zu entfleigen, und uns 
geftört darf die Bruft fich ihrer Schnfucht nach Uners 
reichbarem, ihrer Trauer um Unerreichtes, das Die 


Bergangenheit und in ihr die Zukunft im Traume ve, 


fchönte, überlaflen. 

Per, der die Poefie der Jugend durchlebt hat und 
gefchwelgt hat vor alten Bildern und in alten Erinnes 
rungen, bat nicht in wehmüthiger Betrachtung vor 
Frankenbergs Trümmern geitanden? Noch Iteht, 
ziemlich erhalten, der neuere, bewohnte Theil diefer 
Friedensburg, deren Thürme halb eingeftürzt liegen, 
mit ihrem Geröll den Abhang ded mit Sefträuchen und 
Bäumen bewachſenen Hügeld deckend, um welchen ſich 
der fchilfbedecfte Teich, von den Bogen einer hohen 
Brüde überbaut, dahinzicht, umgeben von üppigen, 
fmaragdnen Wiefen, deren Grenze an mehren Orten 
die fühle Waldung bildet. An einem fchönen Früh—⸗ 
lingemorgen muß man dieſe Gegend fehen, um ihren 
Reichthum und ihre Anmuth aanz zu begreifen; wenn 
der Than in Perlen glänzt, wenn die Lerche fteigt, 
wenn das frifche Grün der Bäume die alten Thürme 
ber. nahen Stadt nur halb durchblicken läßt in ber 
duftigen Morgenluft. Dann begreift man wie er, der 
gewaltige, ruhmgefrönte Kaifer, dem die ganze Welt 
offen fand mit ihren Lodungen und ihrer Majeftät 
und Schönheit, ſich dieſes Thal auderfor, das ihm 
lieb war vor allen, und das er all feinen Pfalzen und 
Palläften vorzog in feinem unermeßlichen Reiche. 

Unter den vielen, in alten Chronifen und Gefängen, 
und im Munde des Volkes aufbewahrten Gefchichten 


Der Ring der Faſtraba— 83- 


Bon dem größten Kaifer der Deutfchen, find wenige 
befannter und rührender, als jene von der Kiebe, welche _ 
ihn an feine fchöne Gemahlin Faſtrada feffelte. Hatte 
F auch, ihrer Gewalt über Karl ſich bisweilen zu 
&igenen Zwecken bebienend, manche Unruhe im Reiche 
veranlaßt und manchen Unzufriedenen, Feinde fogar 
gemacht: er hing ihr fletd mit derfelben Zuneigung an. 
Da erfranfte fie fchiver, während fie mit dem Hofe zu 
Frankfurt, am Ufer des ruhig durch die fchöne Ebne 
fließenden Maines, verweilte. Des Kaiſers Betrübniß 
kannte Feine Grenzen: fle fteigerte fich zur Verzweiflung, 
als die geliebte Gattin verfchied. Aus dem Gemache, 
wo fie geitorben war, wid) er nicht: ein mmerflärlicher 
Zauber fchien fich feiner bemächtigt zu haben. Als die 
Leiche vor ihm lag, da ſchien es ihm, fie fchlafe nur: 
der Augenblid, wo er an ihren Tod geglaubt, fei ein 
böfer Traum gemwefen. Neben ihrem Lager kniete er, 
beftrebte fich fie zu wecken, rief ihr mit den füßeften 
Namen. | | 
Des Kaiferd Räthe und Höflinge wußten nicht 
was zu begintten: er wollte nicht davon hören, daß 
Faftrabas fterbliche Nefte zur Erbe .beftattet werben 
ollten; gebieterifch wies er Die von fich, welche davon 
tedeten, und antwortete, fie werde bald wiedererwachen 
aus ihrem Schluntmer. Ale fürdteten für die Vernunft, 
| und fogar für das Leben des Herrfcherd, wenn Diefer 
Inftand noch länger währte Während fie nun iu der 
quaͤlendſten Ungewißheit ſchwebten, hatte der froimme - 
1 Erzbiſchof Turpinus von Rheims, der Erſte in des 
al Kaifers Rath, ein Traumgeſicht, das ihm das Käthſel 






5. Der Ring der Faſtrada. 


erklaͤrte. Er jah nämlich einen Ring, welcher in bad 
Haar dev Kaiferin geflochten war — biefer war es, 
welcher Karl auch jet noch an die Abgefchiedene feflelte, 
Sein Entfchluß war bald gefaßt: am folgenden Mor 
trat er in das Gemach, und ohne Daß der Rate I 
bemerkte, nahm er heimlich den Ring zu fich- 

Kaum hatte er dies gethan, fo fand Karl auf 
und warf fich weinend in feine Arme. Es. war, ale 
gingen ihm jeßt Die Augen auf, als bemerfe er nun 
erft den Zuftand, in welchem der Körper fich befand: 
er fchauderte und wußte nicht wie ihm gefchehen war. 
Willig ließ er fi von dem Erzbifchofe aus dem Gemad) 
führen, ſetzte ſich zu Pferde und ritt, von den beforgten 
Bewohnern der Stadt bei feinem Wiedererfcheinen hoch 
begrüßt, nad) dem Rheine hin, woranf er bald in 
feinem geliebten Ingelheim anfam, und mit erneutem 
Eifer ſich den Gefchäften des Reiches hingab. Wie 
ein Traum war ihm Alles, was feit Faftradas Tode 
ſich ereignet hatte. Ihre ſterblichen Reſte aber, in 
Purpur und Gold gehüllt, wurden im feierlichen Trauer⸗ 
zuge von Frankfurt nach Mainz geführt, und dort in 
der Abtei von St. Alban zur Erde beftattet, wo Karl 
ihr ein prachtvolles Grabmal, ald Erinnerung an ihre: 
Würde und feine Liebe, zu errichten befahl. | 

Der Kaifer wollte von nun an immer den frommen 
Prälaten um ſich haben: nichts that er ohne feinen 
Rath, ohne ihn konnte er nicht leben. Der Erzbifchef 
benugte zwar diefe Zuneigung zum Beften des Reiches 
und der Kirche, Denn er war ein wohlmeinender und 
weifer Mann; aber fein frommer. Sinn nahm doc 


Der Ring ber Faſtrada. 3 


Anſtoß an dem, was ihn ein gottlofer Zauber bünfte, 
mweßhalb er ſich deffen zu entledigen befchloß. Mit 
diefem Gedanken ging er um, als er den Kaifer auf 
einer Reife nach Aachen begleitete, wo biefer bisweilen 
Weinen Aufenthalt zu nehmen pflegte. In bem Thale 
umherwandernd, wo die mohlthätigen heißen Quellen 
entfpringen, welche Karl bewogen hatten, fich hier eine 
Pfalz zu bauen, Fam Turpinus an einen Fleinen flillen 
See, der rings von Waldung und Wiefenteppich eins 
gefchloffen war. In diefen warf er Das verhängnißvolle 
Kleinod. 

Bon dieſer Zeit an glaubte ber Kaifer, dem feitte 
oberrheinifchen Pfalzen nur trübe Erinnerungen an fein 
verlorened Glück erwecten, das grüne Thal nicht mehr 
verlaffen zu können. Nur dann, wenn bie Reichsange⸗ 
heiten, welche Damals den Herrichern nicht geftatteten, 
an einem beftimmten Orte ruhig zu verweilen, fondern 
fie bald hie, bald dorthin riefen, es nöthig machten, 
trennte er fich von feinem Lieblingsort, zu dem er zus 
rücffehrte, fobald er frei war. Nicht blos die Stadt 
felbft fchmückte er mit Pallaft und Kirche; auch bei dem 
nahgelegenen See ließ er eine flattliche Burg erbauen, 
nachdem er einen Theil der Waldung gelichtet. Hier, 
in der durch nichts geftörten Einſamkeit ſaß er oft 
Stunden-dang, und blickte auf den Waflferfpiegel zu 
feinen Füßen, und Dachte alternd noch vergangener, 
glücklicher Zeiten. * 


Der Münfterbau zu Aachen 


und der Loosberg. 


Ein Jeder hat ſicherlich von Kaiſer Karl, und von 
feinem Muͤnſter in Aachen erzählen gehört. Die ger 
fehickteften Meifter und Werkleute wurden aus allen 
Gegenden des weiten Neichd herbeigeholt, um ben 
Wunderbau aufzuführen, melden ver fromme Herrfcher 
an dem Ort, den er vor allen liebte, der Mutter des 
Heilands zu widmen gedachte; Die Palläfte Welſchlands 
mußten ihre Zierbe hergeben, um das neue Gotteshaus, 
von waldbedeckten Hügeln umringt, würdig zu ſchmük⸗ 
fen. Schon erhob fi die Kirche, weit über benach⸗ 
barten Wohnungen, und ſchon berechnete manbie Zeit, 
wo fie vollendet da flehen würde: da bemerkte man 
plöglich mit großem Schrecken, daß das Geld auf bie 
Neige ging. Rangwierige Kriege hatten den Schatz 
erfchöpft, niemand wußte Rath. Schon waren eine 
Menge Arbeiter entlaffen worden, und trauernd fahen 


Der Münfterbau gu Rachen und ber Loosberg. 87 


die Bürger, wie immer weniger Hände ſich reg— 
ten, wie die Kalfgruben leer blieben, die großen 
Stämme und die fchönen, mit fo vielen Koften herge 
führten antifen Säulen unbenußt da lagen, wie Kelle 
und Winfelmaß mit Staub bedeckt waren. Da erfchien 
eined Morgens ein unbelannter Mann, und verlangte 
zum Magiftrat geführt zu werden. Nachdem man feis 
nem Begehren gewillfahrt,. erbot er fi das zum Bau 
nöthige Geld herbeizufchaffen. Die frpmmen Aachener 
hätten feine Füße gefüßt, wenn er es geftattet. Mit 
taufend Dankfagungen nahmen fie fein Anerbieten au, 
and frugen, welche Sicherheit er verlange und welche 
Bedingungen er in Betreff der Rüdzahlung mache. 

. Rüdzahlung verlange ich gar nicht, war Die Ant⸗ 
wort, und die Rathöherren fchlugen beinahe rüdlings, 
denn eine folche Uneigennügigfeit war felbft in jenen, 
im Prozentrechnen weniger geübten Zeiten, etwas Un- 
erhörted. Aber ihr Erfiaunen warb ganz “andrer Art, 
als der räthfelhafte Gaft fortfuhr: Zur einzigen Be⸗ 
Dingung mache ich, daß die erfte Seele, welche in bie 
fertig gewordene Kirche eingeht, mein wird. — Da 
merften die Herren, mit wem fie zu thun hatten — fie 
waren im Begriff ein Kreuz zu fchlagen und ein Apage 
Sat . . . ſchwebte dem Gelehrteften auf.der Zunge, als 
die vernünftige Betrachtung, daß eine fo fehöne Geles 
‚genheit die Kirche ohne Schwierigkeit und ohne daß 
man auf bad Geld zu fehen brauche, zu vollenden, fid) 
nicht Teicht zum zweiten Male darbieten würde, ihren 
frommen Abfchen noch zur rechten Zeit im Zaume hielt. 
Der Fremde ohne eine Miene zu verändern, fah fie 


Der Münſterbau zu Aachen 


und ber Loosberg. 


Ein Jeder hat ſicherlich von Kaiſer Karl, und von - 
feinem Münfter in Aachen erzählen gehört. Die ges 
fehichteften Meifter und Werkleute wurden aus allen 
Gegenden bed weiten Reichs herbeigeholt, um ben 
Wunderban aufzuführen, welchen der fromme Herrſcher 
an dem Ort, den er vor allen liebte, der Mutter bei 
Heiland zu widmen gedachte; die Paläfte Welfchlande 
mußten ihre Zierde hergeben, um das neue Gotteshaus, | 
von waldbedeckten Hügeln umringt, würdig zu fchmäl , 
ten, Schon erhob ſich Die Kirche, meit über benach 
barten Wohnungen, und fchon berechnete mamebie Zeit, 
wo fie vollendet da flehen würde: da bemerfte man 
plöglich mit großem Schreden, daß das Gelb anf bie 
Neige ging. LRangwierige Kriege hatten den Schat 
erfchöpft, niemand mußte Rath, Schon waren eine 
Menge Arbeiter entlaffen worden, und trauernd fahen 


Der Münfterbau gu Rachen und ber Loosberg. 87 


die Bürger, wie immer weniger Hände ſich reg— 
ten, wie die Kalfgruben Teer blieben, die großen 
Stämme und die fchönen, mit fo vielen Koften herges 
führten antifen Säulen unbenugt da lagen, wie Kelle 
und Winfelmaß mit Staub bededt waren. Da erfchien 
eined Morgens ein unbefannter Mann, und verlangte 
zum Magiftrat geführt zu werden. Nachdem man feis 
nem Begehren gewillfahrt, erbot er fich das zum Bau 
nöthige Geld herbeizufchaffen. Die frommen Aachener 
hätten feine Füße gefüßt, wenn er ed geftattet, Mit 
taufend Danffagungen nahmen fie fein Anerbieten au, 
and frugen, welche Sicherheit er verlange und welche 
Bedingungen er in Betreff der Rüdzahlung mache. - 

. Rüdzahlung verlange ich gar nicht, war bie Ant 
wort, und die Rathöherren fchlugen beinahe rüdlings, 
denn eine ſolche Uneigennügigfeit war felbft in jenen, 
im Progentrechnen weniger geübten Zeiten, etwas Un- 
erhörtes. Aber ihr Erflaunen ward ganz “andrer Art, 
ald der räthfelhafte Saft fortfuhr: Zur einzigen Be- 
Dingung mache ich, daß die erfle Seele, welche in bie 
fertig gewordene Kirche eingeht, mein wird, — Da 
merkten die Herren, mit wem fie zu thun hatten — fie 
waren im Begriff ein Kreuz zu fchlagen und ein Apage 
Sat . . . ſchwebte dem Gelehrteften auf.der Zunge, ald 
die vernünftige Betrachtung, daß eine fo fehöne Gele 
‚genheit die Kirche ohne Schwierigkeit und ohne daß 
man auf das Geld zu fehen brauche, zu vollenden, fid) 
Nicht leicht zum zweiten Male darbieten würbe, ihren 
frommen Abfcheu noch zur rechten Zeit im Zaume hielt. 
Der Fremde ohne cine Miene zu verändern, ſah fie 


8 Der Münfterbau zu Aachen und ber Loosberg. 


fharf an, und nachdem bie Beflürsten die Antwort 


hervorgeftottert, daß fie die Sache überlegen wollten, . 


entfernte er fich mit ber Bemerkung, er werde am fob 
genden Tage zurückkehren, um ihren Entfchluß zu vers 
nchmen. — 

Die Bauluft foheint vor zehn Sahrhunderten ben 
Aachenern im hohen Grade eigen gewefen zu fein, denn 
fie trug es über alle Gewiffensferupel davon. Der 
Pakt mit dem Ungenannten, aber nicht mehr Unbekann⸗ 
ten, warb alfo eingegangen, und noch an demſelben 
Tage firosten alle Kaffen von Gold. Da ed mit dem 
üblichen Neichdgepräge verfehen war, fo fcheute fich 
Niemand davon anzunehmen; da ed auf fo leichte Weife 
erworben ward, fo fcheute fich auch Keiner es ungehin⸗ 
dert auszugeben, indem weder Kaifer noch Volk darunter 
litten. : Nafch wurde die Arbeit gefördert, und bald 


wölbte fich die hohe Kuppel, und dad Münfter war fo. 


weit fortgerüdt, daß man an bie Einweihung dachte, 
Nun war aber wiederum guter Rath theuer, denn 
Keiner hatte Luft der Erſte zu fein, der die verhängs 
nißvolle Schwelle betrat. Der Fremde hatte fich nicht 
wieder blicken laffen, aber man zweifelte nicht daran, 
daß er ſich feinen Lohn zur rechten Zeit holen werbe, 
Da wurde benn von den geiftlichen und weltlichen 
Machthabern von neuem berathen, und endlich fehien 


man ein Auskunftömittel gefunden zu haben, benn es . 


warb angefagt, daß am Dreikönigefefte — man fchrieb 
damals das Jahr ded Herrn 804 — die große Seremonie 


Statt finden follte, zu welcher Papſt Leo felbft von 


om nach Aachen gelommen war. 


Der Mänfterbau zu Aachen und ber Loodberg. 89 


Am Morgen Epifania waren die Höfe und Säle 
der Faiferlichen Pfalz mit Taufenden gefüllt. Die hohe 
Geiftlichfeit in prachtvollem Ornate, und die Reichs⸗ 
fürften in glängendem Anzuge begaben fich hin, auch Karl 
hatte feine gewöhnliche einfache Kleidung abgelegt, und 
erfchien im Kaifer-Ornate. Auf dem Münfterplape 
wogte dad Gedränge des Volks, aber Jeder blieb dem 
großen Thore fern; nur ängftliche, fchene Blicke wurs 
den dahingefandt, obgleich man nichts fremdartiges dort 
bemerfte. Da nahte mit rafchen Schritten ein Haufe 
bewaffneter Trabanten der Kirche, und als ſie nur noch 
in geringer Entfernung vom Thore fich befanden, jugen 
fie einen großen, kurz vorher gefangenen Wolf in bie 
Kirche hinein. Ein fchredliched Getöfe erhob ſich — 
wiüthend und flammenfpeiend fchoß eine Teufelsgeſtalt 
auf das Thier zu, und erwürgte ed im Nu mit ihren 
fcharfen Krallen. — 

. Da entftand ein gewaltiger Subel der zahlreich 
verfammelten Menge, und im Augenblid, wo der Erz 
feind fich mit der Seele des unglüdlichen Wolf, den 
man ihm, flatt der gehofften Meenfchenfeele in den Ras 
chen gejagt, unter fürchterlihem Geheul und Zähnes 
fletfchen empfahl, begannen die Gloden des Gottes, 
haufes freudig zu länten, und vom Papft und 365 Dis 
[höfen und Prälaten begleitet, zog Kaifer Kart feierlich 
und unter Abfingung der Firchlichen Hymnen in den 
prachtvollen Tempel eit. 

Sn feinem furchtbaren Grimme aber war Herr 
Urian fortgeflogen auf des Sturmwinds Flügeln, und 
fam heran an's Meergeftabe, wo bie Brandung tief 


90 Der Mänfterbau zu Aachen und ber Loosberg. 


unter ihm wild emporbraufte. Nichte ald Rachegedan⸗ 
fen für den vom frommen Kaifer ihm gefpielten Betrug, 
erfüllten feine fchwarge Seele: er wollte Karl, mit ihm 
Die neugegrünbete Kaiferftadt, nebft dem fhönen Müns 
fter, dad er ın Hoffnung des reichen, bebungenen 
Lohne, felber mit hatte erbauen helfen, ſchmählich vers 
derben. Ueber feinen Plänen brütend, erblidte er 
plößlich Die weiten Sanddünen des Meergeflades, und 
der hamifche Gedanfe burchzudte feine Seele, unter 
einem ſolchen Sandberge die Stadt fammt allen ihren 
Bewohnern zu begraben. Gedacht, gethan! Mit Wets 
terfchnelle flürzte er von feiner Iuftigen Höhe auf Das 
Ufer hinab, unſichtbare Hände halfen ihm, und fo warb 
bald eine lange Düne loSgeriffen von dem Boden, wo 
die Fluth fie feit Sahrhunderten angefchwemmt; wie 
einen Mehlfad lud der Böſe fie rafch auf feine Schul 
ter und fo ging's hudepad nad) dem nichts ahnenden 
Aachen hin. — 

Die Reife mochte dem fchwarzen Berberber body 
am Ende etwas unbequem vorkommen: die Länge des 
Sandhügeld bewirkte, Daß derfelbe fich nach beiden 
Seiten ſackförmig überbog, fo daß der vorn herabhän⸗ 
gende Theil dem Träger die Ausficht benahm, und er 
fih faft auf feinem Wege verirrt hätte. Doc fand 
er fich wieder zurecht, lald er Teichtfüßig über - die 
Maad fchritt und fih nun aufs Aachener Thal 
zutrollte. Da erhob ſich plöglich ein gewaltiger Wind, 
und fireute ihm fo viel Sand in Die Augen, daß er 
faum noch vor fich hin fehen konnte. Dadurch ward 
hm Das Sehen immer, befchwerlicher, und nur mit 


Des Münfterbau gu Aachen und der Loosberg. 91 


Mühe gelangte er an dad Soersthal. Da begegnete 
ihm ein altes Weib, welches des Weges von Aachen 
herfam, und erjchroden über den wanbelnden Sands 
berg und feinen ſchwarzen Träger ftehen blieb. „Wie 
weit habe ich noch bis Aachen?” frug Herr Urian bie 
Alte, feine Stimme zu möglichfler Lieblichkeit verfüßend. 
Die Alte merkte dad Plänchen: fie hatte bei dem Baue 
des Münfter’d den Böfen oft genug ind Auge gefaßt, 
und feine Gefichtözüge waren ihrem Andenfen noch nicht 
entſchwunden. „Ach“, ermwiderte fie fchlau, „da ſeyd 
hr ganz vom Wege abgelommen, lieber Herr. Schauet 
aur gefälligft auf mein Kußzeug: ich habe die Schuhe 
in Aachen neu angezogen, und jest find von dem langen 
Gehen die Sohlen bereit ganz zerriſſen.“ 

Da ftieß der Schwarze einen Fluch aus, daß bas 
ganze Thal davon erbröhnte, und die erfchrodene Alte 
mehrere Schritte weit zurüdfprang. „Sch bin der 
Schlepperei müde!’ rief er wüthend aus — „für jetzt 
mag das betrügerifche Neft meinem Grimme entgehen, 
ich werde Doch ſchon in Zukunft Zeit und Gelegenheit 
finden, mich zu rächen.” Und mit bdiefen Worten 
fchleuderte er feine fandige Laft von den Schultern auf 
Die Erde, und erhob fich flammenfprühend in die Luft. 
Dies war das lebte Mal, daß man den Schwarzen in 
propria persona in Agchen und feiner Umgegend um⸗ 
berwandern ſah — die Aufflärung hat ihn bald in feine 
ſchwefeligen Schlupfwinfel hinabgejagt. Doc ill mar 
noch dann und wann feine. geheime Anmwefenheit vers 
fpürt haben, nur ift man noch nicht einig über das 
Koftum, worin er in fpäterer Zeit erfchienen. — 


92 ° Der Münfterbau zu Aachen und ber Toosberg. 


Sp war Aachen durch die Liſt des alten Weibes 
von dem Untergange gerettet. Der Berg ift noch vor 
den Thoren der Stadt zu fehen, und oft wandern die 
Aachener Bürger zu feiner freundlichen, fonnigen Höhe 
hin, nicht daran denfend, wie unheilooll er einft für 
die liebe Vaterſtadt hätte werden können. Und die tiefe 
Gaſſe die noch jett den Loosberg von St. Salvas 
tor ſcheidet, tft Durch das heftige Niederwerfen durch 
Meifter Urian entftanden, indem diefe von dem Etoß 
in der Mitte platte und fo die beiden Berge bildete. 

Während nın an dem Hauptthor der Kirche, wels 
ched dem Baptifterinm zugewandt ift, und den Namen 
ber Wolfsthüre führt, das in Stein gehauene Bild 
des armen Opfers zu ſehen ift, vuft noch heutigen 
Tages der Name Loosberg dem Wanderer ind Ans 
denfen zurück, daß ein Weib felbft dem Teufel zu 108” 
war, und ihn durch ihre Kniffe anführte, Die Aachnes 
rinnen haben ein Recht, noch jetzt darauf ſtolz zu fein, 
wenn fie an bad dadurch abgewandte Unheil denken. 


*) 1003, lus, loſe — verfchlagen, verfchmigt, pfiffig. 


Die buckligen Muſikanten. 


Am Tage St. Mathäi, im Jahre nach des Welterloͤ⸗ 
ferd Geburt 1549, kam ein armer bucdliger Spielmann 
fpät in der Nacht nach Aachen von einem Dorfe zurüd, 
mwofelbft er bei einer Hochzeit aufgefpielt hatte. Halb 
im Zaumel, befümmerte ihn weder Zeit noch Drt, und 
fo ging er denn wohlgemuthet am Münfter vorbei, als 
eben die Thurmglode Mitternacht brummte. Da aber 
erfchrat er auch um fo mehr, ald er nun hörte wie 
fpät es in der Nacht fei, und dazu fi in der Luft 
ein feltfames Gefchwirre, wie von Eulen und Fleder⸗ 
mausflügeln, vernehmen ließ. Schnellen Schrittes eilte 
er, dem Grand der Geifterftunde und ihrem Spuke zu 
entfliehen, und beugte ſchüchtern in die Schmiedftraße 
ein, um durch fie zu feiner Wohnung zu gelangen, 
welche in der Sakobftraße gelegen. Was begegnete ihm 


4 "Die budiigen Maſtkanten. 


aber, ald er dad Perviſch (den Fiſchmarkt) betrat! 
Ale Fifchbänfe fchimmterten von unzähligen Kichtern, 
welche weithin die dunkle Nacht erhellten; Töftliche 
Speifen waren in goldenen und filbernen Schüffeln auf 
aufgetragen, und yerlender Wein blinfte in großen 
Kryftallfrügen. Um Alles herum aber faß eine Menge 
der reichgefleidetfien Damen und ließen ed fich trefflich 
ſchmecken. Erfchroden hodte fi) der Spielmann it 
eine Ede, denn nun erinnerte er fid} entfeßt der Qua⸗ 
tember-Nacıt und ihres Hexenſpuks. — Doc es war 
zu fpät: eine ber zunaͤchſt fitenden Damen hatte ih 
. bereitö bemerft, und führte ihn zu Tifche. Dann aber 
fprach fie zit dem Spielmann, ber mit vor Angft klap⸗ 
pernben Zähnen und fchlotternden Knieen daſtand: 
„Kürchte Dich nicht, und fpiele uns eine Iuftige Weiſe 
auf; wir'werden Dir deffen Dank willen.” Und indem 
fie fo ſprach, reichte fie dem Zagenden einen Pokal mit: 
würzigem Wein gefüllt. Diefer ermuthigte wınderfam 
den Spielmann bdergeftalt, daß, fobald er den Becher 
bis auf die Nagelprobe geleert hatte, er feine Geige 
zur Hand nahm und Iuftig zu fiedeln beganıt. 

Da wurden eilig die Bänfe mit Allem was baranf 
ftand, bei Seite gefchafft, und die Damen, unter denen 
er manche vornehme Frau aus der Stadt zu erkennen 
glaubte, erhoben ſich allzumal bei dem Torte "feiner 
Geige, und bald wirbelten die Paare durcheinander. 
Kun aber ging es immer fchneller und fchneller, und 
der Spielmann geigte, wie von unfichtbarer Hand ges 
trieben, immer toller darauf los, fo daß er mehrmals 
vermeinte, die Saiten mÄßten in taufend Stücke zer⸗ 


Die budligen Mufilanten. 95 


fpringen und ihm Hören und Sehen vergehen. — In⸗ 
.deffen fauften die Paare noch immer Durdjeinander, 
während fein Arm fräftig den Bogen führte, und fein 
Spiel von felbft aus einer Weife in die andere üler- 
ging, und oft fo ſtark wurde, daß es ihn bedünfte, als 
fei eim ganzes Conzert von Geigen und gellenden Flöten 
hinter ibm aufgeftellt, welche alle in feine Töne ein⸗ 
ftimmten, und ihm dad Ganze wie ein wirrer Traum 
vorfam. Da fummte endlich Die Thurmuhr drei Viertel 
auf Eins, und plöglic, hielten Die Paare in ſichtbarer Ers 
fhöpfung inne; Alles wurde wieder mit einem Male ruhig 
und in feine vorige Ordnung gerückt. LUnentfchloffen ftand 
aber der Spielmann da, nicht wiffend, ob er bleiben müſſe, 
oder ſcheiden dürfe. Da trat die frühere Dame wieder 
zu ihm heran, und ſprach: „Braver Spielmann, Du 
haft und mwacer vergrügt, drum Toll Dir auch nun des, 
Lohnes werden! Und damit hatte fie ihm bereits fein 
Wand ausgezogen, und ehe er noch recht zur Beſinnung 
fommen fonnte, war fie fchon hinter ihn getreten, und 
hatte ihm mit einem Griffe feinen Höcker abgenommen. 
Wer war frober als unfer erleichterter Spielmann! 
Danfvurchdrungen wollte er niederfallen vor feiner Wohls 
thäterin, — da aber ſchlug ed Eins, und Damen, 
Lichter und Schüffeln waren verfihwunden, und nur der 
Spielmann ftand noch allein in der dunfeln Nadıf. Da 
aber fühlte er abermals nach feinem Rüden; denn ihm 
war es noch immer zu Muthe, ald fei fein ganzes 
Abenteuer ein wirrer Traum gewefen. Doch nein, ed 
war Wirklichkeit, er war gerade und fchlanf, und fein 
Höder verfchwunden. Wer vermöchte wohl Die Freude 


96 Die buckligen Wufilanten, 


feined Herzens zu befchreiben, in weldyer er nun nad 
feinem Wams griff, Dad vor ihm auf der Erbe liegen 
geblieben! Doch noch eine zweite follte ihm beſchieden 
fein, denn als er daſſelbe aufnahm, fam es ihm unge 
wöhnlich ſchwer vor; und ald er nach der Urfache dieſer 
außergewöhnlichen Gewichtigfeit forfihte, fand er deſſen 
beide Zafchen mit Gold gefüllt und eilte ald ein zwiefach 
glücklicher Mann nach feiner Wohnung. 

Dort aber erkannte die harrende Frau ihren vers . 
wandelten Mann fait nicht mehr wieder, bis ihr feine 
Erzählung von dem Begegniffe der Nacht den Hergang 
erklärte. Da ftaunte die fromme Frau fehr, und pries 
den Himmel, der das Alles noch fo glücklich gefügt. 
Am andern Morgen aber wurde bie Geige, Die all 
das Gluf ind Haus gebracht, unter das Bilb des 
Schutzpatrons aufgehängt, und fortan zum ewigen Ges 
dächtniß für Kinder und Kindes- Kinder ald ein Heis 
ligthum bewahrt. — 

Des armen Spielmannd Glüd wurde nicht alſobalb 
in der Nachbarſchaft bekannt, als es auch viele Neider 
erregte, unter denen ſich vorzüglich ein anderer, eben⸗ 
falls buckliger Muſikant durch feinen giftigen Groll 
auszeichnete. Seines vormaligen Geſellen nunmehriger 
Vorzug quälte ihn Tag und Nacht, und richtete ſein 
ganzes Sinnen und Trachten nur nach der Möglichkeit, 
ed jenem gleich oder noch zuvor thun zu können. Des—⸗ 
wegen übte er ſich den ganzen Tag die fehönften Weifen 
ein, und begab fih nun auf St. Gerhardi Nacht um 
bie zwölfte Stunde nad) dem Perviſch. Dort fand er 
auch richtig daffelbe Gelage, und warb hald Darauf 


Die budligen Mufikanten, 97 


zum Spielen aufgefordert. Aber welch ein Unterfchich! — 
Kaum hatte er in ſtolzem Selbjtvertrauen feine luſtig⸗ 
fünftlichen Melodien angehoben, und die Damen fidy 
zum Tanze erhoben, ald er auf einmal aus der Tanz⸗ 
weife in ein Sterbelicd fiel, und eine fo traurige und 
herzbrechende Weife aufftedelte, daß hölfifches Gepfeife 
und Gezifche fich um ihn herum erhob, und die Paare 
fich trüdfelig darunter her "bewegten. Der Spielmann 
aber, noch immer vermeinend, feine beften Melodien 
vorzutragen, mufizirte ſtracks drauf los, und erwartete 

nun, da ber Tanz geendet war, nichts weniger ald 
einen noch reichern Lohn, denn fein Vorgänger, und 
trat daher, Rod und Weite ausziehend, keck zum Tifche. 
„Si, ei! befte Frau!” vief er fpöttifch, da er, in der 
oben an dem Chrenplate der Tafel ſitzenden Dame bie 
geftrenge Frau Bürgermeifterin zu erfennen glaubte, 
die hier in aller Pracht und Herrlichkeit dem fonderbas 
ren Mahle ypräfidirte — „was würde wohl der Herr 
Gemahl fagen, wenn er fie hier auf der Beſenſtielfeſt⸗ 
lichfeit anträfe? Aber Iaffen Euer Gnaden mic; nicht 
alfzulange hier ohne Lohn fliehen, denn die Nacht ift 
kalt, und es fchlottern mir alle Knochen in der Herbfts 

luft. Sch denke, mein Spiel ift doch noch wohl eines 
beffern Preiſes werth, ald das des Stümpers, der Euch 
beim leisten Feſte Die Ohren gellen machte?” Doch wie. 
follte er ficy täufchen! Die Dame nahm im Nu den 
Dedel von einer filbernen Schüffel, und ehe er ſich's 
verfah, Fichte der darin aufbewahrte Höcker feined Ges 
fellen vor feiner Bruſt. So fland denn der Reibhart 


mit boppeltem Bollwerk umgeben, und traute feinen 
| 7 


J 
- - 


08 Die buckligen Muſikanten. 


Augen nicht, bis im ſelben Momente beim erſten Schlage 
der Morgenſtunde der Spuk verſchwand, und er ſich 
unter zwiefacher Laſt nach Hauſe trollen konnte. 

Noch lange Jahre hindurch mußte er das Warnungs- 
zeichen ſeiner Mißgunſt mit herum ſchleppen, und die 
Eltern pflegten ihren Kindern bei ſeinem Anblicke die 
Geſchichte zu erzählen. 


5 
A! r " 


Vfalzgraf und Kaiſerstochter. 


Zeit als Otto, der Dritte dieſes Namens, aus 
ſaͤchſiſchen Kaiſerhauſe, in zarter Jugend den Thron 
x ruhmbekraͤnzten Vorfahren beſtiegen hatte und 
ig von Deutſchland geworden war, leitete die gries 
ye Prinzeſſin Theofania, Dtto’d ded Zweiten 
twe und Mutter des jungen Königs, eine überaus 
andte und mit den herrlichften Eigenfchaften begabte 
4, das Staatöregiment., Nur durd ihre Klug⸗ 
war dem jungen Dtto das Reich erhalten worden, 
m er an dem römifchen Konful Crescentius Nomen 
s, und vorzüglich an dem Baiernherzoge Heinrich, 
nachmaligen Könige Heinrich II., gefährliche Neben⸗ 
er hatte, von denen der letztere ihn einmal heimlich 
ngen nehmen ließ, und nur auf die wiederholten Bor, 
ingen und Drohungen der fammtlichen Neichsftände 
er herausgab, Theofania gab ihrem Sohne ben 


416777 


100 Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 


gelehrten Gerber, der nachmals den Stuhl Petri als 
Sylveſter IT. beſtieg, zum Lehrer, und dieſer große 
Mann bildete feines Zoͤglings Herz und Geift, flößte 
ihm die Tugenden und erhabenen Öefinnungen ein, 
. welche den Negenten zieren, und erregte burd; feine 
weifen Lehren und fein Beifpiel Dtto’d Milde und 
Freigebigfeit, weldye bes Königs Furzes Leben zierten, 
und feinen Tod allgemein betrauert machten. 

Unter den Räthen der verwittiweten Kaiferin war 
Ezo, Pfalzgraf von Aachen, ein Manıt, der, objchon 
in der Blüthe feines Lebens, doc an Rath und That 
einer der erften war, und feinem ber Altern Rathgeber 
im Geringſten nachſtand. Er hatte durch feine weifen 
Entfchließungen, kurz vor dem Beginne diefer Gefchichte 
vermocht, daß der König Lothar von Franfreich, der 
in Lotharingen eingefallen war und die Stadt Verdun 
in Befit genommen hatte, diefen Platz baldigft verließ 
und ſich ohne Schmwerbtfchlag in feine Erblande zurüds 
309. Er war bei Otto's Gefangennehmung und nad 
maliger Befreiung einer der Fühnften Sprecher gegen 
Heinrich von Baiern gewefen, und beforgte mit uner 
müdlichem Eifer die Gefchäfte des Reichs und bed 
Könige. Deswegen hatte ihn Theofania befonders lieb⸗ 
gewonnen, und zu ihrem DVertrauten erhoben, beffen 
fie fi) bei den Sorgen und Gefchäften, mit denen fe 
überhäuft war, mit Vorliebe bediente, Und Ezo recht 
fertigte das Vertrauen der Kaiferin, denn ed war 
unter den Herren am Hofe Feiner aufmerkffamer und 
fleißiger ald der junge Pfalzgraf, der darım von Allen 
geachtet wurde, und fich durch. feine Tentfelige Gemuͤths⸗ 


— 


vfategraf und Kaiſerstochter. 101 


art die meiſten Großen zu Freunden machte. Auch 
ber König gewann Herrn Ezo lieb, der ihn in den 
Leibesübungen, die ſich für einen ritterlichen Süngling 
ſchickten, unterwies, und von deffen treuen und uneis 
. gennüßigen Dienftleiftungen feine Mutter ihm fchon oft 
berichtet hatte. So war der Pfalzgraf bald der erfte 
Kath der Kaiferin, welche füch feiner in den meiften 
Unternehmungen bediente, Die Klugheit, Umficht und 
Berfchwiegenheit forderten, und der Liebling Otto's und 
der Öntgefinnten des Hofed. „u 
POPTWERGBREBPT |; 


In dem adelichen Kloſterſtifte zu Effen, jenfeits 
bed Rheins, faß in einem fchöngewölbten und ziers 
lich eingerichteten Kämmerlein, Frau Adelheid, bie 
Schweiter des verftsrbenen Kaiferd, und Aebtiffin des 
Klofterd, ihr zur Seite an dem gefchweiften Fenſter⸗ 
bogen ein junges blühendes Mädchen. Blonde Flechten 
fielen über den Schwanenhals hinunter, und die fanften 
blauen Augen fchauten züchtig auf Die Arbeit, welche 
ihre niedlichen Finger hielten, während die Strahlen 
der Morgenfonne durch die buntgemalten Fenfterfcheiben 
fielen, und das Zimmerlein und die Anmwefenden mit 
einem wunderbaren Farbenglanz übergoffen. Ein fünfts . 
lich gefchnigtes Bild der Mutter Gotted prangte auf 
einem Kleinen Altar, um ben mehrere Heiligenbilder 
mit zierlich vergoldeten Rahmen und feinem Schnißs 
werfe herumbingen, welche Tieblich aus der Teuchtenden 
Einfaffung hervorfchanten. Bor dem Marienbilde ſtan⸗ 
den zwei porzellanene Gefäße mit füßdnftenben Blumen, 


103 Pfalzgraf und Kaiferstochter. 


deren mannigfaltige Farben mit dem glühenden. Feuer 
bes Fenfterglafes zu wetteifern fchienen. Das holde 
Mägdlein war Mathilde, die Schwefter des jungen 
Königs Otto, welche der Aebtifiin, ihrer Tante, zur 
Erziehung übergeben worden war, und von ihr zum 
Klofterleben beftimmt wurde. Denn die Nebtiffin war 
eine Frau von großer Frommigfeit, und wiünfchte ihre 
Pflegebefohlene, welche fie herzlid, liebte, fern von bem 
Sewühle der Melt, je eher je beffer, in dem Schuße 
der Flöfterlichen Mauern mit dem Schleier beffeibet zu 
ſeben, ohne erft Mathildens Neigung zu erfragen. 

Das ſchüchterne Mädchen wagte nicht, fich der 
Tante, welche fie innigft verehrte, zu widerfegen, obſchon 
fie feinen innern Beruf zum Klofterleben erfannte, denn 
ein Augenblic hatte über das Schickſal ihred Lebens 
entfihieden: fie liebte, aber ohne Hoffnung. Dei ihrer 
legten Anmefenheit zu Aachen hatte der junge Pfalz 
graf, fowohl Durch feine fihöne Geſtalt, ald durch feine 
einnehmenden Neden, feine Tapferkeit und feinen Hoch—⸗ 
finn, das Herz der zarten Jungfrau gefeffelt: das 
Morgenroth der Sugendliebe war ihr aufgegangen. 
Und da fie von allen Anweſenden nnd felbft von ihrer 
Mutter Ezo's Lob vernahm, und fah, welche ehrenvolle 
Anszeichnung ihm zu Theil wurde, da war es in ihrem 
Herzen befchloffen: Diefen oder Keinen! 

Aber auch dem Pfalzgrafer war es ergangen, wie 
Mathilden. Mehre Male verwirrte er fich augenfcheins 
lich, wenn fie ihn im Gefpräche anblickte, ein glühendes 
Roth überflog feine Wangen, und er fah fill vor ſich 
nieder, Doch, obſchon aus alten abeligen Gefchlechte, 


Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 403 


wagte et ed nicht, ſeine Augen und Wuͤnſche bis zu 
einer Prinzeffin und Kaijerötochter zu erheben, und 
felbft die Gefchichte Eginhard’d und Emma’, an weldhe 
er oft dachte, konnte ihm Feinen größern Muth ein— 
flöüßen. Er beruhigte den gewaltfam pochenden Bufen, 
der oft die Hülle zu fprengen drohte, wenn er in Ge 
fellfchaft der Geliebten war, und fie fi) ihm mit 
Scüchternheit und Milde näherte. So fam ed zwifchen 
den Liebenden mie zu Worten, obfchon ihre Blicke ſich 
genug fagten, denn Ezo hielt ſich immer in gemeſſener 
Entfernung von der Prinzeſſin, er zagte und fürchtete 
von der Entdeckung einen unglücklichen Musgang für 
fih und Mathilden, deswegen hielt er's für beffer, fich 
ganz zurfd zu ziehen, und fih nur ba, wo fein Amt 
und feine Pflicht ed nothwendig machten, vor der Prins 
zeffin zu zeigen. So Fam es, daß, ald Mathildens 
Anfenthalt am Hofe zu Ende ging, und fie nach Effen 
zu ber Aebtiſſin zurückkehrte, dieſe eine große Berände: 
rung an ihr merkte, fie war oft zerfirent und in fich 
gekehrt, fo daß ihr Geift bisweilen abwefend und an— 
derswo zu weilen ſchien. — | 

So war e3 and) wieder heute. Mathilde hatte 
ſchon lange durch dad Fenfter geftarrt, wo im fehör 
eingerichteten Kloftergarten taufend ſchoͤne Blümlein 
blühten und die zwitfchernden Vögel ſich des beleben 
den Strahles der Frühlingsfonne erfreueten. — Des 
Mägdleins zarte Finger ruheten mit der umvollendeten 
Arbeit in dem Schooße. Verwundert fchaute Die Aeb⸗ 
tijfin fie eine Zeitlang an, dann brach fie aber Das 
lange Stillſchweigen: 


iv Pfalzgraf und Kaiferstochter, 


„Bas Habt Ihr denn, Mathilde, daß Shr ba 
wieder ind Blaue hineinfehet, und der Arbeit nicht Acht 
habt, welche Euren Händen entfallen iſt?“ 

„Sch dachte” — erwiderte jene ſchnell, ſtockte aber 
plößlich, die Aebtiffin anblickend, und fchlug verwirrt . 
die Augen nieder. 

Kopffihüttelnd wendete die Aebtiffin fich ab, und 
ſprach für füch, indem fie zum Altar trat, und fi) auf 
den Stufen deffelben zum Beten niederließ: - 

„Die wird nimmerhin eine gute Kloftergeiftliche, 
‚troß der Sorgfalt, womit ich fie zu dieſem Stand er 
ziehe. Des Himmeld Wille gefchehe! 


— — 


Zu Aachen in der Kaiſerpfalz befand ſich an einem 
dachmittage König Otto in Geſellſchaft feiner beiden 
Schweſtern, Sophia und Adelheid, und mehrer Gros 
Ben feines Hofſtaates; unter ihnen war auch Pfalzgraf 
Ezo. Da begab es ſich, daß der junge König, der ein 
großer Freund des Schachfpield war, und darin einem 
Seden fliehen zu Tonnen glaubte, den Pfalzgrafen zu 
einem Gange auf dem Schachbrett entbot. 

Herr Ezo war fogleich bereit, Otto's Gefuche Folge 
zu leiften, denn er hatte fich in dieſem finnreichen Spiele 
genbt und eine ziemliche Fertigfeit darin erworben. 
Nachdem nun ein Diener dad Spiel hereingebracht, 
und die beiden Kämpfer fih am Tiſche niedergelaffen 
hatten, ward ald Bedingung feftgefegt, daß derjenige, 

weicher den Gegner in drei Gängen nacheinander bes 


Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 105 


fiegen würbe, einen beliebigen Preis von bem Andern 
fordern koͤnne, den biefer ihm, fo es in feinem Vermoͤ⸗ 
gen ftehe, geben mürfle. 

Aber Ezo hatte fchon bei fich beftimmt, welchen 
Preis er von dem Könige fordern wollte, im Kalle er 
das Glück haben würde, Sieger zu fein. Er fah diefen 
Zufall ald die größte Gunſt Fortunend an, denn er 
hatte fogleich bei füch befchloffen, feinen andern Sieges⸗ 
preis zu heifchen, ald Mathilden. Deswegen zitterte 

.er fichtlich, ald der König das Spiel begann und er 
Dagegen fegen mußte, denn wie leicht Konnte er verlie⸗ 
ren, und bann flürzte dad SKartengebäude feines ges 
träumten Himmelreichs in ein Nichte zufammen! Doc 
verlor er feine Geiſtesgegenwart nicht. In jeder 
Figur, womit er auf ben Gegner anrüdte, fah er 
feine Mathilde, dies machte ihn fehr vorfichtig, fo baß 
Otto, der fih alle erfinnlihe Mühe gab, ihn in bie 
Enge zu treiben, troß feinem kunſtreichen Spiel ihm 
nichts anhaben Eonnte. 

Das erfle Spiel war beendigt, ber König matt. 

Ezo, zwiſchen Furcht und Hoffnung fchwebend, 
danfte dem Himmel, aber er hatte noch die größte Ges 
fahr zu beftehen, denn der König konnte jeßt feine 
Anftrengungen verdoppeln, um einer nocdhmaligen Nies 
Derlage zu entgehen. Das zweite Spiel begann. Otto, 
ärgerlidy über feinen Verluſt, fpielte hitiger, und gab 
fihh Dadurch Mehre Blößen, welche der Pfalzgraf bes 
subte, fo gut er ed vermochte. So ging ed in einem 
fort, uud am Schluffe bes dritten Spiels war Ezo 
Sieger. 


106 pfaͤlzgraf und Kaiſerstochter. 


Der Koͤnig war dreimal matt geworden. 

Wer vermag zu beſchreiben, was in Ezo's Gemuͤthe 
vorging! Es war jetzt an ihm, den Preis zu fordern. 
Mathildens Name ſchwebte ihm auf der Zunge, aber 
immer ſchwieg er wieder. 

Wie leicht, dachte er, kann der König dir troß 
ſeines gegebenen Wortes die Schweſter abfchlagen, unb 
ſich entfchuldigen, Daß es fo nicht gemeint gewefen fey. 
Wie unglücklich wäreft du dann, da du fo alle Hoffnung 
verloren hättet, und befchänt vor dem ganzen Hofe 
abziehen müßteft, Die Anderen aber fohauten verwuns 
dert auf den Pfalzgrafen, und erwarteten, daß er fi 
ein großes Gefchent in Gold und Silber, eine Stadt 
oder gar ein Herzogtbum von dem Könige ausbitten 
würde, Endlich flegte das Vertrauen auf fi und 
Otto in des Pfalzgrafen Bruft, entfchloffen trat er zum 
harrenden König, und ließ ſich auf ein Knie vor ihm 
nieder, aber nur mit leifer zitternder Stimme vermochte 
er die Worte hervorzubringen: 

„Hoher Herr, gebet mir Mathilden, Eure Schwes 
fter, ich Tiebe fie fchon lange, und Ihr macht dadurch 
zwei Herzen glücklich! | 

Staunend fahen die Hofleute den Pfalzgrafen an, 
der fein Schifal erwartend noch immer vor dem Könige 
das Knie beugte. Da trat Theofania in den Saal, 
and als man ihr auf ihre Frage wegen bed fonderbaren 
Auftritts den Vorfall erzählte, befchloß fie fogleich ſich 
des Pfalzgrafen anzunehmen. Darum trat fie zum 
Könige — der noch immer unentfchloffen daſtand, umd 
nicht wußte was er thun folte — und fprach zu Ihm: 


Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 107 


„Mein Sohn, Shr müſſet Euer Berfprechen hals 
ten. Gebet dem -Pfalzgrafen Mathilden, er hat fie um 
Euch und mid verdient. Mein mütterlicher Segen 
wird den Bund der Liebe krönen.“ — Und Otto, der 
Theofania als feine Mutter, feine Befchügerin und Rath⸗ 
geberin über Alles achtete und liebte, fand feinen Aus 
genblid an, ihrer Bitte Gewährung zu leiften, fo daß 
es fchien als habe er nur ihre Dazmwifchenkunft erwartet, 
um den Pfalsgrafen, den er fchon lange als feinen 
treneften Diener erfannt hatte, zu beglücken. „Nehmt 
fie denn bin,’ ſprach er — Ezo liebevoll aufhebend — 
„und ſeyd glücklich. Bleibt Eurem König und Bruder 
freu, und er wird immer für Euch in Liebe forgen.” 

Ezo wußte fih vor Wonne nicht zu fallen. Er 
glaubte Faum feinen Ohren trauen zu dürfen, als 
er ded Königs liebevolle Antwort vernahm und dankte 
Dtto und Theofania tauſendmal im feligften Entzüden. 
Glückwünſchend umringten ihn feine Freunde, und Alle 
waren höchlich erfreut, Daß die Sache einen fo guten 
- Ausgang genommen, denn fie liebten und achteten Alle 
ben Pfalzgrafen. 

Und diefer begab fich mit einem Schreiben des 
Königs fogleich auf den Weg nad) Effen, um feine 
liebliche Braut nach Aachen abzuholen. 


— e ⸗ñt 


Der Frühgotteddienft war vorbei, bie Nonnen 
waren wieder zu ihren Zellen zurüchgefehrt, als zwei 
Reiter auf dDampfenden Roſſen vor der äußern Pforte 
des Kloſters hielten, und Einlaß begehrten. Das Thor 


108 Dfalzgraf und Kaiferstochter. 


wurde geöffnet. Der vordere Reiter fprang ab und 
gab dem Diener dad Roß zu halten, worauf er eintrat, 
und die Prinzeffin Mathilde zu fprechen wäünfchte. Man 
führte ihn fogleich in dad Sprechzimmer, wo die Prins 
zeſſin gleich darauf eintrat. Sie erröthete fanft, als 
fie den Pfalzgrafen erkannte, der ſich ihr mit achtungss 
vollem Gruße näherte, und aus feinem Lederkoller 
einen Brief hervorzog, den er ihr überreichte. Der 
Inhalt des Briefed aber, den Mathilde auffchlug und 

Jas, war folgender: 


„Seliebte Schmweiter !” 


DBegrüßet in dem Ueberbringer viefed Schreibens 
Unfern lieben und getreuen Pfalzgrafen, Herrn Ezo, 
Euren beftimmten Bräutigam, und fommt in feiner 
Geſellſchaft fo bald es Euch beliebet zu Uns und Eurer 
Mutter nad Aachen. Herr Ego wird Euch den Her 
gang der Sache mündlich erzählen, und Euch der Zu 
neigung verfichern, womit ich bin Euer Bruder 


Dtto 
In unfern Pallaft zu Wachen, 


am 22. des Wonnemondes. 


Mit einem ungewiffen Blick fah Mathilde auf. Sie 
wußte nicht ob es Traum, ob es Wirklichfeit war, fie, 
fah noch immer in bie Schrift, um fich zu überzeugen, 
daß es Feine Täuſchung fey, denn mer vermag fich im 
eriten Augenblife eines niegeahnten Glücks von dem 
wirklichen Dafein deffelben überzeugen: dann aber fchaute 
fie mit einem Blick vol unauöfprechlicher Liebe auf den 
Pfalzgrafen. 


Pfalzgraf und Kaiferstochter- 109 


„Mathilde, meine Mathilde!’ jubelte Ezo auf und 
die höchfte Seligkeit fpiegelte fich in feinem Auge, er eilte 
auf bie Geliebte zu, und drüdte fie im Taumel des, 
Entzüdend an die Hopfende Bruft. Und der erfte Kuß 
befiegelte den gejchloffenen Bund. 

Nun begaben fich die Liebenden zur Aebtiſſin. Als 
die Prinzefiin Diefer eröffnete, daß fie nad) Aachen ziehen 
und fich mit dem Pfalzgrafen vermählen würde, äußerte 
fi der Unwille der geiftlichen Frau, und der Pfalzgraf 


mußte manch hartes Wort von ihr hören, da fie Durchs . . 


aus nicht in Mathildens Entfernung willigen wollte, 
und doc noch immer den Glauben hegte, daß dieſe 
ſich zum geiftlichen Stande bequemen werde. Die Prinz 
zefjin aber fand mit niedergefchlagenen Augen, einem 
Tieblichen Heiligenbildchen gleich, neben dem Geliebten, 
welcher die vielen Worte der Aebtiffin ruhig und getroft 
anhörte, und nachdem fie geendet hatte, zu feiner 
einzigen Rechtfertigung den Brief des Königs aus 
Mathildens Händen nahm, und ihn der Aebtiffin hin⸗ 
hielt. Nachdem diefe nun Otto's Schreiben gelefen, 
vermochte fie freilich nichts mehr gegen die Heirath 
einzuwenden, und mußte fchon ihre Einwilligung geben, 
was fie auch that. 

Sie tröftete fich mit der Ausficht, Daß eine oder 
die andere der Faiferlichen Prinzeffinnen das, wie fie 
meinte, von Mathilden verfcherzte Glück ergreifen 
würde, was auch wirklich gejchah, indem Adelheid 
Hebtiffin zu Quedlinburg und Sophia Webtifjin zu 
Gandersheim wurde, 


110 Dfalzgraf und Kaiſerstochter. 


Ezo und Mathilde reiften ab, nachdem fie ihren 
Segen erhalten. Die Fahrt nad Aachen ging rafdı 
vor ſich, und ber verfammtelte Hof empfing die Lieben: 
den, welche bald darauf zu Brauweiler unter Theofas 
nias mütterlichem Segen, durch die Hand bed Prieſters 
auf ewig verbunden wurden. 

Das ift Die wunderbare aber wahrhafte Hiftorie 
von dem Pfalzgrafen und der Faiferlichen Prinzefſin, 
wie fie in Chronifen und Gefchichtsbüchern Der vers 
floffenen Zeiten erzählt wird, Ezo und Mathilde Tebten 
lange glüclich beifammen in gettgefälligem Ehebunde, 
uud dienten dem Herrn, der Alles fo glüdlich und 
wohl gefügt hatte, 


Der Hinzenthurm. 


Im alten Limburger Sande, dort, wo die Emmaburg 
fi) auf fleilen Felfenmaffen erhebt, gab es in ven 
Felſen viele, jeßt meiſt verfihättete unterirdifche Gänge, 
in denen ein Koboldgefchlecht fein Weſen trieb, welches 
das Volf die Hinzenmännchen nannte. Bei Tage Tiefen 
fie fidy zwar nicht fehen, in der Nacht_aber ging es 
defto toller zu. Denn fo bald die Mitternachtftunde 
gefchlagen, fchwärmten fie weithin in der Umgegend 
herum, und machten ein ſolch Getöfe und Geklapper 
an den -verichlofienen Hausthüren, daß Die Einwohner 
nicht anders vermeinten, ald ziehe der leibhaftige Satan 
mit fenem wilden Heere durch Straßen und Flur. — 
Da8 dauerte dann eine gute Weile, bis endlich mit 
dem Glockenſchlag Eins der Lärın fi) allmählig nach 
ben Felfenklüften zurüdzog, und man baraus wohl 
fchließen Fonnte, daß nun die Hinzenmänchen wieder 
nadı Haufe gekehrt. Dort fing alddann ein Tufliges 
Schmaufen und Subiliren an. In ihren Felfengängen 
ward's plößlich helle, und manch verireter Hirt und 


112 Der Hinzenthurm. 


Wanderer hat, von dem wunderfamen Lichterjchein 
gelodt, ed flaunend mit angefehen, wie das Kleine 
Bölkchen Iuftig und wohlgemuth um langgedeckte 
Tafeln gelagert, fi an den köſtlichen Speifen und 
edelften Weinen ergößte. Sa einftend fogar erlaufchte 
ein Feder Sägerburfche, der fich tiefer in die unmwegfane 
Felsfchlucht hineingewagt, folgenden Gefang, der leiſe 
und wunderbar durch die Gänge fchallte: 
Sn ödem Felsgeftein 
Um Mitternacht, 
Beim hellen Ampelfcein, 
Wenn rings des Schlummers Macht 
Die Menfchen, die trägen, auf's Lager geftreikt, 
Dann jubeln wir luſtig, fröhlich und frei, 
Und ehe der Hahn noch die Schläfer gewedt, 
Sft fchon unfer ganzes Gelage vorbei, 
Heifa, Juchhei! 
Alles vorbei! 

Dann aber fah der verwegene Gefelle, wie drauf 
die luſtigen Zecher mit den Heinen goldenen Bechern 
zufammenftießen, und fröhliche8 Rufen und Zureden in 
der Runde erging, bis endlich, als ſchon Morgenroth: 
den Oſten purpurn ſäumte, dies Zechlied den Schmand 
befchloß: 

Laßt die Becher Ereifen, 
Kling, Klang, Kling; 

Laßt die Stund’ uns preifen, 
Sing, Zang, Zing; 

Was des Tages Scheinen 
zrennt, Klang, Kling, 

Muß die Nacht vereinen, 
Trinkt, Zang, Zing. 


n 


Der Hinzgenthurm. * 115 


Und wie ber lebte Klang verhallet, war auch Alles 
verſchwunden. — 


Doch theuer mußte der Lauſcher feinen Vorwitz 
büßen, denn von dem Augenblide an, ta er den fans 
senden Nacbaren dad Geficht Diefer Nacht erzählt, 
verficchte er fihtbar an Leib und Gemüth. Der Geis 
fterlieder Weife lag ihm immerbar im irren Sinne, 
und als das nächfte Zwielicht über dad Gebirge herauf 
309, ba fummte er noch einmal heil deffen Schlußreim 
vor ſich bin, und eilte in wildem Sprung dem Feläge- 
füfte zu. Nie bat eines Menſchen Blick ihn jemals 
wiedergefehen. — | 

Der unaudgefeßten Bennruhigung müde, ſannen in⸗ 
deß die Bewohner der Umgegend allefammt, wie fie fid) 
wohl ver dem Spuke der Fleinen Koboldleutchen fichern 
und davon befreien könnten. Befchwörungen, die fchon 
öfters aus Prieftermunde über fie ergangen, richteten 
nicht viel aus, denn obfchon die Hinzlein ſich alsdann 
eine Zeitlang ruhig verhielten, fo Fehrten fie gleichſam 
dem heiligen Werke zum Trotze, bald wieder zurüd, 
und trieben dann noch tolferen Unfug. Da vereinten 
fich endlich alle Bewohter des Gaues, auf gemeinfame 
Koften eine Kapelle, und zwar dicht an dem Felfens 
grunde der Emmaburg, zu erbauen, und füberten raſch 
diefen Entfchluß zur That. — Bald fand des heiligen 
Kreuzes Zierde auf dem neuen Gotteshaufe, und zur 
Stunde, als fein geweihetes Glöcklein die Gläubigen 
zur heiligen Meffe gerufen, war auch der Sinzlein 
Spuk aus Felfen und Gegend fortgebannt. 


114 Der Hingenthurm. 


Kaum aber hatten die erlditen Landleute dem hodh- 
weifen Magiftrat der freien Reichs⸗ und Krönungsftabt 
Aachen die Anzeige von der Hinzen Verfchwinden aus 
der Feldgegend der Emmaburg gemacht, jo ging fr 
Aachen der Teufelsſpektakel los. 

An dem äußern Stadtwalle zwiſchen dem Sand⸗ 
kaul⸗ und Kölner⸗Thore, ſtand ehemals ein hoher 
Mauerthurm, deß unterirdiſche Gänge weit hinaus ind 
Land führten. Niemand hatte bisher ſeine unerforſchten 
Tiefen zu betreten gewagt, denn ſchaurige Sagen gin⸗ 
gen von ihnen umher. Dort fchlugen die Kobolde nuns 
mehr ihren Wohnſitz auf, und trieben ed eben fo bunt, 
wie vormals in ihrem Felspallaſt. — * | 

Borzüglich wurden nun jedoch die Bewohner ven? 
Kölnerftraße von ihnen geplagt. Zu gewiffen Zeiten 
bed Jahres, welche durch mancherlei Vorzeichen, wie 
3. B. ein leifed Pochen an der Hausthür, ein Picken 
und Kniflern auf dem Heerd, oder ein Geraffel unter 
dem Küchengefchirre angekündigt wurden, hielten bie 
Hingen großes Feit, und die Einwohner waren alddann 
genöthigt ein jeglicher Haushalt, ein Fupfernes band 
gefcheuerted Gefchirr dazu herzugeben, wenn fie fid) ben 
nächtlichen Frieden erfaufen wollten. 

Denn in dem Haufe, vor deflen Pforte um bie 
zehnte Stunde ein folches Gefchirre nicht fland, oder im 
‚welchen gar einer der Inſaſſen fich eine Aeußerung ded 
Unglaubend erlaubte, da konnte man drauf rechnen, 
that auch Fein Chriftenmenfch ein Auge zu. 

Gepolter, Trepp auf und ab, Gezifch und Geheul 
in Rauchfang und Gängen, Turz ein wahrer Hüllen 


Der Hingenthurm, 115 


ſpektakel verfcheuchte den Schlummer ans, feinen Waͤn⸗ 
den. Dem Spötter aber, o bem ergings erft aber noch viel 
jämmterlicher, der wurde von unfichtbaren Händen ders 
maßen auf feinem Lager herumgezaust und tormentirt, 
bag man ihn des Morgens wie halbtodt In feinem 
Bette wiederfand. Ga einmal hat es ſich fogar beges 
ben, daß zwei fühne Kriegögefellen, die in dem Haufe 
zum Wildenmann im Quartier gelegen, den Hausherrn 
weidlich ob dem vorerwähnten Keffelausfegen aufges 
zogen, und fich vermeſſen, daß, ftatt blanker Gefcirre, 
die Hinzlein ihre blanfen Degen finden ſollten. Weshalb 
fie denn auch nicht gezaudert, und fich,. ald Die zehnte 

„Stunde verfchollen, mit gezogener Wehr vor die Haus 

thuͤr gefegt und wacker gezecht. Bald aber hat mar 
nicht weiter ihr Iuftiged Singen gehört, fondern vers 
wundernd wahrgenommen, wie fie in Zwiſt gerathen, 
und endlich gar als ein paar blutdürftige Raufbolde, 
einer dem andern unaufhörlih: Hinz! Hinz! zufchreiend, 
felbander zu Leibe gegangen, unter welchem Gefchret 
fie fid) auch durch das Hinzengäßchen bis vor den alten 
Manerthurm getrieben, an deſſen Fuß man fle amt 
folgenden Morgen, Einen von des Andern Schwerdte 
durchrannt, Darnieder geſtreckt gefunden. 

Solche ſchreckenvolle Beifpiele mußten die Bürger 
wohl fattfam vor ähnlichem Frevel warnen, deswegen 
blieb der Hinzlein Mahnung nie ohne Erfolg, und vor. 
jeder Hausthür fand abendlicd, richtig ein Fupfern ober 
irdenes Gefchirr zu ihrem Gebrauch bereit. Kam nun bie 
Mitternacht heran, dann zog ein lärmenbes Getümmel 
durch das, noch bis auf heutige Stunde nach ihnen 


I G 
116 Der Hinzenthurm. 


benannte Gäßchen, bid gegen den Wildenmann in der 
Kölner Straße heran, Bier aber theilte es ſich rechts 
und links, und nachdem ed trapp, trapp, trapp, durch 
das Stadtviertel die Runde gehalten, packte jedes 
Hinzlein feinen Keflel auf, und nun dem Thurme zu. 
Da aber wurde gejubelt, bis zum Sonnenaufgange, 
des andern Morgend aber fand,jeder Eigenthümer fein 
Kochgefchirr wieder blank und fauber vor feiner Thür, 
diejenigen audgenommen, welche ihre Keffel nicht vols 
lends reinlich ihnen dargeboten hatten, denn folche fans 
den nicht allein diefe, fondern auch ihr ganzes Haus 
über und über mit Koth und Schmuß befchmiert. 

So trieben ed denn die muthwilligen Kobolde woh 
manches Menfchenalter hindurch, und waren 8 
feit langen Jahren heimiſch geworden, als ploͤtzlich bie 
Weihung des Regulirherrn⸗Kloſters fie auch aus biefem 
Aufenthalt fcheichte. | 

Seitden hat nimmermehr etwas Weiteres von 
ihrem Treiben verlautet, doch ob auch fchon Jahrhun⸗ 
derte zwifchen ihrem Scheiden und der Gegenwart lie 
gen, und lange auch der alte Thurm, worinnen fie 
gehauft, in feinem Schutte darnieder liegt, fo ruft ber 
Kame Hinzengäßchen dod noch immer bad Ge 
daͤchtniß ihres früheren Dafeind ins Leben zurüd. 


Drachenfels und Rolandscc, 


. Ir 


}. 
1 


. 


Mer ans dem Norden den Strom hinaufzieht um das 
underherrliche Rheinthal zu beſuchen, ben begrüßen 
uerſt als mächtige Stromwaͤchter auf dem rechten Ufer 
ie luftigen Höhen des Siebengebirges, wie auf dem linken 
men gegenüber, ſich die Kuppel erhebt, die einſt bie 
attliche Rolandsvefte trug. Des Flachlandes Einerlei 
ört, wie durch Zauber, anf bei Diefem gewaltigen 
jergthore, Jedem wird Iebendig, warum ber Rhein 
er Sage und des Sanges Bater genannt wird, dent 
em Gemüthe und der Phantafie erfchließt fich eine 
eue, reiche Welt. 

Schwimmt der Wanderer auf bes Stromes grünen 
Bellen durch died Paradies den nördlichen Rhein⸗ 
henen entgegen, fo winken ihm fchon aus weiter Ferne. 
je freundlichen Berge mit ihren Lanbzimmern und 


Be‘ 
118 Drachenfels und Rolandseck. 


Burgtrümmern, ein wogendes Bergmeer, durch der 
Sonne Strahl in mannigfaltigem Farbenwechſel belebt 
und bewegt. Unwiderſtehlich fühlt er ſich nach den 
Sonnengipfeln hingezogen, und Jeder beſucht wenigſtens 
den Drachenfels, ſo heißt die ungeheure Felswand, 
welche auf dem rechten Ufer mit ihrem grauſigen Gekläuft 
fteil aus dem Strome anbaut, und auf ihrer Krone 
noch die Trümmer einer alten Befte trägt... Gegen Norben 
lehnt ſich an diefelbe das heitere Städtchen Königswinter, 
wie im Süden das freundliche Nhöndorf hinter der 
wilden Felewand Schub fucht wider den Nothwinbd. 
Ueppiges Nebengelände und Baumgruppen ſchurder 
des Berges Fuß und ſüdlichen Saum. 

Sn dem Felſengeklüft, das von des Berges ſüdweſt⸗ 
lichen .Hange dem Wanderer entgegenflarrt, haufte In 
vorchriſtlicher Zeit, ald das rechte Rheinufer noch im 

blinden Heidenthume feufzte, ein grimmiger Drache, bem 

die Bewohner ded Berges göttliche Verehrung zollten, 
von dem auch der Berg den Namen Drachenfels 
führt. 

Wild und graufam waren bed Berges Anwöhner, 

Krieg und Raub ihr Geſchäft. So zogen fie aud 
einft aud auf Beute nach dem Iinfen Ufer, wo ſchon 
des Chriſtenthums Segen waltete, und. Glüd geleitete 
ihre Waffen, denn eine edle Chriften-Sungfrau, hold und 
fhön wie die Mainacht ihrer Gauen, warb ihre Beute, 

Zwei der Heiden-Anführer, die Mächtigften bed 

Stammes, entbrannten in wilder Liebe für bie züchtige 
Magd, aber weder der gewaltige Horsrif, noch ber gelenfe 
Rinbod, fand Erhörung. Beider Leidenfchaft wuchs 


Drachenfels und Rolandseck. 119 


aber defto mehr, je flärker der Miderfland, und mit 
ihr auch die gegenfeitige Eiferfucht. Was Flehen und 
Schwuͤre nicht vermochten, follte Gewalt vollbringen; 
aber Keiner wollte dem Andern den anmuthigen Preis 
zugeftehen. jeder nannte fi Herr ber Beute bes 
. Kampfes, und fo entfpann fi ein heftiger Streit 
zwifchen Beiden, der felbfl den ganzen Stamm in zwei 
fampfgierige Partheien theilte. Da fprachen die Aeltes 
ften des Stammes: Es fey eine Schmad für das 
Volk, daß ſich um eine Magd, bie nicht einmal zu dem 
Ihren gehöre, die Edelften entzweiten, die Götter hätten 
daher. die Jungfrau zu ihrer Beute erforen, und mit 
nächtter Frühe folle fie dem Drachen geopfert werden. 

Die beiden Reden mußten fih in den Willen der 
Goͤtter fügen. 

Sn aller Frühe des Tages, ald Taum das erfte 
Roth erglomm, und bie Nebelriefen ihre mächtigen 
eiber aus dem Strome erhoben, um ben alten Kampf 
mit der Tages⸗Koͤnigin zu beginnen, wurde bie Jung⸗ 
frau heransgeführt auf den Felfen über der Höhle, in 
welcher der grimme Drache wohnte, umb hier anges 
fettet, eine fichere Beute des Unthierd. Fromm ergeben 
in bes Emigen Willen, Fam feine Klage über ber 
Jungfrau Lippen, ihr Blick ſchaute auf zum Often, ber 
fi immer ffeblicher röthete. Hoch auf der Platte des 
Berged harrte der ganze Stamm des Ausgangs. Go 
wie bie erften Strahlen der Sonne über. dem Berge 
leuchteten, wachte der Dracde auf, und gierig nad) 
Beute, wälzte er fich ans feiner Höhle, ber Jungfrau 
entgegen. ' 


- 


2120 Dradenfels und Rolanbsced. 


Der Augenblid fiheren Verderbens rhdte näher, ie 


näher ihr bad ungeftaltete Ungethüm mit fürchterlich 


drohendem Rachen kam — fchon wollte ed losſtürzen 


auf feine Beute, — da zog die Sungfran ein Krenzlein 
aud dem Bufen und hielt e& dem Lindwurm vor. Kaum 
anfichtig des Zeichens, vor dem felbft der Hölle finftre 
Scaaren erzittern, Inäuelte fid) der Drache zufammen, 
und flürzte, zerfchelt an den Feldriffen, hinab in die 
©tromfluth, die ihn auf immer verfchlang. 

Staunen und Verwunderung erfaßte der Heiden 
Schaar ob dem Wunder, dem fie faum zu glauben fid 
frauten. Aus der erften Beftürzung erwacht, ſtand bie. 
Sungfrau auch ſchon in ihrer Mitte, denn Rinbod 
hatte fie der Fefjel entledigt, und fie auf ſtarkem Arme 
zu der Höhe getragen. 

Der Unfhuld Stimme fand bald Gehör in der 
Unbaͤndigen Herzen, das Wort der Liebe ward ver⸗ 
nommen und befolgt, der ganze Stamm bekannte ſich 
alſobald zu der Lehre Chriſti und war hocherfreut, als 
die Jungfrau dem eifrigen Werber Rinbod ihre Hand 
als Gattin reichte. 

Auf des Drachenberges Gipfel führten ſie dem 
Paare eine Wohnung auf, die Drachenburg genannt. 
Die Trümmer, die jetzt des Berges Scheitel Frönen, 
gehören zwar einer fpätern Zeit an, doch befucht fie 
Seder; denn nicht mit dem Worte zu ſchildern find die 
Fernfichten von dieſer Höhe, die herrlichiten des Rheins, 
fo Iohnend durch ihren Wechſel, wie erfreuend durch ihre 
Anmuth. Den füdlichen Vorgrund der Landichaft bilden 
bie aus dem hellen Wogenfpiegel emportauchenden lieb⸗ 


“ 


Dradenfels und Rolandseck. 121 


hen Eilande Grafen» und Nonnenwerth, and 
effen bichten Baumlauben und anmuthigen Blumenges 
egen die Weißen Gebäulichfeiten eines ehemaligen 
rauenkloſters herauficimmern. Dem Nonnenwerthe 
egenüber erhebt ſich auf dem linken Ufer teil, die dunkle 
uppel mit ben gar fpärlichen Reften der alten Ro⸗ 
mdöburg. 

Bor langen Sahren haufte auf Diefer Befte ein 
mger Ritter. Geachtet und geliebt war Herr Ro⸗ 
zud im ganzen Sau und freundlicher Empfang warb 
m, wo er nur immer einſprach. Oft befuchte er den 
Htter vom Dradhenfeld, und immer häufiger wurden 
ine Befuche, feit er des Grafen einzig Töchterlein Hils 
egunde gefehen hatte, um fie herzinnig zu minnen. 
ie Herzen verftanden ſich bald, und mit Freude vers 
ahm der alte Ritter vom Drachenfeld von dem jungen 
oland die Kunde, daß er Hildegunden liebe, und zum 
elichen Gemahl begehre. 

Schon war der Tag des Beilagers feſtgeſetzt, da rief 
n Freund den Ritter Roland um Beiſtand an in arger 
ehde, mit der er bedroht war, Roland folgte dem 
ufe, wie ed Ritterpflicht und Ehre gebot. 

- Eine Thräne zitterte in Hildegundend hellem Auge, 
s Roland ben Abfchiedfuß auf ihre Lippen brüdte 
1d baldige Heimkehr verſprach. Der innern Wehmuth, 
er Angſt, die ihre Seele füllte, Fonnte fie feinen Aus⸗ 
uck geben, nie war ed ihr aber fo ſchwer geworden, 
h von den Geliebten zu trennen. Als Roland ſchon 
Berg hinab ritt, rief Hildegunde ihn noch einmal 
trück, und bat ihn fehnlichft, Doch nicht zu ungeſtum 


48 Drachenfels und Rolandsed: 


des Kampfes Gefahr zu fuchen, und ihrer zu gedenken, 
ſich ihretwegen zu ſchonen. 

Roland verſprach, was bie Gelibte von ihn 
heiſchte, und ſchied ſelbſt mit wehmuthsvollem Herzen. Die 
Fehde rief ihn aber fern vom heimiſchen Gau, und er 
focht noch fein Arm manch glänzenden Sieg, fehütte ihn 
auch die Liebe im wildeften Getümmel, fo zog fich der 
- Kampf doch in Die Länge, und drängte ihn feine Sehns 
fucht auch nach der Heimath, fo wollte er doch bem 
Freunde das gegebene Wort treuritterlich halten. 

Kaum war der Fehde Ende aber da, fg: eilte 
ach Roland, felbit des Freundes Danf nicht 
achtend, nach dem Rheine und ohne auch nur auf ber 
eigenen Burg einzufprechen, war der Drachenfels feines 
Sehnens Ziel, 

Am fpäten Abende Fam er in die Nähe ber Burg; 
dumpfes Waffengetön und Sturmruf Ließ ihn das Roß 
nody immer mehr antreiben. Was er geahnet, war 
Wirklichfeit, Die Burg war von einem Raubritter übers 
fallen und erſtürmt worden. Im innern Burghofe wüs 
thete der Kampf, nahe der Entfcheidung für des Feindes 
Waffen. Raſch wie der Blitz fuhr Roland unter bie 
Streitenden, und feinem Schwerdt widerſtand Keiner. 
Schon hatte er des Feindes Schaar aus dem äußern 
Beenge getrieben, fein Beifpiel gab den Drachenfelfern 
von neuem Muth und Kraft, Rolands Schlachtruf hallte 
furchtbar durch dag Gebirge, Keiner wagte es feinem 
Schwerdte zu ftehen. 

Da warf fich ein Ritter dem blind Kämpfenden 
entgegen, furchtbar toften und bröhnten die Waffen 


Drachenfels und Rolandseck. 123 


und Harnifche, ein wächtiger Schwerdtſtreich ſtreckte 
ben Gegner leblos zu Boden. Die Räuber flohen, ber 
Steg war bie Drachenfelfern, ihr Siegesruf fchallte 
durch die Nacht, und halte jauchzend in den Bergen 
wieder. Noland folgte den Fliehenden, und als er 
zurückkehrte zur Burg, weld ein Anblid empfing ih. 
Im ſtummen Schmerz flanden des Drachenfeld ’Mannen, 
in fchmerzlichen, herzzerreißenden Sammertönen beffagte - 
Hildegunde den Tod bed Vaters, über deſſen Leiche 
hingeworfen, fie Alles um fich her vergaß. Roland 
brängte ſich hinzu, um ber Geliebten beizuftehen und 
fie zu tröften, aber Todesſchauer dDurchriefelte fein Ges 
bein, als er beim Kadelfcheine erfannte, daß der Ritter, 
den er erichlagen, Hildegundens Vater war. 

„Ich bin fein Mörder!‘ rief er, „o Himmel vers 
gib mir, Hildegunde, kannſt Du dem Frevler verzeihen?’ 
und flürgte nieder bei der Leiche. ‚Roland, Du —. fein 
Mörder!” - rief mit heftigem Schrei bie Sungfrau, des 
Geliebten Stimme erfennend, und tiefe Ohnmacht raubte 
ihr die Befinnung. 

Die fchöne Beute follte dem Tode noch nicht wers 
den, Hildegunde erwachte wieder zum Leben, jebod) 
auch ihr unfäglicher Schmerz. Sie hatte den Bater, 
ihr Theuerfted auf Erden, verloren, und zwar durch 
des Geliebten Hand, durch den, welchen ber Verblichene 
ftolz feinen Sohn nannte, Thränen brachen des Schiners 
zes ungeſtüme Heftigfeit, und wie ber ftille Gram ſich 
ihrer Seele bemächtigt, hatte fie auch ben Vorſatz ges 
faßt, der Welt und ihren Freuden, felbft dem Geliebten, 
gu entfagen, 


124 Drachenfels und Rolandseck. 


Roland hörte den Entſchluß aus ihrem Munde, 
und ed war fein Todesfpruch, aber weder Bitten noch 
Flehen, nichtd Fonnte Hildegunde von dem Entfchluffe 
abbringen, in der ftillen Freiftatt des Nonnenwerthed 
Friede für ihre Seele, Troſt für ihren Schmerz zu 
ſuchen. | 

„sm Gebete werde ich Dein gedenfen, und vers 
gefien, was Du mir warft,“ ſprach Hildegunde gefaßt, 
als Roland fam, um noch einmal zu verfuchen fie zu 
andern Gedanken zu vermögen. „Dort in der einfamen 
Zelle finde ich, was mir die Welt doch nicht mehr bietemi 
kann. Beten will ih, daß Gott Dir verzeihe, was 
unmiffend Du thateft. Ich habe Dir verziehen.“ 

Rolands Lebensblume war gefnict, feines Daſeins 
hoͤchſte Wonne empfing des Klofters enge Zelle. Waf 
fen und Waidgeräthe rubeten, Harm und Gram zogen 
nun in die fonft fo fröhliche Rolandsburg. Bon der 
rofigen Frühe bis zum goldenen Abende faß Roland an 
dem Erker der Burg, der hinausfchaute nach der Wohs 
nung des Friedens auf dem grünen Eilande; glücklich 
war er, wenn fein Auge nur die Geliebte erfpähte, 
wenn er fie gewahrte, eine bleiche Lilie unter den 
Blumen des Kfoftergartend. So verſtrichen Monde 
und wieder Monde — da ertönten eines Tages in ber 
Frühe die Klofterglödlein in feierlich abgemeilenen 
Schlägen. Rolands Herz fagte ihm, wen der Trauer⸗ 
ton galt, und die letzte Thräne trat in das ſchon trockne 
Auge, als er ſah, wie die Hülle Hildegundend Dem 
Mutter⸗Schooße übergeben wurde. Des filen Grabes 
Hügel, den der Schweftern Liebe zu einem blühenden 


Dradenfels und Kolandseck. 125 


Garten umſchuf, benz er barg ja auch ber Blumen 
boldefte, ließ er nicht aud dem Blide, und fo fand 
man ihn felig Lächelnd, nach dem Eilande hinübers 
fchauend, eined Morgens dem Herrn entfchlafen. 

Die Burgen Dradenfeld und Rolandsed find zwar 
längit gebrochen, nur ihre Trümmer fprechen von ihrem 
Dafein, und auf Rolandseck mahnt nur noch der von 
bunfelm Epheu wild üppig umranfte Feniterbogen, ver 
auf das Eiland Nonnenwerth hinausfieht, wo Hildes 
gunde fhläft, Roland einft faß, aber immer und ewig 
fagen und fingen die Sänger von Rolands treuer Liebe. 


Die Stolzenburg. 


Wenn der Waller das fruchtbare Urftthal von Gall 
nach Dahbenden hinaufzieht, gewahrt er auf einer, and 
ſchauerlichem, dichtem Gebüſche hervorragenden Felſen⸗ 
Kuppe, halb verwittertes Mauerwerk und eingeſunkene 
Räume, welche die Ueberreſte einer Burg aus der 
Vorzeit ſind, in der einſt ein hartherziger Ritter zum 
Unheil der Umgegend und zum Schrecken d der Reiſenden 
hauſte. 

Sein Lebenszweck war Saufen, Rauben und Plün 
dern, und feine größte Freude beftand im Unterdrücken 
ber hartbedrängten Anwohner; darum war er von je 
dermänniglich gehaßt und gefürchtet; feine Raubgenoffen 
felbft hegten einen geheimen Widerwillen gegen ihn 
und mochten ed im Gemüthe nicht billigen, daß er ben 
armen Leuten in verwerflichem Webermuthe unnöthigen 
Drud aufbürdete, ober dem Armen, der um ein Stüds 
chen Brod bat, um ſich und die Seinigen vor gramfem 
Hungertode zu retten, mit höhnifchem Gelächter von 


. 
| 


Die Stolzenburg. 127 


feinem Hofraume peitfchen, oder ihn gar von der Rotte 
Haffender Hunde hinaushetzen ließ. | 

Der Stolgenburger., fo hieß der Wütherich 
(deun bis zum 10. oder 12. Jahrhundert hinauf, pfleg» 
ten die Ritter ihre Familiennamen von ihren- Beften 
herzuleiten), führte ein fo arges Leben, daß mandjer 
fromme Dann blutige Thränen darüber hätte - weinen 
mögen. Bon Geiz befeffen und der daraus entfprins 
genden Habfucht getrieben, fammelte er fich durch die 
himmelfchreiendften Mittel Schäße, nicht beherzigenb ber 
frommen Spruch feines Haudgeiftlichen: „Unrecht Gut 
hilft nicht, nur Geredhtigfeit hilft am Tage des ewigen 
Zornes,“ vielmehr täglich fortfchreitend auf der breiten 
Bahn des Böfen. Der Kaufherr zog darum auch mit 
Furcht und Zittern den einfamen Thalweg hinan länge 
dem Raubneſt bed goldgierigen Mannes, und nicht 
felten war 88, daß er aus feinem wohlverftedten Hins 
terhalt, worin er mit feinen Neifigen aufzulauern 
pflegte, wenn er Kunde von einer bevorftehenden Beute 
erhalten, verderbend hevorbrach, den vorüberziehenden 
Wanderer aufhob, ihm feine Habfeligfeiten raubte und 
ihn elend und blos dahinziehen Tieß, oder ihm gar das 
Leben nahm. Heimgefehrt von Raub und Mord ergögte 
er fich am Peinigen feiner Unterthanen, denen bad 
wahrlich traurige Loos zu Theil geworben war, daß 
fie auf Gottes fchöner Erbe nichts ihr eigen nennen 
Tonnten, und felbft ihr elendes Leben von einem Winke 
ded Zwingherren abhing. Die Unfchuld, die eheliche 
Treue war in feinen Augen leerer Tand; und bie Dies 
ner des göttlihen Wortes fchügte nicht ihe frommes 


41% Die Stolgenburg. 


"gu, und fanden bort nur noch bie Zinnen aus einem 

ungeheuren Schlunde fpärlich hervorragen. Die Burg 
war mit Allem, was darauf gewefen war, in den Abs 
grund gefunten. Den Ritter hat man fpäterhin in 
verfchiedenen trugvollen Geſtalten herumfchweben ges 
fehen; am öftern erfcheint er als fchwarzer Hund und 
muß in den tiefen Gängen der Burg feine Schäbe bes 
wahren, die zu erheben fogar noch in neuerer Zeit 
Menfcen aus fremden Landen gefommen, welche aud 
wieder mit der Erfenntniß. abgezogen find, daß Alberw 
heit fie bethört hatte, 


. ‘m 
17 


Die Gründung der Abtei Steinfelh. 


Unter des Regierung Kaifer Heinrichs des Vogiers 
lebte im Kölner Erzſtift ein vornehmer und reicher 

Graf, mit Namen Sibodo von Hochſteden, Herr 
gen Altenahr. Sein Stamm warb von Keinem an, 
ebler Herkunft übertroffen; er felbft that ſich ſchon 
in feiner Jugend hervor durch chriftliche und ritterliche 
Tugenden, und erwarb fich viele Kenntnifle in gelehrten 
Dingen. 

Es traf ſich einmal, daß Sib odo bei der Taufe 
eines Kindes zugegen war und dieſes mit dem Zeichen 
des Kreuzes ſegnen ſah. Das fiel ihm auf und er 
forſchte nach der Urſache und frug feinen Hofmeiſter: 
„Bin ich gleichfalls mit dem heiligen Krexze bezeichnet 
worden, ald man mich taufte?“ — „Freilich,“ rwie⸗ 
derte ihm bisfer, „biſt Du ebenſo geſegnet wrden.“a* 

9 


133 Die Gründung bes Abtei Steinfelh, 


„Wenn das ift,” verfegte drauf der Süngling, „fo 
fehe ich gar nicht ein, weßhalb ic; mich felder woch 
immerfort fegnen fol.” Und von diefer Stunbe au 
unterließ er den chriſtlichen Gebrauch. Das merkte 


alfobald der Teufel und dachte bei fih: Ei, ei, der 


ift mir der rechte Gefelle; bei einem folchen Heren mag 
ich gerne Diener fein.’ Nicht lange währte es, fo trat 
er vor deu jungen Grafen hin, in ber Geftalt und 
Kleidung eines Dienerd. „Wer bift Du?” frug diefer 
ihn. „Mein Rame. ift Bonſchariant,“ erwiederte der 
Arge; ich habe viele Länder Fennen gelernt und wünſche 
jest in Euren Dienft zu treten.’ Dem Grafen war 
das ganz recht, denn er fuchte eben einen Knappen, 
und der Fremde dünkte ihn gewandt und thätig. Er 
nahm ihn alfo zu ſich anf fein Schloß zu Ahr, und 
berente es. nicht, denn niemals hatte ereinen unermüd⸗ 
lichern und rafchern Knecht gehabt. Diefer fah ihm 


jeden Wunfch an den Augen ab und opferte ihm Tag - 


und Nacht, wenn ed darauf anfam, wußte ihn auf 
durch allerhand Kurzweil und gottlofe Streiche zu be 
Inftigen. 

Ded Grafen Ruhm nahm zu mit feinen Jahren. 
Keiner übertraf ihn in ritterlicher Gewanbtheit und ex 
blieb Sieger auf allen Turnieren: inftmald unter 
nahmen fromme Ritter und Pilger einen Zug gegen die 
Ungläubigen. Sibodo fchloß fidy ihnen an, und Überall 
blieb den Ghriften das Schlachtfeld, wo er fich bei 
ihnen befand. Der Diener begleitete ihn überaf, und 
wurde ihn fo lieb, daß er fich nicht von ihm trennen 
fonnte. So gefchah ed auch einmal, daß am: Rheint 


Dle Gruͤndung der Abtei Steinfelt 1.38 ' 


ein Krieg’ ausbrach, und die Feinde in dag Fifelland 
einfielen. Der Graf griff alsbald zu den Waffen: die 
Gegner wurden mit blutigen Köpfen hetungeſtindt und 
der Sieger zog mit den Seinen auf bag jenfeitige, Ufer 
des Rheinſtromes. Gegen Abend entfernte er Sich luſt⸗ 
wandelnd von feiner Schaar und feßte ſich, vom 
naſchen Ritt ermübet, unter "einen Baum, wo er ein⸗ 
füiflief. Dies war aber von ben Feinden erfpäht 
worden, und fie befchloffen ihn gefangen zu nehmen, 
ober zu töbten.. Schon waren fie dem Schlummeruden 
gan; nahe, als Bonfchariant, die Gefahr merkend, 
berbeieilte, den Grafen weckte und ihn im Nu auf,ken 
Rüden Ind. Died fam Herrn Sibobd ganz fonderhar 
vor, und er rief, halb verwundert, halb erfchrocden: 
„Was wilft Du Sant?” Aber in bemfelben Augen 
bfi@ traf der Waffenlärm der Herbeieilenden fein Ohr, 
nad er fühlte wie Bonfchariant ſich in Die Luft erhob, 
höher und immer höher, bis er endlich im Mondlichte 
ben Rhein wie ein breited Band unter ſich erglänzen 
fah. Gott fei mir gnädig! bebte auf Sibodo's Lippen, 
aber in bemfelben Moment vernahm er feines Diener 
faft unfenntlicd; gewordene Stimme, welche ihn rauh 
anfuhr: „Schweige wit Deinem Geplärr und, halte 
Did ruhig, oder ich werde Dir eine Taufe geben, daß 
Du für Dein Leben lang davon genug haben. folk?" 
Da wurde dem Grafen Har, mit wem er angebusben 
hatte; er fagte Fein Wort mehr und vollendete, am, bie 
Schultern feines vermeintlichen. Diener geflammert, 
den Iuftigen Ritt, ber ihu in Siqꝛerheit zum andern 
Ufer brachte.— . a Be 


34 Die Gründung der Abtei Steinfan 


u Auch nach dieſer Btgebenheit fuhr Vonſchariaut 
fost, im Schloſſe zu Ahr zu verweilen. Sibodo hatte 
zwar nachgerabe eine gewiſſe Scheu vor ihm befonmen, 
und bie alte Herzlichkeit war verſchwunden; aber da 
durch, den langen Umgang mit bem Böfen feine Zwei⸗ 
felfucht und Ungläubigfeit immer zugenommen hatte 
und er an ihm fletd einen treuen und gehorſauen 
Diener fand, ſo fuchte er feine Gewiffensbiffe Im 
durch zu unterbrüden, daß ‘er fich ſelber fagte: er 
„habe. doch mit, dem Schwarzen nie einen Pakt abge 
ſchloſſen und dieſer befige feine Gewalt über ihn. Das 
mis. beruhigte er fi, und das Berhältniß blieb daſſelbe. 
Auch that Bonfchariant alles Mögliche, die Gunſt 
feines Herrn zu bewahren. Es traf fich, daß Beide 
einmal nach Köln ritten und dort in eine Herberge 
einkehrten. Sibodo hatte fich ſchon Tängft zur Nähe 
begeben, ald fein Begleiter in feine Kammer flürzte 
und .mit den Worten: „Steht auf, Herr, ober Ihe 
feid verloren!” weckte. In großer Angft fprang ber 
Graf vom Lager und hatte faum Zeit feinen Mantel 
umzuwerfen und ind Freie zu laufen, als fchon das 
ganze Haus zufammenftürzte und Alle, die ed bewohn⸗ 
ten, unter feinen Trümmern begrub. 

Jahre waren unterbeffen vergangen und Sibodo 
war in allen weltlichen Dingen glücklich geweſen, ald 
feige Gattin fchwer_ erfranfte, Die herbeigernfenen 
Aerzte machten ein düfter Geficht und fagten dem Gras 
fen, er möge die Hoffnung aufgeben, fie genefen zu 
fehen. Da Fam noch ein Anderer dazu und fprad;: 
Eine Arznei weiß ich, welche die Kranke reiten kann, 


— 


LU y — — y um —— 


Die Srämbung deu Abtei Steinfelb. 135 


aber ed wird‘ unmöglich fein, fie zu erhalten. Es ig 
Milch von Loͤwinnen, mit Dracendl" wermifdf, Als 
Sibodo das vernahm, ward er gar fehr betrübk, denn 
er hielt nun feine edle Hausfrau für verkoren. Dyyıs 
ſchariant aber tröftete den Grafen mit den Worten: 
„Wenn das die Gräfin retten Tann, -fo verlaget Euch 
auf mich und fie fol genefen.” Damit war. «vers 
ſchwunden: die andern Diener hatte ihn wölreisen 
gefehen. Nach zwei Stunden trat er wieber ind Zim⸗ 
wer mit der serlangten Arzenei, wehhe die ꝰGraͤfin 
ähm, worauf fie fich bald, völig- hengeficht, wog: 
Lager erhob. Wo Bonſchariant geweien war. erfuhr 
Riemand als fein Herr; unfehlbar war er nach dee 
beißen Zone Aethiopiens geflogen; : hatte bost eing 
fäugende Lowin niebergeworfen und gemelll, dann einen 
Drachen in feiner Höhle aufgefpürt, mit feinem Schwerte 
derwundet und deſſen Herzblut aufgefangen. So war 
daB vom Arzte verordnete Traͤnklein herbeigefchafft 
Worben. .. 
Der edeln Gräfin war aber doch bie Sache efinas 
verdaͤchtig geworden, und fie lag ihrem Gemahl fo 
lange an, bis er ihr entdedte, was ed mit bem angeb⸗ 
lichen Diener für eine Bewandniß habe. Da erſchrak 
Die gotteöfürchtige Frau fehr und drang in ihn, dem 
gefährlichen Gaft zu entfernen. Das aber wollte Sibodg 
ducchansd nicht, und ftellte ihr vor, wie Pflichtvoll und 
bienftfertig Bonfchariant ſich immerfork gegen ihn Bes 
sömmen und wie er ihr und ihm das Leben gerettek 
habe. Alles was fie Yon ihm erlangen Tonnte, war, 
Daß er verfpräch, dem Haren eine Kircht und ein 


—* Die Gründung ber Abtet Steinfein, 


Eloſter zu welhen. Der geößte Theil des Landes; war 
damalẽ voii dichter Waldung bedeckt, bie eine Fon⸗ 
ſetzung der Ardennen war und auch fo benannt wurde 
In diefer Waldung ag eine öde Anhöhe, welche was 
das Steinfeld nannte, weil der Boden felfig war um 
nur weniges Gras und Geftrüpp fortfam. Diefen Drt 
waͤhlts die Gräfin, um den Plan auszuführen, zu 
weichele fi fie ihren Gemahl vermocht hatte, und woburd 
f& 8effen Geele zu retten hoffte. e: 

Der Ardenner Wald war ganz mit Wild gefüht, | 
und Sibodo pflegte dort oft zu jagen, denn er ag 
ein großer Freund ded edlen Waidwerks. Als er num 
Binmaf auf einem foldhen Streifzug ſich befand, von 
Bonſchariant begleitet, lenkte er fein Roß nach der 
Gegend 588 Steinfelds hin. Als fie des Oxges anſchtig 
wurden, begann er folgendermaßen: „Diefer Wald ift 
fo weiß‘ entlegen von unferm Schloffe, daß die Jagd 
in dentfelben immer mit großer Befchwerbe verbunden 
ift, weil ed aw Wohnungen fehlt, wo wir einfchreg 
kdunten. Sch tabe alſo befchloffen, auf dieſem Hügel, 
den wir vor uns ſehen, ein Haus zu erbauen, das 
uns als Jagdſchloß dienen ſoll, und in welchem wir 
fröhliche Gelage halten mögen. So beweiſe mir. benr 
and, wieder Demen guten Wilen und helfe mir bei 
dem Werke.” 

Als der Teufel worte, zu welchem Zwecke das Ge⸗ 
baͤude dienen ſollte, war er ſehr froh und allſogleich 
bereit, dabei thätig zu fein. Kalk und Steine man 
bald herbeigefchafft und eis felfenfeftes Fundament ges 
legt. Obgleich Bonſchariant der einzige Baumeiſter 


Die Srindang der Abtel Steinferd, 137 


war, erhob fih Wie Mauer fchnel zu einen großen 
Hoͤhe. In turzer Zeit ſtand ein flattliches Gebäude 

? we geräumigen Saͤlen und Gängen. Als nun 
nur wenig woch zur Vollendung fehlte, dachte der Graf: 
Run Tann ich meinen Rorfag ausführen, und dem ohne 
Mühe und Koften erbauen Haufe feine wahre Be: 
fimmung geben. Hiemit ging er hinauf zur höchften 
Spise und -pflanzte dort ein Kreuz auf, welches er 
zu dieſem Zwecke bereitet und verborgen gehalten, hatte. 
Kaum war Died gefchehen, fo grfchien der Teufel in 
Der Luft, einen gewaltigen Stein tragend, den er in 
den Thurm einmauern wollte, Sogleich erblidte er 
bad Kreuz, fließ eine laute Verwünſchung aus, und 
Phleuderte den Felsblock mit aller Mat von fid, 
Damit er auf dad Gebäude fiele. Aber dem war nicht 
fo: der Stein nahm, yon einer unfichtbaren Hand 
getragen, eine andre Richtung, rolite über den Boden 
weg, und blieb erft bei dem jebigen Dertchen Dieffens 
bach liegen, wo man ihn noch unter dem Namen des 
Tenfelöteind dem Fremden zeigt. Auf der Burg zu 
Ahr Tieß fih von jenem Tage au der Diener nicht 
mehr bliden, | . 

Das Klofter zu Steinfeld wurbe bald vollendet 
und Sibodo fihenfte_ dem Kölner Erzftift einen großen 
Theil feiner Güter, um bie Nounen - des Benebiftiners 
Drdens, melde es bezogen, reich zu begaben. Sm 
Schleidener Kreiſe des Eifellandes liegen Zauf einem 
Hügel die großartigen Gebäude, und überrafchen auch 
noch in unfern Tagen durch ihren Umfang und ihre 
fhöne Anlage, nachdem fo manche” Veränderungen 


{38 Die Gründung ber Abtei. Steinelb. 


daſelbſt Statt gefunden haben, feitgem bie Abtei, be 
rühmt durch viele auögezeichuete und fromme Beiftliche, 
welche in ihr gelebt, aufgehoben und Privat Eigen 
geworben iſt. m. 


Sn 
Dr) 


da 


Die Brüder. - 


Die laͤngſt in Trümmer gefallenen Burgen Sternfels 
und Kiebenftein, auf fchroffen Felſen liegend, die nur 
durch eine Kluft gefchieden find, gehörten vor Jahrhun⸗ 
derten dem edeln Geſchlechte der Beyer von Boppart, 
deffen Namen man in ber Gefchichte des Rheinlandes 
fo oft begegnet. Nicht immer indeß hatten die einander 
fo nahe gelegenen Bergfchlöffer die nämlichen oder eins 
ander befreunbete Befiter. 

Heinrich Beyer erzog neben feinen beiden Söhnen 
eine verwaifte junge Verwandte, Hildegard Brömfer, 
and der berühmten Familie von Rüdesheim. Selbſt 
wenn fie weniger Liebreiz, weniger anmuthige Einfach⸗ 
heit zu eigen gehabt hätte, wenn ſi ie weniger fromm 
und anfpruchlos geweſen wäre, hätte doch dad Zufams 
menleben mit ihr ‚ auf der flilen Burg, die nur felten 
son Gäften befucht zu werben pflegte, allmählig eim 


140 Die Brüder, 


immer feftere® Band um bie Herzen der Jünglinge 
fhlingen müffen. Wie viel mehr noch war dies jetzt 
der Fall, da beibe fich geftehen mußten, daß Hildegard 
. alle, die fie auf benachbarten Schlöffern der .Edellgute, 
oder in den Städtchen im Rheintbal Fennen zu lernen 
Gelegenheit gehabt, an ' Schönheit wie an mildem Sinne 
übertraf, 

Ein Fremder würde Heinrich und Conrad Tan 
für Brüder gehalsen haben, jo unaͤhnlich waren fie eins 
ander in Allem, ausgenommen in ihrer Borliebe für 
ritterliche Uebungen und der Begierde nad; Thätigkeit. 
Heinrich, der ältere, war ernft und verfchloffen; je 
weniger er im erften Moment blendete, deſto feiter z0g 
er die an fich, welche fein edles Herz und feine Charak⸗ 
terftärfe einmal..erfannt hatten. Eonrad war lebewbiger, 
feuriger; or Tieß sich leicht vom erſten Eindruck hin 
reißen, wie er auch auf Andere durdy fein freundliches 
Entgegentommen bald günftigen Eindrud machte» Seine 
Gefinnungen waren redblih, aber ihnen fehlte Beftan« 
Digfeit. 

Die Sahre der Kindheit waren vorüber — Hilde 
gard zur blühenden Jungfrau herangewachfen, die Brüder 
um einige Sahre älter ald fie. Das vertraute, geſchwiſter⸗ 
liche Berhältuiß hatte unter ihnen fortgewährt, ohne 
daß einer anderg Forderungen gemacht, oder. auch nur 
die Natur der Empfindungen ihm Far geworden wäre, 
Aber fo Eonnte es nicht bleiben. Heinrich fühlte immer 
mehr, wie der Eindrucd, den die junge Verwandte in 
den Kinderfpielen anf ihn gemdcht hatte, tiefer und 
tiefer in feinem Herzen wurgelte, und wie ihr Bild 


Die Brüder, 141 


Anzertreunlich war von feinen Träumen ber Zukunft. 
Ein ruhigerzaber ſcharfer Beobachter, fonute er nicht 
umhin zu erkennen, daß Conrads Blicke jedem Schritt 
Hildegards folgten, daß er, ber Jugendfrohe, alle Ge⸗ 
ſellſchaft mied, um im ihrer Geſellſchaft zu ſein; daß auch 
bei der Jungfrau manches Erröthen, mancher ‚pon ihr 
unbegchtet geglaubte Seufzer verkündete,, fie kaͤmpfe 
mit· bjisher ungekannten Gefühlen. Heinrich taͤuſchte ſich 
nicht; wenn: Hildegard mit ſchweſterlicher Zuneigung au 
dhmmbing, wenn fie in dem ernſten aber fanften Züngfinge 
eineg Freund ehrte, einen Berather fuchte, fo gehörten 
feinem Bruder wärmere Empfindungen, welche fe fich 
ſelher faum zu geflehen und deutlich zu wachen wagte. 
Aber fie konnten jenem nicht entgehn, und ein feiner 
würdiger Entichluß ſtand im ihm feit, ſobald, er ſich 
Sewißheit verfchafft zu haben glaubte. Durch Berzich- 
sung auf fein eigen Glück wollte er dad Glück derer 
begsündeg helfen, bie ihm gm naͤchſten ſtanden. 
Eine edle und großmüthige Entfagung übend, ehe fie 
von ihm gefordert wurde, ſprach er erſt mit Kontab, 
vermochte dann Hildegard, ihre jungfränliche Schüchterns 
heit befiegend, fi) dem Bruderherzen zu eröffnen. Nicht 
ſchwer war es ſodann, durch ded Baterd Einwilligung 
Die Sefigfeit des Liebenden Paares zu begründen. Fami⸗ 
lienverhältniffe veranlaßten indeß, die Verbindung noch 
auf einige Zeit hinaudzufchieben, 

Heinrich hatte num einen .fchweren Sieg über, ſich 
ſelbſt errungen: aber wenn er auch innerliche Befriedi⸗ 
‚gung empfand, fo konnte er doc; keinen Troft finden, 
und er mußte fich felbft geſtehn, daB für jegt der fort 


142 Die Brüper. 


gefetste Aufenthalt anf der väterlichen Burg ie Wunde 
feines Herzens immer tiefer winchte, und dag die eühem 
errungene Refignation am Ende weichen mußte vor dem 
Drang-feiner nicht beruhigten Gefühle. Daheruhiet er 
eö für das Beſte, ſich zu entfernen, und in- ber- Ferne 
im thätiget Leben Linderung zu fuchen; willfommen 
war ihm der Aufruf, ber an die Ritter der chrifigiien 
Welt erging, ſich unter das Banner des Kreutes zu 
ftellen, und bald fah man ihn, nach wehmkthigem Ab⸗ 
ſchiede, den ſteilen Burgpfad hinabziehn und wit wertgeg 
Begleitern ſich auf den Weg nach Frankfurt begeben, 
wohin die Gotteöftweiter beſchieden worbem:waren:a 
Sp vergingen mehre Monde — nur Tage fchiegen 
fie dem glüdlichen Paare. Die Zeit der Vermuͤhlung 
ſollte num endlich Beftimmt werben, ald aus dem fernen 
Morgenlande Kunde von Heinrich und feinen ritterTichel 
Thaten anlangte. Da blitte in bes leicht „erregtem 
Conrads Seele ein Gebanfe auf: der Gedanke, daß es 
ihm nicht zieme, daheim zu bleiben und die Jahre feiner 
Jugend in ruhmloſer Unthätigfeit zuzubringen, Yoährend 
Die edeln Söhne der nachbarlichen Burgen, während 
fein eigener Bruder im frommen Kampfe Lorbeeren ers 
rangen. Der Liebenden Hildegard konnte es nicht ent 
gehen, daß ein Geheimniß auf ihm laſte; nachdem er 
endlich Far gemacht, was ihn drückte und bewegte, vers 
mochten nicht Die Thränen der Braut, nicht die ernften 
Vorſtellungen des kopfſchuüttelnden Vaters, ber ihm vors 
hielt, wie verfchieden im gegenmwärtigen Augenbild feine 
Pflichten von denen ſeines Bruders feien, feinen Ent 
ſchluß zu ändern. Nur noch wenige Male war bie 


Die Brüder, - 143 


Sorte aufgeſtiegen, und ſchon fah fie Conrad auf 
derfelfen Straße, welche vor ihm Heinrich gezo⸗ 
gen "sr. Ä 
Kur feltene und ennzuwrläffige Nachrichten trafen 
von ten Brüdern ein. Der alte Ritter flarb, und - 
Doppelt einfam fühlte Hildegard ſich auf Kiebenftein. 
"Sie blidte nicht freudig mehr in die Zukunft. War 
auch ihr Vertrauen zu der Liebe ihres Verlobten wicht 
wankknd geworden, ließ fie auch feiner Begierde, nicht 
ruhmlos zu erfcheinen unter Ruhmgefrönten, Gerechtigs 
leit widerfahren‘, fo ſah fie fich Doch. von ihm durch 
Berge und Meere getrennt, und nicht-abzufehen war die 
Beit ihrer Wiedervereinigung. Se konnte ffe ſich trüber 
Gedanken und Ahnungen oft nicht erwehren. (Eines 
“Tages faß fie and; wieder, ihrer Gewohnheit nad), ar 
einem enfter der Burg, welches eine weite Ausficht 
über den tief unten firömenden Rhein und bie falfigen 
Ufer gewährte, als fie fah, wie eine Heine Schaar 
von Bewaffneten den Weg zum Liebenftein herauftitt und. 
ein ihr wohlbefanntes Banner, Bas der Beyer, wehen 
Be Es iſt Conrad! war ihr erfter Gedanke — nach 
wenigen Augenblicken traf ein Ritter in dad Gemach, 
und Heinrich ſchloß fie, die unter Thränen laͤchelte beim 
unverhofften Wieverfehn, in feine. Arme, > 
Ungenügend war die Kunde, die er ihr von ihrem 
Berlobten brachte, und hätte ein Verdacht in Hildegards 
arglojer Seeke auffteigen können, fie hätte bemerfen 
müffeg, Daß eine gewiſſe Verlegenheit ihn hinderte, ſich frei. 
über den Bruder auszuſprecheũ. Nur fo viel vernahm fie, 
daß Evnrad nur Eurziu zeit in Paläflinz geweilt und 


144 Die Brfider. 


bald. zuruͤckgekehrt fei.in die griechifche Kaiſerſtadt. Tech 
ter vermochte ber Bruder nichtö Aber ihn zu berichten. 

Als Gefchwifter, wie in vorigen Tagen, dbtenr 
Heinrich and Hildegard nuͤn wieder auf dem einfamen 
Liebenſtein, welches vrfterm als Erbe zugefallen war, 
während Sternfels dem Jüngern Hehören follte. Nie 
: flieg der Gedanke, die Sungfrau für fich zu gewinnen, ’ 
in der Bruſt des Ritters auf: er ſah in ihr nur die 
Braut ded Bruders, er betrachtete fih nur als ihren 
Beſchuͤtzer und Freund. Sein eigenes Glück hatte’ 
laͤngſt zu Grabe getragen: dad Immergrün der See⸗ 
lenruhe, welche Die Reſignation edler Gemüther gewinnt, 
war baraus -hervorgeblüht. Es maren nicht meh” 
die glücklichtn frohen Zage ber in Hoffnung und Tram 
men fchmwelgenden Jugend: e8 war bie ftille Heiterkeit,* 
welche den Stärmen folgt. Tage folgten Tagen, und 
feine Kunde fam von Conrad. Aengftliche Beforgmiß 
hatte ſchon Tange SHildegarbd Frieden getrübt: tief 
empfunbenes, aber ftandhaft getragenes Leid fchien auf 
ihr zu laſten. Ihr Zuftand fonnte der beforgten Theis 
nahme des brüderlichen Freundes nicht entgehn, vbſchor 
feine Klage über ihre Lippen Fam. 

Da traf endlich Nachricht vom fernweilenden Ritter 
ein — aber welche! Er fei auf der Heimreife, hieß e& 
aber nicht allein: eine Gattin, griechifchem Blute ents 
fproffen, begleite ihn nebft prangendem Gefolge. Heins 
rich ſah ſchmerzvoll feine fchlimmften Ahnungen erfüllt, 
welche die bisweilen "zu ihm gelangte geheime Kunde 
von Conrads leichtfertigem Treiben unter dem ſittenver⸗ 
derbten Wolk der Griechen, mitten unter den beramichens 


. Die Brüder. oo. 245 


dee Genüſſen Wr noch immer Mächtigen umb reichen 
Käiferftadt in -igen erweckt‘ hätten. » Hildegard war die 
letzte, zu deren’Ohr das Gerücht gelangte; fie war 
We einzige, die ſich noch beftrebte,.nidht daran zu glaus 
ben. Aber ihte freiwillige Täuſchung follte nieht Lange 
mehr währen. An einem milden Sommer⸗Abende luſt⸗ 
wndelte fle einſam im Gärtchen, das mühfam auf 
dei nadten Felſen, durch Schupmauern geftüßt, ges 
Bidet war, als Lauter Jubel erfiang und efn fröhlicher 
Troß die Höhe von Sternfeld hiftanzog. Ihr Blut ers 
ſtaͤrrte; um nicht zu finfen, mußte fie ff nieberfegen 
auf ein nahes Mauerſtück. Doch vermochteifie den Blick 
nicht abzuwenden von dem, was fie fo mit banger Ah 
mung und Schreden erfüllte. Die Enffernung des Pfades 
zur nahen Burg war fo gering, daß e*die Perfonen 
dentlich unterfcheiden Fonnte, ohne von ihnen "bemerkt 
zu werben. Da fah fie‘ Conrad, und neben ihm eine 
Weibliche Geſtalt, mit ſchwarzem Haar und breasnendem 
Auge, das jenem freundlich entgegenlächelte. Einige 
Zeit baranf fand der Bruder, welcher vom Fenfter feis. 
6 Gemaches aud Zeuge der Heimkehr des Herrn vom 
Sternfeld gewefen war, und welcher Hildegard zu fuchen 
gegangen, fie auf derfelben Stelle, Ohne einen Laut 
folgte fie ihm in die Burg. 

Als er am folgenden Morgen bie Jungfrau wiebers 
fah, war eine folche Veränderung mik ihr vorgegangen, 
daß er fle faum erfannte. Auf fein eigenes Lebensglück 
hätte Heinrich großmlithig "verzichtet, um das ber Ges 
fiebten und des Bruberd zu "begründen, aber ber leb⸗ 
haftefte Schmerz und gerechte Entrüflung ergriffen ihn, 


146 "Die, Breiter. 


als er bie heiligften Gefühle von ihm mit Fußen gesresen 
fah. Die Zeit war rauh und wild: eine Herausforderung 
zum Zweifampfe mis dem beleidigten -Bruber flog nad 
Sternfeld. Bei diefer ernſten Mahnung mochte der 
Leichtſinnige wohl aufgeſchreckt werden aus dem Sinnen⸗ 
taumel und fein Ungecht erkennen, aber Stolz und bie 
Furcht, unmännlic zu erfcheinen vor feiner ſchönen 
Gemahlin, bewogen ihn ſich zu fielen. Am Fuße der 
Felfen, in der Nähe des Kloſters Bornhofen, trafen 
die Brüder auf einander mit wenigen vertrauten Beglei⸗ 
tern. Finſterer Ernſt ſprach aus des Neltern- Zügen; 
Conrad wagte kaum feinem Blid zu begegnen und, machte 
ſich mit den Seinigen zu fchaffen, bis alles zum Kampfe 
georbnet war: fein beffered Gefühl war noch nicht .nyy 
tergegangen, wenn auch unterbrüct Dusch rafche Leiden 
ſchaftlichkeit. Endlich fanden die, welche bei ihrem letz⸗ 
ten Zufammenfein mit Thränen einer an bed andern 
Bruft lagen, einander gegenüber und gefreuzt waren 
ihre Schwerter, als eine meißverfchleieste Geftalt fi 
zwifchen die Feindlichen warf. Heinrich, ſprach Hilde⸗ 
gard, nachdem fie fic in etwa gefammelt und mühſan 
Herrin ihrer Empfindungen geworden, willft bu um 
meinetwegen zum Brudermörber werden? Conrad — 
und ihre Stimme zitterte — ift dad Dein Willkommen 
nach der langen Entfernung? Ihr Raſchen, bedenkt 
ihr die Folgen Eures Beginnens? Leget die Waffen 
nieder, ſchwöret mir, Ruhe zu halten und Frieden, jetzt 
wie künftig, wenn ich End) ferne fein werde. Mein Ent⸗ 
ſchluß flieht feft: morgen nimmt mic, dad Klofter auf, 
Bewahret dad Andenken einer Zugendfreundin, bie num 


Die Brüder 147 


nicht mehr der Welt angehört. VBerföhnet euch — und 
dies fei das lebte Werk, was ich hier vollbracht. 

Die Schwerter der Streitenden hatten fich bei 
ihrem erften Worte geſenkt; Conrad, von taufend Erins 
nerungen ergriffen und beftürmt bei dem Anblick, bei 
ber Stimme, die fein Ohr traf, wagte das Auge nicht 
emporzufchlagen. Stumm legte er feine Hand in bie 
bargebotene Rechte feined Bruders, dem jede Bitte 
Hildegard’s ein Befehl war, wie viel mehr ihre ernften, 
feierlichen Worte. Aber Fein freundliches Wort begleis 
tete das Zeichen der Verföhnung der Brüder. 

Am folgenden Tage fchon fette die Sungfrau ins 
Wert, was fie befchloffen. Ueber den Rhein geleitete 
fie der brüberliche, geprüfte Freund; unter Thränen 
nahm fie Abfchied von ihm auf immer. Im Klofter 
Marienberg bei Boppard entfagte fie der Welt, die 
ihr fein Glück zu bieten vermochte. 

Tiefe Stille herrfchte auf Liebenftein; Tautes Leben 
auf Sternfeld, wo die fchöne ©riechin nad) Luft und 
Willkür fchaltete und die ganze frohe Ritterfchaft der 
Umgebungen in Saud und Braus um fi) verfammelte. 
Aber aus Conrads Seele war die Ruhe gewichen, und 
je weniger er bei feiner Gattin Antheil und entgegens 
kommendes Vertrauen fand, um fo mehr empfand er, 
wie fehr er ſich durch feine Leidenfchaft und Unbeftäns 
digkeit hatte verlocden laffen vom Pfade der Pflicht. 
Er verſank allmählig in düflere Träumereien und fo 
fonnte es nicht fehlen, daß diejenige, an die er fein 
Geſchick gefettet, Leicht erregbar wie der füdliche 
Karakter ift, in der Öefellfchaft Anderer ſich mehr gefiel 


138 Die Gründung ber Abtei.Oteinfelb. 


dafelbſt Statt gefunden haben, feityem die Mbtei, be 
rühmt durch viele ausgezeichnete und fromme Geiſtliche, 
welche in ihr gelebt, aufgehoben und Private 
geworben iſt. 


% 


Bie Brder. - 


Die länge in Trümmer gefallenen Burgen Sternfels 
und Kiebenftein, auf fchroffen Felſen liegend, die nnr 
durch eine Kluft gefchteden find, gehörten vor Sahrhuns 
derten bem edeln Sefchlechte ber Beyer won Boppart, 
defien Namen man in der Gefchichte des Rheinlandes 
fo oft begegnet. Nicht immer indeß hatten die einander 
fo nahe gelegenen Bergfchlöffer die nämlichen oder eins 
ander befreundete Befiter. | 

Heinrich Beyer erzog neben feinen beiden Söhnen 
eine verwaifte junge Berwandte, Hildegard Brömfer, 
ans der berühmten Familie von Rũüdesheim. Selbſt 
wenn ſie weniger Liebreiz, weniger anmuthige Einfach⸗ 
heit zu eigen gehabt hätte, wenn fie weniger fromm 
und anfpruchlos gewefen wäre, hätte body das Zufams 
menleben mit ihr, auf der flilen Burg, bie nur felten 
von Gäften befucht zu werben pflegte, allmählig ein 


140 Die Brüder, 


immer feftere® Band um bie Herzen der Singfinge 
fchlingen müſſen. Wie viel mehr noch war dies jetzt 
der Fall, da beibe fich geftehen mußten, daß Hildegard 
. alle, die fie auf benachbarten Schlöffern der .Edelfeute, 
oder in ben Städtchen im Nheinthal Kennen zu Iernen 
Gelegenheit gehabt, au Schoͤnheit wie an mildem Sinne 
übertraf. 

Ein Fremder würde Heinrich und Conrad fan 
für Brüder gehalsen haben, fo unähnlid, waren fie eins 
ander in Allem, ausgenommen in ihrer Borliebe für 
ritterliche Uebungen und der Begierde nad, Thätigfeit. 
Heinrich, der ältere, war ernſt und verfchloffen; je 
weniger er im erften Moment blendete, defto feiter z0g 
er die an fich, welche fein edles Herz und feine Charak⸗ 
teritärfe einmal..erfannt -hatten. Eonrad war lebendiger, 
feuriger; er Tieß ſich leicht vom erſten Eindruck bin 
reißen, wie er auch auf Andere durch fein freundliches 
Entgegentommen bald günftigen Eindrucd machte Seine 
Gefinnungen waren redlich, aber ihnen fehlte Beſtaͤne 
Digfeit. 

Die Sahre der Kindheit waren vorüber — Hilde 
gard zur blühenden Jungfrau herangewadhfen, die Brüder 
um einige Sahre älter ald fie. Das vertraute, geſchwiſter⸗ 
Iihe Berhältuiß hatte. unter ihnen fortgewährt, ohne 
daß einer anberg Forderungen gemacht, oder. auch ner 
bie Natur der Empfindungen ihm Flar geworben wäre, 
Aber fo Fonnte ed nicht bleiben. Heinrich fühlte immer 
mehr, wie der Eindrud, den die junge Verwandte in 
ben Kinderfpielen auf ihn gemacht hatte, tiefer und 
tiefer in feinem Herzen wurzelte, und wie ihr Bild 


Die Buäber. 141 


ungertraunlich war von feinen Träumen. ber Zukunft. 
Eis ruhiger aber ſcharfer Beobachter, konute er nicht 
umbin zw. erfennen, daß Conrads Blicke jedem Schritt 
Hildegards folgten, daß er, ber Sugendfrohe, alle Ges 
ſellſchaft mied, um in ihrer Gefellfchaft zu fein; daß auch 
bei der Sungfrau. mandjed Erröthen, mancher von ihr 
unbegchtet geglaubte Seufzer verkündete,. fie kaͤmpfe 
mit biöher ungelannten Gefühlen. Heinrich täufchte fich 
nicht; wenn. Hildegard mit fchwefterlicher Zuneigung an 
dhrebing, wenn fie in dem ernſten aber fanften Zünglinge 
eineg Freund ehrte, einen Berather fuchte, fo gehörten 
feinem Bruder wärmere Empfindungen. welche fe fich 
felper kaum zu geftehen und deutlich zu wachen wagte. 
Aber fie konnten jenem nicht entgehn, und ein feiner 
würdiger Entichluß ſtand in ihm feit, ſobald, er ſich 
BGewißheit verfchafft zu haben glaubte. Durch Berzich- 
tung auf fein eigen Glück wollte er dad Glück derer 
begsündeg helfen, die ihm am naͤchſten ſtanden. 
Eine edle und großmüthige Entfaguug übend, ehe fie 
von ihm gefordert wurde, fprach er erſt mit Kontad, 
vermochte dann Hildegard, ihre jungfräuliche Schüchterns 
heit befiegend, fich dem Bruderherzen zu eröffnen. Nicht 
ſchwer war es ſodann, durch des Baterd Einwilligung 
Die Seligkeit des Liebenden Paares zu begründen. Fami⸗ 
lienverhältniffe veranfaßten indeß, die Verbindung noch 
auf einige Zeit hinaudzufchieben, 

Heinrich hatte nun einen ‚fchweren @ieg über. fich 
felbft errungen: aber wenn er aud, innerliche Befriedi⸗ 
‚gung empfand, fo kounnte er doch keinen Troſt finden, 


und er mußte fich felbft gefichn, daß für jegt der fort 


143 De Brüser. 


gefetste Aufenthalt auf der väterlichen Burg Wie Wunde 
feines Hetzens immer tiefer sfüichte, und dag die muͤhßam 
efrungene Nefignation äm Ende weichen mußte vor Dem 
‚Drang-feiner nicht beruhigten-Gefühle. Daheruhiet er 
es für das Beſte, fich’zu entfernen, und in ber. Kerne 
im thösige Leben Linderung zu ſuchen; willfommen 
war ihm der Aufrkf, der an die Ritter der chriſtlichen 
Welt erging, ſich unter das Banner des Kreutes u 
ftellen, und bald fah man ihr, nach wehmäthiäem Ab⸗ 
ſchiede, den ſteilen Burgpfad hinabziehn und mit wertgeg 
Begleitern ſich auf dun Weg nach Frankfurt begeben, 
wohin die Gotteöftweiter beſchieden worden waren 
So vergingen mehre Monde — nur Tage ſchienen 
fie dem glücklichen Paare. Die Zeit: der Vermuͤhlung 
{te nf endlich beſtimmt werben, ald aus bem fernen 
Morgenlande Kunde von Heinrich und feinen ritterTichel 
Thaten anlangte. Da blitte in des leicht „erregtem 
Conrads Seele ein Gebanfe auf: der Gedanke, Daß es 
ihm nicht zieme, daheim zu bleiben und dieSahre feiner 
Jugenb in ruhmloſer Unthätigkeit zuzubringen, während 
die edeln Söhne der nachbarlichen Burgen, während 
ſein eigener Bruder im frommen Kampfe Lorbeeren er⸗ 
rangen. Der liebenden Hildegard konnte es nicht ent 
gehen, daß ein Geheimniß auf ihm laſte; nachdem er 
endlich klar gemacht, was ihn drückte und bewegte; ver; 
mochten nicht die Thränen der Braut, nicht Die ernften 
Vorſtellungen des Fopfihüttelnden Vaters, bet ihm vors 
hielt, wie verſchieden im gegenwärtigen Augenbild Yeine 
Pflichten von denen feined Bruders feien, feinen Ent⸗ 
ſchluß zu aͤndern. Nur nöch wenige Male war bie 


Die Brüder, 143 


Sorte anfgefiegen, und ſchon ſah fie Conrad anf 
derfelfen Straße, welche vor ihm Heinrich gezo⸗ 
gen "mar. 

Kur feltene und anzuverlaͤſſige Nachrichaen trafen 
von den Brüdern ein. Der alte Ritter ſtarb, und 
Doppelt einfam fühlte Hildeyard ſich auf Kiebenftein. 

"Sie blickte nicht: freudig mehr in die Zukunft. War 
auch ihr Vertrauen zu ber Liebe ihres Verlobten wicht 
wankknd geworben, ließ fie aud feiner Begierde, nicht 
ruhmlos zu erfcheinen unter Ruhmgekroͤnten, Gerechtigs 
keit widerfahren, fo ſah fie fich "Doch von ihm durch 
Berge und Meere getrennt, und nicht abzuſehen war die 
Meit ihrer Wiedervereinigung. Se konnte fle fidy trüber 
Gedanken und Ahnungen oft nicht erwehren. Eines 
“Tages faß fie auch wieder, ihrer Gewohnheit nad), am 
einem Fenſter der Burg, welches eine-meite Ausſicht 
über Den tief unten ſtrömenden Rhein und bie falfigen: 
Hfer gewährte, als fie fah, wie eine Feine Schaar 
von Bewaffneten den Weg zum Liebenftein herauftitt und. 
ein ihr wohlbefannted Banner, das der Beyer, wehen 
KR. Es ift Eonrad! war ihr eriter Gedanke — nach 
wenigen Angenbliden trat ein Ritter in dad Gemach, 
amd Heinrich fchloß fie, die unser Thränen lächelte beim 
sinverhofften Wiederfehn, in feine. Arme, Ä 

Ungenügend war die Kunde, die er ihr von ihrem 
Derlobten brachte, und hätte. ein Verdacht in Hildegards 
arglofer Seele aufſteigen können, fie hätte bemerken 
müſſen, daß eine gewiſſe Berlegenheit a hinderse, ſich frei 
übse ben Bruder auszuſprechen. Nur fo viel vernahm fie, 
daß Enurad nur kurzes zeit im Palaͤſting gemeilt und 


144 | Die Brlder. 


bald zuruͤckgekehrt fei.in die griechifche Kaiſerſtadt. Mei 
tee vermochte der Bruder nichts Aber ihn zu berichten. 
Als Geſchwiſter, wie in vorigen Tagen, dÜbten 
Heinrich und Hildegard nin wieder auf dem einfamen 
Kiebenftein, welches wrfterm ald Erbe zugefallen war, 
während Gternfeld dem Jimgern Gehören follte te 
. flieg der Gedanke, die Sungfrau für fih zu gewinnen, ’ 
in ber Bruſt ded Ritters auf: er ſah in ihr nur die 
Bsaut des Bruders, er betrachtete ſich nur als ihren 
Beſchützer und Freund. Sein eigenes Glück hatte er 
längſt zw Grabe getragen: dad Smmergrün der Sew 
lenruhe, welche die Refignation edler Öemüther gewinnt, 
war daraus hervorgeblüht. Es waren nicht mehr? 
die glücklichen frohen Tage ber in Hoffnung und Tram 
men fdjwelgenden Jugend: ed war die ftille Heiterfeit,® 
weiche den Stärmen folgt. Tage folgten Tagen, und 
feine Kunde fam von Conrad. Aengftliche Beſorgaiß 
hatte ſchon lange Hildegards Frieden getrübt: tief 
empfunbenes, aber ftandhaft getragenes Leib ſchien auf 
ihr zu laſten. Ihr Zuftand konnte ber beforgteun Theil 
nahme des brüderlichen Freundes nicht entgeht, obſchor 
feine Klage Aber ihre Lippen Fam. 
Da traf endlich Nachricht vom fernmweilenden Ritter 
ein — aber welche! Er fei auf der Heimreife, hieß e& 
aber nicht allein: eine Gattin, griechifchem Blute ents 
faroffen, begleite ihn nebft prangendem Gefolge. Hein⸗ 
rich fah ſchmerzvoll fetne fchlimmften Ahnungen erfüllt, 
welche die biöweilen zu ihm gelangte geheime Kunde 
von Conrads leichtfertigem Treiben unter dem ſittenvar⸗ 
berbten. Bolt ber Griechen, mitten: unter den berättichens 


. Die Brüder. . 245 


den Genuͤſſen Wr noch immer Mächtigen und reichen 
Kaiferftadt in ihm erweckt‘ hätlen. · Hildegard war die 
letzte, zu deren Ohr das Werücht gelangte; fie war 
We einzige, die ſich noch beſtrebte, nicht daran zu glau⸗ 
ben. Aber ihke freiwillige Taͤuſchung ſollte nieht lange 
mehr waͤhren. An einem milden Sommer⸗Abende luſt⸗ 
wundelte fle einſam im Gärtchen, dad mühfam auf 
dein nadten Felſen, durch Schutzmauern geſtützt, ges 
Set war, als lauter Jubel erklang und en fröhlicher 
Troß die Höhe von Sternfeld hiflanzog. Ihr Blut ers 
flarrte; um nicht zu finfen, mußte fie ſich niederfeßen 
auf ein nahes Mauerſtück. Doc; vermochte*fie den Blick 
nicht abzuwenden von dem, was fie fo mit bänger Ah⸗ 
Ming und Schrecken erfüllte. Die Enffernung des Pfades 
zur nahen Burg war fo gering, baß ſiesdie Perfonen 
dentlich. unterfcheiden konnte, ohne vor ihnen "bemerkt 
zu werben. Da fah fie‘ Conrad, und neben ihm eine 
Weibliche Geftalt, mit ſchwarzem Haar und breunendem 
Auge, das jenem freundlicd; entgegenläcjelte. Einige 
Zeit darauf fand der Bruder, welcher vom. Fenſter feis 
es Gemaches aus Zeuge der Heimkehr des Herrn vom 
Sternfeld gemefen war, und welcher Hildegard zu fuchen 
gegangen, fie auf derfelben Stelle, Ohne einen Laut 
folgte fie ihm in die Burg. 

als er am folgenden Morgen bie Jungfrau wieders 
fah, war eine ſolche Beränberung mit ihr vorgegangen, 
daß er fle kaum erfannte. Auf fein eigenes Lebensglück 
hatte Heinrich großmlthig "verzichtet, um das ber Ges 
fiebten und des Bruders zu "begründen, aber der leb⸗ 
haftefte Schmerz und gerechte Entrüftung ergriffen ihm, 


146 "Die, Bruͤder. 


als er bie heiligften Gefühle von ihm mit Fußen getreten 
fah. Die Zeit war vauh und wilb: eine Herausforderung 
zum Zweilampfe wis dem Beleidigten Bruber flog nad 
Sternfeld. Bei diefer ernſten Mahnung mochte der 
Leichtſinnige wohl aufgeſchreckt werden aus dem Sinnen⸗ 
taumel und fein Unrecht erkennen, aber Stolz und bie 
Furcht, unmännlid zu erfcheinen vor feiner fchönen 
Gemahlin, bewogen ihn fid, zu fielen. Am Kuße Ser 
Felfen, in ber Nähe des Kloſters Bornhofen, trafem 
die Brüder auf einander mit wenigen vertrauten Beglei⸗ 
tern. Finfterer Ernſt fprach and des Aeltern- Zügen; 
Conrad wagte kaum feinem Blick zur begegnen und machte 
fi) mit den Seinigen zu fchaffen, bis alles zum Kampfe 
georbnet war: fein beffered Gefühl war noch nicht uyy 
tergegangen, wenn auch unterdrüdt durch rafche Leiden 
ſchaftlichkeit. Endlich fanden die, welche bei ihrem letz⸗ 
ten Zufammenfein mit Thränen einer an des andern 
Bruft lagen, einander gegenüber und gefreuzt waren 
ihre Schwerter, als eine meißverfchleieste Geftalt ſich 
zwifchen die Feinblichen warf. Heinrich, ſprach Hilde 
gard, nachdem fie fich in etwa gefammelt und mühfme 
Herrin ihrer Empfindungen geworden, wilft bu um 
meinetwegen zum Brudermörber werden? Conrad — 
und ihre Stimme zitterte — ift das Dein Willfommen 
nach der langen Entfernung? Shr Rafchen, bebenft 
ihr Die Folgen Eures Beginnend? Leget die Waffen 
nieder, fchwöret mir, Ruhe zu halten und Frieden, jetzt 
wie fünftig, wenn ich Euch ferne fein werde. Mein Euts 
ſchluß fteht feſt: morgen nimmt mid) das Klofter auf. 
Bewahret dad Andenken einer Sugendfreundin, Die nun 


Die Brüder, 147 


nicht mehr ber Welt angehört. VBerfühnet euch — und 
dies fei das lebte Werk, was ich hier vollbracht, 

Die Schwerter der Streitenden hatten fich bei 
ihrem erften Worte geſenkt; Gonrad, von taufend Erins 
zerungen ergriffen und beftürmt bei dem Anblick, bei 
ber Stimme, die fein Ohr traf, wagte das Auge nicht 
emporzufchlagen. Stumm Iegte er feine Hand in die 
dargebotene Rechte feined Bruders, dem jede Bitte 
Hildegard’s ein Befehl war, wie viel mehr ihre ernften, _ 
feierlichen Worte. Aber fein freundliches Wort begleis 
tete das Zeichen der Verfühnung der Brüder. 

Am folgenden Tage fchon feßte die Jungfrau ins 
Merk, was fie befchloffen. Ueber ben Rhein geleitete 
fie der brüberliche, geprüfte Freund; unter Thränen 
nahm fie Abfchied von ihm auf immer. Im Klofter 
Marienberg bei Boppard entfagte fie ber Welt, die 
ihr kein Glück zu bieten vermochte. 

Tiefe Stille herrſchte auf Liebenſtein; lautes Leben 
auf Sternfels, wo die ſchöne Griechin nach Luſt und 
Willkür ſchaltete und die ganze frohe Ritterſchaft der 
Umgebungen in Saus und Braus um ſich verſammelte. 
Aber aus Conrads Seele war die Ruhe gewichen, und 
je weniger er bei ſeiner Gattin Antheil und entgegen⸗ 
. kommended Vertrauen fand, um fo mehr empfand er, 
wie fehr er fich durch feine Leidenfchaft und Unbeftäns 
digkeit hatte verlocken laſſen vom Pfade der Pflicht. 
Er verſank allmählig in düſtere Träumereien und fo 
konnte ed nicht fehlen, daß diejenige, an bie er fein 
Geſchick gefettet, Heicht erregbar wie der  fübliche 
Karakter ift, in der Öefellfchaft Anderer fich mehr gefiel 


148 Die Brüder, 


als in ber feinigen. Wenn er auch nicht an ihre Schule 
glaubte, mußte er doch die Veränderung bemerken. 
Mit dem Bruder war er in feinen Verkehr getreten; 
nie hatte fich diefer blicken Iaffen auf Sternfels, we 
bei ausgelaffenen Gelagen nicht felten gefpottet wurde 
über den mönchifchen Burgherrn. 

So war etwa ein Jahr vorübergegangen, als eines 
Morgend Conrad unerwartet in das Gemach trat, we 
Heinrich ſaß. Der einft fo lebensfrohe und freudige war 
bleich und voll trüben Ernſtes. Ohne ein Wort zu 
reden, ergriff er Die Hand des Bruder’s, dann, nachbem 
er ſich niebergefeßt, berichtete er ihm das Borgefallene, 
Die Griechin war in der Nacht mit einem jungen Rib 
ter entflohn. Ihre Liebeshändel waren nur für ber 
Gatten ein Geheimniß gemefen. - 

Heinrich hatte fein Wort des Vorwurfs für den 
ſchon hart Geſtraften. Er drückte ihn an ſeine Bruſt, 
er ging willig auf ſeine Bitte ein, ihm auf Liebenſtein 
eine Stätte zu gewähren. Sternfels war und blieb 
veroͤdet; nimmermehr kehrte der Beſitzer in die leeren 
Hallen zurück. Auf der nachbarlichen Burg lebten in 
Eintracht und ftiller Zurückgezogenheit Die Brüder. 





Sant Gear. 


Huf den reichhefegten Tafeln des berühmten Gaftros 
romen Lucullus bat der Rheinlachs gewiß nicht 
gefehlt. Wenn, woran nicht zu zweifeln ift, Lucca 
yamals fchon fo Foftbares Del Tieferte wie heutzutage, 
md Modena fo vortrefflichen Effig, fo mußte biefer 
Sich im heißen Clima der römifchen Campagna ein 
nerfeßbared Labfal fein, und ba ed Damals ein Leichtes 
var, in einer Woche von Babylon nad) Eonftantinopel 
nit Poftpferden zu gelangen, fo kannte jener fantafie- 
:eihe und elegante Praffer ohne Zweifel ein Mittel, 
ven. Salm Iebend in feine Küche zu ſchaffen. Da machte 
7 denn wohl ebenfo großes Glück wie Acnead von 
Butter auf der Torte der Königin Dido. 

Es ift ein betriebfames, aber im Allgemeinen armes 
Bölfchen, welches fich mit dem Salntfang befchäftigt, 
yon den fteilen Kelfenwänden umringt, zwiſchen benen 


150 Sanct Goar. 


der Strom bindurchfchießt, tofend, und wie ungehals 
ten über den engen Raum, der ihm vergönnt tft. Das 
Tagewerk, mit dem fie fich heute abgeben, verfchaffte 
ihnen fchon im fechiten Sahrhundert nach des Heiland 
Geburt den Lebensunterhalt, als der fromme Einfiebler 
Spar fich bei ihnen nieberließ. In Aquitanien von 
vornehmen Eltern geboren, hatte er früh fchon feinen 
Beruf erfannt, das Wort Gottes auf Erben zu ver 
breiten. Dur) Gallien ziebend, gelangte er, nad 
manchen Mühfalen und Entbehrungen, zu ben Ufern 
des Rheines, wo er ein armed, aber fleißiged und 


gutgefittetes Volk fand, das feiner Lehre ein woilliged 


Dhr lieh. Hier befchloß er zu verweilen: eine niebere 
Zelle bot ihm Obdach neben den Hütten der Kifcher, 
für deren Wohnungen der Raum fo beengt war, daß 
fie zum Theil dicht an die Felfenwand fich anlehnten. 
. Nicht felten nahm er an den Arbeiten der Einwohner 
Theil, und wenn dad Tagewerk vollbracht war, Tagen 
ten fie fi um ihn mit Weibern und Kindern, und er 
verfündigte ihnen die Worte und die. Thaten des Erlös 


— a 


ſers. Eine Menge Leute aus der Umgebung wurde 


durch den Ruf bes gotteöfürchtigen Mannes herbeige 
zogen, und bald entitand eine Meine Ortfchaft auf dem 
Iinfen Slußufer, am Fuße der gewaltigen Kelfenmaffe, 
welche gegenwärtig die durch Brand und Menfchenhand 
verwüfteten Mauern der einft flarfen Vefte Rheinfels 
trägt. Doc; auch der fromme Goar wurde vom böfen 
Leumund nicht verfchont, und der Bifchof von Trier, der 
ihm feindlfich gefinnt war, betrübte ihn durch Verfol⸗ 
ungen aller Art, bis der fränfifche König Siegbert 


Sankt Goar. 151 


von der Sache vernahm, und ben Siedler zu ſich be: 
ſchied. Seine Unſchnld und fein tugendhaftes Leben 
wurden hier klar erwiefen, und der König wollte ihn, an 
feined Gegnerd Stelle, auf den bifchöflichen Stuhl er: 
erheben. Aber Spar, in feiner Einfalt und Befcheiden: 
beit, wünſchte nichts fehnlicher als zu feinem frühern 
Allen Wohnort zurückkehren zu Fönnen. Dies geftats 
tete ihm denn auch Siegbert, und von feinen alten 
Freunden und Schülern umgeben, entfchlief er nach ſchwe 
xen Prüfungen im Suli des Sahres 575, 

Wo Goars Zelle geflanden, errichtete die Fröm⸗ 
migfeit jener Zeiten ein Kirchlein, das viel befucht und 
reich beſchenkt ward, und fich in fpäteren Jahrhunderten 
der befondern Gunſt der fränfifchen Könige zu erfreuen 
hatte. Das reiche Klofter, welches fich bei der Kirche er- 
hob, und zu dem viele Pilger aus der Nähe und Ferne 
zogen, nachdem Spar in die Zahl der Heiligen aufge: 
nommen worben war, übte dagegen willige Gaſtfreund⸗ 
fchaft, und von feiner Wein» und Waffertaufe und feinen 
gefüllten Fäflern wird noch manche luſtige Gefchichte 
'erzählt. Der Drt, welcher fich nach dem Siedler nennt, 
vergrößerte fich rafch, und wurde zu dem durch Mauern 
und Thürme befchüsten Städtchen, da feine Einwohner 
gut nährt und von Fremden gerne beſucht wird. Des 
Heiligen Name lebt aud) fort in dem gegenüber Tiegen- 
den St. Goarshauſen, über welchem die Ruinen eines 
Schloffes thronen, das nach feinen Erbauern Neus 
Katsenellenbogen, beim Volke indeß gewöhnlich die Kate 
heißt. 





Sore- Sy, 


(Hierzu bas Bild IV., erfunden von X. Rethel, or von 
&, Steifenſand.) 


Wild brauſt der Rhein zwiſchen Wefel und St. Goar 
über Klippen und Sandbänke, gleichfam zürnend der 
ungeheuern Felſen, die hier einander immer näher and 
näher rüden, feinen Lauf zu hemmen fcheinen, und 
durch welche er mit ftürmifcher Haft feine Bahn bricht. 
Richt ohne Grauen wagt ſich felbft der geübteſte Schiffer 
in diefe Schlucht des Strombetted, wo ihm am fchreoffen 
Steine und auf Untiefen des Untergangs Gefahr droht. 
Naht er fich diefer Stelle, fo faltet er inbrünftig bie Hände 
zum Gebet, auf daß ihn der Herr der Stürme fchüge 
und bewahre. Der Neifende, den ded Dampfichiffe 


Kiel in dieſes wüſte Gewirre trägt, in dem ploötzlich 
alle Vegetation aufzuhören foheint, fchaudert unwillführs 


lich zufammen, beim Anbli der gewaltigen, nadten 
Felsmaſſen, die ſich wild übereinander, dem Laufe des 
beflügelten Schiffes entgegenthürnen. 

Bon einer der graufigften fleilen Wände tönt 
feine Stimme in taufendfahem Wiederhalle nedend, 
zurück, denn hoch auf demfelben thront die Nire Lore, 
bie jegt zwar fich nicht mehr in ihrer Alles bezaubern⸗ 


| 


": 


Lore⸗Ley. 153 


ven Schönheit zeigt, wenn Auch der Ton ihrer ſuͤßlocken⸗ 
den Stimme im Lauf der Zeiten ſchon viele Opfer 
in die ſchwindelnde Tiefe ded Stroms herabzog. Unter 
dem Schuke des fleilangehenden Ley bergen fich jet 
einzelne Fifcherfähne, Die bier im. Mondfcheine des. 
Salmenfange warten und immer reicher Beute froh. 
werden. Erzählen fie auch noch zumeilen von der 
wunderfchönen Sungfrau Lore, wie fie fich hoch auf 
dem Ley im Mondfcheine zeige, und durch ihren Weng 
derſang ſchon manchem füfternent* Mligfinge „d den, Uns 
tergang bereitet habe, fo hat fie doch * Nemand 
geſehen, denn ſchon ſeit langen Jahren iſt fie in 
den Rhein gebannt, weil ſie den Geliebten, den ſie ſ ch 
erkor, in den Fluten gefunden hat. 

Der Pfalzgraf bei Rhein ſah ſeiner Jugend ſchöne 
Zeit wieder neu aufblühen in ſeinem einzigen Sohne, 
einem der kräftigſten und flattlichiten unter den Jüngs 
lingen des Rheingau's. Ihn hatte die Nire gefeben, 
ald er an einem lauen Eommer-Abende, unter Anlei- 
tung feines Waffenmeifters, Walter, unterhalb des Fel- 
ſens, der einen Borfprung bildet, badete, und mit 
Fräftigem Arm die im lichten Scheine ded Mondes 
taufendfältig fchillernden Fluten durchſchnitt. Schon 
wollte fie ihren Zauberfang anjtımmen, und fi dem 
in den Fluten fpielenden Jünglinge in ihrer blendenden 
Schönheit zeigen; doch rührtee Mitleid ihr Herz, 
wenn fie den Liebreizenden Mann auch gern gang ihr 
eigen genannt hätte. | | 

Lange Zeit hörte man Nichts mehr von der Wafs 
ſerjuugfrau. Ohne Gefahr zeigten ſich ber Fiſcher 





154 Lore⸗Ley. 


Kaͤhne, ſelbſt unter dem Felſen, wo ihre Netze immer 
den reichſten Fang thaten, und die Nixe mit allen Fahr⸗ 
niſſen waren vergeſſen, des Pfalzgrafen Sohn aber ſchien 
in Allem, was er unternahm, das Glück zu verfolgen. 
Die unbändigſten Roſſe, die Niemand zwingen konnte, 
folgten wie die Laͤmmer feiner Fauſt, und trugen ihn 
Aber Steinflüfte, wohin auch der Fühnfte Reiter ſich nicht 
wagte. Seine Bolzen erreichten den Steinadler in dem 
Höcen Lüften, die Falken die er abrichtete, waren bie 
gewandteſten, safhäteh und treueften. Keines Wildes 
Faͤhete entging feinen Hunden, und wenn er im ber 
Gegend des Felfend, auf dem bie Nire ihren Wohn 
fit aufgefchlagen, jagte, Iohnte ihm immer die reichfle 
Beute die Mühen des Waidwerks. Wenn er oft 
ftundenlang in den Felfenfchlünden des Ley, wohin man 
über Dörrfcheid gelangt, ohne Beute umhergeftrichen, 
lockten ihn yplößlich gar wunderliebliche Töne, und bies 
fen folgend, fließ er gewöhnlich auf irgend ein Wild, 
Das nie feinem Wurfgefchoß oder feiner Armbruft entging. 

War er ganz erfchöpft von der Sagd, fo fprudelte 
plöglich zu feinen Füßen, wo er es gar nicht erwartete, 
ein heller Quell, deſſen Waffer ihn gar wunderfam 
ftärfte, oder ein reiched Erdbeerenbeet duftete ihm lieb⸗ 
Yich entgegen, wo fonft nur dürres Haidefraut fpärlic 
fortgewuchert. Nicht felten bot ihm auch, wenn er ganz 
erhist und ermattet, eine anmuthige Felfengrotte, wo 
er fie früher nie bemerkt, Kühlung und ein weidjes 
Lager zum Ausruhen, und immer glaubte er dann ein. 
gar ſüßes Singen und Klingen zu hören, welches ihn 
in den fanfteften Schlaf lullte. 


Lore⸗Ley. 155 


Als der Junker eines Tages ſehr emſig des Waid⸗ 
werks gepflogen und ſich erſt am ſpaͤten Abend zur 
Heimkehr anſchickte, ging er auf der ſonſt ihm ganz 
vertrauten Bahn irre. Wie er auch auf dem Felfen 
umher Eletterte, um zu des Stromes Ufern zu gelangen, 
er ſchien fich immer weiter davon zu entfernen. Bald 
glaubte er dad Braufen und Saufen der Wogen zu 
hören, bald Fang ed wie ferned Saitenfpiel- in fein 
Dhr. Die Töne feines Hüfthornd, mitedem er feinen 
Sagb-Sefellen rief, hallten wie nedender Hohn von Dem 
Felfen wieder, Mit Mühe Eletterte er eine Wand 
empor, um ſich ‚eine Ausficht auf den Strom zu vers 
fchaffen; auf der Felfenfuppe angefommen, fland er auf 
einmal geblendet, denn wie glühender Frührothfchein 
ftrahlte es in fein Auge, und was fah er, als ſich der 
Blick einigermaßen an die Helle gewöhnt — eine Jungs 
frau fo lichreigend und. hold, wie fein Auge noch nie etwas 
Srdifched gefehen. Dem Mondhimmel gleich, an dem 
die Sterne milde funfeln, umwob ein lichter Schleier 
ihr Antlitz, aus dem ein Paradies voll GSeligfeiten zu 
ihm binüberlächefte.e Schon wollte er auf die fchöne 
Jungfrau -zufchreiten, als der. Öedanfe an die Nixe 
Lore durch feine Seele fuhr und er, fi) andächtig bes 
kreuzend, zurücfchredte. Die Helle war yplößlich vers 
fhwunden, und wie aus einem verwirrenden Traume 
‚erwachend, : fand er fich auf dem rechten Wege wieder, 
der hinab zur Straße führte, 

Seit diefem Abenthener konnte ſich der Junker 
des Gedanfend an die holde Jungfrau nicht mehr er- 
wehren. Wachend und träumend lebte das zauberifche 


156 Lore⸗Ley. 


Bild in ſeiner Seele, und ſo oft er konnte, beſuchte er 
bie Stelle, um ber ſchoͤnen Geſtalt nur noch einmal 
anfichtig zu werben. Aber umſonſt. Der wonnige Um. 
blick, das Biel feiner Sehnfucht, wurde ihm nicht mehe 
za Theil. Zwar Fang noch zuweilen ber oft vernom⸗ 
- mene Sang in fein Ohr, und wenn er ihn Taufchenb 
folgte, führte er ihn nur anf die Spur eines Wildes, 
deffen Fährte er aber nicht mehr verfolgte, benn er 
Dachte nur der@liebreisenden Jungfrau, die feine Seele 
gefeſſelt hielt. " 

Sein treuer Waffenmeifter Walter warb auch ber 
Bertraute feines Sehnend und Fopffihüttelnd mahnte 
der Alte. den Süngling an die Gefahren, bie ihm 
drohten, wenn er dem Trugbilde traute, und unerfchöpfs 
lich war der Alte an Mähren von Sünglingen und 
Männern, weldye ber Nixe Lore Tiebreiz und Lieb ſchon 
ind Berberben gefodt. Aus des Junkers Seele war 
aber das Zauber:Bild nicht zu bannen, und fein ganzes 
Sinnen ging nur dahin, fie noch einmal in ihrer Schöns 
beit zu fehen. 

Freudig vernahm es der alte Walter, daß fein Zögs 
Ting bald an des Kaiſers Hof ziehen follte, um fich bier 
den goldenen Sporn zu verdienen. Wie froh der Jun⸗ 
fer auch fonft diefem Augenblict: entgegengefehen, der 
alle feine Jugend Wünjche Frönen follte, gern hätte er 
ihn jest noch fern gewünfcht; der Tag ded Scheidens 
war aber fchon beftimmt, und voller Freude theilte ihm 
Walter die ihm fo ermünfchte Kunde mit, denn er follte 
feinen Zögling an des Kaiſers Hof begleiten, und war 
ſchon entzückt in Dem Gedanken an das Lob und die Ehre, 


tore⸗Ley. 157 


die fein junger Herr vor den übrigen Hofjunfern eins 
arndten würbe. Je näher ber Abfchied kam, um fo 
beffiommener wurde des Juͤnglings Herz, benn er ſollte 
ſcheiden, ohne die Holde noch einmal gefehen zu haben. 

Sleißiger denn je übte er jest in den Iehten Tagen. 
das Waidwerk, aber auf feiner Wünfche, feiner Sehn⸗ 
ſucht Ziel, harıte er vergebene. Walter fah mit ins 
nerm Schmerz bed Tünglingd Kummer, deſſen Urſache 
im allein befannt war, und den er troß aller Bemüs 
bungen nicht zu verfcheuchen im Stande war. Als der 
Sunfer ihn daher am Abende vor ihrer Abreife. bat, 
od) einmal mit ihm hinaus zum Rheine zu ziehen, um 
ihr Glück im Fifchfange zu verfuchen, fonnte er die 
Bitte nicht abſchlagen, obwohl es ihm im Innerſten 
graufte vor dem Gedanken an die Nire, 

Es war ein milder MaisAbend, die Erde lag im 
frifchen Brautſchmuck, wie fehnfuchtsovol den Bräutigam 
erwartend; wie Seufzer der Liebe ftrichen die Wefte über 
ded Rheines Spiegel. — Alled hauchte ringe Anmuth 
and Wonne; des Himmels Pracht fehien zu verfchmels 
zen mit dem Iebendigen Schmude, den der Frühling 
Aber Berg und Thal gebreitet. Selbſt die ſtummen 
Bewohner der Tiefe vergaßen im Monnengefühl der 
Katur die Gefahren des ihrer harrenden Need, und 
die reichfte Beute warb unfern Kifchern. Der Junker 
fenfte ven Kahn nähe am Ufer bin, doch immer näher 
dem gefährlichen Felfen zuftenernd, ohne daß Walter, 
des glüdlichen Fangs ſich freuend, es zu bemerfen 
fchien. Als endlich der Mond in-feiner ganzen Pracht 
hinter dem Ley emportauchte und fein freumbliches Licht 


158 eore⸗Ley. 


auf den Hoͤhen und in den murmelnden Wellen zitterte, 
ſo daß die Fiſche in wohliger Luſt aufſprangen, da 
gewahrte Walter, wo fie ſich befanden und mit ben 
Worten: „Sunfer, feht ihr dort den Ley“ entfanf das 
eben zum Wurfe ausgebreitete Neb feinen Händen, 
„D laßt und ans Ufer binftenern, bat Walter; ber 
Junker fchien aber Fein Ohr zu haben, fein Blick war 
feft auf bie Felfenplatte gerichtet, über welche ber. Monb 
fein ganzes Lichtmeer ausgoß. Horch! es ranfchten 
and murmelten die Wellen wie zum Gruße,. und hoch 
auf der Platte erjchien in vollem Zauberreize Die Jung⸗ 
frau, welche der unter fchon einmal gefehen. Die 
ganze Natur fchien fich rings in himmlifchen Wohllant 
aufzulöfen, als die Nire ihren Gefang anftimmte und 
Die Arme ausbreitete, ald wolle fie den Gegenſtand 
ihrer Liebe brünftig umfangen. Dem Süngling entjant 
das Steuer, fein Auge fah nur fie, Walter’d Odem 
ftocte, fein Wort, keine Silbe Fam über feine Lippen. 
Immer näher der Klippe glitt der Kahn, dem braufens 
den Gewirre der Wafler zu, die fich wilbflürmend an 
dem Ley brachen und, auf einmal ſich hoch anthürmend, 
den Kahn und feine Führer verfchlangen, welche von 
dem füßen Zauberton befangen, in den reizenden Ans 
blick verloren, die Gefahr nicht ahnten. 

Eine mächtige Woge trug Waltern an das jen 
feitige Ufer, und ald das Bewußtfein ihm wiederfehrte, 
. wähnte er aus einem Traume zu erwachen. Laut rief 
er des Sunferd Namen, ber von ben Bergen wieder 
zu ihm herüberflang, aber vergebens harrte er einer 
Antwort. Was ihm fihredender Traum gefchienen, 


Lore⸗Ley. 159 


ar alfo fchmerzliche Gewißheit. Thräanen traten in 
8 Alten Augen, er mußte ber Trauerbote feyn, wels 
er dem unglüdlichen Vater den Tod des geliebten 
ohnes verfünden follte. Hätten ihn doch lieber die Wel⸗ 
n auch verfchlungen, — dies war fein einziger Wunfch, 
ber männlich gefaßt trat er vor ben alten Pfalzgrafen, 
sb brachte ihm die Kunde des Vorfalld. Des Vaters 
schmerz hatte feine Worte, Feine Thränen. Nach eis 
gen Augenblicken fuhr er anf: „Wer mir die gottvers 
nchte Fee tobt oder lebendig bringt, ihn wi ich 
siglich belohnen.” 

„Laßt mir Herr, den Troft” ſprach Walter „dieſes 
Jagniß zu beftehen; mag mic, benn auch: der Tod im 
a Wellen finden.’ 

- Der Pfalzgraf winfte, ihn allein zu laſſen. 

Als am andern Abend der Mond aufftieg, zogen 
es Pfalzgrafen Reiſige and, Walter an ihrer Spiße, 
m bie Nire zu fahen. Dad ganze Ley wurbe ums 
et, und Walter mit den Beherzteften hatten fich 
nf der Kuppe des Ley felbit gelagert. Ald der Mond 
un hoch über dem Kelfen ſtand, erfchien auch bie 
Bafferjungfrau wieder, Tieblich wie die Mainacht. — 

Mir nach, rief Walter, in Gottes Namen, und 
e Zauberin kann Euch nichts anhaben. Die jüngern 
riegsfnechte waren aber bei dem Anblide der Jung⸗ 
an ganz verwirrt. „Wen ſuchet ihr?“ fragte Die 
lire. 

„Dich, böfe Here” fuhr fie Walter an, und fich 
it dem Zeichen des Kreuzes bezeichnend, fchritt er 
sit den Worten: „Wo iſt der Junker?“ auf fie zu. 


160 Loresäen. 


Die Nire deutete auf ben Strom, deſſen Waffer, 
wie. vom Sturme gepeiticht, am Felſen emporgifchte: 

Metterwolfen verhüllten Mond und Sterne, nım 
fie ſtand hellleuchtend in bunfler Nacht, wie ein erha⸗ 
benes Sternbild. Ungeſtuͤm brauſte der Wind über 
die Felſen, aus tiefſtem Grunde die Wellen aufwühlend. 
Auch Walter ſchreckte zurück. 
Ihren ſchimmernden Halsſchmuck warf die Nixe in 
die Flut, die ſich alſobald beſaͤnftigte. Wie ein rief 
ger Perlenkranz ſchwammen bie einzelnen Perlen auf 
dem ruhigen Spiegel. Die Jungfrau breitete ihrem 
| Schleier in die. Luft aus, reich blikend wie Sternen 
- schein, und mit anmuthiger Stimme fang fte ihre Weite, 
in ber fie die Gewäſſer befchwor. 

Alfobald ranfchten aus der Mitte bed Perlenkran⸗ 
zes zwei.ungehenere Wogenberge empor, fie warf ihren 
Schleier von fich und trat fingend auf die Fluthen, bie 
fie fanft in die Tiefe hinabtrugen. — Langfam ſenkte 
ſich der Schleier ihr nad und ergoß noch lange eim 
mildes Licht über den ganzen Strom, bid auch dies 
verſchwunden. 

Walter glaubte in den Wogen das Antlitz des Jun⸗ 
kers geſehen zu haben, er glaubte bemerkt zu haben, wie 
er die hinabſinkende Nixe Lore umfing, und mit ihr in 
den Wellen des Stromes verſchwand. 

Kein ſterblich Auge hat ſeit dieſem Augenblicke die 
Nire Lore mehr gefehen, aber nody naht Fein Schiffer 
dem Felſen, dem fie bewohnt, ohne Furcht unb Graus. 





⸗ 


< 


Die fieben Iungfrauen. 


Jei dem Städtchen Oberivefel liegen auf einem Hügel 
e Ruinen ven Schönberg, auch Schomberg genannt, 
as Schloß gehörte einft der berühmten Familie, deren 
amen jetzt mit dem der Grafen von Degenfeld vers 
inden ift, während im Neckarlande, beit Eppingen, ein 
beites Schomberg, in unfern Tagen entftanden, von 
ner Anhöhe auf das grüne Land herabfchaut. 

Es ging einmal Inftig zu auf Schönberg. Sieben 
‚one adlige Fräulein, die. Töchter ded Grafen Lud⸗ 
ig von Arnftein, waren zum Befuche angelangt, wie 
: denn oft auf den Rheinburgen in diefer Gegend zu 
rweilen pflegten. Bald fchaarten fich vornehme Jung⸗ 
ige in. Menge um fie herum — denn die Schweitern 
ren fchön, liebendwürdig und reich. Aber fo freunds 
h fie auch gegen Alle thaten, fo Tonnte doch Feiner 
r- anwefenben: Ritter fich einer befondern Gunſtbezeu⸗ 


162 Die fieben Jungfrauen. 


gung rühmen; ja, jede ernitere Bewerbung und Auf 
merkfamfeit wurde mit einem gewiffen Kaltfiun aufges 
nommen, welder auch dem Kühnften wenig Muth 
machte. Ob ed den Schönen damit Ernft war, ober 
ob fie nur die Öefinnungen der Ritter ergründen wolls 
ten, wußte Niemand, gegen Adelund Familie der Freier 
fonnten fie nicht8 einzuwenden haben, denn unter ihnen 
befanden ſich Sügglinge aus den erften Gefchlechtern 
bes Nheinlandes And bes fernen Ungarns, und ber 
Wettſtreit, in dem fie hier gleichfam auftraten, fpornte 
fie an, ihre Talente der Unterhaltung wie ihre ritter 
liche Gewandtheit in vollfter: Glanze zu zeigen. 

Es konnte alfo nicht fehlen, daß das Leben: auf 
der Burg und im nahen Städtchen Weſel viele Aus 
nehmlichleit und Vergnügen darbot. Da wurde ge 
ritten, da wurde gefochten, da vernahm man Lauten 
fpiel und Gefang, und heitere Erzählungen. Jeder 
that fein Möglichfted, eine gute Meinung von fi zu 
erweden. Mancher, der fonft eben nicht. gefprädig 
gewefen, wurde in kurzer Zeit beredt, ohne die firenge 
Schule eined Demofthened durchmachen zu müflen. Der 
Eine fühlte, daß fein Arm von Tage zu Tage erftarkte, 
der Andere, Daß Auge und Hand ihm immer ficherer 
wurden. Es ließ ſich nicht leugnen, die liebenswürdi⸗ 
gen Gräfinnen waren gute Genien, fo ft auch biefer 
oder jener, der fich in feiner Hoffnung, Eindruck auf 
bad Herz einer berfelben zu machen, getäufcht fah, dad 
Begentheil glauben und behaupten mochte. . 

Als an einem Abend eine Menge Geſchichten vor⸗ 
getragen worden, wie oft zu geſchehn pflegte, und dabei 


4 


"Die fieben Sungfrauen. 163 


die Reihe auch an die theild heiteren, theild fchredhafs 
ten Sagen gefommen war, ‚die fid an den Namen 
and die Entftehung faft jeden Schloffed, jeden Dertchens 
am Rheine knüpfen, frug auf einmal dee Graf von 
Naſſau, welcher in feinen Bemühungen zu gefallen 
gerabe an biefem Tage fehr geringen Erfolg gehabt zu 
haben wähnte: Habt ihre denn fchon die Gefchichte von 
- den fieben Sungfrauen gehört? är | 

Freilich wohl, jagten die Einen; Nein, die Andern. 
Erzählt fie und, wenn's Euch gefällig ift, fiel die Mehr, 
zahl ein. Nun wohl, fuhr der Naſſauer fort, ich bin 
gerne bereit Dazu, wenn nicht irgend ein befferer Erzähs 
Ier fich findet — wollt She nicht, Graf Sfenburg? — 
Richt doch, wie follte ich die Mähren aus Eurer Großs 
mutter Tagen Eennen! erwiederte der Gefragte, welcher 
den ganzen Tag nicht von der Seite der blonden Bertha 
gewichen war, und mehr Luft hatte, ſich im Anfchauen 
ihrer fchelmifchen Augen ald im Berichten alter Kunden 
zu vertiefen. — So fei ed denn, nahm der erſtere wies 
der das Wort: im Voraus muß ich aber verfichern, 
daß jedes Wörtchen Wahrheit ift, was ihr verneh⸗ 
men werdet. 

Auf der Burg, wo wir und gegenwärtig befinden, 
lebten vor vielen Jahren fieben wunderfchöne Schwe⸗ 
ftern. Eine Schilderung ihrer Neize und Vorzüge will 
ich nicht unternehmen, ob ich gleich nie treffendere 
Borbilder dazu finden könnte, als in diefem Augenblid. 
Aber fo ſchoͤn fie waren, fo Felfenhart waren ihre Hers 
zen. Sie fchienen nicht zu willen, was Liebe heißt; 
Jagd und Spiele waren ihre Vergnügungen; erflangen 


164 Die fieben Iungfranen. 


ihre Zithern, fo war es nur von ritterlichen Thaten 
oder von ben Gefchichten alter Franenfraft und Hoheit. 
Vergebens, daß bie ganze junge Ritterjehaft des Landes 
wetteiferte, fie zn gewinnen: Schönheit, Tapferkeit, Ins 
gend, Kenntniffe — alled war fire fie wie nicht vor 
handen. Sie achteten anf nichtd, oder fie ließen ihrer 
muthwilligen Laune anf Koften der Freier ungeftörten 
Lauf; fie fchien heute gerührt, um morgen mit dop⸗ 
pelter Härte und Grauſamkeit zurückzuſtoßen. So ger 
ſchah es denn, daß gar mancher ſich verletzt und zuͤrnend 
wegwandte und die Schlimmen auf ewig zu fliehn be⸗ 
ſchloß — aber ſeine Stelle blieb nicht lange leer; bald 
war ein Andrer da, um dieſelben Erfahrungen zu machen, 
und mit blutendem Herzen das böſe Geſchick zu ver⸗ 
wünfchen, das ihn, Ruf und Warnung zum Trotz, in 
Den gefährlichen Kreis geführt hatte. Als nun aber 
endlich die Herren die Geduld verloren und die Schwe 
ftern anlagen, fie möchten fich erflären: fo ſchienen diefe 
fi) zu befinnen, und bald wurde den Harrenden die 
Antwort ertheilt, fie würben eine beftimmte Auskunft 
erhalten, wenn fie fi) am folgenden Morgen im großen 
Saale einfinden wollten. Die, welche ſich für am mei 
ſten begünftigt hielten, fonnten Faum die Nacht erwarten, 
und am andern Tage waren Alle im fchönften Putze, 
und goldene Ketten, glänzende Waffen, prächtige Rei 
herfedern, kurz alled was ind Auge fiel, wurde hervor 
genommen und angelegt. Die Thüren bed Saales 
‘wurden endlich geöffnet, die Ritter traten em, und es 
‚war luſtig anzufehn, wie fie fi, Alle in bie maleriſch⸗ 
ſten Stellungen zu bringen ſuchten, um bie Blicke anf 


- 


Die fieden Jungfrauen. 165 


"ich zu ziehn. Es währte fo eine Weile — die Erfehnten 
erſchienen immer noch nicht — und fchon begannen ber 
‘Wine und Andere unruhig zu werben, ald auf einmal 
lautes Gelächter von den Fenftern ded Saales erfcholl. 
Alle fürzten hinzu — in demſelben Augenblicde ftieß ein 
"Kahn vom Ufer, und in ihm faßen die fieben Schönen, 
"Welche ſich fpättifch gegen bie Freier verneigten und 
Ahnen ein Lebewohl zuriefen. » 

Was für Gefichter die Gefoppten fchnitten, unb 
wie fie laut und heimlich die Spröden verwünfchten, 
will ich gar nicht befchreiben. Aber dabei blieb es nicht 
— fie wurden geräcdht, ehe fie ed vermutheten. Wäh— 
rend noch Alle hinaudblickten, ereignete ſich plötzlich 
eine fchredliche Szene: der Kahn fließ unverfehend auf 
einen Felfen und ſank. Wehegefchrei trat einen Augens 
blick lang an die Stelle der freudigen Töne — weiße 
Gewänder ſchwammen noch einige Sekunden auf der 
Oberfläche — dann war Alles verfchmunden. Bleiches 
Entfegen im Geficht, blickten Die Zurückgebliebenen einans 
der an, und ein: Herr Jeſus Chrift! bebte auf mancher 
Lippe. Bon diefer Zeit an bemerkten die Schiffer bei 
niedrigem Wafferftande auf dem led, wo dieſer Vor⸗ 
fall fich zutrug, fieben Felfenfpisen, an denen die Welle 
ſich brach. Sorgfältig mieden fie die Klippen, welde 
fie die fieben Sungfrauen nannten, aber noch macher 
Nachen fol dort den Untergang gefunden haben, wenn 
die Fluth hoch ging und der Schiffer des Weges nicht 
durchaus hundig war. 

Hiermit endigte der Graf von Naſſau ſeine Ge⸗ 
ſchichte. Mir wiffen nicht, welchen Eindrud fie auf 


2* 


„innerhalb ihrer ſtattlichen Mauern. 


166 Die ſieben Jungfsauen. 


feine fchönen Zuhörerinnen machte, aber wir haben in 
„Chroniken gelefen, daß bie reizenden Gräfiunen „von 
„Arnftein in der Blüthe ihrer Jahre glänzende Ehebünd⸗ 
niſſe eingingen. Pfalzgräfin von Tübingen wurde bie 
‚Eine, Gräfin von Sfenburg die Andere, nach ‚Unger 
„land zogen zweie. Auch Burg Naffau, die von waldiger 
‚Höhe auf das freundliche Thal herabblidt, durch wel- 


ches die Lahn ſichwindet, ſah bald eine junge Gebieterin 





Der Pfalzgrafenſtein. 


Ehe der Orleansſche Erbfolgekrieg das ganze Rheinland 
ſchonungslos verwüſtete, und die Uebel, welche ber 
dreißigiährige Krieg herbeigeführt hatte, die unglücklichen 
Bewohner in verboppeltem Maße empfinden ließ, war 
Stählek eine anfehnliche Burg und Bacharach eine 
wohlbefeftigte Stadt. Größtentheild in Trümmern lie⸗ 
gen jetst die 16 hohen Thürme, welche die Mauer ber 
füßten, die von der Stadt aus, welche fle auf der 
Flußfeite umgab, ſich zum Schloffe hinanzog; auf 
dem Abhange des Hügels fieht man noch jest das halb» 
jerftörte Gemäuer der Wernerskirche, mit fchönen 
gothifchen Fenfterbogen, aber ohne Dach und dem uns 
vermeidlichen Untergange raſch entgegengehend. Sie 
wärbe zum Andenfen an einen Knaben Werner, aus 
dem Dertchen Warmörode gebürtig, erbanf, welcher 
zu Ende des achten Jahrhunderts von den in dem be- 


= 


168 Der Yfalzgrafenftein. 


nachbarten Oberwefel wohnenden Suden geraubt und 
gemartert, und dann an biefer Stelle begraben wurde. 

Auf der Burg Stahled, von wo man auf Sfhdt 
und Strom und auf die vielen Weinberge, welche 
Bacharachs Namen berühmt gemacht haben, hinabblidt, 
pflegten bie rheinifchen Pfalggrafen öfterd ihre Zeit 
zu verbringen. So that auch Konrad von Hohenftanfen, 
der Halbbruder Kaifer Friedrich des Rothbarts, welcher 
dem Einderlos geftorbenen Herrmann von Stahled im 
ber Pfalzgrafenwürde folgte und zu deren nachmaliger 
Bedeutung den eigentlichen Grund legte. Dem um diefe 
Zeit mächtigften und blühendften deutſchen Fürftenhaufe 
angehörend, reich und angefehn, fchien er faft keinen 
Wunſch hegen zu koͤnnen, deſſen Erfüllung ſich nicht 
hoffen ließe. Eines aber fehlte an feinem Glück: er ſah 
feine Söhne um fich emporblühen; die beiden, welche 
feine Gemahlin Irmengard von Henneberg ihm gefchenft, 
woren in der Kindheit verftorben, und nur eine Tochter, 
Agnes mit Namen, ihm geblieben, die nun die Erbin 
feiner meiften Befigungen werben follte. 

Als Agnes heranwuchs, war e& natürlich, daß 
viele vornehme Herren und Fürften ſich um ihre Hand 
bewarben. Unter diefen war auch Heinrich von Brauns 
ſchweig, Heinrich des Löwen Sohn, und zu einer Zeit, 
ald der alten Feindſchaft zwifchen Hohenftanfen und 
Melfen durch Bündniß und Verfchwägerung ein Ende 
gemacht fchien, wurde die Verbindung des jungen Pags 
res befchloffen. Aber ehe der Zeitpunkt heranfam, ben | 
man beftimmt hatte, traten neue Umftände und Miß⸗ 
verhaͤltniſſe ein, welche den frühern Plan el 


Der Pfalggrafenftein. 169 


ließen, umfomehr, ba andere Ausfichten ſich darboten, 
welche dem Ehrgeise bed Pfalzgrafen mehr zuſagten 
und ſchmeichelten. 

Der König von Frankreich, Philipp Auguſt, welcher 
den Kreuzzug nach dem gelobten Lande gemacht hatte, 
hielt um Agneſens Hand an. So willkommen nun die⸗ 
fer. Antrag dem Vater war, fo wenig behagte er der 
Tochter: fie hatte den Braunfchweiger liebgewonnen - 
und wänfchte feinen andern zum Gatten zu haben, als. 
ihn, der ihr durch der Eltern Willen beftimmt gewefen . 
war. Heinrich, ber ſich im Lager des Kaifers befand, 
wandte alle. Mittel an, die ihm zu Gebote ftanden, um 
von dem, was auf Stahled vorging, Nachricht zu er⸗ 
halten: eine Bertraute hatten die Liebenden an.. der 
Pfalzgraͤfin, welche der Heirath mit dem franzöftfchen 
Könige nicht hold war, und die Wünfche des Welfen⸗ 
herzogs begünftigte, wodurch fie das Glück ihres einzige 
Kindes zu begründen hoffte. | 

Um diefe Zeit traf es fih, das der Pfalzgraf fich 
veranlaßt ſah, die Burg auf einige Tage zu verlafien. 
Irmengard, nachdem fie noch einmal die Gefinnung 
ihrer. Tochter erhorfcht und diefe feſt und entſchloſſen be- 
funden, benußte die Gelegenheit; nah Stahlef im 
Geheimen beſchieden, war der glüdliche Heinrich bald 
in der Nähe feiner Geliebten. Der Burgpfaff, von der 
Pfalzgräfin aufgefordert, legte noch an demfelben Tage 
die Hände des jungen Paares ineinander. In größter 
Stille wurde die SHochzeitfeier begangen, aber beflo 
inniger war die Seligkeit der Stunden und Tage, die 
fie nun mit einander. verlebten. 


170 Der pfalzgrafenſtein. 


Es währte nicht lange, fo kehrte der Pfalzgraf 
gurüd, Irmengard, auf einen ernten Auftritt geftßt;: 
ging ihm entgegen. Herr, ſprach fie, ein Falke kam 
bergeflogen, mit braunem Haupt’ und weißer Kehle. 
Gut gefrümmt zu mächtigem Fange find ihm Klanew“ 
und Schnabel, und die Schwungfebern reichen ſo ‘weit, 
daß man wohl fieht, fein Vater habe ihn auf hohem’ 
Horſt erzogen. Diefen Vogel, nie ſaht ihr einen fchönern, 
habe ich gefangen und behalten. Und mit diefen Worte ' 
führte fle ihn in das Gemach, wo Heinrich und Agnes 
fi befanden.‘ Beide warfen fich ihm zu Füßen. Com‘ 
rads Zorn kannte Anfangs feine Grenzen, doch behaup⸗“ 
tete er dem Welfen gegenüber fcheinbare Ruhe nub' 
Hoffnung. Mit wenigen Worten Tündigte er ihm au, 
er möge fofort die Burg verlaffen: die Verbindung fei- 
ohne feine Einwilligung gefchehen, er möge nicht erwar⸗ 
ten, eine abgenöthigte Zuftimmung zu erlangen. - Bitten: 
und Thränen der Gattin und Tochter vermochten nicht#: 
über ihn, der junge Herzog war troftlos, ſich von Agnes 
fen’ trennen zu müffen, und das unter folchen Verhälts 
niffen! Aber er beruhigte fich allmählig mit dem Gedans 
fen, baß die Erbitterung des Vaters nachlaffen, - und: 
diefer ihn doch als Eidam aufnehmen werde. Srmengarb 
war nahe daran, ſich Vorwürfe zu machen, daß fie 
felbft die Sache auf diefen Punkt gebracht, denn fie bes 
forgte, der Pfalsgraf werde um Trennung ber Ehe 
nachſuchen. Trübe Stille herrfhte auf Stahled. 
Heinrich war weggezogen, die Frauen überließen ſich 
ihrem Gram, Conrad beobachtete ſtrenges Stillſchwei⸗ 
gen und ließ fih nur beim Mittagemahl blicken. 


Des Pfalggrafenftein. 111. 


tährenb ben andern Stunden fah man ihn bänfig 
drkiten. | 
Eine kleine Strecke unterhalb Bacharach, der Stadt: 
mb: gegenüber, ragt aus dem Strome eine Felſen⸗ 
atte bervor, welche ein ſonderbar geſtaltetes Gebaͤude 
gt, das ben Schiffenden auf den es umſpülenden 
Ken zu fchwimmen fcheint. — Breit ift die Baſis, 
efeitig der Bau, maſſiv das Mauerwerk, Hein und 
ebrig die Thüre, zu welcher cinige Stufen führen. 
ne Menge vierediger, fpiger Thürnchen, zum Theil 
if Vorſpruͤngen ruhend und mit Heinen Kenftern vers 
Yen, umgeben ben in ber Mitte emporfteigenden Haupt⸗ 
kom, deſſen Fuppelfürmiges Dach eine Leuchte ziert. 
5 diefem Thurme herab erflang im früheren Tagen 
# Ton. der Glocken, welche das SHerannahen vom: 
Kiffen verfündeten, die hier den Rheinzoll zu erlegen‘ 
wen. Ein tiefer Brunnen gibt gutes Waſſer; mehre 
ine Gemächer und Gewölbe befinden fi im Innern 
eſes fonderbaren, auch jetzt noch gut erhaltenen Schlofs 
. Es iſt der Pfalzgrafenftein, kur zweg auch die 
falz genannt. 

Vor dieſem Gebaͤude lag eines Morgens das 
chifflein Conrads von Hohenſtaufen. Er hatte ſeine 
ochter Agnes dahingeführt und ihr mit wenigen Wor⸗ 
gs angelündigt: die Stromveſte werde ihr Wohnſitz 
a, bid er weiteres über fie befchloffen. Mit Gelafs 
heit ergab fie fi; in ihr Schickſal. An dem Feniter 
& niedrigen KRämmerleind fitend, bas für fie beftimms 
ar, blickte fie hinaus über ben Waflerfpiegel und auf 
e SHügelletten bes Uferd, und dachte an ihren fernen 


1723 Der Yfelgzzafenfcie. 


Gatten. Rur felten durfte Irmengard die Einſame bes 
fuchen. Einf fam fie wieder, aber nicht allein — als 
Pilger gekleidet trat Herzog Heinrich bintet ihr ein. 
Trauer unb Eutbehrung vergangener Tage waren. ik. 
dieſem einen Momente vergeften. Aber nur auf Eurze Zeit 
onnten fie das Glück der Wicbervereinigung genießen. . 
Der Pfalzgraf war unterbejien auf andere Geſin⸗ 
nungen gefommen. Am Hofe ded Kaiferd durch dieſen 
ſelbſt gedrängt, Heinrichs Ehe mit Agnefen für nichtig 
erflären zu laſſen, erwachte fein Batergefühl und er. 
konnte ed nicht über fidh gewinnen, fein einziges Kind 
ungladlich zu machen. Die Erwägung ber Nachtheile, 
welche durch eine fo heftige neue Berfeindung mit Dem. 
Haufe der Welfen entitchen Fönnten, legte auch ein Ges. 
wicht in die Wagſchale. Noch, aber hatte er fich Abes- 
nichtö gegen Irmengard geäußert, ald diefe ihm bie- 
Nachricht brachte, Agned hoffe Mutter zu werben. 
Damit war die Berfühnung befiegelt. Aber nur mit 
einem Erben anf dem Arme wollte er die Tochter wies 
der einziehn fehn auf Stahleck — dieſe blieb auf ihrer 
Felfeninfel, aber nicht mehr einfam und traurig, Denn 
nun brandıte der Welfenherzog nicht mehr in der Ber 
Fleidung zu ihr zu fchleichen. Heinrich von Braunfchweig, 
ber Lange genannt, folgte Conrad von SHohenftaufen 
in der Pfalzgrafenwürde, die nach ihm auf feinen gleich 
namigen Sohn überging, Bon der Zeit der fchönen Agnes 
her, fol ſich die Sitte erhalten haben, daß die. rheinifchen 
Pfalgräfinnen ihr Wochenbett in dem Eleinen . Schloffe . 
halten mußten. Mauche bezweifeln jedoch, daß Letzteres 
gefihehen fei: nur bie Sage bewahrt die. Erinnerung 


Die Tentelsleiter. 


ꝛx ben edeln Gefchlechtern, beren Namen man in 
nittelalterlichen Gefchichte des Rheingaues findet, 
bas der Gilgen von Lord eined der angefehenften, 
e aus dieſer Familie hatte während der Zeit, wo 
ganze deutfche Adel zu den Kreuzzügen entboten‘ 
), ebenfalld Theilnahme angelobt; aber er that es 
nach langer Ueberredung und wider Willen, und 
weil er die Unehre fcheute, welche durch eine 
jerung fich an feinen ritterlichen Namen geheftet 
ı würde, ald aus Frömmigkeit und Herzensdrang. 
fein Herz war es eben, was ihn zurüdhielt. Seit 
m mit einem fchönen und edeln Fräulein verlobt, 
te er ed nicht über fich gewinnen, ſich von ihr 
reißen. Als er endlich dennoch das Kreuz nahın, 
elte Mancher an der Aufrichtigkeit feines Ents 
ſes. 


Die Zeufelsleiter. 4175 


begreiflich, wie wenig Menfchenkraft und Menfchenwille 
‚bier vermöchten, und wie er nichts anders thun koͤnne, 
‚als fich in Geduld faſſen, um zu ſehn, ob die Stand» 
haftigkeit der Gefangenen den Räuber, ber jeglicher 
Aufforderung fpottete, endlich auf andere Gedanken 
‚bringen werde. Aber, Geduld und Ergebung, wo follte 
Gilgen die hernuehmen? Der Umftand, daß man ihm 
‚merten ließ, wie man den ganzen Borfall ald eine 
‚Strafe des Himmeld für die Verleßung feined Gelüb- 
‚ne3 betrachte, fo allgemein auch Gertrudens Geſchick 
betrauert ward, trug nur dazu bei, feine - Erbitterung 
‚und feinen Groll zu mehren, flatt ihn zu reuigem In⸗ 
fichgehn zu vermögen. 

In diefer Stimmung befand er fih, ald er eines 
Abends von einem Ritt durch die fich kreuzenden und 
‚verfchlingenden Thäfer zurückkehrend, welche bei Lorch 
‚münden, nahe bei den Felfen des Kedrich hielt. Indem 
‚er mehre Minuten lang die fteile Höhe hinaufblickte 
und mit jedem Augenblide die Unmöglichkeit irgend 
‚eines Anfchlagd zur Befreiung der Geliebten Flarer 
vor ihm Stand, burdyzudten bligähnlich feine Seele 
Empfindungen, ‚welche den Chrifteg des Namens, ben 
er führt, unwürdig machen. Einen gräßlichen Fluch 
‚swifchen den Zähnen murmelnd, wandte er fein Roß, 
um den Heimweg anzutreten, als ein Unbekannter ihm 
‚auf dem fchmalen Pfade entgegentrat. Gilgen fchaus 
derte zufammen, denn .er hatte eine Ahnung, wen Dies 
werzerrte Geficht angehören könne. Von einer plößlichen 
‚ bumpfen Furcht ergriffen, wollte.er vorbeireiten, aber 
der Andere ließ ihn ‚nicht unangerebet ‚vorüber, und - 

wie gebannt blieb das Pferd auf der Stelle ſtehn. 


176 Die Zeufelstleiter. 


Ritter, ſprach eine tonlofe Stimme, kann ich euch hels 
fen? ‚Keine Antwort erfolgte. Sch weiß, was ihr 
begehret, was ihr wünfchet, fuhr jener fort; aber fchant 
auf! Verſucht's, reitet die Klippen hinauf: einem tapfern 
Ritter wie ihr feid, kann ja nicht unerreichbar fcheinen. 
Kehre zur Hölle zurück, du Hund! fchrie Gilgen 
ergrimmt über ben Hohn, und ein gewaltiger Schwert . 
bieb fchien dad Haupt des Unbefannten zu fpalten — 
aber ein heifered Lachen ließ fi, vernehmen, und die 
dünne Geftalt ftand auf dem vorberften Felfen. Nehmt 
Vernunft an, hieß es weiter; ich allein Tann ench zu 
bem verhelfen, was ihr verlanget, vertranet ench mir 
an, und heute noch ift die fchöne Gefangene die eure. 
Wie Espenlaub erbebte der Ritter bei dem Gebans 
fen, baf er an ver Schwelle des ewigen Unterganges 
fiehe; er ſchwankte und wollte dem Roſſe die Sporen 
geben, um dem Berfucher zu entfliehn. Da kraͤchzte bie 
Stimme: Morgen ift die Braut für euch verloren! 
Sept noch könnt ihr fie gewinnen! Tobende Leidenfchaft 
erfüllte Gilgens Gemüth: ber Pakt mit dem Fremden 
war gefchloffen. Der Mond trat hervor und goß fein 
Licht über die zagigen Felfenmaffen aus. Friſch anf, 
du kühner Reiter! rief die Stimme — Gilgen fah ſich 
allein, der Sturmwind heufte und peitfchte zerriffene 
Wolfen über den fchwarzblauen Sternenhimmel. Lant 
auf wieherte dad Roß, ald es den Syorn fühlte und 
war mit einem Sate auf dem fchmwindelnden Pfabe. 
‚Mit der einen Hand hiek der Ritter den Zügel ftraff 
geipannt, mit ber andern hatte er dad Schwert gezos 
gen. Eine Windsbraut fehien dag hier emporzutragen: 


Die Teufelsleiter. 177 


auf Stellen, nur für der Gemfe Tritt gemacht, haftete 
fein Huf; unerfchroden ſaß Gilgen im Sattel, wenn 
er auch rüdlings hinabzuftürzen drohte Der Lärm 
hatte die Wenigen, die ſich auf der Burg befanden, 
auf die Mauer gerufen: flare vor Schrecken blidten 
fie bin und wagten ihren Augen nicht zu trauen, als 
Der wilde Reiter, durch Ruf und Ferfe das Thier ers 
munternd, fich gefpenfterhaft zu ihnen heranfarbeitete. 
Der Augenblid war da: auf dem Thurme erblickte Gils 
gen die weiße Geftalt Gertrudend — noch ein Sprung, 
die lebte, toddrohende Klippe hinan, und die Spike 
war erreicht — das Thor erflürmt und der Räuber lag, 
eine biutende Leiche, vor des Raͤchers Füßen am Bos 
den. Eine Minute fpäter, und Gilgen hielt Gertruden 
in feinem Armen. | 

‚Aber fein Glück, das frevelhaft erfanfte, follte 
nicht von Dauer fein. Kaum war er wiebervereinigt 
mit ihr, um die er. irdifchen Ruhm darangeſetzt und 
ewige Seligfeit, fo welfte fie dahin, wie eine Blüte 
beim Wehen des Wüſtenwindes. Nach ihrem Tode machte 
Gilgen durch eigne Hand feinem Leben ein Ende. — 
Die Bewohner Lorchd zeigen noch mit Sraufen auf ben 
faft unerfteigbaren Pfad, der von jenen Ereigniffe den 
Ramen ver Teufelöleiter führt, und bewahren auf ihrem 
Rathhauſe den Zaum des muthigen Roſſes. “ 


Bas Wisyerihal. 


Hinter Lorch liegt ein wildes, einſames Thal, mit 
einigen armen Hütten. Lange war es unbewohnt, denn 
Viele, Die es betreten hatten, wurden anf mancherlei 
Weiſe geneckt und geängftigt und einige Tamen and) gar 
nicht wieder zum Vorſchein. Bor mehrern Sahrhunder 
ten begab ſich's, daß drei kecke junge Gefellen in ber 
Kheingegend Inftreiften. Es waren Söhne reicher Kaufs 
herren aus Nürnberg. In der Herberge zu Lorch hörten 
fie von dem wunderlichen Thale, und faßten aldbald 
den Entichluß, daſſelbe zu beſuchen. Muthig arbeiteten 
fie fich durd, die Wildniß, und gelangten, nad} einer 
halben Stunde, zu einer ungehenern Felfenmafje, welche 
faft die Geftalt eines Schloffed hatte, Auch waren oben 
ſchmale, fpiszulaufenve Kenfter eingehauen, wie bie 
Fenſter eined Doms. 


Das Wisperthat. 179 


Aus einem der Fenfter ſchauten, neben und überein 
ber, drei wunderfchöne weibliche Köpfe. Sie riefen 
n Sünglingen ein wieberholted „BfE! zu, und biefe 
jten untereinander: „Das fieht nicht fo granfig aus, 
e man und gefagt hat. Die fchönen Jungfrauen 
gen wohl Langeweile haben, wir wollen hinauf, und 
ten bie Zeit verkürzen.‘ Der Feld hatte zur. Seite 
te fchmale Thüre. Die drei Geſellen gingen hinein, 
d kamen durch einen langen dunkeln Gang an eine 
eppe. Diefe führte in eine geränmige Vorhalle. 
er die Finfterniß war hier fo groß, daß man bie 
mb vor ben Augen nicht ſehen Fonnte. Nach langem 
rumtappen gerieth einer ber Wandrer an eine Chäre, 
b öffnete fie. Ein Glanz von taufend Kerzen flims 
rte ihnen entgegen, und blendete ihr Geficht, Sie 
fanden fih am Eingang einer weiten Halle, 
en Wände von oben bis unten mit großen Spiegeln 
ect waren. Zwifchen ben Spiegeln waren unzählige 
tchter mit brennenden Kerzen. „Seyb uns willfoms 
R’, riefen. die drei Sungfrauen und reichten ihnen bie 
nde entgegen, aber die Gefellen waren in großer 
rlegenheit, denn ftatt der brei fahen fie mehr als 
ıbert fchöne Mädchengeftalten; aus jedem Spies 

fchanten welche hervor, und boten ben Fremden 
Hände zum Gruß und lachten ob ihrer Verdutzt⸗ 
. Jetzt öffnete fich in einer Nifche der Halle eine 
iegelthlire, und ein hochgeftalteter Greis trat heraus, 
fhwarzem Gewand, und mit kreideweißem Bart. 

ging auf die Zünglinge zu, und fagte: „Ihr ſeyd 
hl gefommen, meine Töchter zu freyen? Ich wil 
12 


180 * Das Wisperthal. 


nicht knickern, denn ich bin fein Kaufherr, und einem 
jeden von Euch tauſend Pfund Goldes zur Ausſteuer 
geben. — Da lachten die Mädchen noch mehr, und bie 
jungen Leute wußten nicht, was fie denken oder fagen 
follten. „Nun fo nehme ſich ein jeder die Seinige Wi 
rief endlich der Alte mit donnernder Stimme, ... . .-., 

Zitternd ging jeder der Zünglinge auf eines. her 
Mäpdchen zu, und indem er ihr die Sand zu :geben 
meinte, berührte ex einen Spiegel. Da fing auch: ber 
Breid zu lachen an und fagte: „Ich will's Euch bes 
quemer machen.” Er führte jeßt einem jeden eine ber 
Sungfrauen zu, und wie unheimlich e8 auch den Geſellen 
um's Herz fein mochte, ſo fiegte doch ber Zauber ber 
Schönheit über die Furcht, und fie entbrannten alle 
drei in verberblicher Glut zu den Töchtern des Alten. 
„Ich erlaube Euch, Eure Bräute zu küſſen, fagte dies 
fer.” Sie ließen fich das nicht zweimal: fagen, aber 
die Küffe bethörten ihnen Herz und Sinne noch mehr. 
„Jetzt müßt Shr aber auch eine Probe Eurer Liebe 
geben ‚’ fing ber reis wieder an. Meine Töchter 
haben feit geftern Abend ihre drei Schoosthiere vers 
loren; das eine ift ein Staar, das andere ein Nabe, 
das dritte eine Elſter. Wahrfcheintich figen fie Draußen 
im Walde. Shr möget fie daran fennen, daß ber Staar 
ein Raͤthſel weiß, der Nabe ein Lieblein, bie Elſter 
aber die Gefchichte ihrer Großmutter. erzählt, fobalb 
fie darum "gefragt wird. — Geht nun, Ihr wadern 
Freyer, und bolt die lieben Thierchen, die fromm find, 
und fi) gern fangen laſſen.“ 


Das Wisperthal. 4181 


: Die drei Gefellen tbaten nad). ben Worten des 
reiſes. Ungefähr eine. Biertelftunde von der Felſen⸗ 
wg fanden fie die drei Vögel nebeneinander auf bem 
& einer abgeftorbenen Eiche figen. 
— „Staarmasg, fag’ und dein Raͤthſel,“ rief einer der 
efellen. Der Staar flog herab, ihm auf die Schulter, 
d fagte: | 
„Sprich, was flgt Die im Geſicht, 
und Du ſiehſt's im Spiegel nicht?” 
"Rabe, Rabe, fing dein Liedlein,’ rief der Zweite. 
er Rabe fang, mit etwas heiferem Ton: 
1. | 
„Einſt in's Schlaraffenland zogen 
Drei Pfaffen auf einem Gauls 
Da kamen die Bögel geflogen 
Gehraten jedem vor's Maul; 
Doch keiner kam in ein Maul hinein, 
Die Vögel waren groß, bie Mäuler Hein,” 


2 
„Gar hungrig Echren bie Pfaffen 

Wieder um in's Vaterland, 

und fhwören: Wei ben Schlaraffen 

Sey doch Fein Funke Verftand , 

Sonft müßten die gebratenen Voͤgel Klein, 
Die Mäuler aber viel größer fein.” 


Kaum hatte der Vogel fein Liedlein vollendet, als 
gleichfallid vom Baum herab flatterte, und fid, dem 
seiten Gefellen auf den Kopf feste. — Elſter, Elſter, 
zäh mir die Gefchichte von Deiner Großmutter,” rief 
tzt der Dritte, Die Elfter warf ſich in die Bruft 


132 Das Wisperthal. 


und erzählte: Meine Großmutter war eine Eifer, und 
legte Eyer, und daraus wurden wieder Elftern, und 
‘wenn fie nicht geftorben wäre, fo lebte fie noch. — 
Mit diefen Worten fchlug fie ihre Fittige und flog dem 
dritten Süngling auf die Hand. 

Die jungen Kaufherren waren nicht wenig erfreut, 
die Probe fo Leicht beftanden zu haben, und. fie eiften 
Hals über Kopf der Felfenburg zit — welche fie andı 
mit einbrechender Nacht erreichten. 

Als fie aber in die Halle traten, war nichts mehr 
von der Pracht der Spiegelwände zu fehen, und eben 
fo wenig von den fihönen Sungfrauen. Die granen 


Wände und Pfeiler des weiten Gewölbes hatten feine - 


Befleidung, und in drei Nifchen ſtanden brei Tifche, 
mit Wein und Speifen befest. Drei uralte, zahnlofe 
Mütterchen wadelten den Sünglingen entgegen, und 
reichten ihnen die welter Hände zum Gruß. „Ach, 
unfere lieben Freier,“ Trähten fie, wie aus einem 
Munde und umarmten die betroffenen Sünglinge fo 
herzlich, daß es dieſe Falt und warm überlief. Run 
fingen die Mütterchen an, Durcheinander zu fchnattern und 
zu Happern, der Staar fagte fein Räthfel her, der 
Nabe fang fein Liedlein und die Elſter erzählte die 
Gefchichte von ihrer Großmutter. Kurz ed war ein 
Gequiek und Gepiep, daß Niemand ein Wörtchen vers 
fiehen mochte. | 

Jedes Mütterlein ergriff jegt feinen Augderwählten 
beim Arm, führte ihn an einen der drei: Tifche, 
und fpracd mit ihm von den goldenen Tagen, die fle 
mit einander verleben wollten auf der Felſenburg . 


| 


Das Bicpertbat 183 


Auch die. Drei Vögel fangen unb ſchwatzten in einem, 
fpet; : Die Gefellen. fühlten weder Hunger noch Durſt, 
bach: ‚Tief ſich jeber .einen Becher koͤſtlichen Weins aufs: 
nöthigen, und faum hatten fie den geleert, als ein 
tiefer Schlaf ſich ihrer bemächtigte. 

Die Sonne ftand bereitd hoch am Himmel, ale 
fie erwachten. Sie lagen im dichten Geftrüpp, am Fuß 
einer wildzerriffenen Felfenwand, und. hatten Mühe, 
anf die Beine zu Fommen und fich ind Freie zu arbeis 
ten. Bol Scham und Nerger nahmen fie den eg 
durch das Thal zurück, aber von allen Seiten töute 
aus den Bäumen das verwünfchte Bft, Bft, herab, und 
es Fam ihnen vor, ald ob aus jedem Wipfel der Kopf 
eined alten Mütterchen’d ihnen zuwinfe. Am Ausgange 
and dem Thal in die Ebene faßen die drei Vögel auf 
einer alten Ulme, und ber Rabe fang fein Lieb, und 
der Staar fagte fein Räthfel, und die Elſter erzählte 
ihre Gefchichte. Einer der Gefelen, der nun wies 
der keck wurde, weil er freied Feld vor fich fah, fragte 
einen Bauersmann, der eben vorüberging: „Guter 
Freund, kannſt Du und wohl fagen, was dieſe ver: 
wünfchten Vögel eigentlich meinen?” — „Wenn Ihr 
mir's nicht übel nehmen wollt,” antwortete der Bauer, 
„0 deute ich Euch den Scherz. Das Räthfel des Staar’d 
geht auf eine Rafe, wie fie wohl Maucher fchon bes 
Iommen hat, die aber, zam Glück, Niemand fehen kann. 
Der Rabe mit feinem Lied will fügen, man foll die 
gebratenen Vögel lieber mit der Hand fangen, als mit 
dem Maul, und die Elſter erzählte eine Geſchichte, die 
ve Enfel vielleicht auch einmal von Euch erzählen 








184 gas Mitpertbet 


werden. — Die drei Geſellen fahen ſich einander fat 

etwas einfältig an, und vermaßen ſich hoch und thener, 
nie anf ein BR zu hören, uud wenn ed and bem ſchoͤn⸗ 
- fen Munde konmen follte. 








Die Braut vom Rheinflein. 
(Hierzu das Bib V, erfunden von Sonderland, aeftochen von 
. Ed. Schuler.) 


ie: 


&s ift nicht ein öber Trümmerhaufen, eine halbzer⸗ 
flörte, einfame Warte, ein Brandgefchwärzter Steinreft, 
ber und diesmal eine Sage zuruft aus jenen Tagen,’ 
wo die feſte Burg ſtattlich prangte und der Stolz und 
Schuß ihrer ritterlichen Inſaſſen war; ihr ſchauet viels 
mehr verwundert hinauf an die hohen Steinmaffen, 
auf denen eine zierliche und mächtige Feſte thront, 
ihr glaubet, die Wellen des Rheins haben euch zurück⸗ 
gefpült in jene Zeit, wo jede Kelfenfpige eine Ritter: 
burg trug, wo in jedem fihattigen Thale ein Klofter 
Rand, von frommen Mönchen oder jungfränlichen Non; 
nen bewohnt, wu jede Bergeshoͤle einen chrwürdigen 
Klausner beherbergte, und wo in flillen Gründen Die 
Elfen und Kobolde beim Mondesglanz ben Tuftigen 
Reigen tanzten. 


186 "Die Braut vom Rheinftein. 


E83 ift die alte Burg Rheinftein, bie ihr ew 
blicket. Aus den Trümmern, in welche bie Gewalt ber 
Zeit und bie Zerftörungswuth der Menfchen fie vers 
wandelt, ift fie herrlich und mächtig wieder erflanden. 
Bon der hohen Warte weht ſtolz herab dad Banner 
des Föniglichen Haufes, aus welchem der edle, fürfts. 
Iiche Befißer und Wiederherfteller der Burg entfproffen. 
Und nicht Verberbendränende Wurfgefchoffe, noch 
geſchwungene Flamberge, noch gefenfte Hellbarden weh⸗ 
ren euch den Eingang, wenn ihr beſchauen wollet die 
Zellen und Gemächer der Burg; die Fallbrücke ſenkt 
ſich und die eichene Pforte öffnet ſich gaſtlich eurem 
Eintritt, der greiſe Pförtner hat Pickelhaube und Panzer 
abgelegt und geleitet euch gern durch die alterthümlichen 
Räume bid hinauf auf die Zinne, wo euren flaunenben 
Augen das herrliche Rheinthal mit feiner grünen Ge 
genwart ımd feiner in grauen Ruinen nachlebenden 
Bergangenheit ſich ausbreitet. 

Die Sage erzählt und, daß vor langen Zeiten, in 
den eriten Jahren des vierzehnten Säkulums, ein Ritter 
Sifrid von Rheinflein auf der Burg haufte, der in fer 
ner Jugend ein gar wildes und wüſtes Leben geführt, 
auf einem feiner häufigen Raubzüge auch ein wunder 
ſchönes Mägdlein aus dem Franfenlande feinen Eltern 
entführt und Daffelbe mit anderer reichen Beute auf 
feine ftarfe und wohlverwahrte Veſte gebracht habe, 
Nach diefer Zeit aber habe der wilde Waffenlärm, 
welcher fonft ohne Aufhör in der Burg getobt, urplößs 
lich ein Ende genommen, viele Mannen und Knechte 
hätten die Dienfte des Ritters verlaffen, weil biefer 


Die Braut vom Rheinfteiim. 187 


befchloffen habe, binführo feine Raubzüge mehr zu thun, 
£ondern in Frieden daheim zu bleiben und den Reſt 
feiner Jahre zuzubringen in Ruhe und gemädjlichem 
Leben. . Dem war’d auch fo, und es hatte die Liebe au 
der fchönen Jungfrau Died alles in Sifriden bewirkt. 
Er ehelichte fie auch bald nach diefem und fie führten 
ein files und zufriedenes Leben. 

Es dauerte aber nicht lang, daß Freude und Trauer 
zugleich anf die Burg hereinbrachen, denn bie ſchoͤne 
Jutta ſchenkte ihrem Gemahle ein Mägdlein, gefegnete 
aber wenige Stunden darauf das Zeitlihe. Der Ritter 
Sifrid war außer fih vor DBetrübniß und Schmerz 
und warb von Diefer Zeit an ganz finfter und menfchens 
ſchen, fo daß bald alle Säfte die Burg mieden und des 
Thurmwarts Horn einroftete. Sifrid aber lebte fortan 
nur dem Andenfen an feine heimgegangene Gattin und 
ber Erziehung feines einzigen Töchterleind, dad er wie 
feinen Augapfel liebte und in Zucht und Frömmigkeit 
anferzog, auch in allen weiblichen Sünften untermweis 
fen ließ. | 

Darüber verftrihen Sahre und Gerda war zur 
Freude ihres alternden Vaters herangewacfen, nnd 
einer zarten Blume zu vergleichen an Lieblicyleit und 
Tugend. Und Pilger, die auf ihren Zügen wohl hin 
und wieder in einer unfreundlichen Nacht, Herberge 
heifchend und erhaltend, in die Burg einfehrten, vers 
breiteten in allen Gauen ringdumher die Kunde von 
der Annuth und Holbfeligfeit des Burgfräuleind auf 
dem Pheinftein, betheuernd, daß Feine fchönere Sungfrau 
zu finden fey im ganzen Rheingau. Solche Kunde 


188 Die Braut vom Mheinftien. 


aber regte in manchem jungen Ritter und Edelknecht 
die Luſt auf, das holde Maͤgdlein zu ſchauen und zu 
minnen, und war ein luſtiges Rennen und Reiten nach 
dem Rheinftein, und war ſchier, ald ob dem alten Sifrib 
Fehde angefagt worden wäre, fo zogen bie Ritter in 
Schaaren, mit glänzenden Rüftungen und wehenden 
Helmbüſchen angethan, dem Nheinfteine zu. Aber bem 
alten Ritter warb bange ob des Heranftürmend fo vieler 
Freyer, und er runzelte die Stirn und ließ ben ſtatt⸗ 
lichen Herren fammt und fonders fagen, fie möchten Kur 
wieder heimziehen und fich einftellen auf dem großen 
Turnier, welches der Biſchof von Mainz hatte anfagen 
laſſen, und er wolle auch dafelbft fein mit feiner Tod 
ter und fie wekde dann wählen, wer ſich am tapferſten 
und männlichiten auswieſe. 

Nicht gar lange Zeit nachher fand auch das be⸗ 
ſagte Turnier ſtatt und waren dazu viele Ritter und 
ſchoͤne Frauen von nah und fern nach Mainz gekom⸗ 
kommen, und auch der Ritter Sifrid hatte ſich, ſeinem 
Verſprechen getreu, mit ſeiner Tochter Gerda daſelbſt 
eingefunden. 

Und es erwies ſich, was die Pilger von ihr ver⸗ 
kündigt hatten, daß fie den Preis der Schönheit Davon 
trug, über alle die Frauen und Sungfrauen, und Aller 
Augen hafteten auf ihrem Antlig und alle Zungen 
priefen ihre Anmuth. | | 

Es waren aber vornemlich zwei Ritter, welche von 
bed Mägdleind Liebreiz dermaßen entzückt waren, daß 
fie fi) hoch und theuer vermaßen, ed zu erfämpfen, 
und ſchwuren, Gut nnd Blut daram zu ſetzen. Es 


Die Braut vom Rheinftein.: 180 


waren biefed der junge Kuno von Reichenftein, hochge⸗ 
ſchaͤtzt von Kürften und Rittern wegen feiner Tapferkeit 
und adlichen Sitten, und Kurt von Ehrenfeld, älter ald- 
Jener, ebenfalld ein tapferer Degen, aber mehr ges 
fürchtet al& geliebt wegen feiner vanhen und finfleren 
Gemüthdart, die ihm auch den Zunamen bed Böfen 
erworben hatte. Beide waren übrigens bem Ritter vom 
Rheinſtein verwandt und hatten die fchöne Baſe bei 
ihrer Ankunft in Mainz begrüßt und eifriged Bemühen 
gezeigt, ihre Gunft zu erwerben. Doc, haftete Gerda’s 
Bli lieber auf dem offenen, heitern Antlig Kuno’, 
als auf dem rauhen, fonnverbrannten und bereitö was 
weniges durchfurchten feined Nebenbuhlerde. Ihr Vater 
mochte auch wohl ihre Herzensmeinung errathen, denn 
er fagte ihr mit freundlichen Worten, daß er dem 
waderftien von beiden Kreyern geftatten wolle, um fie 
zu minnen. | 

Es gefchah aber ein großer Sammer, denn Gerba’s 
bränftige Gebete, auf daß Kuno obfiegen möchte, wur⸗ 
ben nicht erhört, vielmehr mußte derfelbe, nachdem er 
ſich mit Ruhm und Tapferkeit auf dem Plan herumges 
tummelt und viele Gegner in den Sand geftredt hatte, 
der größeren Körperftärfe Kurt's des Böfen unterliegen. 
Diefer ſtand nun nicht an, feine Bewerbung beim Ritter 
Sifrid zu machen, welcher ihn auch alfogleich ber Toch⸗ 
ter zuführte, erflärend, daß er ihm ald Eidam genehm 
und willfommen. fey. SchönsGerda war durchaus nicht 
Diefer Meinung, und obwohl fie dem Willen ihres Bas 
terd nicht gu widerfircben wagte, fo rief fie doch 
im einfamen Kämmerlein unter heißen Thränen ihre 


190 | Die Braur vom Rheinſtein. 


Schubheilige um Befreiung von dem unerwünfchten 
Bräutigam an, gleichzeitig bittend, daß beifen Stelle 
durch ben geliebten Kuno befegt werden möchte. 

Diefed Mal ſchien das Gebet der frommen Jungs 
frau ein geneigtered Gehör zu finden, indem fich fols 
gende, wunderbare Gefchichte begab, welche die Wüns 
ſche der Tiebenden Gerda auf eine unerwartete Weile: 
krönte. 

Nachdem nämlich der Ritter Kurt von Ehrenfels 
nach kurzer Bewerbung das freiwillige Jawort Sifrids 
und das gezwungene ſeiner Tochter erhalten hatte, 
nachdem auch der arme Kuno, an ſeinem Glücke ver⸗ 
zweifelnd, den Entſchluß gefaßt hatte, ſich einem von 
mehreren Fürſten und Herren beſchloſſenen Zuge nach 
dem heiligen Lande anzuſchließen, in der Hoffnung, im 
Sarazenenblute die qualvolle Erinnerung an ſein ver⸗ 
lornes Lieb zu ertraͤnken, war endlich der Tag heran⸗ 
gekommen, der zu Gerda's Vermählung mit dem von 
Ehrenfels beſtimmt worden war. Schon ſtand das 
holde Maͤgdlein, braͤutlich geſchmückt, doc, nicht bräuts 
lichen Antlitzes, in dem Ritterſaale des Rheinſteins; 
bleich war ihre Wange und thränenmüde ſenkten ſich. 
ihre Augenlider zu Boden. Der Myrthenkranz in 
ihren braunen Locken ſchien dem Jammer der Traͤgerin 
Hohn zu ſprechen und das reichdurchwirkte ſeidene Ges 
wand, wie die blißenden Edelfteine an Hald und Armen, 
fahben aus wie der Schmud eines Opferlammes, dad 
man zum Altare führen will. 

Schon hörte man das Geräufch von dem Anzuge 
ded Bräntigamd, der mit einem glänzenden Gefolge 


Die Braut vom Rheinftein. 191 


von Rittern umb Knappen am Fuße des Felfens ange 
tommen war, ba entfloh Gerda, unfähig dem über 
mächtigen Drang ihrer Gefühle zu wiberfichen, deng 
Kreife ihrer Zofen und Gefpielinnen und eilte hinaus 
auf den Söller, von welchem fie fo oft die fehn- 
füdhtigen Blicke nah) dem Reichenſtein ausgeſendet 
batte. 

Hier fan? fie halb bewußtlos, faſt ohnmädhtig nies 
der, heiße Thränen überfirömten Wange und Buſen, 
die flehenb auögeftredten Hände hoben fich bald zum 
Himmel, der in feiner ruhigen Heiterkeit ihrer nicht zu 
achten fdrien, bald gegen ben Reichenftein hin, auf deſ⸗ 
fen Zinne ein Berzweifelnder ſtand, der nicht ihe, nicht 
fih zu helfen wußte. Da that fid) die Thür bes Söl⸗ 
lers auf, und heraustrat ber finftere Kurt, deſſen Ants 
fig noch viel büfterer wurbe, ald er die Braut einem 
Andern zugewandt fah, al& er drüben auf der nahen 
Burg die Geftalt des gehaßten Rebenbuhlers erblidte, 
und drohend firedte er die geballte Kauft dem Reichens 
fteiner entgegen, während er mit der andern Dad vers 
zagende Mägblein ergriff, ed emporriß und, einen Fluch 
zwiſchen den Zähnen murmelnd, es eilig bavonfchleppte. 

Wenig Minuten darauf mußte der von Schmerz 
und Wuth erfüllte Kuno fehen, wie die unglückliche 
Gerda auf ein Roß gehoben ward, und von ihrem Braͤu⸗ 
tigam und ihrem Vater geleitet, von einem Kaufen von 
Reifigen umgeben, ber Kapelle bed heiligen Clemens 
zuritt, welche swifchen beiden Burgen am Ufer liegt 
und worin bereitd ber Priefter harrte, um das Braut⸗ 
paar einzufeguen und zu verbinden auf ewig. 


ım Die Braut vom Rheinftein. 


| Kuno, feiner nicht mehr mädjtig,usftürgt hinunter 
zum Burgthor, mit dem Schwert in der. Fauſt will & 
ich Die Geliebte erfämpfen, oder ben Tod finden; fchen 
Öffnet fi ihm dad Thor; den Blick zur Gelichten him 
gewendet, ift er im Begriff fein Pferd zu befleigen, — 
Da hemmt ein wnnberbarer Anblid fein Beginnen, 
regungslos bleibt er ftehen, den Ausgang der feltfamen 
Szene vor. ihm in fprachlofem Staunen erwarten. 

Denn fehet, — dad Roß, welches die Braut trägt, 
wild und ungeftüm erhebt es fh, Feuer ſprüht ans 
> "den aufgefperrten Nüftern, und mit Fräftigem Hufe zur 
Rechten und Linken ausſchlagend und Ritter umb Knap⸗ 
"gen niederwerfend, fprengt es in blißfchnellem Laufe 
voran, die erfchrocdenen Begleiter weit hinter ſich fa 
fend, der Kapelle vorbei, die. von Furcht und Hoffnung 
bebende und fi) um den Hald des errettenden Thieres 
feftanfchmiegende Gerda dem Geliebten entgegentragend. 

Schneller ald er den Fuß aus dem Steigbügel he 
ben fann, ift fie bei ihm angelangt, in unbefchreiblichem 
Entzüden eilt er-auf fie zu, hebt fie mit Fräftigen 
Armen vom fchäumenden Noffe, und trägt fie jubelnd 
in die Burg, eine heißerfehnte, beglückende und beglückte 
Beute. — 

Mit Mühe hatte fich der von fo außerordentlichem 
&reigniß überrafchte Sifrid von dem Boben erhoben, 
auf den er fo unfanft geworfen worben war; ber vom 
heftigeren Sturze fchwerverwundete Ritter von Ehren⸗ 
feld wurde von feinen Knappen wehflagend zurüdge 
tragen, und bald fah man einen Nachen Iangfam. uber 
den Rhein fahren, ber einen Sterbenden trug. 


Die Braut vom Rheinftein. 193 


Der alte Sifrid aber erfannte in Dem wunderba⸗ 
ren DBegebniß den Willen des Himmels, und er fandte 
hinüber auf den Neichenftein und lich Kuno fagen, daß 
er zu ihm kommen möge mit feiner Tochter, und daß 
er ihn annehmen wolle zum Eidam, dieweil es ber 
Himmel alfo wolle. 

Nicht gar Tange Zeit nach dieſer Begebenheit fah 
man wiederum zwei feftliche Züge nach der Clemens: 
kapelle wallen, und baffelbe muthige Roß, das früher 
eine troftlofe Braut trug, brachte Diesmal, ftil und fromm 
einhergehend, eine hochbefeligte Jungfrau zu ber Pforte 
des Kirchleins, ans welchem fie, einen Flaren Liebes⸗ 
himmel auf dem Antlig und im Herzen, an der Hand 
des glüdlichen Kuno von Reichenftein hervortrat, der 
die junge Öattinn mit klopfendem Herzen in die Hallen 
ſeiner Väter einführte 


Sauct Rupert. 


Unter der Regierung Karls des Großen ober Ludwigs 
des Milden Iebte ein mächtiger Herzog am Rhein, 
welcher das ganze Land zwifchen der Sel;, ber Blies, 
der Simmer und der Heimbach von Bingen bis nad 
Lothringen beherrfchte. Er hatte eine gar fchöne und 
fittfame Tochter, Bertha mit Namen. Diefe vermählte 
er an den zwar tapfern, aber noch wilden Fürften Ros 
land oder Robolaus, in der Hoffnung, ihm Durch dieſe 
Verbindung zur chriftlichen Religion zu bringen. Der 
jungen Fürftin Reize feflelten aud) eine Zeitlang dem. 
unbändigen Krieger, allein bald trieb ihn die wilde 
Luft zum Kampfe und zu andern Weibern, und Bertha 
mußte von ihm alle nur möglichen Unbilden eines rohen 
Gemüthes ertragen. Dem ohngeachtet z0g fie ſich dub 
dend in flille Einfamfeit zurüd, und klagte nur dem 
Simmel ihre Roth. In der DBitterkeit ihres Kummers. 


BSanct Rupert, 195 


. 


ef fie öfterd aus; „Ach Gott! Wann werbe ich einmal 
on der Tyrannei dieſes Unholds befreit werben!“ Da 
ber die Unarten des Gatten durch ihre Zurädhaltung 
yer zus als abnahmen, gelobte fie bad Kind, das fie 
on ihm unter dem gepreßten Herzen trug, bem himmlis 
hen Bater, und gab ihm, ald es zur Welt kam, den 
amen Rupert oder Ruhwert. 

Bon nun an hing Bertha mit ganzer Seele an 
rem Söhnlein, und fuchte ihn zu einem frommen 
riftlichen Helden zu erziehen. Da fie die rohe Krieges 
ft ihres Gatten als die Haupturfache ihres erbuldeten 
nglüds anfah, fo flößte fie dem Fleinen Rupert mehr 
e Zugenden der chriftlichen Sanftmuth und Liebe, ald 
e des alten heidnifchen Heldenthums ein. Dadurch 
achte fie aber das Herz ihres Gatten fich und ihrem 
inbe mehr abhold, ald geneigt. Er verhöhnte die Er⸗ 
hung, welche fie ihrem Sohne gab, weil er fie für 
eibifch hielt, und warf ſich defto frecher in ben Armen 
ner Buhlbirnen und Kebsweiber herum. Er lag von 
ın an beftändig zu Felde in heimifchen und fremden 
ehden, und blieb endlich in einer Schlacht, vom Feinde 
Schlagen. 

Nach feinem Tode verließ Bertha das Schloß Lau⸗ 
nheim an der Nahe, wo fie biöher fo viel Kummer 
tragen mußte. Sie nahm ihren geliebten Sohn Ru⸗ 
rt in die Arme und zog mit ihm nad) Bingen, um 
m aller Welt entfernt, in der Einfamfeit zu leben. 
aum wurde biefer Entfchluß in dem Lande befannt, 
18 fogleich eine Menge von fürftlichen und ritterlichen 
jteyern au ihrem Schloffe ritten, um das Herz und 

13 


— — — ———— ee — — ⸗; 


* Die Braut vom Rheinflein. 


Wer das Bild V, erfunden von Sonderland, geſtochen von 
24 Ed. Schuler.) 


— nicht ein oͤder Trümmerhaufen, eine halbzer⸗ 
Ike, einfame Warte, ein Brandgefchwärzter Steinreft, 
£ uns Diedmal eine Sage zurnft and jenen Tagen, 
b die feſte Burg ſtattlich prangte und ber Stolz und 
chutz ihrer ritterlichen Inſaſſen war; ihr ſchauet viel⸗ 
ihr verwundert hinauf an die hohen Steinmaffen, 
F denen eine zierliche und mächtige Feſte thront, 
Fglaubet, die Wellen des Rheins haben euch zurück: 
(Bart in jene Zeit, wo jede Felfenfpige eine Ritter: 
rg trug, wo in jedem fchattigen Thale ein Kloſter 
nd, von frommen Mönchen oder jungfränlichen Non: 
n bewohnt, wo jede Bergeshoöle einen chrwürdigen 
Tausner beherbergte, und wu in flillen Gründen Die 
fen und Kobolde beim Mondesglanz den Inftigen 
eigen tanzten. 


186 Die Braut vom Rheinftein. 


Es ift die alte Burg Rheinſtein, bie ihr ers 
bliclet. Aus den Trümmern, in welche bie Gewalt der 
Zeit und die Zerftörungswuth der Menfchen fie vers 
wandelt, ift fie herrlich und mächtig wieder eritanden. 
Bon der hohen Warte weht flolz herab das Banner 
des Föniglichen Haufe, aus welchem der edle, fürfs. 
liche Befiger und Wiederherfteller der Burg entfproffen. 
Und nicht Verberbendränende Wurfgefchoffe, noch 
geſchwungene Flamberge, noch geſenkte Hellbarben weh⸗ 
ren euch den Eingang, wenn ihr beſchauen wollet bie 
Zellen und Gemächer der Burg; die Fallbrüde ſenkt 
ſich und die eichene Pforte öffnet fich gaftlich eurem 
Eintritt, der greife Pförtner hat Pidelhaube und Panzer 
abgelegt und geleitet euch gern durch die alterthümlichen 
Raäume bid hinauf auf die Zinne, wo euren flaunenben 
Augen das herrliche Rheinthal mit feiner grünen Ge 
genwart und feiner in grauen Ruinen nachlebenden 
Vergangenheit fich ausbreitet. 

Die Sage erzählt und, daß vor langen Zeiten, it 
den eriten Sahren des vierzehnten Säkulums, ein Ritter 
Sifrid von Rheinftein auf der Burg haufte, der in fer 
ner Jugend ein gar wildes und wüftes Leben geführt, 
auf einem feiner häufigen Raubzüge auch ein wunder 
ſchönes Mägdlein aus dem Franfenlande feinen Eltern 
entführt und Daffelbe mit anderer reichen Beute auf 
feine ftarfe und wohlverwahrte Veſte gebracht habe, 
Nach diefer Zeit aber habe ber wilde Waffenlärm, 
welcher fonft ohne Aufhör in der Burg getobt, urplößs 
lich) ein Ende genommen, viele Mannen und Knechte 
hätten die Dienfte des Ritters verlaffen, weil dieſer 


Die Braut vom R Heinfleim. 187 


tichlofien habe, hinführo Feine Raubzüge mehr zu thun, 
nbern in Krieden daheim zu bleiben und den Reſt 
iner Sahre zuzubringen in Ruhe und gemädjlichem 
eben, . Dem war’d auch fo, und es hatte Die Liebe zu 
er schönen Jungfrau Died alles in Sifriden bewirkt. 
r ehelichte fie auch bald nach diefem und fie führten 
n filled und zufriedenes Leben. 

Es dauerte aber nicht lang, daß Freude und Trauer 
ıgleich anf die Burg hereinbrachen, denn die fchöne 
ta fchenfte ihrem Gemahle ein Maͤgdlein, gefegnete 
er wenige Stunden darauf bad Zeitliche, Der Ritter 
iifrid war außer ſich vor Betrübniß und Schmerz 
ıb warb von Diefer Zeit an ganz finfter und menfchens 
yen, ſo daß bald alle Gälte die Burg mieden und des 
hurmwarts Horn einroftete. Sifrid aber lebte fortan 
ır dem Andenken an feine heimgegangene Gattin und 
? Erziehung feines einzigen ZTöchterleind, das er wie 
nen Augapfel liebte und in Zucht und Krömmigfeit 
ferzog, auch in allen weiblichen Künften unterweis 
t ließ. | 

Darüber verftrichen Sahre und Gerda war zur 
reube ihres alternden Vaters herangewachſen, nnd 
ıer zarten Blume zu vergleichen an Lieblichleit und 
ngend. Und Pilger, die auf ihren Zügen wohl hin 
id wieder in einer unfreundlichen Nacht, Herberge 
ifchend und erhaltend, in die Burg einfehrten, vers 
eiteten in allen Gauen ringsumher die Kunde von 
r Annuth und Holdfeligfeit des Burgfräuleins auf 
m Rheinſtein, betheuernd, daß Feine ſchoͤnere Jungfrau 
: finden fey im ganzen Nheingam Solche Kunde 


188 Die Braut vom Eheinſtien. | 


aber regte in manchem jungen Ritter und Edelkuecht 
die Luſt auf, das holde Maͤgdlein zu ſchauen und zu 
minnen, und war ein luſtiges Rennen und Reiten nach 
dem Rheinſtein, und war ſchier, als ob dem alten Sifrid 
Fehde angeſagt worden wäre, fo zogen die Ritter in 
Schaaren, mit glänzenden Rüftungen und wehenden 
Helmbüfchen angethban, dem Ntheinfteine zu. Aber dem 
alten Ritter warb bange ob des Heranftürmend fo vieler 
Freyer, und er rungelte bie Stirn und ließ ben flatt 
lichen Herren fammt und fonders fagen, fie möchten iur 
wieder heimziehen und fich einftellen auf dem großen 
Turnier, weldjed der Bilchof von Mainz hatte anfagen 
laſſen, und er wolle auch bafelbft fein mit feiner Toch⸗ 
ter und fie weibe dann wählen, wer fi am tapferſten 
nnd männlichiten auswieſe. 

Richt gar lange Zeit nachher fand auch das bes 
fagte Turnier flatt und waren dazu viele Ritter und 
fhöne Frauen von nah und fern nad Mainz gekom⸗ 
fommen, und auch der Ritter Sifrid hatte fi, feinem 
Berfprechen getreu, mit feiner Zochter Gerda daſelbſt 
eingefunden. 

Und es erwies ſich, was die pitger von ihr ver⸗ 
kuͤndigt hatten, daß fie den Preis der Schönheit Davon 
trug, über alle die Frauen und Sungfrauen, und Aller 
Augen hafteten auf ihrem Antlig und alle Zungen 
priefen ihre Anmuth. 

Es waren aber vornemlich zwei Ritter, welche von 
des Maͤgdleins Liebreiz dermaßen entzückt waren, daß 
fie fh hoch und thener vermaßen, es zu erfämpfen, 
und ſchwuren, Gut und Blut daram zu ſetzen. Es 


Die Braut vom Rheinſtein. 180 


waren dieſes der junge Kuno von Reichenſtein, hochge⸗ 
ſchätzt von Fürſten und Rittern wegen feiner Tapferkeit 
und adlichen Sitten, und Kurt von Ehrenfeld, älter als 
jener, ebenfalld ein tapferer Degen, aber mehr ges 
fürchtet als geliebt wegen feiner rauhen und finfteren 
Gemüthsart, die ihm auch den Zunamen bed Böfen 
erworben hatte. Beide waren übrigens dem Ritter vom 
Pheinftein verwandt und hatten die fchöne Baſe bei 
ihrer Ankunft in Mainz begrüßt und eifriges Bemühen 
gezeigt, ihre Gunſt zu erwerben. Doch haftete Gerba’s 
Blick lieber auf dem offenen, heitern Antlig Kuno’, 
als auf dem vanhen, fonnverbrannten und bereitd was 
weniges burchfurchten feined Nebenbuhlere. Ihr Vater 


mochte auch wohl ihre Herzensmeinung errathen, denn 
er fagte ihr mit freundlichen Worten, daß er bem 
waderften von beiden Freyern geftatten wolle, um fie 
zu minnen. | 

Es gefchah aber ein großer Sammer, denn Gerda's 
bränftige Gebete, auf daß Kuno obfiegen möchte, wur⸗ 
den nicht erhört, vielmehr mußte derfelbe, nachdem er 
fih mit Ruhm und Tapferkeit auf dem Plan herumges 
tummelt und viele Gegner in den Sand geftredt hatte, 
der größeren Körperſtärke Kurt's des Böfen unterliegen. 
Diefer fland nun nicht an, feine Bewerbung beim Ritter 
Sifrid zu machen, welcher ihn auch alfogleich der Toch⸗ 
ter zuführte, erflärend, daß er ihm ald Eidam genehm 
und willlommen ſey. SchönsGerda war durchaus nicht 
Diefer Meinung, und obwohl fie dem Willen ihres Bas 
terd nicht zu widerftrcben wagte, fo rief fle doch 
im einfamen SKämmerlein unter heißen Thraͤnen ihre 


190 | Die Braus vom Rheinſtein. 


Schubheilige um Befreinng von dem unerwünichten 
Bräutigam an, gleichzeitig bittend, daß deſſen Gtelle 
durch ben geliebten Kuno befeßt werden möchte, 

Diefed Mal fchien dad Gebet der frommen Jung⸗ 
frau ein geneigteres Gehör zu finden, indem ſich fol⸗ 
gende, wunderbare Geſchichte begab, welche die Wüns 
ſche der Tiebenden Gerda auf eine unerwartete Weiſe 
krönte. | Ä 

Nachdem nämlid; der Ritter Kurt von Ehrenfeld 
nad) kurzer Bewerbung bad freiwillige Jawort Sifrids 
und das gezwungene feiner Tochter erhalten hatte, 
nachdem auch, ber arme Kuno, an feinem Glücke vers 
zweifelnd, den Entfchluß gefaßt hatte, fich einem von 
mehreren FZürften und Herren befchloffenen Zuge nad 
dem heiligen Lande anzufchließen, in der Hoffnung, im 
Sarazenenblute die qualvolle Erinnerung an fein vers 
lornes Kieb zu ertränfen, war endlich der Tag heran, 
gefommen, ber zu Gerda's Vermählung mit dem von 
Ehrenfeld beflimmt worden war. Schon fand bad 
holde Mägdlein, bräutlich geſchmückt, doch nicht bräut⸗ 
lichen Antliges, in dem Ritterſaale ded Rheinſteins; 
bleich war ihre Wange und thränenmübe ſenkten fi. 
ihre Augenlider gu Boden. Der Myrthenkranz in 
ihren braunen Loden fchien dem Sammer der ZXrägerin 
Hohn zu fprechen und das reichburchwirfte ſeidene Ges 
wand, wie bie blißenden Edelfteine an Hals und Armen, 
fahen aus wie der Schmud eined Opferlammes, dad 
man zum Altare führen will. 

Schon hörte man das Geräufch von dem Anzuge 
ded Bräntigams, der mit einem glänzenden Gefolge 


Die Braut vom Rheinſtein. 191 


von Rittern und Knappen am Kuße des Felſens anges 
tommen war, ba entfloh Gerda, unfähig dem übers 
mächtigen Drang ihrer Gefühle zu wiberfichen, dens 
Ereiſe ihrer Zofen und Gefpielinnen und eilte hinaus 
auf den Sölfer, von welchem fie fo oft bie ſehn⸗ 
füchtigen Blicke nad) dem Neichenftein ausgeſendet 
batte. 

Hier ſank fie halb bewußtlos, faſt ohnmädhtig nie 
ber, heiße Thränen überfirömten Wange und Bufen, 
Die flehendb ausgetreten Hände hoben fich bald zum 
Himmel, der in feiner ruhigen Heiterkeit ihrer nicht zu 
achten ſchien, bald gegen den Reichenftein hin, auf befr 
fen Zinne ein Berzweifelnder ftand, der nicht ihe, nicht 
fich zu helfen wußte. Da that ſich die Thür bes Söl⸗ 
lers auf; und heranstrat der finftere Kurt, deffen Ants 
litz noch viel birfterer wurde, ald er bie Braut einem 
Andern zugewandt fah, als er drüben auf der nahen 
. Burg die Geftalt des gehaßten Rebenbuhlers erblickte, 
und drohend ftredte er die geballte Fauft dem Reichens 
fleiner entgegen, während er mit der andern bad vers 
zagende Mägdlein ergriff, ed emporriß und, einen Fluch 
zwiichen den Zähnen murmelnd, es eilig bavonfchleppte. 

Wenig Minuten darauf mußte der von Schmerz 
und Wuth erfüllte Kuno fehen, wie die unglückliche 
Gerda auf ein Roß gehoben ward, und von ihrem Bräu- 
tigam und ihrem Bater geleitet, von einem Haufen von 
Reifigen umgeben, der Kapelle des heiligen Clemens 
zuritt, welche zwifchen beiden Burgen am Ufer liegt 
und worin bereitö ber Prieiter harrte, um das Braut⸗ 
paar einzufegnen und zu verbinden auf ewig. 


) 2 Die Braut vom Rheinftein. 


Kuno, feiner nicht mehr. mächtig,geflürgt hinmter 
zum Burgthor, mit dem Schwert .in ber, Fauſt will & 
Sich die Beliebte erfämpfen, oder ben Tod finden; fchen 
öffnet fich ihm das Thor; den Blick zur Geliebten hi 
gewendet, ift er im Begriff fein Pferb zu befteigen, — 
Da hemmt ein wunderbarer Anblik fein Beginnen, 
regungslos bleibt er flehen, den Ausgang der feltfamen 
Szene vor ihm in fprachlofem Staunen erwartenb. 
Denn fehet, — das Roß, welches die Braut trägt, 
wild und ungeftüm erhebt ed ſich, Feuer forüht ans 
- den aufgefperrten Nüftern, und mit Fräftigem Hnfe zur 
Rechten und Linken ausfchlagend und Ritter und Knap⸗ 
‘pen niederwerfend, fprengt es in bligfchnellem Laufe 
voran, die erfchrodenen Begleiter weit hinter fich la 
fend, der Kapelle vorbei, die. von Furcht und Hoffnung 
bebende und fi um den Hald des errettenden Thieres 
feitanfchmiegende Gerda dem Geliebten entgegentragend. 
Schneller als er den Fuß aud dem Steigbügel he 
ben fann ‚ it fie bei ihm angelangt, in unbefchreiblichem 
Entzüden eilt er-auf fie zu, hebt fie mit Fräftigen 
Armen vom ſchäumenden Roſſe, und trägt. fie jubelnd 
in die Burg, eine heißerfehnte, beglüschende und beglückte 
Beute. — | 
Mit Mühe hatte fich der von fo außerorbentfichem 
Ereigniß überrafchte Sifrid von dem Boden erhoben, 
auf den er fo unfanft geworfen worden war; ber vom 
heftigeren Sturze fchwerverwundete Ritter von Ehren 
feld wurde von feinen Knappen wehllagend zurüdge 
tragen, und bald fah man einen Nachen Iangfam. über 
den Rhein fahren, der einen Sterbenden trug. 


Die Braut vom Rheinftein, 193 


= 


Der alte Sifrid aber erfannte in dem wunderba⸗ 
n Degebniß den Willen des Himmels, und er fandte 
näber auf den Neichenftein und ließ Kuno fagen, daß 

zn ihm kommen möge mit feiner Tochter, und daß 
ihn annehmen wolle zum Eidam, bieweil es der 
immel alfo wolle. 

Nicht gar lange Zeit nach dieſer Begebenheit fah 
an wieberum zwei feftliche Züge nach der Clemens⸗ 
pelle wallen, und daſſelbe muthige Roß, das früher 
ge troftlofe Braut trug, brachte diesmal, ftill und fromm 
nbergehend, eine hochbefeligte Sungfrau zu der Pforte 
s Kirchleins, aus welchem fie, einen klaren Liebes- 
mmel auf dem Antlit und im Herzen, an der Hand 
s glüdlichen Kuno von Neichenftein hervortrat, der 
e junge Gattinn mit Hopfenbem Herzen in bie Hallen 
ner Väter einführte. 


Sanıt Wapert, 


Unter der Megierung Karld ded Großen ober Ludwigs 
des Milden lebte ein mächtiger Herzog am Rhein, 
welcher das ganze Land zwifchen der Selz, ber Blies, 
der Simmer und der Heimbach von Bingen bis nad 
£othringen beherrfchte. Er hatte eine gar fchöne und 
fittfame Tochter, Bertha mit Namen. Diefe vermählte 
er an den zwar tapfern, aber noch wilden Fürften Ros 
land oder Robolaus, in der Hoffnung, ihn durch Diefe 
Verbindung zur dhriftlichen Religion zu bringen. Der 
jungen Fürftin Reize feffelten auch eine Zeitlang den 
unbändigen Krieger, allein bald trieb ihn die wilde 
Luft zum Kampfe und zu andern Weibern, und Bertha 
mußte von ihm alle nur möglichen Unbilden eines rohen 
Gemüthes ertragen. Dem ohngeachtet z0g fie ſich dub 
dend in file Einfamfeit zurüd, und Magte nur dem 
Himmel ihre Roth. Sn der Bitterleit ihres Kummer. 


Ze 1m — — 


J ” Sanct Rupert. 195 
rief fie öfterd aus: „Ach Gott! Wann werbe ich einmal 
von ber Zyrannel biefes Unholds befreit werben)” Da. 
aber die Unarten des Gatten durch ihre Suykefhaltung 
eher zus ald abnahmen, gelobte fie das Kind, das fie 
von ihm unter dem gepreßten Herzen trug, bem himmli⸗ 
ſchen Vater, und gab ihm, ald es zur Welt Fam, ben 
Ramen Rupert oder Ruhwert. 

Bon nun an hing Bertha mit ganzer Seele an . 
ihrem Söhnlein, und fuchte ihn zu einem frommen 
chriftlichen Helden zu erziehen. Da fie bie rohe Krieges 
Iuft ihres Gatten ald die Haupturfache ihres erbuldeten 
Unglücks anfah, fo flößte fie dem Fleinen Rupert mehr - 
die Zugenden der chriftlichen Sanftmuth und Liebe, als 
bie des alten heidnifchen Heldenthums ein. Dadurch 
machte fie aber das Herz ihred Gatten ſich und ihrem 
Kinde mehr abhold, ald geneigt. Er verhöhnte die Er⸗ 
ziehung, welche fie ihrem Sohne gab, weil er fie für 
weibifch hielt, und warf ſich defto frecher in ben Armen 
feiner Buhlbirnen und Keböweiber herum. Er lag von 
nun an beitändig zu Felde in heimifchen und fremden 
Fehden, und blieb endlich in einer Schlacht, vom Feinde 
erichlagen. 

Nach feinem Tode verließ Bertha das Schloß Lau⸗ 
benheim an ber Nahe, wo fie bisher fo viel Kummer 
atragen mußte. Sie nahm ihren geliebten Sohn Rus 
pert in die Arme und z0g mit ihm nach Bingen, um 
von aller Welt entfernt, in der Einjamfeit zu leben. 
Kaum wurde biefer Entfchluß in dem Lande befannt, 
als fogleich eine Menge von fürftlichen und ritterlichen 
Zreyern au ihrem Schlofle ritten, um das Herz und 

13 


196 Sancet Rupert. 


bie Hand einer eben fo fchönen ald reihen Wittwe zu 
erhalten. - Allein- Bertha verwarf alle Anträge, fo vor 
theifhaft and Iodend fie auch für eine junge Fran ges 
weſen fein mögen, unb widmete ihr Leben nur bem 
Dienfte Gottes und der Erziehung ihred Sohnes. Die 


fer wurde auch fo mächtig von der mütterlichen Lehre . 


ergiffen, daß er fogar die üblichen Nitterfpiele feiner 
Zeit hintanfegte, und nur der Wohlthäter armer Kin; 
der feyn wollte. Wenn er einen Haufen foldyer Leidens 
den Knaben zufammengebracht hatte, führte er fie vor 
. Bertha und fagte: „Siehe, Mutter, Deine Kinder!“ 
Diefe antwortete hierauf, die Gefinnungen des jungen 
Heiligen billigend, ‚Mein lieber Sohn, ed find aud 
Deine Brüder!’ Seine Sorge für die Armen ging fo 
weit, baß, ald die fürftliche Wittwe fih . in ihrem 
Schloſſe eine. Hausfapelle erbauen laffen wollte, er auf 
die Armen dentete, mit den Worten des Evangeliums: 
„Brich erft den Hungrigen Dein Brod, bebede erft bie 
Kadenden mit Deinen Kleidern, und führe Die verlaf 
fenen Fremdlinge in Dein Haus, denn dieſe find bie 
lebendigen Tempel bed heiligen. Geiftes !” 

So fehr er ſich nun durch dieſe guten Werke die 
Liebe der Armen und des frommen Volkes erworben 
hatte, fo verächtlicdh wurde er Dadurch dem Adel und 
den fürftlichen Leuten des Landes. Die jungen Ede 
Inaben, welche ihn häufig befuchten,, wollten faſt nicht 
mehr mit ihm umgehen. Sie gaben ihm zu verfichen: 
„daß es feinem hohen Stande angemeffener wäre, fid 


mit ihnen in Ritterfpielen zu üben, als ſich durch den h 


Umgang mit ſolchen Bettelbuben zu entehren.“ Allein 


’ 


Sanet Rupert. 197 


alle biefe Spottreben der Edelknaben komnten ben juns 
gen Fürften nicht abhalten, feine bisherige Lebensart 
fortzufegen umb ben armen Kindern feine Wohlthaten 
angedeihen zu laſſen. 


Nur von himmliſchen Seligfeiten und Kronen ent 
züdt, wandte er feine Blicke von dem irdifchen Glanze 
feiner fürftlichen Hoheit und richtete fie nach dem 
Himmel. 


Unter fo frommen Gebanfen fchlief er eined Abende . 
anf einem bemooften Felfen am Ufer bed Rheines ein, 
und ihm erfchlen im Traume folgendes Geſicht: Er 
fahe an dem Ufer einen ehrmwürbigen Greis, aber mit 
einem 'gar freundlich»fchönen Angeficht fliehen, und um. 
thn her fprangen viele muntere Knaben ins helle Waſ⸗ 
fer des Rheins. Der Alte wuſch einen jeden ganz rein, 
und fo kam er in einer fchönern Seftalt aus den Fluten 
hervor. Als Rupert eine Zeitlang Diefer Handlung zus 
gefehen hatte, erhob ſich aus dem Fluſſe eine gar reis 
gende Aue. Sie war mit den fchönften Blumen und 
Kräntern befegt und aus ihnen duftete ein Föftlicher 
Mohlgeruch, welcer bie ganze Gegend umher erfüllte, . 
Am Rande war die Aue mit mancherlei Baumen und 
Bebüfchen umgeben und an denfelben prangten die köſt⸗ 
Achſten Krüchte. Auf den Aeſten, mit weißer und roͤth⸗ 
licher Bluͤthe gefchmüct, flatterten muntere Bögelein 
herum, in ben fchönften Farben glänzend, und in dem 
Gebuͤſche fangen andere, füßer ald die Lerchen und 
Nachtigallen. AS nun der Alte die Knaben alle ges 
wafchen hatte, führte er fie über den Rhein auf das 


1% Sanct Rupert, 


ſchöne Eiland, befleidete fle mit weißen Gewändern 
und wies ihnen die Blumen und bie Früchte zum Ge 
nuſſe an. Rupert, von dem fchönen Schaufpiele hinge 
riffen, wandte fich bittend zu bem Greife und fagte; 
„O laß mich doch auch mit den Kindern auf biefer 
fchönen Aue weilen!’ Diefer aber antwortete: „Hier 
ift deine Bleibensflatt nicht; Du haft Dir durch Deine 
guten Werfe eine Brüde zum Hinmel gebaut, wo Du 
unter Engeln wohnen wirft. Dad Brod, welches bn 
bisher den Armen gegeben, wird Dir bort ein Hims 
melsbrod, und die Kleider, womit Du fie bedeckt hal, 
ein Kleid der Unſchuld werben.” 

Unter diefen Worten bed Alten fah ber heilige 
Rupert aus den blühenden Bäumen ber Inſel einen 
glänzenden vielfarbigen Regenbogen von einer Seite 
bis zur andern fich zum Himmel mwölben. Auf ihm 
Hatterten taufend und taufend fchöne, Tiebliche Engelein 
mit goldenen Fittigen auf und ab. Ganz oben faß in 
einer Lichtwolfe, mit Strahlen umgeben , das Chriſt⸗ 
findlein und vor ihm fnieete ehrerbietig der Fleine 
Johannes, ihm ein zartes, reined Laͤmmlein vorfüh 
rend, womit fie fpielten. Hierauf Tamen zwei Engel 
geflogen, und brachte dem Fleinen Chrift das Kleid, was 
furz zuvor der heilige Rupert einem armen Knaben 
gefchenft hatte, Er ließ fih damit von den Engel 
befleiden, und als er ed ganz angezogen hatte, fagte'er: 
„Sehet, dies ift das Kleid, welches mir der Feine 
Rupert gefchenft hat; dafür will ich ihm auch bereinft 
mit dem Glanze der Heiligkeit umgeben.” Sm höchſten 
Gefühle der Andacht und Wonne wollte der heilige 


Sanct Rupert, 199 


abe feine Hände nach dem Chriſt⸗Klndlein ausſtrecken; 
lein die Erſcheinung verſchwand, er erwachte, und 
w ihm EInieete der arme Knabe, um ihm für das ges 
ſenkte Kleid zu danken. .. 
Als Rupert alfo erwacht war, nahm er den Kna⸗ 
a mit fidy und erzählte feinee Mutter den Traum. 
jefe freute fich fehr des heiligen Geſichts, er aber 
ßte von nun an den Entichluß, nach Rom zu dem 
rabe der heiligen Apoftelfürften zu wallen, und dort 
in Leben dem Himmel zu weihen. Da Bertha merkte, 
6 ihe Sohn entfchloffen fey, fie zu verlaffen, um 
feinem noch zarten Alter eine fo weite Reife vorzus 
hmen, wurde fie fehr betrübt und fagte ihm mit vies 
[| Thränen: „Bedenke doch, mein Tiebfter Sohn, Daß: 
y dich mit Schmerzen geboren habe, und auf Dir die 
haltung uuferes edlen Fürftenftammes beruht. Wie 
IM. ich ohne Dich die Einfamkeit meines Wittwenſtan⸗ 
8 ertragen? Sch habe Dir für Arme und Nothleis - 
ande unfere Schäße willig hergegeben, wie kannſt Du 
oft beffer und nüßlicher dienen, ald dur Wohlthaten. 
id Almofen? Bleibe doch bei deiner Mutter, und ers 
te mir meine Hoffnung und die Hoffnung unferes 
rſtlichen Gefchlechtes! Durch dieſe mütterlichen Vor⸗ 
MNungen wurde Rupert gerührt, und er verſprach der 
träbten Bertha, fie nicht zu verlaffen. - 
Indeß hatte er bereits das Alter erreicht, wo it 
m jugendlichen Herzen die erften Gefühle. der Kiebe 
ud Mannbarkeit erwachen, und Bertha fohmeichelte ſich, 
ad im ihm den frommen Stammvater eines großen 


200 Sanct Rupert, 


Fürſtenhauſes und ben chriftlichen Helden gegen bie 
Ungläubigen zu finden. Sie umgab ihn daher mit edlen 
Juͤnglingen und Fraͤulein, um ihn durch deren Umgang 
an ritterliche Thaten und fürſtliche Geſinnungen zu ge⸗ 
wöhnen.. Dieſe ermahnten ihn auch: „daß er als Erbe 
eined Herzogthums und großer NReichthümer fein Leben 
‚nicht durch niedere Beichäftigung mit Bettlern und 
Landſtreichern verächtlich machen dürfe. Sie fagten ihm: 
daß ed nun Zeit fey, durch Uebung in Waffen und 
edlen Sitten den Preis, der Ehre und ber Minne 
zu erfämpfen.” So wollten die fürftlichen Sünglinge feis 
sen Ehrgeiz reizen; die Fräulein aber warfen nicht 
ungern ihre Augen auf einen Prinzen, welcher Anfprüche 
auf eine fo hohe Würde und große Güter und Reich 


thümer hatte. Diefes alles aber, ohne den geiftfichen 


Helden zu reizen, beflimmte ihy viel fefter in dem Bors 
fage, feine Wallfahrt nach Ron zu befchleunigen, um 


> Dadurch, wie er glaubte, diefen Fallftricen des Teufels 


zu entgehen. Statt des ſtolzen Fürftenmanteld zog er 
ein einfaches Pilgerfleid an und flatt der gepriefenen 
. Maffen ergriff er einen Pilgerflab und wallte zu der 
heiligen Stadt, wo er am Grabe der Apoftelfürften das 
Gelübde ablegte, fein Herzogthum zu verlaffen und 
feine Güter unter die Armen zu vertheifen. 

Nachdem er in Rom dad Grab der heiligen Apo⸗ 
ftelfürften gefußt hatte, kam er, durch fchlechte Speifen 
und eine ermüdende Neife gefchwächt, in die Arme feis 
ner traurigen Mutter zurück, fliftete neue Krankenhaͤu⸗ 
fer, die er felbft bediente, und lebte mehr wie ein Ein 
fiebler, al8 ein Fürſt. Diefe anftrengenden Beſchaͤfti⸗ 


Sanct Rupert, 201 


gungen untergraben feine ohnebied fchon gefchwächte 
Körperkraft. Er wurde von einer gehrenden Krankheit 
befallen, und farb bald nach feiner Zurückktunft ſchon 
im zwanzigſten Jahre feined Alterd. Sein Körper 
wurde zu Bingen begraben, feine Herrfchaften und 
@&üter kamen an Fremde oder feine Berwandte, 


Die heilige Hildegard. 


Auf dem linken Ufer der Nahe, zu welchem von bem 


Städtchen Bingen aus die Drufus-Brüde über den 


Strom führt, erhebt fich der Rupertöberg. Hier fol, 
ſo berichtet die Legende, der h. Rupert, gottesfürchtig, 


ernft und wohlthätig fchon im jugendlichen Alter, mit. 


feiner Mutter Bertha eine Kirche gebaut und in ihr 


"die letzte NRuheflätte gefunden haben, als er erit zwans 


zig Sahre alt, von dieſer Welt abgerufen ward. Bon 
ihm erhielt der Berg feinen Namen, und lag, nachdem 
das Land durch die Einfälle der räuberifchen Norman 
nen entoölfert worden, lange Zeit wüſt und öde, 

Es war im Sahre 1089, ald einem frommen, edeln 
Paar, Hildebert und Mathilde von Böfelheim, die auf 
der Burg Spenheim, nicht ferne von Kreuznach Iebten, 
eine Zochter geboren wurde, welcher fie den Namen 


⸗ 


Ps s 
Die heilige Hildegard. 203 


Hildegard gaben. Der Graf Meinharb von Sponheim 
hatte ein Kind, Hiltrude, mit jener faft von gleichem 
Alterz fie wuchjen zufammen auf, Gefpielinnen in ben 
Kinderjahren, Novizen im Benedictiner-Klofter Diffibos 
denberg, deſſen Yebtiffin Iutta, ded Grafen Schwerter, 
war. Bon ber Welt hatten fie nicht anders gefehn, 
ald das Vaterhaus und die ftillen Kloftermauern: es 
foftete fie daher weder Kampf noch Entfagung, dem 
Beifpiel der frommen Jutta zu folgen und im zarten 
Sugendalter den Schleier zu nehmen. 

Hier lebte, abgefchieden von allen äußern Eins 
flüſſen, nur den gotteödienftlicyhen Uebungen und wohl 
thätigen Werfen bingegeben, Hildegard viele Sahre 
Yang. Sie hatte wenig Unterricht genoffen, wie bie 
Mehrzahl ihres Geſchlechts, felbft die Kunſt ded Schreis 
bens war ihr frembe und fie wußte nichts von dem 
was vorging außer ihrer Zelle, der Kirche und dem 
Garten, von wo fie vielleicht ohne Schnfucht dad mas 
lerifche Thal und die waldigen Hügel anblickte. Aber 
frühe fchon war ihr Geiſt thätig, und, fei ed daß eine 
"von Natur Iebendige Kantafie in dem ruhigen, betrady 
tenden Leben Nahrung fand und, Wirklichkeit und 
Dichtung verbindend, Bau auf Bau emporthürmte, 
oder daß der Herr, zu warnen und zu lehren in ans 
ruhvollen, bedrängten Zeiten, in ihr die Sehfraft der 
Bropheten bed alten Bundes wieder aufleben Tieß: in 
der ungeftörten Einfamfeit offenbarten fich ihr geiftliche 
und weltliche Dinge, wie fie waren und noch gefchehn 
ſollten, und fie hatte nicht Raſt noch Ruhe vor den 
Bildern, die ihre Seele erfüllten. 


x 


204 Die heilige Hildegard, 


Aufangs wagte fie nicht Fundwerden zu laffen, was 
in ihr vorging: Wenn aud) geängftigt durch die ſich 
immer wiederholenden Gefichte, durch bie Stimmen, 
welche mächtig in ihrem Innern wiederhallten, fuchte 
fie doch mit jungfräulidfer Scheu und Zaghaftigfeit ihre 
gewaltige Aufreguug zurüdzubrängen, ſich einzulullen 
in eine Fünftliche Ruhe. Aber. der Beift in ihr war 
färfer als fie. Der fieberhafte Zuftand, in dem fie fi 
fortwährend befand, zehrte ihr Kräfte auf; ihre Eimpfäng- 
lichkeit für alle äußeren Einprüde wurde krankhaft 
gefteigert, und endlich ſank fie, fchmerleidend, auf das 
Lager hin, das fte in angfterfüllten Nächten mit heißen 
Thränen benegte. Da konnte fie dem Drange ihrer 
Seele nicht widerftehen und entdeckte ihrem Beichvater 
den Zuftand ihres. Sunern. Sie fühlte damit eine 
Gentnerlaft von fidy abgewälszt: ihre Krankheit ließ nad, 
ihre Kräfte kehrten, wenn aud) langſam, zurüd. Rod) 
während der Genefung theilte fie ihren Umgebungen 
einen Theil der Offenbarungen mit, die ihr gemacht 
worden waren und Die wichtigften Angelegenheiten in 
Gegenwart wie Zukunft von Kirche und Reich betrafen. 

Der Ruf Diefer Vorgänge verbreitete ſich bald. 
Die Weiffugungen der Franken Nonne, von der Niemand 
zuvor etwas wußte und Die nicht über Die Schwelle bed 
abgefihieden liegenden Klofters hinausgekommen war, 
erregten überall das größte Erftaunen, um fo mehr da 
man vernahm, wie fromm und heilig fie lebte. ‚Aber 
auch damals ſchon fehlte es nicht au folchen, welche 
fie und ihre Ausfpriche verlachten und Alles für bie 
Ausgeburt einer überreizten Einbildungskraft nud leere 


Die heilige Hildegard. 205 


Traumbilder ausgaben. Unterbeffen war bie Nebtiffin 
Jutta geitorben, und Hildegard ward an deren Stelle 
gewählt. Die Menge ber Novizen, welche auf dem 
Diffibodenberge in ihrer Nähe zu weilen verlangten, 
nahm fo zu, daß bald Fein Raum mehr vorhanden war, 
die Anfommenden aufzunehmen. Da faßte Hildegard 
den Entichluß, ein neues, großes Klofter zu bauen, und 
als fie darüber nachfann, welchen Ort fie zur Ausfühs 
rung dieſes Vorhabens wählen folle, gab ihr Gott ben 
Gedanken ein, ſich niederzulaffen auf dem Rupertöberge 
bei Bingen. Sie gehorchte. Im Jahre des Heils 1148: 
fand ein flattliches Klofter auf der erfornen Stelle, 
durch die freundliche Theilnahme ihrer Berwandten und 
der ganzen Umgegend vafch gefördert, Dahin begab fie 
fich mit einem Theil der bei ihr lebenden gottgeweihten 
Jungfrauen. 

Der Geiſt der fie erfüllte, fuhr fort zu ihr zu reden 
und ihr in einem mpftifchen Spiegel zu zeigen, was 
ihre leiblichen Augen nicht fehen fonnten. Da wurde 
fie die Zerwürfniffe gewahr, welche, zwifchen Papft und 
Kaiſer entftanden, das römiſche Reich an den Nand des 
Abgrundes bracdıten. Sie verfündigte, wie Macht und 
Ehre fich mindern würden, Gehorfam und Unterthanens 
treue auflöfen, Frömmigkeit und Zucht verfchwinden. 
Die Kaifer würden mehr auf eigenen Vortheil bedacht 
fein als auf das Wohl des Ganzen, deßhalb würde bag 
Volk fid) abwenden und von ihnen trennen, Zwietracht 
würde entfichn und Frieden und Blüthe verderben, die 
guten Sitten würden untergehn in ber allgemeineit 
Zerflörung, wobei and) die Kirche und der Glaube vers 


206 Die heilige Hildegard. 


fieren müßten, und Alles leiden in einem unfeligen 
Chaos. Des hohenftaufifchen Hanfed ganze traurige 
Gefchichte fand vor Hildegard's prophetifchem Geifte in 
Flammenzügen gefchrieben. 

Der unfelige Streit, welcher damals bie durch 
Schismen getheilte Macht der Kirche ſchwaͤchte, vers 
hinderte nicht, daß in der Chriftenheit Gebanfe und 
Han eines neuen Kreuzzugs ſich entwidelten, Hülfe 
zu leiten den bebrängten Brüdern. im gelobten Lande. 
Mancher mochte vielleicht in der Theilnahme an einem 
folhen Unternehmen Troſt fuchen für die Wehen der 
Zeit. Papft Eugen III, aus dem Drben der Gifters 
gienfer, hielt 1148 eine Kirchen⸗Verſammlung in ber 
alten Stadt Trier. Ihn begleitete fein Lehrer, Bern 
hard, Abt von Glairvaur, damals fohon im Rufe der 
Heiligkeit ftehend, welche fpäter allgemein anerkannt 
ward. Die Welt hatte feinen begeiftertern Gottesſtreiter, 
feinen eifrigern Verfechter der Reinheit der Chriftuss 
lehre: die Reinheit feiner Grundfäße und feines Wars 
dels war maͤnniglich befannt, drum entfchied fein Wort 
in den wichtigften Angelegenheiten, welche Kirche unb 
Staat betrafen. So Ienfte er, in das Rheinland ges 
kommen, auch diefe Verfammlung, an der eine Menge 
frommer und gelehrter Männer Theil nahmen. 

Es war bier, wo bie Weiffagungen der Aebtiſſin 
vom Niupertöberg zur Sprache kamen. Ihre Schrifs 
ten, welche fie ihren Mitſchweſtern dictirt, wurden ge 
prüft; Abgeordnete wurden nach dem Kloſter gefandt, * 
um fich von der Wahrheit an Ort und Stelle zu übers 
zeugen. Dad Lob der Seherin war das einflimmige 


Die heilige Hildegard, 207 


Ergebniß und Urtheil, Der Papfi, Bernhards Erw 
munterung folgend, fihrieb ihr einen liebevollen Brief, 
in welchem er feine höchſte Berwunderung über bas 
Ereigniß ausdrückt, wie Gott in diefen Tagen neue 
Wunder gefchehn Iaffe und fo feinen Geift über fie ers 
goſſen babe, daß fie Geheimnißvolles fehe, begreife und 
verfüinde, wie er von den glaubenswürdigften Perfonen 
und aus ihren eignen Schriften vernommen. Er yries 
fie glüdlich und ermahnte fie, die Gnade die in ihr fei, 
durch Demuth zu bewahren, weil ber Herr den Stoll 
zen entgegen, den Demüthigen aber geneigt fei, und 
fortzufahren, mit ihren Schweftern fromm zu leben 
nad) der Regel des h. Benedictus. 

Der Abt von Clairvaux begab fich num felbft nad 
dem Nupertöberge. Bon ihm erhielt Hildegard ein 
Gebetbuch, ein Meffer und einen Ring mit der Uns 
fohrift: „Ich leide gern.” Willig folgte fie den Einges 
bungen des heiligen Mannes, Shr flilles Klofter vers 
laſſend, predigte fie in den Städten des Aheinlandes, 
in den Kirchen wie auf den öffentlichen Pläben vor dem 
Volke, ed ermahnend und ermunternd zur Theilnahme 
am Zuge nad) Jeruſalem. So gelangte fie nad dem 
Elſaß, nach Frankreich, felbft über die Alpen. Die, welche 
eben noch war wie dad Kind, welches nie das Vaters 
haus verlaffen, fühlte nun den Muth in fich, aufzutreten 
als Mahnerin zu Buße und zum frommen Werfe frems 
den Völkern. 

Braucht ed wohl gefagt zu werden, wie fehr mit 
jedem Tage Hildegards Ruhm wuchs, auch nachdem fie 
urückgefehrt war in ihre enge Zelle; wie taufende von 


208 Die heilige Hildegard. 


Mächtigen wie Kinder ikren Nath und Beiftand be: 
gehrten, wie man ihrem Wort und ihrer Lehre folgte 
in Dingen von der höchften Wichtigkeit? Auf Dem Kurs 
yertöberge fuhr fie fort, die ihr anvertrante Gemeinde 
zu leiten in gottfeligem Wandel, während fie ihre Bis 
fionen und Offenbarungen, tad Buch von der Erkennt 
niß ded Weges zum Keil, vom Leben der Verdienſte 
bon den göttlichen Werfen, ihre Gefänge und Homilien 
aufzeichnen und Sendfchreiben an Friedrich Barbaroffa 
und Papſt Eugen, an Erzbifchöfe, Prälaten und Ge 
meinden erließ. Und hier, ihre ächte, findliche Gottes 
furcht bewahrend, Tebte und wirkte fie bis zu einem 
hohen Alter, ald Mütter geliebt, ald Lehrerin befolgt, 
als Heilige verehrt. 

| Der 1Tte September des Sahres 1179 war ber 
Tag, an welchem die von Gott geliebte Fran diefe 
Erde verlieh. Tauſende und wieder Tauſende ftrömten 
herbei, die Leiche zu fehn. Sie warb in der Kloſter⸗ 
firche zur Ruhe beftattet. Nachdem im breißigjährigen 
Kriege auch dies Gebäude wie fo viele andere in Trüms 
mer gefunfen war (die Schweden verbrannten es im 
J. 1632) wurden Hildegards fterbliche Nefte nach dem 
Klofter Eibingen gebracht, wo auf Veranſtaltung bed 
Kurfürften von Mainz die Benebictinerinnen vom Aw 
pertöberge eine Zuflucht fanden. 








Der Mläuſethurm. 


0, and dem Strome unterhalb Bingen eine Reihe 
Klippen gefahrdrohend emporragt, nur einen 
m Raum, das fogenannte Binger-Loch, Der 
ahrt vorfichtiger Schiffer geftatteud, wo von dem 
Ufer die Ruine Ehrenfeld herüberfchaut und uns 
auf dem andern, der fchöne Nheinftein den 
r grüßt, erhebt ſich inmitten der fchäumenden 
n ein finftered, halbzertrimmmerted Gemäuer. Es 
Hatto's-Thurm. Wie dad Haus eined Böſen, 
18 Denkmal eines ungehenern Frevels erfcheint 
ergriffenen Befchauer, und wie rächende Geifter. 
et von ber firengwaltenden Nemefid, umflattern 
»Schaaren von Eulen und. Fledermänfen Dir 
: Warte. 
14 


210 Der Maͤuſethurm. 


Fa 


Mänfethyrm nennt die Sage jened Öemäuer, von 
welchen der Schiffer mit Grauen dad Geficht abmwendet 
und betend hinüberlentt, wo aus der Feldwand bed 
Uferd ihm, im heiligen Bilde der Noth-Gottes, Rath 
und Tröſtung zumwinft. 


Einft Iebte zu Mainz ein Erzbifchof, Namens 
Hatto, deffen Herz rauh und hart war und unempfäng- 
lich gegen die Noth der Bedrängten. Um dieſe Zeit 
entfland am Rhein und rings in der Gegend eine große 
Hungerdnoth, dergeftalt, daß viele Menfchen umfamen 
in ſolchem Sammer. Der Bifchof aber, deffen Speicher 
gefüllt waren mit brodgebendem Korn, öffnete dieſelben 
dem Wucher, aber nicht dem Bebürfniß der Armen 
feines weiten Sprengels, 


Als nun die Noth feiner Umterthanen größer uud 
größer wurde, Tiefen fie in Schaaren zufammen und 
flehten den gefühllofen Mann an um Erbarmen und 
‘ Kahrung, und ald dies umfonft war, murrten fie und 
ftießen in ohnmächtiger Wuth Flüche aus über ben 
Tyrannen. Und ob fein Herz nicht rege wurbe von 
Mitleid, wurde ed doch rege von Zorn, und er er 
grimmte und fchickte feine Schergen aus, die Murrenden 
zu fangen und fperrte fie in eine große Scheiter und 
ließ Feuer daran legen. Und ald das Feuer die Un 
glücklichen ergriff und ihr Todchgeſchrei herantönte an 
den Pallaft, herauf an die Ohren des Unmenſchen 
und derer, die mit ihm faßen an ber üppigen Tafel, 
rief er in teuflichem Hohme: Hört ihr die Kornmaͤus⸗ 
lein pfeifen da unten ? | 





Der Maͤuſedhurm. 211 


Aber ſtille ward es unten uno der Zorn Gottes 
glimmte auf aus der Aſche der rauchenden Gebeine ſei⸗ 
ner gemordeten Kinder. Und die Sonne verhüllte ihr 
Auntlitz, dunkel ward es im Saale und die entzuündeten 
Kerzen vermochten die Dämmerung nicht zu verfcheis 
chen, welche den finftern Mann von nun an umlagerte. 
Und fiehe, es fing an ſich zu regen im Gaale, und 
and allen Winkeln und aus den Riten bed Fußbos 
Dend und zu den Kenflern herein und von Der Dede 
herab Frochen und Tiefen zahliofe Schaaren nagens 
der Mäufe und erfüllten alsbald alle Gemäcdher des 
Pallaftes, und ohne Schen fprangen fie auf die Tiſche 
und benagten die Speifen vor den Augen der erflaunten 
Berfammlung. Und immer neue kamen hinzu, und die 
ſchnell getödtete Anzahl verdoppelte fich im Augenblic, 
und nicht die Brofamen blieben verfchont auf der Tas 
fel und nicht der Biffen, der zum Munde geführt wurde, 

Da ergriff Furcht und Entfegen Alle -die diefes ' 
fahen, und alle Freunde und Anhänger, und feine 
 Knechte und Mägde flohen die Nähe des Gottge⸗ 
ächteten. oo 
Der Bifchof aber, dem Zorne des beleidigten Hims 
meld zu entrinnen wähnend, beftieg ein Schiff und fuhr 
den Rhein hinab bis zu jenem Thurme, welcher rings 
von den Wellen ded Stroms befpült wird, wo er fid} 
fiher wähnte vor ſeinen unerfättlichen Peinigern. Aber 
Tauſende krochen aus allen Wänden mit Gepfeife hers 
vor; vergebend erftieg er, bebend vor Angft, ftumm vor 
Entfeten, die höchfte Warte; — auch dahin folgten fie ihm 
und heißhungrig fielen fie den] unmenfchlichen Spötter an. 


240 Der Mäaͤuſethurm. 


Mänferhyrm nennt die. Sage jenes Öemäuer, von 
welchem der Schiffer mit Grauen dad Geficht abwendet 
und betend hinüberlenft, wo aus der Felswand ded 
Uferd ihm, im heiligen Bilde der Noth-Gottes, Rath 
und Tröſtung zuwinkt. 


Einſt lebte zu Mainz ein Erzbiſchof, Namens 
Hatto, deſſen Herz rauh und hart war und unempfäng- 
Ich gegen die Noth der Bedrängten. Um diefe Zeit 
entfland am Rhein und rings in der Gegend eine große 
Hungersnoth, dergeftalt, daß viele Menfchen umfamen 
in folchem Sammer. Der Bifchof aber, deffen Speicher 
gefüllt waren mit brodgebendem Korn, öffnete dieſelben 
dem Wucher, aber nicht dem Bebürfniß der Armen 
feines weiten Sprengels. 


Als nun die Noth feiner Unterthanen größer uud 
größer wurde, Tiefen fie in Schaaren zufammen und 
flehten den gefühllofen Mann an um Erbarmen und 
Nahrung, und als dies umfonft war, murrten fie und 
ftießen in ohnmächtiger Wuth Flüche aus über ben 
Tyrannen. Und ob fein Herz nicht rege wurde von 
Mitleid, wurde ed doch rege von Zorn, und er er 
grimmte und fchickte feine Schergen aus, die Murrenden 
zu fangen und fperrte fie in eine große Scheiter und 
ließ Feuer daran legen. Und ald das Feuer die Um 
glücklichen ergriff und ihr Todiligefchrei herantönte an 
den Pallaft, herauf an die Ohren ded Unmenſchen 
und derer, die mit ihm faßen an ber üppigen Tafel, 
rief er in teuflichem Hobme: Hört ihr die Kornmänd 
lein pfeifen da unten? 





Dee Mäufethurm. 211 


Aber ſtille ward es unten uno der Zorn Gottes 
glimmte auf aus der Aſche der rauchenden Gebeine ſei⸗ 
ner gemordeten Kinder. Und die Sonne verhüllte ihr 
Auntlitz, dunkel ward es im Saale und die entzundeten 
Kerzen vermochten die Dämmerung nicht zu verfchents 
chen, welche den finftern Mann von nun an umlagerte, 
Und fiehe, es fing an ſich zu regen im Saale, und 
and allen Winkeln und aus den Riten des Fußbos 
dens und zu den Kenflern herein und von der Dede 
herab krochen und Tiefen zahllofe Schaaren nagens 
der Mäuſe und erfüllten alsbald alle Gemächer des 
Pallaftes, und ohne Schen fprangen fie asf die Tiſche 
und benagten die Speifen vor den Augen der erftaunten 
Berfammlung. Und immer neue famen hinzu, und bie 
ſchnell getödtete Anzahl verdoppelte ſich im Augenblick, 
and nicht die Brofamen blieben verfchont auf der Tas 
fel und nicht der Biffen, der zum Munde geführt wurde. 
Da ergriff Furcht und Entfegen Alle die dieſes 
fahen, und alle Freunde und Anhänger, und feine ' 
"Knecht und Mägde flohen die Nähe des Gottge⸗ 
ächteten. oo 
Der Bifchof aber, dem Zorne des beleidigten Hims 
meld zu entrinnen wähnend, beftieg ein Schiff und fuhr 
den Rhein hinab bis zu jenem Thurme, welcher rings 
von den Wellen ded Stroms befpült wird, wo er fi 
ſicher wähnte vor ſeinen unerfättlichen Peinigern. Aber 
Tauſende Frochen aus allen Wänden mit ©epfeife her⸗ 
‚vor; vergebens erftieg er, bebend vor Angft, ſtumm vor 
Entfeßen, die höchfte Warte; — auch dahin folgten fie ihm 
und heißhungrig fielen fie den] unmenfchlichen Spötter an. 


912 Der Maͤuſethurm. 


Blutige Spuren waren, bald Alles, was von ihm ge 
blieben, den ber göttliche Zorn gerichtet. 

Diefed ift die Sage von jenem einfamen Thurme 
mitten im Rheine. 





Die fieben Wächter, 


‚riegesflurm tobte um ben Rhein. Die Winböbraut 
tte die ſchwarze Wolfe, welche fich verberbensfchwans 
r zuerft über den Wyſchehrad gelagert, von Böhmens 
luren über Deutfchlands gefeguete Auen gepeiticht; 
ngeäfcherte Städte, verlaffene Burgen, Zrümmerfläts 
n, wo Dörfer, Deden wo blühende Felder gewefen, 
igten nad DOften und Welten, nad) Norden uud 
üben ben Pfad, den das Ungewitter, feiner Bliße 
h entladend, in allen Richtungen kreuzend, genom⸗ 
en. Da war nichts ale Zerftörung und Elend, ale 
vand und Berödung, als Todesfurcht und Glaus 
ncshaß. | 

er bat nicht, aus dem milden, parabififchen Rhein⸗ 
ıu kommend, an Bingen vorüberfahrend, beffen Woh⸗ 
ungen und Thürme fih in Rhein uud Nahe ſpiegeln, 


F 
214 Die ſieben Baͤchter. 


den Mäufethurm bemerkt, von dem die Sage Erzbifchof 
Hatto's graufige Gefchichte berichtet ? Einſam hebt 
ſich die verlaffene, Fleine Veſte aus der fie umtofenben 
Brandung, da wo der Strom von feinen grauen Fels 
fenufern enger eingefchloffen wird, rechtd, auf Klippen 
fi) niftend, Burg Ehrenfeld, links die Trümmer des 
Vautsbergs, den unfere Tage in mittelalterlichen For—⸗ 
men wiedererftehn fahen. 


Ueber verderbendrohend Geftein hinweg wälzt ſich 
die Fluth in ihrem -gefchmälerten Bette; vorfichtig Ienft 
der Schiffer den Nachen, um dem Strudel zu entgehen;. 
freifchend fchwirret ein Heer von Vögeln um den alten, 
verwitternden Thurm, den jede Welle wegzufpülen 
droht, der aber Jahrhunderte hindurc allen Trotz ges 
boten hat. 


Es war das Sahr 1639. Die e Hälfte ber Einwoh⸗ 
ner Bingens war geflohen oder vernichtet; von Klopp, 
der ftarfen Burg, vom Ehrenfeld wehte dad Banner 
mit den drei Kronen des Nordlands, welches die Schaas 
ven Herzogs Bernhards von Weimar dort aufgepflanzt 
hatten. Nur auf der Spite des Mäuſethurms flatters 
ten nod) die Kur⸗Mainziſchen Zeichen, Sieben Krieger 
waren ald Beſatzung zurücgelaffen worden: die Gefahr 
eined Angriffs, die tfolirte Lage des Thurmes, ficherten 
fie eine Zeitlang, während die Burgen umher und die 
Städtchen in des Feindes Gewalt geriethen. Aber ver 
Schwede konnte ed nicht ertragen, fic yon dem verächt- 
lichen Rattenneft, wie man's nannte, lange troßen zu 
laſſen. 


A 
Die ſieben Waͤchter. a15 


Auf der damals noch mit Zinnen umgegebenen 
Warte ſaßen zwei der Wächter. Es waren alte, vers 
fuchte Krieger, rau) wie das Handwerk, in dem fie 
ergraut, gewöhnt an den Anblid bed Blutes wie ber 
Flamme: feft wie der Stein, weldyer den Thurm trägt, 
und treu ergeben dem Herrn, ber fie zu deſſen Ver⸗ 
theidigung geſandt. 

Dom Rheine war der eine, aud des Frankenlands 
grünen Ebenen der andere. Sonderbar hatte ber Zu: 
fall auch die übrigen fünf zufammengewürfelt: jeder 
wußte eine andere Heimath zu nennen, aber eines. 
großen Feldherrn Fahne hatte file in wenigen Sahreıt 
vereinigt und durch des Krieges Wechfelfälle waren 
fie endlich hiehergeführt worden. Als die Beiden da 
oben faßen und über die Wafferfläche hinwegfchauten, 
und vom Tilly und Friedländer, von Magdeburgs Plün- 
derung und ber Lübener und Rördlinger Schladht oft 
wieberholte Gefchichten wieder erzählten, fahen ſie's 
am Strande bei Bingen fidy regen und bewegeit. 

ganzen und Hellebarden jchimmerten, Boͤte wurden 
gelöft, bewaffnet Volk flieg in fie hinein. Drei Fahr⸗ 
zeuge mit Kriegern gefüllt trieben den Rhein herab, 
indem fie das blau und gelbe Banner im Winde wehen 
ließen. | | Ä 

Der Führer der Feinen Schaar eilte, auf den Ruf 
ber Beiden, die MWendeltreppe hinauf. Er zweifelte 
nicht einen Augenblick, daß ed auf ihn abgefehen fei. 
Raſch ertheilte er feine Befehle. Die niedere, eifenbes 
fchlagene Thür’; welche in das Erdgefchoß führte, war 
immer verichloffen: fie wurde mit allem, was fich 


» 


% 


216 "Die fieben Wädter, 


auffinden ließ, von innen verrammelt. Drei der Waͤch⸗ 


ter blieben unten, die vier übrigen beſetzten die Plat⸗ 
form. Die Fahrzeuge famen heran; aud dem vorber 
ften erfchell die Aufforderung, fich zu ergeben: ein 
Hagel von Steinen und Kugeln war die Antwort. 
Schon hatte man zwei ber Böte befeftigt; fchon war 
ein Theil der Mannfchaft auf die Heine Felfeninfel 
gefprungen, welche den Thurm trägt. 

Die Feldfchlangen, welche die, Schiffe mit fich führs 
ten, unterhielten ein fortwährendes Feuer gegen bie 
Manern. Donnernd fuhren Kolbens und Balfenftöße 
wider die Mforte an, mancher von den Angreifenden 
wurbe durch die ficher berechneten Schüffe niedergeftredt, 
welche aus den Mauerpforten hervor, von den Binnen 


herabpfiffen; manchen trafen die -Steine, welche bad - 


eigene Geſchütz losriß. Aber die feindliche Macht war 
zu überlegen; ein Theil bes obern Geſchoſſes ſtürzte 
in Trümmern herab, während dad Gebälk zu brennen 
anfing; bie Thüre Eonnte nicht länger wiberftehen — 
fie .erbebte, fie krachte, fie flürzte, und in wenigen Aus 
genblicten lagen die Brayen, die unten geflanden ., bins 
tend am Boden. | 

Wilder und heftiger noch entbrannte nun der Kampf 
im Innern. Der Raum war eng, fehmal und fteil die 
Treppe: mehr als ein Schwede büßte den Angriff mit 
dem Leben. Aber ein zweiter und britter trat an bie 
Stelle ded Fallenden — die vier Krieger im Thurm 
hatten Feine Verſtärkung zu erwarten. Shre Kraft 
fhwand, ihre Wunden biuteten. Einer fant nach dem 
Andern: nur der Letzte fland noch, ein grauer Wallens 


„ana mw nn 


Die fteben Bäder. 217 


fteinifcher Fußknecht. Wie Wetterleuchten fuhr ſein 
Schwert im Kreiſe; über Feindes⸗ und Freundesleichen 
hinweg gelang es ihm das Freie zu gewinnen. 

Nur eine Handbreit Felſenufer trennte ihn von der 
weißſchaͤumenden Fluth. Drohend war ſein Stahl noch 
den Feinden entgegengeſtreckt, welche einen Augenblick 
inne hielten, ſtaunend über feine Tapferkeit, nicht wiſ—⸗ 
fend, was er zu beginnen denke. „Dein Leben tft 
geſichert!“ rief die Stimme bed Führers. „Ergib 
dich. — Nichts von Ergebung! „war die Antwort.” 
„Treu bleib’ ich meinem Heren und meinem Glauben.‘ 
Und ehe fie noch den Angriff auf den Einzelnen ers 
nenern fonnten, warf er ſich mit erhobenem Schwerte 
in die Fluth, und rauſchend fchlugen die Wellen über 
den Unterfintenden zufammen. 


Heinrich IV. auf Klopp = 


(Hierzu das Bild VI, erfunden von H. Plübdemann, geſtochen 
von A. Z3ſchokke.) | 


Mer hat nicht, in den Gefchichten des beutfchen Volks 
leſend, das trübe Schidfal Heinrichs Des Vierten 
beflagt, das tanfendfache Unheil beweint, welches er 
faft immer zur Unzeit hartnädig oder nachgiebig, guts 
müthig oder fchwach, über fein Land, feine Anhänger 
und fich felbft heraufbefchwor ? Bon Sugend an irreges 
leitet und fchlechtberathen, herrifch und unvorfichtig, zu 
feinem Unglücke einem Manne gegenübergeſtellt, deſſen 
Charakter alle Eigenſchaften vereinigte, welche dem 
Kaiſer abgingen, war ſeine ganze Regierung eine un⸗ 
unterbrochene Kette von momentanem Sieg und ff | 
anhaltender bittrer Demüthigung, von Kampf und Ems 
pörung,, von Leiden und verrätherifchem Undaul 
von Seiten derjenigen, weldye ihm vor allen Treue 
ſchuldeten. Br 
d 


w 


Heinrich IV, auf Klopp. 219 


Die unerhörte Schmach, welche ber ftolze Gregor 
feinem Gegner in der Burg zu Kanoſſa zugefügt hatte, 
wenn auch gerächt durch des Papſtes nachmalige Nies 
derlage, war nicht abgewafchen, nicht vergeſſen. Ach⸗⸗ 
tung und Vertrauen waren verloren, und fchwer wieder; 
sugewinnen. Am kaiſerlichen Hofe felbft herrfchte böfer 
Unfriede, der ältefle Prinz war von des Baterd 
Feinden gewonnen worden, ald Gegner flanden Beide 
fi) gegenüber, bis den gedemüthigten Sohn ein früher 
Tod in der Stadt Florenz abrief. Da reizten fie aud) 
Heinrich, den andern Prinzen, an dem der Kaifer ſtets 
mit der zärtlichiten Liebe gehangen, und den er im 
Dome zu Aachen hatte Frönen Iaffen. Als er Alles 
verſucht, den Bethörten zu Neue und Pflicht zurüdzus 
führen, bot er den Heerbann gegen den Empörer auf, 
mit dem die Mehrzahl der geiftlichen Fürften und ein 
ftarfer Anhang waren. Bei Regensburg, wo ed zur 
Entfcheidung fommen follte, machte der Kaifer eine neue 
Erfahrung vom Unbeftand der Menfchen. Schnöde 
verließen ihn die Meiflen der Seinen, und er fah nur 
in der Flucht fein Heil. Da traten die Fürften als 
Vermittler des Streited auf, und fammelten ſich in 
Mainz zu einem Reichdtag, die Mehrzahl heimlich ent- 
fhloffen, den alten Kaifer zur Abdankung zu nöthigen. 
Aber nun fchien der junge Heinrich fein unchriftliches 
Betragen zu bereuen. ALS er vernahm, daß der Vater 
mit den Seinen am Rheine harrte, ging er ihm entges 
gen. In Coblenz trafen beide zufammen ; fie umarmten 
ſich und weinten, einander Vergeſſen und Gehorfam ges 
Inbend, Und fo ritten fie vereint auf Bingen zu, wo 


20 Heinsih IV. auf Klopp. - 


der Kaifer die Vorbereitungen zu feinem Einzuge ın 
Mainz treffen ſollte. j 


Auf einem Hügel dicht hinter Bingen auf bem 
Dreiedt, dad Rhein und Nahe bilden, Liegt die einft ſehr 
Karte Burg Klopp, aud einem NRömercaftel entitanden, 
welches Drufus Germanius zum Schuße bed Grenz 
firomed anlegte. Mauer und Thürme find nun in 
Trümmer gefunfen, ein freundlicdyer Garten umgibt bie 
einmal fir unüberwindlich gehaltene Veſte, zu welcher 
ber Wanderer binanfteigt, ſich an ber berrlichen Aus⸗ 
fiht über den anmuthigen Rheingau und bad. büfter 
pittoreöfe NRheinthal, über das alte Bingen und bie 
feuchtbare Niederung zu ergüßen, durch welche bie Nabe 
von Kreuznad, herbeiftrömt. 

Das nämliche wundervolle Rundgemälde, ſtatt ber 
moosbedeckten Ruinen unfrer Zage auf fernen und 
nahen Hügeln mit zinnenbewehrten Thürmen und hoben 
Mauren geihmüdt, lag am Weihnachtötage im Sahre 
bed Herrn 1105 vor einem Manne ausgebreitet, ber 
aus dem fchmalen fpigbogigen Fenfter eines Gemaches 
auf Klopp über Stadt und Strom hinwegfchaute, uns 
empfindlich für den Neichthum und die Schönheit der 
ihn umgebenden Natur, die jetzt, ernft und düſter in 
ihrem Winterkleide mit ber Farbe feines Gemuths überein 
ſtimmte. Leiden und Mühfeligkeiten fchienen mehr denn 
das Alter fein Haar gebleicht zu haben, gebeugt aber 
noch imponirend war feine Geſtalt; noch nicht erlofchen 
der Stanz des kühnen Auges. Aber Died Auge war 


Heinrih IV. auf Klopp. 221 


nun durch bittre Thränen verbunfelt. Es war Heinrich 
ber Vierte. Statt in Mainz auf dem Neichötage zu 
fein, ſaß er auf Klopp: die Stimme ber Natur im 
rauhen Bufen unterbrüdend, hatte fein Sohn ihn dort 
verrätherifch eingefchloffen, fürchtend, die Mainzer würs 
ben ſich zu Gunften bed alten Kaiſers erflären, welchem 
fie immer mit Liebe angehangen hatten, und das Wert 
. bed Kronenraubd hindern, das er im Sinne trug. 
Durch Lift hatte er, Rene heuchelnd, den Bater auf die 
Burg geloct. Die fummervollen, ftrafenden “orte, 
mit welchen biefer ihn beim Scheiden angerebet, blies 
ben‘ ohne Eindruck; die wenigen treuen Gefährten, 
welche ihrem Heren gefolgt waren und ſich der unna⸗ 
türlichen That wiberfegen wollten, ließ er vor feinen 
Augen durch bie Ueberzahl der Seinigen gewaltfam zu 
Boden werfen, feſſeln und mißhandeln, und in bad, Burg⸗ 
verließ bringen. — 

Nicht lange hatte der Kaifer fo gefeflen, feinen 
trüben Gebanfen hingegeben, fo vernahm er Trompeten 
Hänge und Noßgewicher in den engen Gaſſen deö zu 
feinen Füßen liegenden Städtchen, ed regte und 
rührte fich unten von Rittern und Reifigen, und Alles 
ſchien auf Die Ankunft hoher Gäfte.zu beuten. Sn dies 
fem Augenblid ging die Pforte des Gemaches anf, und 
der an berfelben Wache haltende Krieger trat leife 
ein, fchen nach allen Seiten ſich umſehend. Was will 
Du? frug Heinrih; „Was foll dad Getöfe bedeuten, 
Dad ich da unten im Orte vernehme? — Die geifl 
Iichen Fürften find’s, Herr Kaifer, man fagt, fie feien 
gefommen, Euch zu nöthigen, die Krone nieberzulegen, 


222 Heinrich IV. auf Klopp. 


auf daß Ener Sohn fie trage, Verrathet mich nicht, 
Herr, ich kann Euch einen Weg zur Flucht zeigen, ber 
End; fiher aus der Burg hinweg führen wird.’ 

Das Gefühl feiner Würde erwachte von Neuen 
in dem mishandelten Herrfcher. „Ich fliehe nicht,” fagte 
er, entichloffen fich erhebend. Sie mögen fonmen, fie 
werden's nicht wagen, die Räuberhänbe an ihren Kai⸗ 
fer und Herren zu legen, — aber wer biſt Dur, welcher da, 
wo ich ed. am wenigften erwartete, fich ald Helfer und 
Retter dem anbietet, welchen alle Welt verläßt? 

Roh ein Süngling, war ich zu Worms gegenwärs 
tig, ald man vor vielen Sahren Euch das Ritterfchwert 
umhing, und damals gelobte ich mir, Euch zu folgen 
auf Euren Lebenöpfaden, wie es mir auch immer erge. 
ben möchte. Als gemeiner Fußfnecht diente ich unter 
dem Zähringer, ald ihr vor den empörten Sachſen ans 
der Harzburg flohet. Sch fchlug mit Euch die Merfe 
butger Schlacht gegen den Pfaffenfünig, da nahmen 
fie mich gefangen, und nad langen Drangfalen. war 
{ch genöthigt, mich vom Mainzer anmwerben zu laſſen. 

"Aber ich halte doch feſt an der dem rechtmäßigen Kaifer 
gelobten Treue.“ 

Eine Thräne benebte bad Auge des Greifes, an 
welchem diejenigen meineidig geworben, welche ihm 
zunächſt flanden, welche durch Bande ded Blutes at 
ihn gefeffelt waren. „Ich danke dir,’ fagte er nach einis 
gem Befinnen, „bewahre mir deine Ergebenbeit, vielleicht 
fommt fie mir noch zu gute in biefen Nöthen.“ -Mit 

* dieſen Worten trat er in ein Nebengemach, deſſen 
Thüre er verſchloß. Bald darauf hatte der Burghof 


Heinrih IV. auf Klopp. 223 


fi mit Bolt angefüllt, fchwere Schritte und Sporn⸗ 
geklirr erfchollen auf der. fleinernen Treppe. Bon: ihren 
Räthen und mehrern Rittern begleitet, traten die Erzs 
bifchöfe von Mainz und Köln in den Saal, fie hielten 
ed nicht für nöthig Einlaß zu begehren bei dem, beffen 
einft heilig geachteter Würde Hohn zu fprechen fie ges 
fommen waren, Sie fahen fih um. Heinrich war nicht 
zugegen. Da ging die Nebenthür auf und vor ihnen 
fiand der, welchen fie fuchten. Der SKaifermantel 
wallte von feinen Schultern herab, die Krone Carls 
des. Großen ſchmückte fein greife Haupt, feine Rechte 
hielt daS goldene Zepter des Reichs, um feine Lenden 
war das ſchwere Kaiferfchwert gegürtet, mit entfchlofe 
fener Haltung und Miene trat er den Ankömmlingen 
entgegen, die im erften Moment der Ueberraſchung 
fchen vor des Kaiſers Majeftät zurückwichen. 


„Was willft Du bier, Ruthard von Mainz, — 
was kommſt Du zu fuchen, Erzbifchof von Köln? frug 
Heinrich die Eingetretenen. Betroffen ſchwiegen fie einen 
Augenblid, aber der Mainzer, allen Groll zufammens 
faffend, welchen er Sahrelang gegen den getragen, wel- 
chem er num gegenüberftand ,‚ und zu deffen Verberben, 
wie. des Sohnes Empörung er das Hauptwerkzeug ge⸗ 
wefen, fammelte fi bald, Wir find gefommen, Euch 
abzufordern, was Euch nicht mehr gehört. Heinrich 
der Fünfte ift unfer König durch Recht und Wahl, ihm 
legten wir den Eid der Pflicht ab. Erftattet ihm, was 
ihre nicht ferner tragen bürft, ihr, den bie Kirche aus 
ihrer Gemeinfchaft geſtoßen.“ | 


294 Heinrich XV. auf Klopp, 


Bei diefen Worten firedite er die freche Hand nach 
dem Mantel and, der von ded Kaiferd Schulter herab: 
fant, während die am Eingang bed Saaled und auf 
der Treppe ftehenden Ritter ben Ruf: „Es Iebe unſer 
König, Heinrich ber Fünfte” erfchallen ließen, welches 
aus dem Burghofe hundertflimmig wiederholt wurbe. 
Da verließ den mißhandelten Greid die Entichloffenheit, 
die er eben noch mühfam gemuftert; ſtumm und ohne 
Klage ließ er es gefchehen, daß man ihn der Inſignien 
der Neichdwürbe beranbte, daß. Die Diener der Kirche 
frevelnd die Hand an ihn legten.” — 

Bald nach diefem unmürdigen Auftritt, welchen bie 
Gefchichte gerne mit dem Schleier bed Bergeffend be; 
decken möchte, warb ber willenlofe Monarch nach dem 
nahen Ingelheim. abgeführt und Die prächtige Pfalz 
Carls ded Großen fah das traurige Schanfpiel der Er; 
niederung deſſen, welcher auf dem Throne jenes Star: 
fen und Mächtigen gefeffen. AS Heinrich auf dem 
Wege dahin fich einmal umfah nad) denen, welche ihn 
begleiteten, bemerkte er unter ihnen auch den Reiſigen, 
der Wache gehalten an feiner Thür zu Klopp. Als er 
nicht lange darauf noch einmal Deutfchland aufrief zu 
feinem Beiftand gegen den unnatürliden Sohn, beglei— 
tete Diefer ihn auf der Flucht vom Orte feiner Sefan 


genfchaft. 


Prömfer und Giſela. 


Rein: Ort des Rheingau's vereint Die Reize der maleri⸗ 
chen Lage mit den redenden Zeugen einer thatenfräftigen 
Borzeit, wie Rüdesheim An den Berg gelehnt, wels 
ben Earl der Große zu Ingelheim, fein Frählingslas 
ver baltend, mit Frankreichs Reben bepflanzte, und von 
veffen Gipfeln der Bli ein Panorama umfaßt, das 
salifchegermanifchen Charakter an fich trägt, prangt es 
noch mit feinen vier Burgen und feinem fränfifchen 
Saalhof, und erinnert, nicht blos durch Sage und Nas 
men, fondern durch Denkmale vergangener Sahrhuns 
derte, .an jene Familie ver Brömfer, die aus dem 
eilienzweige ber Herren von Rüdesheim entfprand. 
BSefchichte und Tradition fcheinen fi) das Wort gegeben 
zu haben, ſchweſterlich zum Ruhme dieſes Namens beis 
jutragen. 


19 


2236 | Brömfer und Gifela, 


Es war die Zeit, ald zu Speyer Bernharb von 
Glairvanr das Kreuz predigte; viele Ritter und Boll 
gehorchten den Worten bed frommen Manned, und 
waren bereit, ihr Leben und Gut zur Befreiung der 
heiligen Erde aufzuopfern, wo ber Erlöfer gewandelt 
und das herrliche Werk der Erlöfung vollbracht hatte, 
Hand Brömfer war einer der erften unter denen, welche 
das rothe Kreuz auf ihren Mantel hefteten. Schmerz 
lich war ihm der Abfchied von feiner Lieben Tochter, 
— fein Weib hatte er fchon verloren — aber ihn ermum - 
terte der Gedanfe, daß er für die Ehre des chriftlichen 
Glaubens ſtreite. Manch Abenthener wurbe erlebt, 
ehe der Fuß ber Eriegerifchen Pilger den heiligen Bor 
den Paläftina’s berührte; bald mußten die Sarazenen 
die Fräftigen Schläge der Deutfchen empfinden; aber 
vor Allen zeichnete ſich Brömfer durch Tapferkeit am, 
und fein Name warb unter ben Franfen geehrt, und 
gefürchtet von ben Ungläubigen. 

Nahe bei dem Lager der Chriften lag eine Felfen 
höhle. Sn ihr fprudelte eine fühle Quelle, weldje bie 
Krieger mit friſchem Waller verfah. Im diefer Höhle 
hatte ſich aber feit einiger Zeit ein Lindwurm gelagert, 
Jedem Tod drohend, der bem Borne nahete, um fich an 
feinem Strahl zu Iaben. Niemand wollte ferner zur 
Duelle hingehen, und ein brücdender Waffermangel trat 
im Lager ein. Der Herr von Rüdesheim fah Die Noth 
ber Seinen und erbarmte ſich ihrer; in Stahl gehüllt 
ſchritt er in Chriſti Namen zur "gefürchteten Höhle, 
Kaum warb ber Wurm einen Dienfchen gewahr, fo 
erhob ex ſich mit Zifchen und fuhr mit weit gedffnetem 


1 


- Brömfer und Gtfela. 227 


Rachen auf den Ritter zu, um ihn gu packen. Doch 
Brömfer war des Angriffs gewärtig: im Augenblick 
faß die Klinge dem Unthier im Naden, und ald es 
heulend zurüdtaumelte, da ftieß er ihm fein Schwert in 
die Weichen; zwer Streiche, und das Lager war von 
feinem Schreden befreit: zudend lag ber Drache in 
feinem Blute. Kaum aber hatte ber. Tapfere fein 
Schwert gereinigt, da überfiel ihn, aus einem Hinter 
halte hervorbringend, ein Haufen Ungläubiger. Der 
vorberfte, der auf Brömfer eindrang, ftürzte fogleich, 
von feinem Stahl getroffen, zu Boden, und fchon war 
das Schwert gegen einen andern gehoben, ald er von 
hinten mit einer Schlinge niebergeriffen, gefnebelt und 
im Triumphe einem. nahen Schloffe zugeführt ward, auf 
deſſen Zinnen ber Halbmond den Kreuzherren Troß bot. 

Da ſaß nun der Held in Ketten, in feinem trauris 
gen Kerfer, mußte ben aus der Ferne zu ihm dringenden 
muthigen Schlachtenf feiner Freunde hören, und hier 
in unthätiger Ruhe durch das Gitterfenfler den Tapfe⸗ 
ven zufehen, an deren Spite er zu flreiten gewohnt 
war. Unmuthig und feufzenb wandte er ſich ab und 
empfand um fo Iebhafter alles Elend ber Gefangen: 
fchaft, je glühender in ihm ber Durft nach Thätigfeit 
war. Er firedte fich auf fein hartes Lager hin, um im 
Schlafe Ruhe für fein unruhig pochendes Herz zu finden: 
ed warb ihm gewährt, aber nur noch mehr vegten ihn 
Traumbilder auf. Gifela, feine heimgelaffene Tochter, 
ftand vor ihm, hob die frommen, blanen Augen bittend 
zum Himmel, und ſtreckte fehnfüchtig die Arme nad) 
dem geliebten Vater and. Brömfer erwachte, aber mit 


228 Brömfer und Sifele, 


ihm auch die Sehnfucht nach dem theuren Heimaths 
firande, ımd in heißer Aufmallung that er das Ges 
lübde, dem Himmel feine einzige Tochter zu weihen, 
wofern ihn Gott aus diefer Noth befreite und ihn an 
den fchönen Rhein zurücführte. Und Gott erhörte ihr. 
Mit dem Dämmern des jungen Taged erftürmte bad 
Ghriftenheer das ftolge Schloß und Brömfer war gerettet. 


Wer ift der Pilger, mit Stab und Mufchelhut, 
der betend und fingend, rüftigen Schritted vorwärts 
"fchreitet, der die lombardiſche Ebene fchon hinter fich ges 
laffen hat, und von ewigem Eife umringt den. Saum 
pfad herabfteigt, welcher über des Gotthard's Hoͤhen 
ind Schweizerland führt? Geſenkt ift fein Haupt, aber 
nicht vom Alter, — lebendig ift dad Auge, dunkelge⸗ 
färbt Antlig und Hände, wie bei Einem, der lange um 
ter des Südens Sonnenftrahlen gewandelt. Hand 
Brömſer iſt's. Sehnfucht hat ihn nicht länger im Mor 
genlande gelaffen — an der Alpen Schnee erkannte 
er. die Heimath wieder, und bald begrüßte er an beö 
Breisgau's Grenze den Rhein, an den bie Erinnerums 
gen eined ganzen Lebens ihn feffelten. Und als er am 
Rolzfluthenden Strome die Burg feiner Väter erblidte, 
da wallte fein Herz über, er ſank an's Ufer hin und 
benegte ed mit heißen Thränen, und dankte Gott mit 
vollem Herzen, daß er ihn wieder zur Heimath geführt. 
Der Drang der Gefühle Tieß ihn nicht raften: er fland 
auf und näherte fich feiner Burg, und gewahrte auf 
dem. Söller eine Sungfrau, welche über den Strom und 
die im buftigen Gold der Abendfonne fchimmernde Lands 


VBrömfer und Bifela, 229 


ſchaft binbficte; ihr weiches, blonded Haar ward vom 
fofenden Welt gewiegt, ber mit ihrem weißen Schleier 
fpielte. Es war Giſela: die Knospe hatte ſich zur bfüs 
henden Rofe entfaltet. Der Pilger trat in den Burghof: 
man erfannte ihn nicht, denn fein tief auf die Brauen 
gedrücter, breitgeränderter Hut und fein langer Bart 
veränderten ihn, und mancher Frühling war feit feinem 
Scheiden verfloſſen; er verlangte zum Schloßherrn ges 
führt zu werden — man erwiderte ihm, der fei zum 
heiligen "Grabe gewallt und Niemand daheim, als 
deffen einzige Tochter. Vom Hausmeifter geleitet, ftieg 
er die hohe fleinerne Treppe hinan, fchritt durch den 
Saal, den die Rüftungen und Kampfpreife feiner Väter 
füllten und fah bald fein Kind vor ſich. Im Augen⸗ 
blicke, wo fie fi) nad) dem Kommenden umwandte, riß 
er feinen Hut ab — „Giſela!“ — ein Schrei — und 
fie lagen fich in den Armen. 

Der erfte Naufch, die erfte Worte des Wieder⸗ 
fehnd war vorüber. Der Ritter eilte durch alle Ges 
mächer feiner Burg, freute fih beim Wiederbegrüßen 
der treuen Diener, die er in ihr zurückgelaſſen, beim 
MWiederfehen der Gegenden und Orte, deren Bilb uns 
dergänglich feiner Erinnerung eingeprägt blieb. Erſt 
jest konnte er die nöthige Ruhe gewinnen, die ſtürmi⸗ 
fchen Gefühle meijtern, um fich mit feinem Kinde zu 
befprechen, von Allem, was fich während der langen 
Trennung mit ihr, mit ihm ereignet hatte. Aber auf 
beiden Seiten fchien ein gewiffer Zwang die willige 
Hingebung, das rüchaltlofe Vertrauen zwifchen Vater 
und Tochter zu hindern. War ed das Fremdwerden 


230 Brömfer und Giſela. 


dad jahrelange Abwefenheit felbft befreunbete, liebende 
Herzen im Augenblid des Wiederfehend empfinden läßt 
— entfprang ed aus andern Gründen — ein Etwas 
fehien bei Beiden den vollen Erguß ihrer Empfindungen 
Rörend zu hemmen. 

Als fie fo da faßen, auf dad Treiben ber Veweh⸗ 
ner bed noch aͤrmlichen Städchens, auf die Nachen 
und Frachtſchiffe blidend, welche an Hatto’d Thurme 
den Zoll für die Nheinfahrt entrichteten, welchen zu 
jenen Zeiten jeder Herr einer Hanbbreit Landes ver 
Iangte, bog plößlich in feharfem Trabe ein Roß um bie 
Ede der Burgmauerz im innern Hofe angelangt, fchwang 
fi ein junger Ritter aus dem Sattel und war bald 
auf dem Erfer, wo die Beiden fich befanden. Er wollte 
auf Gifela zueilen — ihre zaghafte Verwirrung, ber 
drohende Bli des Manned, der neben ihr ſaß und in 
demfelben Moment auffland, fefielten feinen Fuß an 
den Eingang. Gifela faßte ſich. „Es ift ber Ritter 
von Falkenftein, mein Vater“ fagte fie, während ber 
betroffene Süngling näher trat. Brömfer empfing ihn 
falt — er ahnte, was ihn herführe, er fah Gifela’s 
Erroͤthen, und die Erinnerung an das, was er in ber 
Stunde der Zrübfal dem Himmel gelobt hatte, fand 
lebhaft vor feiner Seele. Nicht minder überrafcht und 
‚ geängftigt war der Falkenſteiner, der nicht von bed 
Alten Rückkehr wußte; — nur furze Zeit währte bie 
Unterhaltung, das Mädchen getraute fich Feine Silbe 
an ihn, er feine an fie zu richten — und wortfarg und 
unfrenndlich entließ Brömſer den unwillkommenen Bes 
fucher. 


Beömfer und Gifela. 231 


„Giſela,“ begann ernft der Bater, nachdem ber 
legte Hufichlag des ſich .entfernenden Roſſes ver; 
Hungen war, „was wollte der Ritter hier?“ Gie 
antwortete nicht. „War er häufig auf der Burg? — 
Gifela,, mein Kind,” fagte er milder, ihre Hand nehs 
mend, „falle Vertrauen zu deinem Bater und gib Ants 
wort auf feine Fragen. Wie Eonnteft Du, wie fonnte 
die Pflegerin deiner Sugend, der ich dich bei der Abreife 
anvertraut, Died geſtatten?“ Da ermannte fie fi 
und beſchloß die Wahrheit zu geftehen. „Zürnet mir 
nicht, Vater,“ ſprach fie. „Alles will ich euch bekennen. 
Oft ſah ich Otto, als ich noch halb Kind war — er 
iſt edel und ritterlich. Alle wollen ihm wohl: ſollte 
ich's nicht — fügte fie erroͤthend hinzu, „wenn ich aus 
eines Jeden Munde fein Lob vernehme 2’ 

Brömfer war aufgeflanden; eine heftige Bewegung 
kaͤmpfte in feinen Zügen, in denen fich der Streit zwis 
ſchen Rührung und der flarren Härte fpiegelte, welche. 
durch ein langes Leben im wüſten Waffenhandwerfe 
feinem Gemüthe eigen geworben. | 

„Giſela,“ fprach er firenge, „du barfit ven Falken, 
fteiner nie wiederfehen: von einem Verhältniffe zwiſchen 
dir und ihm kann nicht die Rede ſeyn.“ — ‚Vater, 
Bater! fprich das harte Gebot nicht aus,” Iallte die Er- 
ſchrockene; „Otto ift mein Verlobter!“ 

Ein „Ha!“ und eine krampfhaft geballte Fauſt 
waren die ganze Antwort. Aber bald meiſterte er, ob⸗ 
gleich mühſam, ſeine Leidenſchaft und zwang ſich, im 
Innern kochend, zu ſcheinbarer Gelaſſenheit und Ruhe. 
„So viel wagteſt du ohne mich, ohne mein Beiſein!“ 


232 Bromfer und Gifela. 


fuhr er mit angenommener Kälte fort. „Es thut mir 
leid um did), aber du felbft hajt dir die Folgen zuzu⸗ 
fchreiben. Du bift nicht, mehr frei: eine höhere Fügung 
hat dein Schickſal beftimmt. Bon Kerkernacht umfans 
gen, von ber Nache der Ungläubigen bebroht, gelobte 
ich, Dich dem Himmel zu weihen, wenn id) meine Freis 
heit wieder erlangte. Gott erhörte mid; — dein Schids 
fal ift unwiderruflich beftimmt.” Da warf Gijela ſich 
zu des Nitters Füßen, und umklammerte feine Kniee. 
„Vater,“ fchluchzte fie, „willſt du nicht, daß ich Otto's 
Gattin werde, ſo goͤnne mir nur ein Kaͤmmerlein in 
deiner Burg. Hier, wo du mich auf deinen Armen 
trugſt, hier will ich dich in deinem Alter pflegen; nur 
ſtoße mich nicht von dir: in den öden Kloſtermauern 
muß ich vergehen!“ | 

Da bielt Brömfer ſich nicht mehr — die flehenben 
Worte waren für ihn verloren, ber Widerfpruch yeizte 
den Heftigen. „Wähle dad Klofter, in welchem du ben 
Schleier nehmen willſt; des Vaters Fluch würde bie 
Ungehorfame treffen.” Mit diefen Worten verließ er 
ben Erker; betäubt ſank die Unglückliche auf den Boden 
nieder. ALS fie wieder zu ſich Fam, war ihr Geift. vers 
mirrt — wie ein drohendes Geſpenſt ftand Das Bild des 
Klofterd vor ihr, fie Fonnte nicht ertragen, dem geträums 
ten füßen Xebensglüf auf immer entfagen zu müſſen. 
Wie Wahnfinn ergriff fie der Gedanke. — Dunkel ums 
gab. fie, Nacht erfüllte ihr Gemüth, erfchredend ſchwebte 
der Fluch ihr vor. Unten hörte fie das dumpfe Braufen - 
des Fluffes, mit dem der Donner zufammenftimmte, der 
ſchon Lange leife um dag Gebirge rollte; es erfaßte fle 


Brömfer und Giſela. 233 


ein Talter Todesſchauer, fie wollte ihrer Qual eutflichen, 
und flürzte ſich von der Höhe in die Fluth des Rhei⸗ 
ned, die fchäumend über ihr zufammenfchlug. Brömfer 
fiehbt in der Dämmerung ein weißes Gewand flattern 
und hört einen fchweren Fall im Waffer; eine furchts 
bare Ahnung ergreift ihn; den Namen feiner Tochter 
rufend, eilt er auf den Erker, und gewahrt beim Wets 
terleuchten eine weiße Geſtalt, welche von der Strös 
mung getrieben wird. „Gifela! Giſela!“ Wind und 
Brandung überfliimmten feinen Angftruf, dem nur ber 
Donner Antwort gab. 

Sram und Gewiſſensbiſſe Tießen dem einft fo Fräfs 
tigen Manne keine Ruhe mehr und nagten- an feinem 
Reben: überall fihien ihn der Beift feiner unglücklichen 
Tochter zu verfolgen, und ihn ded Mordes anzuflagen. 
Zur Sühne gelobte er ein Gotteshaus zu bauen; aber 
mehrere Fehden, in die er ſich abfichtlich verwidelte, um 
im wilden Schlachtengedräng Linderuug für fein gequäl⸗ 
ted Gewiflen zu fuchen, ließen ihn feinen VBorfag auf 
fange verfchieben. Einft lag er in tiefem Schlummer 
in feinem Bette, da erfchien ihm im Traume ber Lind» 
wurm, den er in Paläflina erlegt; drohend, wie vor 
Sahren, war des Unthierd Rachen gegen ihn geöffnet, 
aus dem bie gefpaltene Zunge gierig hervorſchoß; aber 
in verflärtem Scheine ſchwebte Giſela's Geftalt in das 
Gemach, hob die Linke drohend gegen den Drachen, daß 
er alfobald entwich. Wehmüthig blickte fie den ſchla⸗ 
fenden Bater an, und wie ein Frühlingnebel war die 
Erfcheinung in Richts zerfloffen. In demfelben Augen: 
blick fielen mit dumpfen Geklirr die Sklavenfetten, welche 


23 Brönfer und Giſela. 


Brömfer einſt in SPaläflina getragen unb von dort 
mitgebracht hatte, von der Wand. Zitternd vor Schreden 
fuhr Brömfer aus dem Traume empor. Dad Morgens 
licht fah durch das Heine Fenfter herein: kaum hatte 
er über den wunderbaren Traum nachgedacht, fo wurbe 
gepocht, und einer feiner Knechte brachte ihm ein Fleines 
unfcheinbares Bild des Gekreuzigten. ALS dieſer naͤm⸗ 
lich auf dem Felde gepflügt hatte, ſcharrte der Ochſe 
etwas aus dem Grund: es war ein Chriſtusbild, und 
der Mann betheuerte hoch und theuer, es habe nach 
Hülfe gerufen. Brömfer erinnerte ſich nun wieder ſei⸗ 
ned Gelübdes, und ſah das Wunder ald eine Ermah—⸗ 
nung an,.ed zu vollführen. Auf berfelben Stelle im 
Walde, wo der Auerochſe das Gruzifir gegraben, ließ 
er eine Kirche nebft einem Kloſter bauen, und nannte 
ed Noth Gottes, und von ferne und nah wallten 
Pilger zu dem wunderthätigen Gnabenbilbe. 

Kapuzinermöndhe bewohnten Sahrhunderte Fang das 
nun entweihte einfame Klofter, das nicht ferne von bem 
weinreichen Aßmannshanfen am Walde liegt. Frommen 
und Neugierigen zeigten fie dann die verfnöcherte Zunge 
des Ungeheuers, das der heldenmüthige Stifter im ges 
Iobten Lande erlegt und die Ketten, welche er während 
feiner Gefangenfchaft getragen hatte, 


Karl und Elbegaſt. 


Ingelheim d. i. Engelheim, woſelbſt Karl d. Gr. eine 
Pfalz hatte, deren Glanz und Pracht die Zeitgenoffen 
nicht genug zu rühmen wiffen, verdankt feinen Namen 
nachflehender wunderbaren, und wie der Dichter ber 
Hiſtorie van Konintende van Elegafl *) ver 
fihyert, ganz wahren Begebenheit, zu deren hiftorifchem 
Berftändniß hier nur vorausgefchickt werden möge, daß 
fi, wie Alberich in feinem Chronifon zum J. 783 ers 
zählt, unter Anführung Harderichs Cin der vorliegenden 
Sage Eggerich genannt) gegen König Karl eine mädj 
tige Verſchwörung der Auftrafier bildete, nach deren 
Entdedung (durch die Erfcheinung eined Engeld herbeis 
geführt) viele verftimmelt oder verbannt wurden. — 


*) Die vorliegende Sage ift eine freie, jedoch moͤglichſt getreue 
Bearbeitung dieſes altniederländifchen Gebichtes, nach der Aus: 
gabe von Hoffmann von Fallersieben im Aten Theile ber Hörae 
Belgicac. 


230 | Karl und Eibegaft. 


Ed war an einem Abend, ald König Karl zu In⸗ 
gelheim am Rhein, wofelbft er Hof hielt, ſich nieder 
gelegt und eben einznfchlafen begann. — Da erfchien 
ihn ein heiliger Engel, wedte ihn mit füßen Morten 
und ſprach: „Steht auf edeler König, legt eiligft euere 
Kleider an, waffnet euch und geht ftehlen; alſo beftehlt 
euch Gott, der im Himmelreich Herr ift; noch in dieſer 
Nacht müßt ihr ftehlen, wofern ihr nicht Thron und 
Leben verlieren wollet; darum nehmet euern Speer 
ſammt euerm Schilde, befteigt eiligft euer Roß und 
fäumet nicht. Dieſe Rede befremdete den König gar 
fehr; weil er aber Niemanden fah, fo wähnte er ge 
träumt zu haben und kehrte fich nicht weiter Daran. 
Da fprad ter Engel abermals: „Steht auf, Karl, 
und geht ftchlen, alfo befiehlt eud; Gott Durch mid; 
anders verliert ihr euern Leib.” Mit diefen Worten 
fhwieg er. Der König aber war noch mehr beflürzt 
ale das erſte Mul und dachte bei fih: Was iſt's wohl, 
das Died Wunder meint? Iſt es das Drücken bes 
Alps, dad mich. qualt und folches Phantom erzeugt? 
— Du himmlifcher Herr, was follte mir noth thun 
zu ſtehlen? Sch bin fo reich, kein Mann auf dem 
Erdboden, weder König noch Graf, ift fo reich an Gut 
und Hab, alle müffen mir unterthan fein und zu mei: 
nen Dienften fichen. Mein Land ift fo groß, man findet 
nirgends feines Gleichen, und rings iſt ed mein eigen, 
bis hin nadı Köln an-dem Rhein und fort bis Rom 
hin gehört alles dem Kaifer; ich bin Herr, mein Weib 
iſt Herrin, im Oſt bis zur wilden Donau, im Welt 
bis zur wilden See, dazu habe ich Gallizien und dad 


Karl und Elbegaſt 237 


Land Hispanien, das ich felber mir gewann mit meiner 
Hand und die Heiden barand vertrieb; was follte mir 
noth thun zu ftehlen! Warum enibietet Gott mir fol 
ches? Ungern breche ich fein Gebot; aber ich vermag 
eö kaum zu glauben, daß Gott mir die Schande zuge 
dacht, daß ich anfangen folle zu ſtehlen. — Während er. 
noch fo lag und hin und her, fort und zurüd dachte, 
befiel ihn wieder der Schlaf, fo daß er ein Weniges 
die Augen ſchloß. — Da begann der Engel wieder: 
„Wollt ihr Gottes Gebot überhören, Herr König, fo 
ift es um euch gefchehen; ed wird euch an einer Leben 
‚geben; thut alfo befohlener Maßen und geht fiehlen 
und werdet ein Dieb. — Habt ihr auch jet darob 
großes Ungemach, fo wird es doch nachmals euch lieb 
ſeyn.“ Mit diefen Worten fuhr der Engel von banner, 
und Karl fprach bei ſich: Gottes Gebot, fein Wort, 
will ich nicht außer Acht laſſen; ich will Dieb werden 
und bringt es auch Schande und follt’ ich auch hangen 
bei der Kehle. Gleichwohl hätte ich vicl Tieber, daß 
mir Gott nähme, was ich von ihn zu Lehen habe, beis 
des Burg und Land, und ich müßte mid) nähren mit 
Schild und Speer, wie einer, der nichtö bat und auf 
Abenteuer lebt; dad wäre mein Wunfch eher, dann daß 
ih num muß fiehlen gehen fonder einiges Zögern, fo 
idy nicht Gottes Huld verwirken fol. Nun, ich muß 
mir ein Herz faflen. Sch wollte, ich wäre unbemerkt 
aus dem Pallafte und EFoftete ed mir fieben der ſchön⸗ 
ſten Burgen auf dem Rheine. Was fol ich nur den 
Nittern unb Herren fagen, die hier liegen in ben Ges 
mächern, daB ich in Diefer düſtern Nacht, allein, ohne 


230 Karl unb Eibegaft 


Es war an einem Abend, oa’ ein Niemand ats 
gelheim am bein, woſelbſt e|., Kanoniche, Aebte, 
gelegt und chen einznfchlaf ßßt, koömmt, wo er der 
ihm ein heifiger Engel, weg. — Er hebt fie aus 
und ſprach: „Steht ar " ‚ Die Heide fallen und nimmt 
Kleider an, wafmeh „rund Pferde, Gold, Silber, Klei⸗ 
euch Gott, ber ir „.ö fie mit fih führen. So hält er 
Nacht müßt —* die reiche Beute. Seine Liſt if 
Leben vr; giemand kann ihn fahen, obgleich Mans 
ſammt + Br ANed aufgeboten hat. — Sch möchte in 
fäume’ BLM wohl fein Gefelle ſeyn. „O Herr Gott, 
Ich azu!“ Mit dieſen Worten ritt der König 
t Fe und hörte nicht, wie ein Nitter angefprengt Fam, 

pn einholen zu wollen fchien. Schwarz waren 
Waffen wie Kohlen, ſchwarz war Helm und 

acid, ſchwarz der Panzerrod, ſchwarz war das Roß, 
goranf er faß; auch Fam er einen fonderlichen Pfad 
quer durch ben Wald geritten. — Als der. König ihn 
auf ſich zufommen fah, fegnete er fidh und war in 
Sucht, denn er wähnte, ed wäre der Teufel, weil er 
fo ſchwarz war, und befahl ſich dem allmächtigen Gott. 
Gehe ed mir fchlimm oder gut, ich muß das Abenteuer 
beftchen; jedoch weiß ich im Voraus, es ift der Teufel 
and Niemand anders, denn wäre ed von Gott, fo wäre 
ed nicht fo ſchwarz; Alles ift ja ſchwarz, Pferd und 
Mann. Sch fürdhte, ed nahet mir Unheil und bitte 
Gott, daß er wache, damit diefer mir nicht ſchade.“ 
Der ſchwarze Ritter aber, als er den König näher 
fommen fah, Dachte in feinem Sinne: „Der ift verirret 
bier und hat feinen Weg verloren; ich will das von 


EN Karl und Elbegaft; 241 


er foll aber feine Waffen Iaffen, die dem 
Sie beften find, fo ich in fieben Sahren 
ten wie der Tag von Steinen und 
„en fam er in den Wald? Der if 
‚„sann, der foldie Waffen trägt und folches 
‚cet, fo ftart und fchön von Gliedern.“ Al 
nun äufammen trafen, ritten fie ohne Gruß einander 
orbei, der eine befah den andern wohl, allein fie fag- 
en Fein Wort. Der mit dem ſchwarzen Roß hielt, 
»bald.er beim König vorbei war, ftille und dachte bei " 
ch: „Wer mag der wohl fein, daß er mich nicht grüßt, 
a er mir begegnet und um fein Ding nicht fraget. 
sch glaube, daß er auf böfen Wegen if. Wäre id) 
efien ficher, daß er käme um zu fpioniren, daß er mid) 
der die Meinen in Leid bringen wollte beim König, 
effen Gunſt ich verloren: er möchte die Nacht ohne 
Schaden mir nicht entfommen: Was hätte er nüthig 
inter Bufch und Strauch zu jagen, wenn er mich nicht 
uchte? Bei dem Herrn, der mich erfihaffen! er ents 
eitet die Nacht mir nicht; ich werde feine Stürfe yrüs 
en; ich will ihn fprechen und kennen lernen, und mag 
x fein wer er will, ich will fein Roß gewinnen und 
vad er an hat und ihn mit Schimpf und Schande nad) 
Yaufe ſchicken, den Dummbart! Hiermit warf er fein 
doß berum, und folgte dem König nad. Sobald er 
hn eingeholt, rief er laut: „Halt, Ritter! wohin reitet 
her ich will wiffen, was ihr bier fucht und jagt und 
u fchaffen habt? Eher entreitet ihr mir nicht von 
der und wärt ihr noch fo kühn und noch fo verfteckt 
uere Sprache; berichtet ed mir, ihr thut wohl daran. 
16 


PR 
+ 


240 Karl und Elbegaſt. 


Kaufmann Taßt er dad Seinige; allein Niemand ans 
ders ift fiher vor ihm. Bifchöfe, Kanoniche, Aebte, 
Mönche und was nur Pfaffe heißt, koͤmmt, wo er der⸗ 
gleichen ertappen kann, übel weg. — Er hebt fie aus 
dem Sattel, daß fie auf die Heide fallen und nimmt 
ſich alsdann Maulthier und Pferde, Gold, Silber, Klei⸗ 
der und Alles, was fie mit ſich führen. So hält er 
ringsum Jagd auf die reiche Beute. Geine Kit. ik 
mannigfaltig. Niemand kann ihn fahen, obgleich Mans 
cher deshalb Alles aufgeboten. hat. — Sch möchte in 
diefer Nacht wohl fein Gefelle fepyn. „O Herr Gott, 
hilf mir dazu!“ Mit diefen Worten ritt der König 
weiter und. hörte nicht, wie ein Ritter angefprengt Fam, 
der ihn einholen zu wollen fchien. Schwarz waren 
deffen Waffen wie Kohlen, fchwarz war Helm und 
Schild, ſchwarz der Panzerrod, fchwarz war das Roß, 
daranf er ſaß; aud Fam er einen fonderlichen Pfad 
quer durch den Wald geritten. — Als der. König ihn 
auf ſich zufommen fah, fegnete er fi und war in 
Furcht, denn er wähnte, ed wäre der Teufel, weil er 
fo ſchwarz war, und befahl ſich dem allmächtigen Gott. 
Gehe es mir schlimm oder gut, ich muß dad Abenteuer 
beftehen; jedoch weiß ich im Voraus, es ift der Teufel 
und Niemand anders, denn wäre ed von Gott, fo wäre 
ed nicht fo ſchwarz; Alles ift ja ſchwarz, Pferd und 
Mann. Sch fürchte, es nahet mir Unheil und bitte 
Gott, daß er wache, damit Diefer mir nicht ſchade.“ 
Der ſchwarze Nitter aber, ald er den König näher 
fommen fah, dachte in feinem Sinne: „Der ift verirret 
bier und hat feinen Weg verloren; ich will das von 


Karl und Elbegaft 241 


ihm hören; er fol aber feine Waffen Iaffen, die dem 
Anfchein nach die beften find, fo ich in fieben Jahren 
geſehen; fie leuchten wie der Tag von Steinen und 
Gold. Bon wannen fam er in den Wald? Der ift - 
fein armer Dann, der ſolche Waffen trägt und folches 
Roß reitet, fo flarf und. fchön von Gliedern.” As 
fie num zuſammen trafen, ritten fie ohne Gruß einander 
vorbei, der.eine beſah den andern wohl, allein fie fag- 
ten fein Wort. Der mit dem ſchwarzen Roß hielt, 
fobald.er beim König vorbei war, ftille und dachte bei 
fih: „Wer mag der wohl fein, daß er mich nicht grüßt, 
ba er mir begegnet und um fein Ding nicht frager. 
Sch glaube, daß er auf böfen Wegen if. Wäre ich 
Deffen ficher, Daß er Fäme um zu fpioniren, daß er mic 
oder die Meinen in Leid bringen wollte beim König, 


deſſen Gunft ich verloren: er möchte die Nacht ohne 


Schaden mir nicht entfommen Was hätte er nöthig 
Binter Bufch und Strauch zu jagen, wenn .er mich nicht 
fürchte? Bei dem Herrn, der mich erfihaffen! er ent⸗ 
zeitet die Nacht mir nicht; ich werde feine Stärfe yrüs 


- fen; ich will ihn fprechen und kennen lernen, und mag 


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er ſein wer er will, ich will ſein Roß gewinnen und 


was er an hat und ihn mit Schimpf und Schande nad) 
. Haufe fchiden, den Dummbart! Hiermit warf er fein 


Roß herum, und folgte dem König nad, Sobald er 
ihn eingeholt, rief er laut: „Halt, Ritter! wohin reitet 
ihre? ich will wiflen, was ihr bier fucht und jagt und 
zu fchaffen habt? Eher entreitet ihr mir nicht von 
hier und wärt ihr noch fo kuͤhn und nod) fo verſteckt 
euere Sprache; berichtet ed mir, ihr thut wohl daran. 
16 
⸗ 


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242 Karl und SElbegaſt. 


Sch will wiffen, wer ihr feid und wohin ihr reitet um 
diefe Zeit, und wie euer Vater heißt; ich kann es euch 
nicht erlaffen.” Da antwortete der König: „Ihr frage 
mich fo manches Ding, daß ich nicht weiß, wie euch 
berichten. Lieber will ich, daß wir fechten, dann ich 
“e8 euch gezwungen ſagte. Wahrlich, ich hätte viel zu 
lange gelebt, wenn mid, ein Menſch zwingen follte, von 
Dingen, die ich nicht wollte, zu berichten, um meinen 


Leib zn wahren. — Geh ed mir gut oder übel, wir 


wollen diefen Streit zwifchen uns beiden kürzen und 
mit den Waffen entfcheiden.” — Des Könige Schild 
war verdbedt, denn er wollte ihn nicht offen führen 
wegen des Zeichens, fo darauf fland, damit man nicht 
merfe, daß er der König wäre. Sie warfen num ihre 
Roſſe ſtark und ſchnell herum; beide waren wohl ge 
waffnet und ihre Speere ftarl. Es war ein umzäunter 
Ort; fie trafen fich beide mit folchem Haß aufeinander, 
daß die Roſſe fih baͤumten. Männlid, griffen fie hierauf 
zum Schwerte, Tampfbegierig, und fochten eine lange 
Zeit, daß man darüber eine Meile hätte gehen Fönnen. 
Das Schwert ded Schwarzen war flark und fohnell und 
feine Streiche gewaltig, fo daß der König fchon beforgt 
ward und wieder wähnte, e8 wäre der Teufel felbft. 
Da fchlug er dem Schwarzen auf den vorgehaltenen 
Schild, daß dieſer in zwei Stüde flog, als wenn es 
Laub von einem Baume wäre. — Der Schwarze aber 
ſchlug auf den König, die Schwerter gingen auf und 
nieder auf die Helme, auf die Panzer, und glitt aud) 
mancher Hieb ab, fo war doch Fein Harnifch fo gut, daß 
nicht das rothe Blut Durch die eifernen Panzerhemde 


* 


Karl und Eibegaft, 243. 


vordrang. — Dad war ein Drobnen von Streichen! 
Die Epäne flogen von den Schilden, die Helme auf 
ihren Häuptern bogen ſich voll von Scharten und Spals 
ten, fo fcharf waren die Schneiden der Schwerter. Der 
König’ dachte in feinem Herzen: „Der it der Waffen 
aut Tundig! fol id) aber meinen Namen fagen? ich 
- müßte mich des ewig fchämen, nimmermehr ermwürbe - 
ich Ehre.” — Hiermit führte er nach dem Schwarzen: 
einen fo gewaltigen Streich, Daß diefer vom Roß taus 
melte.- Es war damit aber noch Fein Friede zwiſchen 
beiden. Der Andere fh’;7 auch nad) dem König und- 
tbat einen fo gewaltigen Schlag auf defien Helm, daß 
das Schwert in zwei Stüde flog. Wie der Schwarze 
nun fah, daß er fein Schwert verloren hatte, rief er: 
„Pfui, daß-ich je warb geboren! Wozu mag ich wohl 
leben? Niemals habe ich ein gutes Glück gehabt, und 
ſoll es nimmermehr haben, Womit fol ich mich jet 
wehren? Sch gebe nicht zwei Birnen für mein Leben, 
nun ich mit leeren Händen daftehe.” Da däudjte es 
dem Könige Schande, zuzufclagen, indem er das 
Schwert, in zwei Stüde gebrochen, auf dem Felde lies 
gen fah, und er dachte bei fich: „es ift Feine edele Rache, 
einem au fchaden, der fich nicht wehren fann.” Wäh⸗ 
rend fie nun ftille hielten, war ihr Sinnen mannich⸗ 
faltig; der eine Dachte, wer ber andere wohl fein möchte. 
„Bei dem Herrn, der mich erſchaffen!“ ſprach endlich 
Karl, der König, „ihr berichtet mir ein Ding, Herr 
Nitter, um das ich euch frage; wie heißt ihr und wer 
ſeid ibe? Nun ich mit Ehren, weiter ziehen Tann, werde 
ich euch von hinnen reiten laſſen, fobald ich euern 


# 


244 Karl und Elbegaft, 


Namen weiß.” Der Schwarze entgegnete: „Ich bin 
dazu bereit, fo ihr mir Ignd gebt, was euch Noth that, 
bei Nachtzeit hicher zu kommen, und zu weſſen Verder⸗ 
ben ihr wacet.” Da fagte Karl, der evele Mann: 
Antwortet mir zuerfi, ich fage euch ſodann, wäs id 
bier fuche und warum ich nicht bei Tage reiten darf; 
denn es ift nicht ohne Noth, daß ihr mich alfo gewaff⸗ 
net fehet, und ich werde euch ſagen, wie ed kömmt, fo 
ihr mir eueren Namen nennt, bed feid verfichert.”— 
„Herr, antwortete Ritter Elegaft, — denn fein andes 
rer war der Schwarze, — „es ift mir nicht zum Beften 
ergangen; ich habe Gut und Land verloren, das id 
vor dem hier hatte, durch Unglück, wie e8 Manchem 
thut. Sollte ich euch ganz Fund machen, wie meine 
Sachen gekommen find, ed follte euch viel zu ange 
dünfen, eh’ ich euch das Ende gefagt!” ALS Dies der 
König hörte, ward er frohen Muthed und fagte: „Rit⸗ 
ter, ift’8 euch bequem, fo nennt mir nun eueren Namen 
und wie ihr euch ernährt. Bei Allem, was Gott lieb 
hat, und bei ihm felber zuvor, von mir habt ihr nichts 
zu befahren!” — So mißt denn, Herr, ich heiße 
Elegaft, und dad, wovon ich lebe, muß ich ftch- 
fen. Seit ich Hab und Gut verloren und König Karl 
mich aus meinem Lande vertrieben, habe ich mich in 
Wildniffen und Wäldern aufgehalten; den Lebensunter⸗ 
halt müſſen reiche Leute hergeben: Bifchöfe und Ka- 
noniche, Aebte und Mönche und was nur Pfaffen heift. 
Meine zwölf Gefellen find im Walde; ich ritt auf 
Abenteuer aus und habe ein bitteres gefunden, wannen 
ich mein Schwert verloren und aud) meinen Theil Schläge 


Karl und Elbegaft, 245 


babe, mehr denn ich ‘je in einer Nacht von einem Manne 
gewann. Nun fagt mir, Ritter, wie ihr heißt und wer 
euer Feind ift. Iſt er von ſolcher Macht, daß ihr bei 
Nacht reiten müßt? Könnt ihr euere Widerfacher nicht 
„bezwingen? Shr feid doch der Waffen gut kundig!“ 
Der König date in feinem Herzen: „Gott hat mein 
Beten erhört, nun muß er mich ferner berathen, dies 
iſt der Mann, den ich gerade wünfchte, baß er mitreite 
in dieſer Nacht. Gott hat ihn mir zu rechter Zeit ges 
fandt. Nun muß ich lügen aus Noth. — Bei Gott, 
der mich berufen, ſprach er dann zu Elegaft, an mir 
habt ihr ein fichered Geleite, einen flätigen Freund und 
Frieden. Ich will euch meine Lebensweiſe fagen; mas 
hilfts, Freunden verhehlen? sch habe fo viel Gut ges 
ftohlen, daß, wäre ich gefangen, man wahrlich mid) 
nicht entgehen ließe.’ — ‚Nun fagt mir, Ritter, wer 
ihre ſeid?“ — „Ich will euch meinen Namen fagen,“ 
fprady der König, fo es euch genehm ift, ich bin ge- 
heißen Adelbrecht. Ich pflege zu ftehlen in Kirchen und 
Klöftern und in allen Gstteshäufernz ich ftehle, was 
mir vorkömmt und laffe Niemand ungefchoren, Reid) 
noch Arm; ich achte auf fein Sammern und nehme lies 
ber dem Armen fein Gut, denn ich ibm dad Meine 
gäbe. So habe ich mich ernähret und habe nun einen 
neuen Hinterhalt gelegt, um einen Schaß zu heben, den 
ich weiß. Sch verfehe mich enerer Hülfe dazu. Der 
Schatz ift übel gewonnen, Gott wird ed uns nicht 
verargen, wenn wir ein fünfhundert Pfund davon nehs 
men. Er liegt in einem Gaftell, dahin mir die Wege 
fund find. Nun fagt mir, Ritter, ob ihr die Nacht 


246 Karl und Elbegaft. 


mein Gefele fein wollt auf diefer Jagd. Was wir 
zuſammen erbeuten, wollen wir bergen, bis es tagt, 
dann werde ich theilen und ihr follt wählen dürfen. 
„Elegaſt entgegnete: Sagt an, lieber Gefele, wo liegt 
der Schatz? Des muß ich Fundig fein, oder ich folge 
euch Feinen Fußbreit.“ — „So will ich es euch denn 
berichten,‘ antwortete Karl, „der König hat folchen 
großen Schatz“ — Wie der König fagte, daß er fid 
felber beftehlen wolle, ward Elegaſt unwillig und fagte: 
„Das möge Gott verhüten, daß ich in meinem. Leben 
dem König Schaden zufügen follte! . Hat er mir aud - 
burch böfen Rath mein Gut genommen und mid). vers 
trieben, fo werde ich ihm Doch mein ganzes Leben gut 
Freund fein nad) meinen Kräften und in feinen Scha⸗ 
den nicht willigen, dieweil er nad) Recht Herr ift; ich 
müßte mid ja fchämen vor Gott.” Als died der Kür 
nig hörte, ward er froh in feinem Herzen, daß ihm 
Elegaſt, der Dieb, wohl wollte und ihn lieb hatte und 
Dadıte: Möchte er mit Ehren zurückfehren, er follte fo 
viel haben, daß er fein Lebtage ehrlidy davon Teben 
Fönnte, ohne Stehlen und Rauben. — Nad) diefen Ges 
danken, worin er war, frug er Elegaft, ob er nicht 
leiden wollte, daß fie unter ſich beide auf Raub aus 
gingen in diefer Nacht; er thäte gern fein Beſtes dazu, 
fo er ihn mitreiten laſſe. Elegaſt fügte: „Ja, fehr 
gern, wofern ihr nicht euern Scherz habt. Bei Egge- 
rich. von Eggermonde, der des Königs Schweſter hat, 
da mögen wir ohne Sünde ftehlen; es ift cine Schande, 
daß er lebt. Er hat Menfchen verrathen und in großen 
Schaden gebracht und auch feinem Herren, dem König, 


Karl und Elbegaft, 247 


folite er Leib und Ehre nehmen, möchte es nach feinem 
Willen gehen, bad weiß ich. Und doch hat er vom 
Könige Land und Sand, Burg und Lehen und manchers 
lei Ding; ed möchte ihm wenig fchaden, wenn wir von 
dem Seinigen zehrten. Dahin wollen wir reiten, fo es 
ener Wille ift.” Der König war bereit dazu. Gie 
famen nun auf ein Feld, da fanden fie einen Pflug 
ftehen. Der König flieg ab und nahm fich die Pflugs 
fhaar. Er dachte in feinem Sinn: „die ift gut zum 
Handwerf! Wer in Burgen einbrechen will, muß ſich 
folche Dinge beforgen, die er dazu bedarf.” Dann faß 
er unverweilt auf und folgte Elegaft, der ein Weniges 
vor war, indem er fein Roß ſpornte. Als fie vor die 
Veſte kamen, die die fohönfte und befte war, fo irgend 
je an dem Rheine ftand, ſprach Elegaft: „Hier laßt 
und halten. Nun fehet,. Adelbreht, was dünkt euch, 
wie wir es - am beften machen? Sch will nach euerem 
Rathe handeln; mir wäre es leid, gefchäh euch Scha⸗ 
den, daß man hernach fagen müchte, ed fam Alles von 
diefem Manne.“ Der König antwortete auf biefe Rede: 
„Ich kam niemald, daß ich wüßte, in den Hof noch in 
den Saal, und würde es mir ungelegen fein, follte ich 
nun hineingehen; es flieht daher an euch.” Elegaſt 
fügte: „Es ift mir recht; ich will fchon bald fehen: ob 
ihr ein gefchickter Dieb ſeid. Laßt ung ein Loch in die 
Mauer machen, da wir hindurch friechen mögen.” Das 
gefiel ihnen beiden wohl, Sie banden ihre Roſſe an 
und gingen ohne einigen Laut zur Mauer. . Elegaft z0g 
ein Eifen hervor, um bamit die Mauer aufzubrechen. 
Run langte auch der. König die Pilugfchaar vor. Da 


248 Kari und Eibegaft. 


lachte Elegaft und fagte: „Dergleichen fah ich noch 
nirgends zu folcherlei Arbeit gebrauchen!’ — „Mag 
wohl fein!‘ verfeßte der König; ich Fam auf dem Rheine 
gefahren, — ed ift nun fihon der dritte Tag, — um 
auf Erwerb auszugehen; da mußte ich mein Eifen Taf 
fen; es entfiel mir auf der Straße, ald man mich vers 
folgte, und weil ich Schande halber nicht umfehren durfte, 
fo war ich meines Eifend quitt, und nahm Diefes, das 
ih im Mondfchein an einem Pfluge fand, Elegaſt 
“ fagte: „Es ift fürberhand gut genug; hernach laßt 
ein anderes machen.” Sie ließen nun Dad Reden und 
machten das Loch. Elegaſt verftund fich beffer darauf 
ald der König, fo groß und ſtark diefer auch war. Al 
fie num das Loch gebrochen hatten und hineingehen fol 
-ten, ſprach Elegaft: „Ihr könnt bier draußen Alles 
in Empfang nehmen, was id) euch bringen werde. 
Denn er wollte es nicht zugeben, daß der König hinein, 
gehe, fo fehr beforgte er Schaden für ihn, weil diefer 
ihm fein gewandter Dieb däuchte. Gleichwohl wollte 
er Lieb und Leid und feinen Gewinn mit ihm theilen. — 
Der König blieb alfo draußen und Elegaft ging hinein, 
Diefer zog nun ein Kraut aus und that es in ben 
Mund; wer folches hatte, verftund, was Hähne Frähen 
und Hunde bellen. Da hörte er, wie ein Hahn und 
ein Hund in ihrem Latein fagten, der König ftehe 
Draußen vor dem Hofe. Elegaſt ftutte und dachte bei 
fh: „Wer mag das fein? Sollte der König hier 
draußen halten, fo meine ich, daß mir Unglüd nahet. 
Ich bin verrathen, oder mid) drückt der Alp!’ Er ging 
nun zurüd, wo er den König gelaffen, und erzählte ihm, 


Karl und Elbegaſt. 249 


was er vernommen. Da fügte Karl: „Was follte wohl 
der König hier thun? Wollt ihr Hühnern glauben 
oder was ein Hund bäffzt, fo ift euer Glaube nicht feft. 
Mich dünkt, daß ihr mir Fabeln erzähle. Wozu beun⸗ 
ruhige ihre mich?” „Hört ſelber,“ ſprach Elegaft und 
ftete dem König ein Kraut in den Mund, das vor 
ihm fland. Da Frähte der Hahn wieder und fagte wie 
zuvor, daß der König da wäre, allein er wiſſe nicht 
wie nahe. ‚Wie nım, Gefelle, ſprach Elegaft, ich will 
bei der Kehle baumeln, fo der König nicht in der Nähe 
iſt.“ Da fagte Karl: „Pfui, Gefelle, fällt euch das 
Herz? Sch wähnte, daß ihr Fühner wäret.” — Wohlan, 
ſprach Elegaft, ich will and Werk; gebt das Kraut 
her, was follte e8 euch fruchten?“ — Der König ſuchte 
bin und her in feinem Munde; ald er es aber nicht 
finden Eonnte, fprach er: „Was iſt mir gefchehen? 
Mich dünkt, ich habe mein Kraut verloren, das ich Doch 
feft zwifchen meinen Zähnen hielt. Bei meiner Treue, 
Bas geht nicht mit rechten Dingen zu.” Da lachte 
Elegaſt wieder und fagte: „Seid ihr ein fo arger. 
Dieb? Wie kömmt's nur, daß man euch nicht fängt, fo 
oft als ihr ſtehlen geht? Daß ihr lebt, ift wahrlich ein 
großes Wunder, ihr wäret. fonft lange todt. Gefelle, 
ich habe euer Krant geftohlen! Ihr wißt fein Haar von 
Stehlen!” Der König dachte: er fpricht wahr! — In⸗ 
deffen ließen fie das Reden. Elegaft befahl ſich Gott 
und fchloß dann alle Schlöffer auf, Heine und große, 
und ging, wo der Schat lag, ehe es jemand hörte oder 
ſah, und holte fo viel, als ihm gut däuchte. —. Da 
wollte nın Karl von bannen veiten, Elegaft aber hieß 


2350 Karl und Elbegaſt. 


- ihn warten. Er wollte nach einem Sattel gehen, ber in 
der Kammer ftand, darin Eggerich und fein Weib lag, 
das fchönfte Gefchirr, das man je fah, daran hundert 
große Schellen hingen, die alle von rothem Golde waren 
und Elingelten, wenn Eggerid) ritt. „Geſelle, feid fing 
und wartet! Sch will ihm noch feinen Sattel ftchlen 
und follte ed mir meinen Hals often” Das war dem 
König ungelegen; er hätte lieber den Gewinn vom Sat 
tel entbehrt, denn daß Elegaft wieder zurückkehrte. Als 
Elegaſt nun zu dem Gefchirr Fam, gaben die Schellen 
einen folchen Klang, daß Eggerich dabei aus dem Schlafe 
auffprang und rief: „Wer ift da an meinem Gefchire?” 
Er wollte fein Schwert ziehen, hätte die Frau es nicht 
gewehrt, die ihn frug: „Was haft du vor? Quaͤlt dich 
der Alp? Hier ift Niemand hereingefommen, denn wir 
beide. Es ift etwas Anderes, das dich beunruhigt.” — 
Sie ermahnte und befchwor ihn nun, daß er ihr fein 
Vorhaben entdede, und frug ihn, warum er feit drei 
Naͤchten nicht fchlafen und feit drei Tagen nicht eflen 
fonne. 
Brauentift ift mannichfalt, 
Seien jung fie oder alt, 

Sie lag ihm fo lange an, daß er ihr gefland, er 
habe des Königs Tod gefchworen, und Diejenigen, fo 
dies auszuführen beſtimmt feiern, würden in Kurzem 
kommen; zugleich nannte er fie ihe bei Namen. Died 
hörte Elegaft Alles: und hielt e8 im Herzen feſt. 
Die Fran aber fagte: „Mir wäre viel lieber, daß man 
euch bei der Kehle aufhängte, dann ic) das erleben folls 
te. Da flug Eggerich ihr fo plöglich vor Naſe und 


Karl und Elbegaſt. | 251 


Mund, daß ihr fogleich das Blut hervsrftrömte. Gie 
richtete fich num auf und hielt ihr Antliß über die Bett 
lehne. Elegaſt nahm dies wahr, kroch leife hinzu und 
empfing in feinem Handfchuh dad Blut der Frau, um 
ed vor den König zu bringen, damit er ihn warne vor 
dem Unglück. Darauf fagte er ein Gebet, womit er alle 
fchlafen machte, die irgend da waren, und als er fein 
Wort ohne Furcht gefprochen, fo daß fie beide feft fchlies 
fen, ftahl er Eggerichd Sattel und fein Schwert, das 
biefer lieb und werth hatte und machte fish feiner Wege 
aud dem Hofe zu feinem Pferde und zum König. Diefer 
war fehr.erzürnt und fragte, wo er fo lange verweilt 
hätte. „Es ift meine Schuld nicht,” fagte Elegaftz „bei 
Allem, was Gott leben läßt, ed ift ein Wunder, daß 
. mir das Herz nicht bricht. Geſelle, dies ift das Gefchirr, 
wovon ich euch ſprach; haltet es, ich will gehen und 
Eggerich das Haupt abfchlagen oder mit einem Meffer 
töbten, da er bei feinem Weibe liegt. Das leide ich 
nicht um alled Gut der Welt; ich werde fchnell wieders 
kehren.“ — Da befchwor der König ihn, daß er ihm 
fage, warum er fo fehr betrübt und aufgebracht fet. 
„Was fehlt euh? Habt ihr nicht bei gehnhundert Pfund 
und auch das Gefchirr, darum ihr ginget?“ — „Ei, 
Herr, ed ift ein ganz ander Ding, das mein Herz bes 
unruhigt und verzehrt. Sch habe meinen Herrn, den 
König, verloren und mit ihm den Troft, noch bereinft 
zu meinem Gute zu kommen. Mein Herr fol morgen 
früh fterben, Eggerich hat feinen Tod gefchworen. Da 
erkannte Karl, daß Gott ihm zu ftehlen geboten, um ihn 
vom Tode zu retten, und dankte ihm demüthig. Doch 


252 | Karl und Elbegaft. 


fprach er zu Elegaft: „Wie wähnt ihre wohl zu entgehen, 
fo ihr ihn erftecht mit eurem Meffer, während er- bei 
feinem Weibe liegt; die ganze Burg würde in Allarm 
fommen, und ihr müßtet mehr denn Glück haben, fo ihr 
nicht fogleich euer Leben verlöret. — Stirbt der König, 
fo ift er tobt, was ſoll's weiter, laßt euch das- nicht 
anfechten.“ Dies fagte er aus Lift, um Elegaft zu prü⸗ 
fen; doch hatte er noch einen. andern Grund: er wäre 
gern von bannen gewefen, denn das lange Warten war 
ihm leid. Elegaft aber antwortete: „Bei Allem, was 
Gott leben läßt! wärt ihr nicht mein Gefelle, es bliebe 
die Nacht nicht ungerocdyen, was ihr da dem König 
Karl, meinem Herrn, zu nahe fprecht, der aller Ehren 
werth if. Bei dem Herrn, der mich erfchaffen! ich werbe 


. mein Borhaben ausführen und mein Unglüc rächen an 


dem, der des Königs Tod gefchworen, ehe ich won ber 


Burg fiheide, gehe e& mir gut oder übel.” Der König 


Dachte: „Dies ift mein Freund. Hab’ ich ed auch ſchlecht 
um ihn verdient, ich will ed gut machen, fo ich Das Le⸗ 
ben behalte;. er foll alP fein Elend vergeffen. „Geſelle,“ 
fprad; er dann zu Elegaft, „ich will euch beffer weifen, 
wie ihr ihn in's Netz bringet. Reitet zur Morgenftunde 
zum König, wo ihr ihn findet, erzählt und offenbart 
ihm die Unthat und den Mordplan; der König wird, 
fo er ener Wort hört, euch zu Gnaden aufnehmen und 
euer Lohn wird nicht geringe fein; ihr werdet zu feiner 
Seite reiten all euer Leben, fo lange euch Gott bewahrt, 
ald ob ihr fein Bruder wärt.“ - Elegaft antwortete: 
„Mag mir gefchehen, was da wolle, ich, komme nicht 
vor den König; er ift mir allzu gram, weil ich ihm einft 


Karl und Elbegaft. 253 


son feinem Schatz fo ein Scherflein genommen, dad 
faum zwei Pferde an Werth betrug; es iſt traurig und 
hart!” — „Ich will euch fagen, was ihr thut,“ ſprach 
Karl, „reitet weg in den Tann, wo ihr eure Geſellen 
gelaffen und führt eure Beute fort; morgen am Tage 
wollen wir fie theilen. Sch will unterdeffen diefer Sache 
ein Bote fein beim König, denn ed wäre mir leid, 
fchlüge man ihn todt.“ — Mit diefen Worten fchieden 
fie. Elegaſt ritt zu feinen Leuten im Tann und Karl 
gen Ingelheim zu feinem Palafte. Sein Herz war bes 
trübt, weil diejenigen, fo ihm nach Recht follten zur 
©eite ftehen, ihn verrathen wollten. — Noch fand bie 
Dforte offen, und alle feine Leute fchliefen. Er band 
dad Roß auf dem Stall und ging zu feinem Schlafges 
mad, ehe ed Jemand fah oder hörte. Eben hatte er 
feine Waffen abgelegt, ald der Wächter von den hohen 
Binnen den Tag blied, der ſich fchon zu zeigen begann, 
und männiglich erwachte. Da fandte Karl nad) einem 
feiner Kämmerlinge und nach feinem geheimen Rathe 
und erzählte, wie ed um ihn ſtehe; er wife, daß fein. 
Tod gefihmworen fei von Eggerich von Eggermonde, der 
zu dem Ende in Kurzem kommen werde mit aller Macht 
des Landes; fie follten ihm guten Rath geben, wie er 
Thron und Leben wahre. — Hierauf ſprach der Herzog 
Son Baiern: „Laßt fie fommen, fie finden uns hier, es 
fol Manchem das Leben foften. Hier ift mancher tapfere 
Mann aus Franfreih und Brabant, mandyer Ritter 
und Neifige, die mit euch in's Land gefommen find; fie 
follen ſich allzumal waffnen, und ihr felbft, Herr König, 
ſollt gewaffnet in unferm Kreife ftehen. Wer euch dann 


7 


- 


24 Karl und Elbegaſt. 


ſchlagen will oder fchaden, dem wollen wir es ſchon 
wehren; er fol Blut laſſen und Eggerich voran.” — 
Diefer Rath Düuchte ihnen gut. Cie waffneten fi 
ſchleunig, Alcd was Waffen tragen konnte, Klein und 
Groß, Denn jie bejergten ſchweren Wirerkund, weil 
Kaaerüb von großer Macht war und alle Gewaltigen 
nieder uud eb dem Rbein su jener Hülfe waren. Man 
Rein ſechözig Mann, gewaffnet und in Pauzern, bei 
der Pforte. ME nen Eggerichs Yeare m Schaaren zu 
SE Kengd Cef deranzegen, ſchleß mau tie Pierte 
wit een und lieh fe ale Butunh Sue ic aber u 
din Hof kamen, rc man ihre die Kleler am. Du 
faul iz auf tdrem Yale Baufe Dur; zu har 
Meyer; Te Uxehu wer epeutur. Mir Ir ee 
Kurze sera, i0 ex ie sInzaab Euoen, IcH ame Be 
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Karl und El begaſt. 255 


daß er auf das ſchleunigſte komme; alle Miſſethat ſei 
ihm vergeben, und beſtände er den Kampf gegen Egge⸗ 
rich, ſo werde er ihn reich und maͤchtig machen. — Als 
die Boten Elegaſt gefunden und ihm Alles geſagt, was 
der König ihnen geheißen, ward er ſehr erfreut ob der 


neuen Mähre. Er ließ ſein Reitzeug, das er Eggerich 


geftohlen, liegen, ſonder einiges längeres Zögern, und 
ſchwur, ſo wahr er Chriſt ſei, daß wenn Gott ihm 


‚einft ſchuldig wäre, er fein ander Gut begehren würde, 
denn den Kampf auszufechten für feinen gerechten Herrn. 


Sie ritten nun eiligft weg. Als Elegaft, der gute Rits 


ie | Ei SEE Zu -n 


:ter, in des Königs Saal trat, fagte er: „Gott behüte 


biefed Haus, den König und was ich hier finde; aber 
Eggerich grüße ich nicht. — Gott, der ſich Freuzigen 


ließ um unfertwillen und allmächtig ift, und Maria bie 


füße Magd, mögen mich an diefem Tage fehen laſſen, 
daß man ihn in den Wind hänge, den Eggerich von 
Eggermonde. Könnte Gott Sünde thun, fo hätte er 
Sünde gethan, daß Diefer dem Galgen entgangen ift, 
um daß er meined Herrn Tod geſchworen fonder einige 
Roth und Zwang.” — Diefe Worte hätte Eggerich 
‚gern gerochen, allein er hatte veflen nicht Macht und 
männiglich verachtete ihn. Der König aber antwortete: 
.. „Seid willlommen an meinem Hofe! Sch vermahne 
a euch jetzt, offen und frei, ſonder Jemandes Gunſt, die 
2 Wahrheit und nichts anders zu fagen und den Mord⸗ 


plan Eggerichs, den ihr hier ſehet, zu offenbaren.“ — 
5 Sehr gerne, fprady Elegaft; „ich bin deffen gewiß, daß 
Eggerich euern Tod geſchworen; ich hörte es ihn ſagen 
„als er zu Bette lag, und weil fein Weib ihn mit Wor⸗ 


256 Karl und Elbegaf. 


ten zu ftrafen wagte, gab er ihr einen Schlag, baß ihr 
das Blut aus Zähnen, Nafe und Mund floß. Sie 
richtete fi) auf uud hielt ihr Antlig über die. Bett 
lehne; ich nahm ed wahr und kroch leife hinzu; in mer 
nen rechten Handſchuh fing ich das Blut.der Frau auf.” 
Kun ließ er ed den König frauen und Alle, die es 
fehen wollten, „Dürfte Eggerich es läugnen, ich wolle 
ihm durch Kampf die Unthat beweifen, noch, ehe die 
‚Sonne untergeht.” Der König antwortete hierauf: 
- „Bei meiner Treue, ihr redet wahr! Sollte ich nad 
Hecht verfahren, ich Tieß ihn durch einen Schergen hin 
wegfchleppen und bei der Kehle aufhängen.” Als 
Eggerich fah, daß das Spiel aus war und fein Menſch 
am ganzen Hofe zu feinem Frommen zu fprechen wagte, 
dachte er bei ſich: „Beſſer iſt Kampf, denn den Hals 
verloren!’ und nahm den Sweifampf an, Der König 
entbot feine Barone, kurz nad) der Mittagsftunde ge: 
waffnet auf dem Platz zu erfcheinen. Unterdeſſen ließ 
er die Borbereitungen zum Kampfe treffen und bat 
Gott, denfelben nad) Recht zu entfiheiden. Dann trö- 
ftete er Elegaft und ſprach: „Hat euer Fechten einen 
guten Ausgang und behaltet ihr euer Leben, fo werde 
id) euch meine Schwefter geben, die Eggerich zur Frau 
hatte. Man ſteckte nun den Kampfplab ab und zog 
Strike herum, wo die Menge gewaffnet hielt. Ein 
Weniged vor Vesperzeit fam Elegaſt zuerft in den 
Kreis, weil er Anfläger war. Er flieg ab, warf fid 
anf die Knie und betete: Gott, durch deine Barmher⸗ 
zigfeit Fomme ich heute zu Gnaden nach allen meinen 
Miffethaten, die ich wohl erkenne; rädje an biefem 


Karl und Eibegaft. 257 


Tage meine Sünden an mir; bei deinen heil. fünf 
Wunden, die du um unferer Rettung willen empfangen, 
ftehe mir heute bei, daß ich nicht fterbe, noch im Kampf 
unterliege. Und du, Maria, füße Jungfrau, ich will 
dir dienen mit rechter Treue und ninintermehr fortan 
werbe id} ald Räuber oder Schächer in Wilbniffen und 
Wäldern mich aufhalten, fo ich hier mein Leben be- 
halte.“ Als er ſein Gebet geendiget, fegnete er gar 
fehön mit feiner Rechten alle feine Glieder und fein 
Fitterdgewand iind auch dad Noß, das vor ihm Hielt, 
indem er Gott in Demuth bat, daß es ihn mit Ehren. 
tragen und aus dem Kampfe zurückbringen möge: Hier⸗ 
mit ſaß er anf in Sattel und Zeug und hing den Schild 
m feine linke Seite und nahm den Speer in die Hand. 
Sept Fam auch Engerich, mit großer Kampfgier ind 
wohl zum Streite gewaffhet. Sein Herz war hart; et 
. richtete Fein Gebet an Gott, fondern fette die Sporen 
feft ein und fprengte auf Elegaft los. Diefer aber 
ſtach ihn durch das Leber feines Küraſſes mit folcher 
Gewalt, daß er vom Roſſe zur Erde fiel. Eggerich 
griff. nun zum Schwerte und rief: „Jetzt will ich euch 
beide tödten, dic und dein Pferd, es fei dann, daß du 
fofort abſteigeſt; dann mag dein Roß das Leben behal- 
ten; es ift fo ftattlich und flarf, ed wäre Schade, 
fchlüg? ich es todt; Jedermann ſollte ed beklagen. Kannft 
Du mit dem Leben davon fommen, fo behältft du dein 
Pferd.“ Elegaſt verſetzte aldbald: „Obzwar ich, da du 
zu Fuße bift, diefen Streit Fürzen könnte, fo will ich 
Dich gleichwohl nicht zu Fuße fihlagen; ich will rühm- 
lich an dir handeln und follte ed mir auch zum Uebel. 


258 Karl und GElbegaſt. 


gereichen. Sige wieder auf bein Roß und laß uns 
fechten nach Nitter-Art. Ich will lieber, daß man mid, 
preife, dann daß ich Dich fchlüge, Da du im Nachtheil 
bift, und follte ich auch im Kampfe verbleiben.’ — 
Dem König Karl war ed leid, daß Elegaft Tange zügerte 
und Eggerich fohonte. Diefer aber ergriff, während Ele 
gaft alfo ſprach, ſogleich fein Roß und faß auf in Sattel 
und Zeug. Nun bob ein gegenfeitiger Kampf an bis 
lange nach Vesperzeit, fo ſcharf ald Niemand irgend 
je an einem Tage zwifchen zweien gefehen. Elegaſt 
hatte ein Schwert von lauterm Gold, das ihm der Ks 
nig gegeben; mit diefem und mit Gottes Hülfe führte 
er endlich einen fo gewaltigen Streich, daß er Eggerid 
Das Haupt fpaltete und derfelbe todt aus dem Sattel 
fiel. AS dies der König fah, dankte er Gott. Man 
fchleppte nun Eggerich fort und hing ihn auf und mit 
ihm, da half nicht Sagen noch Bitten, alle anderen Verraͤ⸗ 
ther. Elegaft aber blieb in Ehren und ber König gab 
ihm Eggerichs Weib, mit ber er fein ganzes Leben 
glüdlich war. — 


Die Königin Hildegardis, 


, Der Kaifer Karl war ausgezogen mit feinen Rittern 
und einem: anfehnlichen SHeergefolge, um die feindfeligen 
Sachſenvölker zu befriegen, und hatte feinen Hofhalt 
zu Ingelheim, wie feine junge und fchöne Gemahlin 
Hildegardis der Obhut feines unächten Bruders Taland 
befohlen. Taland hatte lange Zeit am Hofe des .grie- 
chiſchen Kaiferd gelebt und fein urfprünglich edelmüthi- 
ges und männliche® Herz war dort arg von dem Noft 
Ioderer Sitten angefreffen worben; dergeftalt, daß er 
an feine Weibed-Tugend mehr glaubte, vielmehr wähnte, 
Daß der füßen Schmeichelrede der ftandhaften Gunft- 
bewerbung Feiner Sungfrau Unfchuld, feiner Gattin 
Treue zn wiberftehen vermöchte. Hoch über allen Frauen 
und Sungfrauen an des Kaifers Hofe ftrahlte nun die 
edle Fran Hildegardis im Glanze der Schönheit und 
tugendlicher Sitten. Eines geringen Ritters Tochter, 


0 


& 
260 Die Königin Hildegarbis, 


hatte fie Karl, den Edelſtein in der fchlichten Faflung 
wohl erfennend, aus der Einfamfeit ihrer väterlichen 
Stammburg fich geholt und fie zur Genoffin feines Kais 
ſerthrones erhoben. 

Wie aber das glänzendſte Kleinod die Habgier des 
Diebes am ftärfiten reizt, alfo auch hatte Taland in 
lüſternem Muthe feine Augen auf die edle Königin ge 
worfen, und fie, die in ihrer arglofen Unſchuld nichte 
Schlimmes ahnete, zum Ziele feiner freventlichen Bes 
werbungen gemacht. Was konnte nun dem ehrvergeſſ'⸗ 
nen Ritter erwünfchter kommen, als diefer Heereszug 
feines Faiferfichen Bruders und beffen Befehl, in feiner 
Abwefenheit der Obwächter und Befchüger feines Hof 
halts zu fein. Der. finnenbeftricte Thor benußte denn 
auch die feinen verrätherifchen Abfichten fo günfkige 
Gelegenheit, um die hohe Frau erft mit fapften„Liebeös 
worten, dann, da fie feine Wünfche gar nicht zu ver- 
ftehen fchien, mit leidenfchaftlichen Erklärungen gu be 
flürmen. Die Königin hoffte nun, den Berirrten durch 
Milde und Freundlichkeit von feiner Krankheit Cald 
folche betrachtete fie des Ritters Leidenfchaft) heilen zu 
können; allein fie. täufchte fich, denn was bei Taland 
früher nur Eitelfeit und SHofirerei war, wurde jeßt, 
durch den täglichen Anblick der holdfeligen Königin, wie 
durch ihre milde Begegnung zur heftigen und brennenden 
Begierde, dergeftalt, daß er eines Tages, als er die 
Frauen der Königin geſchickt zu entfernen gewußt hatte, 
in ihr Gemach eindrang, Hildegardis einen heftigen und 
unziemlichen Liebesantrag machte, und mit ber Erflärung 
ſchloß, daß er fi) töbten werde,. falls fie ibm nicht 


o 


'Die Königin Hildegarbis, 261 


erhöre. . Die tugendhafte Königin war darüber erft fo 
erftaunt ‚ daß fie kaum eined Wortes mächtig wurde, 
eudlich aber des Ritters frevelhaftes Anfinnen mit dem 
größten Unwillen abwies und ihm mit der ſchweren 
Ahndung drohte, die ihn bei der Rüdkunft ihres Ges 
mahts für feine Berwegenheit ohnfehlbar treffen werbe, 
Da aber weder Bitten noch Drohungen bei dem von 
Leidenschaft ganz verbliendeten Ritter etwas fruchteten, 
jo trachtete Hildegarbis, ihre behrohte Ehre durch eine 
Lift zu erretten und ben fchlimmen Feind berfelben für 
die. Zufunft unfchädlich zu machen. Gie ftellte fich 
daher, als wenn fie den Wunfchen des Ritters allmälig 
nachgäbe, und fagte ihm endlich eine Zufammenfunft 
zu, welche aber, ba fie in größter Heimlichfeit gefchehen 
‚ müffe, in einem entfernten und verborgenen Zimmer des 
Pallaſtes Statt finden ſollte. 

An dem fejtgefegten Tage, zu ber beflimmten 
Stunde, fand ſich Taland, von brennendem Verlangen 
erfüllt, bei der Königin ein. Diefe führte ihn alsbald 
durch einen dunfeln Gang einer Thüre entgegen, welche 
fie aufſchloß und den Ntter voraus gehen hieß. Aber 
fobald ald dieſer Die Schwelle des Gemaches überfchrits 

ten hatte, warf fie die Thüre hinter ihm zu und vers 
Schloß felbe in Eile, indem fie dem Nitter, der vor 
Schred und Beftürzung faſt zu Stein geworben war, 
die Worte zurief: „Nun mögt Ihr ehrnergeßner Thor 
Eure Liebesglut zwifchen vier feuchten Mauern abküh⸗ 
Ien und. die Strafe Eurer Vermeffenheit bid zur Rück⸗ 
funft meined Gemahld, Eures Kaifers und Herrn, er: 
- warten!’ Und damit ging fie weg und überließ den 


262 Die Königin Hildegardis. 


Ritter feinem ohnmächtigen Grimm und den ſchwarzen 
Kacheplänen, welche die Wuth betrogener keidenſchaft 
in ihm audbrütete, 

Ein Hoffräufein, welches die Königin zur Dertrans 
ten in dieſer Sache gemacht hatte, reichte dem Gefans 
genen täglich durch ein Fenfterchen die nöthigen Speifen 
zu. Diefe hinterbrachte eined Tages ihrer Gebieterin, 
Daß der Ritter fle dringend bitten laſſe, ihm ein kurzes 
Gehör zu bewilligen, um der hohen Frau die Erfennts 
niß feines Kehle und feine tiefe Nene darüber darzu⸗ 
legen. Hildegarbid war erfreut Died zu vernehmen und 
erfüllte die Bitte des Gefangenen. Taland ergoß fi 
nun in den lauteften Betheurungen, wie er fein ſtraf⸗ 
würdiged Beginnen von Herzen bereue, gelobte ber 
Königin mit den thenerften Eidfchwüren, daß er hin⸗ 
führo Feine unlautere Regung in ſich auffommen Iaffen 
werde, und fchloß, indem er mit flehenden Geberden 
anf die Knie ſank, mit der Bitte, daß die Königin ihn 
Doch nicht der harten Strafe, die fein Bruder und Koͤ⸗ 
nig Zweifelsohne über ihn verhängen würde, ausſetzen 
wolle. Die mildherzige Hildegardis ward von des 
Ritters anfcheinend fo tiefer Neue gerührt, und entließ 
ihn, feinen Gelöbniffen vertrauend, feiner Haft. 

Sp erfchien denn Taland unter dem Vorgeben, daß 
er auf einer nothwendigen geheimen Seife begriffen 
gewefen, wieder bei Hofe und Feiner von den Hof 
leuten ahnete etwas von dem wahren Grunde feiner 
Abmefenheit. 

Kurze Zeit nachher trafen Abgefandte des Königs 
Karl ein, die deſſen baldige Nückkunft verkündeten. 


Die Königin Hildegardis. 263 


Alles bei Hofe wurde nun zu feinem Empfange einge- 
richtet und Taland ritt dem Könige, von einigen Die- 
nern begleitet, entgegen. Nach der erſten Begrüßung 
fragte der König nad feinem Weibe. Anftatt dieſe 
Frage zu beantworten, erbat fich Taland ein geheimes 
Gehör und beftridte nun den König, als er mit ihm 
allein war, mit einem höllifchen Rügengewebe, worin er 
die Königin der Untreue an ihrem Gemahle bezüch- 
tigte und die fchamlofeften Gefchichten ald Beweiſe vors 
brachte; dergeflalt, daß der König, welcher heftigen 
und aufbranfenden. Gemüthed war, in den höchften 
Zorn gerieth und feinem Bruder den Auftrag gab, die 
treulofe Gattin auf der Stelle einem fchmählichen Tode 
zu überantworten. 

Ohne abzuwarten, Daß der König zur ruhigen Bez - 
finnung fommen und vielleicht den rafchen Befehl wi- 
derrufen möchte, ritt der Verräther dem Könige voraud 
nad) Hofe zurüd und ließ ſogleich die Königin gefangen 
nehmen. Das Hoffränlein indeffen, welches der Köni- 
gin Vertraute bei der Gefangenhaltung Talands geweſen 
war, entging dem auch ihr beflimmten Schickſale durch 
eine fihnelle Flucht und verbarg ſich im Walde, ber 
Das Schloß umgab. 

Nachdem Taland dad Vergehen der Königin und 
den Willen ded Herrfcherd am Hofe Fundgemacht hatte, 
übergab er die arme Hildegardis zweien ihm ergebenen 
Knappen, mit dem Befehle, daß fie diefelbe tödten 
folten. Die unfchuldige Königin ward demnach von 
ihren Henfern beim Abenddunkel in den Wald geführt. 
Als fie an eine tiefverborgene Stelle neben einem 


264 Die Königin Hil degardis. 


meitfchattenden Eichenbaum gelangt waren, hießen bie 
Knechte, den rührenden Bitten der edlen Frau nur Hohn 
und fchinpfliche Neben entgegenfegend, fie niederfnieen, 
um ihre Eeele dem Himmel zu empfchlen, und fich be 
reit halten, von ihren Edjwertern den Zodeöftreich zu 
enıpfahen. Da erfihollen plötzlich aus dem Gezweige 
des Baumes, wie von einer Engelöflimme, die Worte: 
„Laſſet ab, ihr Frevler, von Eurem fchlimmen Werke, 
font trifft Euch des Himmels Strafe!’ Schreden ers 
griff da die abergläubifchen Knechte, ald fie Died hörten; 
ihre zum graufen Morde gefchwungenen Arme eritarıs 
ten, wie durch Zauberei verjteint, und ihre Blicke ridy 
teten ſich ſcheu und furchtfam nach dem Baume, von 
dem herab die wunderbare Stimme erfihollen war. Ale 
fie num dafelbft Fein menſchliches Wefen erblidten, wur; 
den fie in ihrem Glauben, daß fie einen Befehl höherer 
Mächte vernommen hätten, noch mehr beftärkt, be 
freuzten ſich und flohen, fo fihnell fie fonnten, von 


bannen. Hildegard wagte, in frommer Scheu nicht, ihre . 


Augen zu dem Eichenbaume zu erheben, von dem ihr 
die wunderbare Rettung gefommen war und richtete 
ein brünftiges Daufgebet an die heilige Zungfran. Da 
hörte fie ein Raufchen in den Zweigen und auf dem 
Boden und ehe fie noch umfchauen konnte, fühlte fie 
ihren Arm und ihr Gewand ergriffen nnd mit Küffen 
und freudigen Thränen bedeckt. Ed war Die treue 
Zofe, welche Talands Rachſucht entgangen war. Im 
tiefen Walde nad) menfchlihen Wohnungen bange 
umbherirrend, hatte fie vor den nahenden rauhen Mäns 
neritimmen in dem dichten Laube des Eichenbaumd 


Die Königin Hildegardis, 265 


Schub gefucht, und war fo durch gnädige Fügung bes 
Himmeld der Rettungs- Engel ihrer ſchuldloſen Gebie⸗ 
terin geworden. 

Nachdem Beide in wiederholtem heißen Gebete 
Ruhe und Vertrauen gefunden hatten, bereiteten ſie ſich 
unter der Eiche ein Lager von Blättern und ſchliefen 
in ſüßen Träumen, bis der Morgen von unzähligen 
Vogelſtimmen ſchmetternd verkündet wurde. Waldbeeren 
und Kraͤuter, welche ſie in Menge fanden, dienten den 
beiden Frauen zum Frühmahl, und Gottes Hülfe ver⸗ 
trauend, drangen ſie hierauf muthigen Herzens in den 
dichten Wald hinein. 

Unterdeſſen waren die von Taland zum Morde 
ausgeſandten Knappen nad) Hofe zurückgekehrt und 
hatten, in der Furcht, von dem ſtrengen Herrn übel be⸗ 
handelt zu werden, demſelben angeſagt, daß ſie ſein 
Gebot vollzogen hätten, ihm auch zum Beweiſe ihre 
noch vom Blute triefenden Schwerter, mit welchen fie 


- vorher eine Hirfchfuh getödtet hatten, vorgezeigt. 


F 


Zaland Iobte und belohnte die Knappen und bes 
richtete dem Könige, welcher kurz darauf feinen Einzug 


- Bielt, daß fein Befehl vollzogen und die fchnöde Vers 


rätherin an der Ehre feines Ehebetts nach Würden bes 
ftraft fei. Worauf der König in finfterem Trübfinn 
durch ſtummes Kopfniden feine Zufriedenheit ausdrückte, 
hinführo aber alle Heiterkeit verlor und an Feinerlei 
Ding mehr Freude hatte, 

Als Hildegardis mit ihrer treuen Zofe mehrere 
Tage lang im Walde herumgeirrt war, fanden fie eine 
Klausnerhütte, deren Bewohner, ein ehrwürdiger Greis 


266 Die Königin Hildegardis. 


mit langem Silberbarte, ihnen bereitwillig ein obwohl 
kümmerliches Obdach bot. Hier, von der ganzen übri⸗ 
gen Welt abgefchieden, lebten die Frauen eine geraume 
Zeit und füllten die Stunden ded Tages größtentheils 
mit Gebet und frommen Webungen aus. Hildegarbis 
benußte ihre Muße noch befonders, indem fie die. Heil 
fräfte der Pflanzen und Kräuter erforfchte, eine Bes 
fchäftigung, der fie in früher Sugend fchon mit Vorliebe 
obgelegen hatte, und worin fie der alte Klausner mit 
feinen weifen Belehrungen unterftüßte. Auf den Rath 
ded Greifed, dem Hildegardis ihren Stand und and 
ihr Geſchick entdeckt hatte, verließen fie endlich bie 
Klaufe, um nad) Rom zu pilgernz; dort, fagte er, 
würde Die unſchuldig Verfolgte beim heiligen Vater 
Schuß, und, ſetzte er in feierlich »prophetifchem zone 
hinzu, Gerechtigkeit finden. 

In der nächſten Stadt vertaufchten die Frauen 
ihre Kleidung gegen Pilgeranzüge und wanderten mu⸗ 
thigen Herzend nad) Nom. Andächtig betraten fie die 
heilige Stadt, befuchten alle Kirchen und wurben des 
Segens des heiligen Vaters der Chriftenheit theilhaftig. 
Um ihr Leben zu friften, wie ihren frommen Neigun⸗ 
gen Genüge zu thun, fing bier Hildegard an, die 
Kunft auszuüben, welche fie in fröhlicher Sugendzeit in 
der Stille ihrer Heimathwälder erlernt hatte, und 
worin ihr. tiefere Kenntniß durch den weifen. Walb⸗ 
bruder verfchafft worden war... Die Kranken und Ge 
brechlicyen fuchte die hohe Frau auf und brachte ihnen 
Hilfe und Heilung; Denen, die Fein Kraut und Feine 
Salbe mehr retten mochte, erleichterte fie den Heimtgang 


— — 


Die Königin Hildegarbis. 267 


Durch frommen, erbaulichen Zufpruch; bergeftalt, daß 
die ganze Stadt Nom die Tugend und göttliche Kunft 
der Frau Doloroſa (ſo hatte fie fich genannt) yries, 
und Alle die da-Gebreften hatten, zu der hohen Duls 
derin famen, fich heilen zu laſſen, und den Troſt ihrer 
frommen Rebe zu empfahen. Und wie nın nad und - 
nach der Ruf der heiligen Aerztin fic weiter und weiter 
ausbreitete, hörte auch der Papſt Hadrian von ihrem 
wohlthätigen Wirken und ald er einftend in Prozefs 
fion nach der Kirche zog und bie fromme Frau am 
Eingange nieberfniete, den Saum feines Gewandes zu 
küſſen, ertheilte er. ihr vor allem Volke feinen Segen 

Sp gefchah ed denn auch, daß ‚Pilger, Die von 
Rom nach Deutfchland kamen, an dem Hofe Kaifer 
Karls von der Frau Dolorofa und ihren wunderbaren 
Heilungen erzählten. 

Mit Begierde hörte ſolche Mähr der Bruder bes 
Königs, Taland, welcher in einer böfen Krankheit das 
Augenlicht verloren hatte, Gottes Strafgericht in Dies 
fem Verhängniß wohl erfennend, hatte der übelberathene 
Ritter feine Miffetbat an der unfchuldigen Königin 
innig bereut, aber in Furcht vor Karls vernichten 
dem Zorne hatte er diefem nichts zu entdecken gewagt 
und die Vergebung feiner ſchweren Sünde von ber 
Barmherzigfeit Gottes und der Fürfprache des heiligen 
Geifted der unfchuldig Gemordeten erfleht. Als nun 
der König Karl befchloß, einen Zug nach Rom zu thım, 
bat ihn Taland, daß er ihn mitnehmen möchte, um 
von der weitgepriefenen Heilfundigen Genefung zu ges 
winnen, welches ihm ber König auch gern bewilligte. 


268 Die Königin Hildegardis, 


Das Gerücht von des Königd Anzuge verbreitete 
fih bald in der heiligen Stadt und ward der frommen 
Dulderin Hildegardid von ihrer getreuen Zofe alsbald 
hinterbracht. Mit Herzpochen vernahm fie den Bericht 
und eine Ahnung fagte ihr, daß fich jeßt des Klausners 
prophetifches Wort an ihr erfüllen und fie das Ende - 
ihres unverdienten Leidens fehen werde. Mit Inbrunſt 
warf fie fid) vor dem Altare der Mutter Gottes nieder, 
und erleichterte, unfähig de Mortes, in heißen Zähren 
ihre- beffommene Bruft. | | 

Der König Karl zog in Nom ein, fein Bruder mit 
ihm. Am felbigen Tage noch befchicdkte Leßterer bie 
fromme Heilfundige und ließ ihr anfagen, daß er am 
anderen Morgen su ihr fommen würde, Hilde gardis 
erwartete ihn beruhigt und geſtaͤrkt; und als nun ihr 
bitterſter Feind, mit Blindheit geſchlagen, Hüffe ſuchend, 
vor ihr ftand, fprach fie zu ihm: „Bevor ich End, 
Herr, im Namen Gottes, feined Sohnes und ber hei 
ligen Sungfrau von Euren Gebrechen au heilen unters 
nehme, ift es nöthig, daß Ihr Euch durch freimillige 
Befenntniß Eurer Sünden und Vergehen entlebigt, 
damit Shr der Gnade Gottes durch meine Hand theil 
baftig werden möget. Knieet alfo nieder, befennet 
Eure Sünden und thut mir Eure Neue kund!“ 

Taland. verfegte hierauf: „Wohl babe ich, heilige 
Fran, der Sünden mancherlei begangen, als ein ſchwa⸗ 
cher, gebrechliher Menſch; aber Feine brüdt mid 
fchwerer als die, fu ich an einer reinen und tugend 
haften Frau volführet, welche ich, götttlichen und - 
menfchlichen Gefegen zuwider, verläumbet und elendiglid 


Die Königin Hildegardis, 269 


rderbt habe. So die göttliche Gnade mir Diefe fchwere 
ünde ‚verziehe, dürfte ich Die Vergebung aller andern 
Gewißheit erhoffen. 

„Und habet Ihr, fuhr Die Beichtigerin fort, Euer 
erbrechen auch Dem bekannt, den Ihr nach Gott 
durch am meiften gefränft und beleidigt habet?“ 

. Zögernd antwortete Taland: „Ich habe es nicht 
wagt, aud Furcht vor harter Strafe; denn der, 
n ich gefränft, ift mein Herr.” Darauf Hildegard: 
Des Himmels Zorn ruht ſchwerer auf dem Sünder, 
an itdifche Züchtigung; ‚auch kann ich Euch nicht hei⸗ 
i, bevor ihre Jenem nicht befaunt habet. Wofern 
w biefes aber thun mwollet, öffentlich und unverholen, 
will ich für Euch bitten, daß Euch vergeben werbe. 
Nach kurzem Bedenken erwiderte darauf Taland 
tiehloffen: „Euer Rath, heilige Fran, ift gut, denn 
it beſſer, daß ich durch irdifchen Tod büße, als daß 
ine ewige Geligfeit verloren gehe. Kommet, ich bitte 
ich, mit mir und feid Zeuge meiner Befenntniß, und 
ndet, wenn Shr könnt, meines Herrn Zorn von mir!” 

Er Tieß fih darauf von feinen Dienern vor den 
Inig führen, der eben mit bem heiligen Bater einen 
viefprach hatte, und Hildegardis mit ihrer Zofe bes 
eiteten ihn. Taland warf ſich dem Bruder zu Füßen, 
ihrend Jene mit ber Zofe an der Thüre ftehen blie- 
n, und befannte, indem er eine herzliche Bitte um 
ergebung vorausfchicdte, in bemüthigen und reuigen 
zorten feine Miffethat. | 

Sprachlos vor Staunen und Entrüftung hörte 
arl den Bericht von bem fchnöden Berrathe an, feine 


270 Die Königin Hildegardis. 


Hand, die ſchnelle Dienerin feines Zornd, ergriff das 
Schwert, um den Böfewicht zu firafen; — ba trat 
Hildegardis hervor, Fnieete, den Bedrohten ſchützend, 
vor dem Könige nieder und rief aud: „Haltet ein, 
hoher Herr, der Himmel hat ſchon gerichtet; an Euch 
ift e8, zu vergeben!’ Der König trat, von nenem 
Staunen ergriffen, und feinen Augen, welche ibn das 
Bild der todtgeglaubten Gemahlin erbliden, feinen 
Dhren, welche ihn die Stimme berfelben vernehmen 
ließen, mißtrauend, zurück; Hildegardid aber ging zu 
dem Blinden, geleitete ihn zu feinem Site, und ba, 
nachdem fie ihn bedeutet hatte, fich ſtill zu verhalten 
und feine Seele Gott zuzuwenden, unternahm fie die 
unfchwere Heilung und gab dem Ritter das Licht der 
Augen wieder. Das Erfte, was er erblickte, war feine 
Retterin; — und, wie der König erſtaunt, ja entfebt, 
da er ein Gefpenft zu fehen vermeinte,. flürgte er zu 
ihren Füßen nieder, laut ausrufend: ,„Wofern nicht 
‚ein trügerifcher Schein an die Stelle meiner Blindheit 
getreten ift, fo fehen meine Augen den Geift Derer 
die ich tödten ließ!“ | 

„Nicht ihren Geiſt fehet Ihr — fie felbft, die Gott 
von dem Zode gerettet, Euch vor der Sünde bewahret, 
und — hier wandte fie ſich zu dem in ihre Arme ftür 
. genden Könige — meinem gnädigen Herrn und Gemahl 
feine treue ©attin erhalten hat!” 

Der Papſt fegnete Das wiedervereinigte hohe Paar 
und der König Karl vergab in der Freude feines Her 
zen feinem reuevollen Bruder; worauf Alle heimzogen 
nad) Deuifchland, wohin die Kunde von dem glüd 


Die Königin Hildegardie. - 2971 


Yichen und wunderbaren Ereigniß ihnen bereitö vorans 
gegangen war und allgemeine Freude bei Hohen und. 
Niedern verbreitet hätte. . 

Noch lange Sahre erfreute fich der König Karl des 
Beſitzes feiner vielgeliebten Hildegardie, und Fonnte 
nicht fatt werden, von Neuem und immer wieder die 
Gefchichte von ihrer Rettung und ihren Wanderungen 
zu: vernehmen, feine Leichtgläubigfeit zu beflagen und 
Gott zu danken, der Alles fo wohl und zum Heile ge⸗ 
lenkt hatte. Auch des Hoffräuleindg wurde nicht vers 
geffen, welche dad Werkzeug der Rettung ihrer Ges 
bieterin und deren treue DBegleiterin in allen ihren - 
Fähren und Nöthen geweien war. Sie wurde zur be> 
ftändigen Hofdame der Königin ernannt und einem 
hohen Herrn des Reiches vermählt. 


Adolf von Hafau und Imagina. 


Ein granfer Krieg durchtobte das fehöne Thüringer 
Land. Die wohlthätige Ruhe, welcher. Deutfchland fi 
unter Rudolfd von Habsburg Fräftiger Regierung leider 
nur auf zu kurze Zeit erfreut hatte, war mit ihm vers 


fhwunden; der Graf von Naffau, welchen die Wähler 


des Reiches ihm zum Nachfolger gegeben, hielt, feines 
entfchloffenen Karakters und perfönlichen Muthed un 
geachtet, die Zügel nur mit unficherer Hand, und fein 
zu fichtbareö Beftreben, die geringe Macht feined Stamm: 
haufes zu vermehren, fchadete feinem Anfehn mehr, ald 
die zahlreichen Feinde, die er ſich fchon gemacht und 
die ſich um Albrecht von Deftreih, Kaifer Rudolf 
Sohn, fohaarten, der im Naffauer nur den Räuber der 
Reichskrone fah, von welcher er geglaubt hatte, fie 
Tonne ihm felbft nicht entgehn. 


Adolf von Naſſau und Smagina, 273 


Eine wilfommene Beranlaffung hatte ſich dem Kb, 
nige dargeboten, feine eignen Beſitzungen zu vergrößern. 
In Meißen und Thüringen herrfchte Landgraf Albrecht, 
den man den Ausgearteten nannte, feines unnatürlichen 
Betragend gegen feine Gemahlin, die hohenftaufifche 
Margarethe und gegen feine Kinder, Friedrih und 
Diepmann wegen, deren traurige Schickſale fo oft wies 
dererzählt worden find. Diefer, um feine eignen Söhne, 
mit denen er immer im Unfrieden lebte, gewiffermaßen - 
zu enterben, verkaufte auf dem Nürnberger Reichstage 
fein Land dem Könige für die Summe von 12000 
Marf Silbers. Inwieferne das Recht auf Adolf Seite 
war, dies zu erörtern iſt hier der Ort nicht: daß er 
weber ug noch edel handelte, bewies der Eindrud, den 
die Verhandlung hervorbrachte, und der Auögang. Die 
jungen Landgrafen fetten feinem Vorrücen Widerftand 
‚entgegen, aber vergebend. Eiſenach, die in einer ro» 
mantifchen Gegend zwifchen Waldungen von Eichen 
und Tannen gelegene Stadt, auf welche der alte Fürs 
ftenfiß, die Wartburg, von grüner Höhe herabfchaut, 
wurde erobert; viele Graufamfeiten wurden begangen, 
die Einwohner geplündert, die Dorffchaften vermüftet. 

Es traf fich nun, daß, ald das Fönigliche Heer vor 
Freiburg im Dfterland lagerte, Adolf einen Streifzug 
begleiten wollte, den er zur Erforfchung der Gegend 
ausfante. Schaaren Iandgräflicyen Kriegsvolks, durch 
bewaffnete Bauern verftärft, ließen fid hie und da 
blicken; auf eine folche ftieß der König mit den Seini—⸗ 
gen. Das Gefecht währte nicht lange, und die Thüringer 
wichen, aber Adolf wurde bedeutend am Arme verwundet 


274 Adolf von Naſſau und Imagina. 


Zum Lager zurückzukehren, hätte zu großen Verzug 
herbeigeführt: man mußte ſich alſo nach einer einftweilis 
gen Nuheftätte umfehn. Ausgefandte Reiter Fehrten 
mit der Nachricht zurüd, daß nicht weit von da, am 
Eingange der Waldung, ein Klofter liege. Dakin ber 
ſchloß man zu ziehn. Bald gelangte man and äußere 
Thor: es war ein Nonnenftift, und den Ankommenden 
wurde der Eintritt verfagt. Nur nach langen Borftels 
Iungen ließ man den Berwundeten mit einem feiner 
Begleiter ein; ein Theil der Neifigen lagerte in ber 
Nähe, während die Andern ind Lager zurüdkritten, um 
Kunde vom Gefchehenen zu geben. 

Mehre Wochen waren vorübergegangen, während 
deren Adolf die freundlichfte Pflege im Klofter fand. 
Die Wunde war ernfihafter ald ed Anfangs fchien; 
Die Ungeduld des Königs, zu den Seinen zurüdfzufehs 
ren, und die angeborne Heftigfeit feines Karakters ver: 
mehrten das Fieber, in welchem er bie erften Tage über 
lag. In den halbwachen Träumen, welche ihn quälten, 
war es ihm oft, als ftehe ihm, während dad Geräufd 
ded Kampfes ihn zu umtoben oder abmwechfelnd die 
Stille eines Grabed zu umgeben fihien, ein fehügender 
Engel zur Seite, feine Leiden lindernd, die Schweiß 
tropfen der Angft und der zweckloſen fieberhaften Anſtren⸗ 
gung abtrocknend auf feiner Stirne. Ald er wieder zum 

Bewußtſein kam und die Augen aufgehn ließ, da fa 
er ein junges Mädchen neben feinem Lager: die Kleis 
"dung fündigte fie ald eine Novize an, Sie war fein 
Engel gewefen: fie hatte bei ihm gewacht und gebetet und 
feine brennenden Lippen gefühlt mit wohlthätigem Tranke. 


Abolf von Raffau und Imagine, 275 


Nun genas der’ König ſchnell. Seine Eräftige Na- 
tur trug bald den Sieg über die nach ber Krankheit 
zurüdgebliebene Mattigkeit davon und nad) 'einigen 
Tagen fühlte er fich wieder im Stande zu dem Heere 
zurüdzufehren. Aber wenn die im Kampf erhaltene 
Wunde ihn nicht mehr fohmerzte, fo that e& eine Wunde 
im Herzen. Und er litt nicht allein. Die, welche ihn 
fo treu gepflegt, die junge Smagina fcehauderte bei dem 
Gedanken, daß irdifche Liebe ihre Bruſt erfülle, bie 
fih) nur der himmlischen weihen follte — und befaß 
Doch nicht Kraft genug, ihre Leidenfchaft zu beſiegen. 

In Ddiefem heftigen Kampfe der Empfindungen 
wünſchte fie den Augenblic® herbei, wo Adolf fcheiden 
mußte, und body zitterte fie, wenn fie an dieſen Augens 
blick Dachte. Dem Könige konnte nicht entgehn, was vor« 
ging im Herzen der Jungfrau. Endlich machte er fie 
mit dem Zuftand feines eignen Innern bekannt; er bat 
fie ihn nicht zu verlaffen, da es ihm unmöglich fein 
würde ohne fie zu leben; er fchlug ihr vor mit ihm zu 
fliehen. Anfangs fträubte ihr Pflichtgefühl fich heftig, 
aber ihre Schwäche gab endlidy der Stimme per Vers 
Iodung Gehör. Während der Nacht, die dem zu Adolfs 
Abreiſe beftimmten Tage voranging, lag fie auf den 
Knieen vor dem Altar der Klofterfirche, weinend und 
betend; bie ftille Hoffnung welche fie nährte, der Schuß« * 
engel deſſen werben zu können, ben fie liebte, Gutes 
zu wirken durch feinen Einfluß, befchwichtigte einiger, 
maßen die anflagende Stimme ihre Gewiſſens. 

Am folgenden Tage zog der König ab. Bis gegen 
Abend harrte er, hinter feinen Begleitern zurückbleibend, 


268 Die Königin Hildegarbie, 


Das Gerücht von des Königs Anzuge verbreitete 
ſich bald in der heiligen Stadt und ward der frommen 
Dulderin Hildegardid von ihrer getreuen Zofe alsbald 
binterbradht. Mit Herzpochen vernahm fie den Bericht 
und eine Ahnung fagte ihr, daß ſich jet des Klausners 
prophetifches Wort an ihre erfüllen und fie Das Ende 
ihres unverdienten Leidens fehen werde. Mir Inbrunſt 
warf fie. fi) vor dem Altare der Mutter Gottes nieder, 
und erleichterte, unfähig des Wortes, in heißen Zähren: 
ihre beklommene Bruſt. | | 
Der König Karl zog in Rom ein, fein Bruder mit 
ihm. Am felbigen Tage noch beſchickte Lebterer bie 
fromme Heilfundige und ließ ihr anfagen, daß er am 
anderen Morgen gu ihr kommen würde. Hilde gardis 
erwartete ihn beruhigt und geftärft; und ala num ihr 
bitterfter Feind, mit Blindheit gefchlagen, Hüffe fuchend, 
vor ihr fand, ſprach fie zu ihm: „Bevor ich Euch, 
Herr, im Namen Gottes, feined Sohnes und der heis | 
ligen Sungfrau von Euren Gebrechen au heilen unters 
nehme, ift es nöthig, daß Ihr Euch durch freimillige 
Bekenntniß Eurer Sünden und Vergehen entlebigt, 
damit Ihr der Gnade Gottes durch meine Hand theil 
haftig werden möget. Knieet alfo nieder, befenne 
Eure Sünden und thut mir Eure Neue kund!“ 
Zaland. verfegte hierauf: „Wohl babe ich, heilige 
Frau, der Sünden mancherlei begangen, ald ein ſchwa⸗ 
cher, gebrechlicher Menfch; aber Feine drückt mid 
ſchwerer ald die, fu ich an einer reinen und tugend⸗ 
haften Frau vollführet, welche ich, götttlichen und 
menfchlichen Gefegen zuwider, perläumdet und elendiglich 


Die Königin Hildegardis. 269 


verberbt habe. So die göttliche Gnade mir dieſe ſchwere 
Sünde ‚verziehe, dürfte ich die Vergebung aller andern 
in Sewißheit erhoffen. 

„Und habet Ihr, fuhr die Beichtigerin fort, Euer 
Verbrechen aud Dem bekannt, den Shr nach Gott 
dadurch am meiften gefränft und beleidigt habet ?“ 

Zögernd antwortete Taland: „Ich habe es nicht 
gewagt, aud Furt vor harter Strafe; denn der, 
ben ich gefränft, ift mein Herr.” Darauf Hildegard: 
„Des Himmels Zorn ruht fchwerer auf dem Sünder, 
denn itdifche Züchtigung; auch kann ich Euch nicht hei⸗ 
len, bevor ihr Jenem nicht befaunt habet. Wofern 
hr dieſes aber thun wollet, öffentlich und unverholen, 
fo wi ich für Euch bitten, daß Euch vergeben werbe. 

Nach kurzem Bedenken erwiderte darauf Taland 
entfehloffen: ‚Euer Rath, heilige Frau, ift gut, denn 
es ift befier, daß ich durch irdifchen Tod büße, als Daß 
meine ewige Seligfeit verloren gehe. Kommet, ich bitte 
Euch, mit mir und feid Zeuge meiner Bekenntniß, und 
wendet, wenn Ihr könnt, meines Herrn Zorn von mir!“ 

Er ließ ſich darauf von feinen Dienern vor den 
König führen, der eben mit dem heiligen Vater einen 
Zwiefprac hatte, und Hildegardis mit ihrer Zofe bes 
gleiteten ih. Zaland warf ſich dem Bruder zu Füßen, 
während Jene mit der Zofe an der Thüre ftehen blie- 
ben, und befannte, indem er eine herzliche Bitte um 
Bergebung vorausfchicte, in demüthigen und reuigen 
Worten feine Miffethat. | 

Sprachlos vor Staunen und Entrüftung hörte 
Karl den Bericht von dem ſchnöden Berrathe an, feine 


270 Die Königin Hildegardis. 


Hand, die fchnelle Dienerin feines Zornd, ergriff dad 
Schwert, um den Böfewicht zu firafen; — ba trat 
Hildegardid hervor, Fnieete, den Bedrohten fchügend, 
sor dem Könige nieder und rief aus: „Haltet ein, 
hoher Herr, der Himmel hat fchon gerichtet; an Euch 
ift e8, zu vergeben!’ Der König trat, von nenem 
Staunen ergriffen, und feinen Augen, welche ihn das 
Bild der todtgeglaubten Gemahlin erbliden, feinen 
Dhren, welche ihn die Stimme berfelben vernehmen 
ließen, mißtrauend, zurück; Hildegardid aber ging zu 
dem Blinden, geleitete ihn zu feinem Site, und da, 
nachdem fie ihn bedeutet hatte, fich ſtill zu verhalten 
und feine Seele Gott zuzumwenden, unternahm fie bie 
unfchwere Heilung und gab dem Ritter das Licht der 
Augen wieder. Das Erfte, was er erblidte, war feine 
Retterin; — und, wie der König erflaunt, ja entfekt, 
da er ein Gefpenft zu fehen vermeinte,. fürzte er zu 
ihren Füßen nieder, laut ausrufead: „Wofern nicht 
‚ein trügerifcher Schein an die Stelle meiner Blindheit 
getreten ift, fo fehen meine Augen den Geift Derer 
Die ich tödten ließ!“ | 

„Nicht ihren Geift fehet Ihr — fie felbft, die Gott 
von dem Tode gerettet, Euch vor der Sünde bewahret, 
und — hier wandte fie fich zu dem in ihre Arme ftir 
senden Könige — meinem gnädigen Herrn und Gemahl 
feine treue Gattin erhalten hat!’ 

Der Papſt fegnete das wiedervereinigte hohe Paar 
und der König Karl vergab in der Freude feines Her 
zens feinem reuevollen Bruder; worauf Alle beimzogen 
nad Deuifchland, wohin die Kunde von dem glüd 


Die Königin Hildegarbie, — 271 


lichen und wunderbaren Ereigniß ihnen bereitd voran- 
gegangen war und allgemeine Freude bei Hohen und 
Niedern verbreitet hätte. 

Noch lange Fahre erfreute fich der König Karl des 
Befitesd feiner vielgeliebten Hildegardis, und konnte 
nicht fatt werden, von Neuem und immer wieder die 
Gefchichte von ihrer Rettung und ihren Wanderungen 
zu: vernehmen, feine Leichtgläubigfeit zu beklagen und 
Gott zu danken, der Alles fo wohl und zum Heile ge- 
lenkt hatte. Auch des Hoffräuleins wurde nicht ver: 
geffen, weldye das Werkzeug ber Rettung ihrer Ges 
bieterin und deren treue DBegleiterin in allen ihren - 
Fähren und Nöthen gewefen war. Sie wurde zur be- 
ftändigen Hofdame der Königin ernannt und einem 
bohen Herrn des Reiches vermählt. 


Adolf von Naſſau und Imagine. | 


Ein graufer Krieg durchtobte das ſchöne Thüringer 
Land. Die wohlthätige Ruhe, welcher. Deutfchland ſich 
unter Rudolfd von Habsburg fräftiger Regierung leider 
nur auf zu kurze Zeit erfreut hatte, war mit ihm vers 
ſchwunden; der Graf von Naſſau, welchen die Wähler 
des Reiches ihm zum Nachfolger gegeben, hielt, feines 
entfchloffenen Karafterd und perfönlichen Muthes uns 
geachtet, die Zügel nur mit unficherer Hand, und fein 
zu fichtbares Beftreben, die geringe Macht feines Stamm: 
haufes zu vermehren, fchadete feinem Anfehn mehr, ald 
die zahlreichen Feinde, die er fich fchon gemacht uud 
die fi) um Albrecht von Deftreih, Kaifer Rudolfs 
Sohn, fehaarten, der im Naffauer nur den Räuber der 
Reichskrone fah, von welcher er geglaubt hatte, fie 
könne ihm felbft nicht entgehn. 


Adolf von Naſſau und Imagine. 273 


Eine willfommene Beranlaffung hatte fi dem Koͤ⸗ 
nige Dargeboten, feine eignen Befigungen zu vergrößerm, 
In Meißen und Thüringen herrfchte Landgraf Albrecht, 
den man den Ansgearteten nannte, feines unnatürlichen 
Betragend gegen feine Gemahlin, die hohenftaufifche 
Margarethe und gegen feine Kinder, Friedrich und | 
Diekmann wegen, deren traurige Schicfale fo oft wies 
dererzählt worden find. Diefer, um feine eignen Söhne, 
mit denen er immer im Unfrieden Iebte, gewiffermaßen - 
zu enterben, verkaufte auf dem Nürnberger Reichstage 
fein Land dem Könige für die Summe von 12000 
Marf Silberd. Inwieferne das Recht auf Adolf Seite 
war, died zu erörtern ift hier der Ort nicht: daß er 
weder Flug nod) edel handelte, bewies der Eindrud, den 
die Verhandlung heroorbrachte, und der Ausgang. Die 
jungen Landgrafen fetten feinem Vorrücken Widerftand 
‚entgegen, aber vergebend. Eiſenach, bie in einer ro» 
mantifchen Gegend zwifhen Waldungen von Eidjen 
und Tannen gelegene Stadt, auf welche der alte Fürs 
ftenfiß, die Wartburg, von grüner Höhe herabfchaut, 
wurde erobert; viele Graufamfeiten wurden begangen, 
die Einwohner geplündert, die Dorffchaften verwüſtet. 

Es traf ſich nun, daß, ald das Fönigliche Heer vor 
Freiburg im Ofterland lagerte, Adolf einen Streifzug 
begleiten wollte, den er zur Erforfchung der Gegend 
ausfandte, Schaaren landgräflichen Kriegsvolks, durch 
bewaffnete Bauern verftärkt, Tießen fih hie und da 
blicken; auf eine folche fließ der König mit den Geinis 
gen. Das Gefecht währte nicht lange, und die Thüringer 
twichen, aber Adolf wurde bedeutend am Arnie verwundet 


974 Adolf von Naffau und Imagina, 


Zum Lager zurüdzufehren, hätte zu großen Verzug 
herbeigeführt: man mußte füch alfo nad) einer einftweilis 
gen Nuheftätte umfehn. Audgefandte Reiter Fehrten 
mit der Nachricht zurüd, daß nicht weit von da, am 
Eingange der Waldung, ein Klofter liege. Dakin be 
ſchloß man zu ziehn. Bald gelangte man ans Äußere 
Thor: es war ein Nonnenftift, und den Ankommenden 
wurde der Eintritt verfagt. Nur nad) Sangen Borftel 
Iungen ließ man den Verwundeten mit einem feiner 
Begleiter ein; ein Theil der Neifigen lagerte in ber 
Nähe, während die Andern ind Lager zurückritten, um 
Kunde vom Gefchehenen zu geben. 

Mehre Wochen waren vorübergegangen, während 
deren Adolf die freunblichite Pflege im Klofter fand. 
Die Wunde war ernfthafter ald ed Anfangs fchien; 
die Ungeduld des Königs, zu den Seinen zurückzukeh⸗ 
ren, und die angeborne Heftigfeit feines Karakters ver: 
mehrten das Fieber, in welchem er bie erfien Tage über 
lag. Sn den halbwachen Träumen, welche ihn quälten, 
war es ihm oft, als ftehe ihm, während das Geraͤuſch 
ded Kampfes ihn zu umtoben oder abwechfelnd bie 
Stille eined Grabed zu umgeben fchien, ein fchügender 
Engel zur Seite, feine Leiden Iindernd, Die Schweiß 
tropfen der Angft und der zweckloſen fieberhaften Anftren 
gung abtrodnend auf feiner Stirne. Als er wieder zum 

Bewußtſein fam und die Augen aufgehn Tieß, da fah 
er ein junges Mädchen neben feinem Lager: bie Kleis 
dung fündigte fie ald eine Novize an, Sie war fein 
Engel gewefen: fie hatte bei ihm gewacht und gebetet und 
feine brennenden Lippen gefühlt mit wohlthätigem Tranle. 


Abolf von Raffau und Imagine, 275 


Nun genas der König fchnell, Seine Fräftige Nas 
tur trug bald den Sieg über die nach der Krankheit 
zurüdgebliebene Mattigkeit davon und nad, 'einigen 
Tagen fühlte er fich wieder im Stande zu dem Here 
zurüdzufehren. Aber wenn die im Kampf erhaltene 
Wunde ihn nicht mehr fchmerzte, fo that eö eine Wunde 
im Herzen. Und er litt nicht allein. Die, welche ihn 
‚10 treu gepflegt, die junge Smagina fchauderte bei dem 
Gedanken, daß irdifche. Liebe ihre Bruft erfülle, bie 
ſich nur der bimmlifchen weihen follte — und befaß 
doch nicht Kraft genug, ihre Leidenfchaft zu befiegen. 

Sn diefem heftigen Kampfe ber Empfindungen 
wäünfchte fie den Augenblick herbei, wo Adolf fcheiden 
mußte, und Doch zitterte fie, wenn fie an biefen Augen 
blick dachte. Dem Könige konnte nicht entgehn, was vors 
ging im Herzen der Jungfrau. Endlich machte er fie 
mit dem Zuftand feines eignen Innern befannt; er bat 
fie ihn nicht. zu verlaffen, da ed ihm unmöglich fein 
würbe ohne fie zu leben; er fchlug ihr vor mit ihm zu 
fliehen. Anfangs firäubte ihr Pflichtgefühl fich heftig, 
aber ihre Schwäche gab endlich der Stimme per Vers 
Iodung Gehör. Während der Nacht, die dem zu Adolfs 
Abreiſe beftimmten Tage voranging, lag fie auf ven 
Knieen vor dem Altar der Klofterfirche, weinend und 
‚betend; die ftile Hoffnung welche fie nährte, der Schutz⸗ 
engel beffen werben zu koͤnnen, ben fie liebte, Gutes 
zu wirken durch feinen Einfluß, befchwichtigte einigers 
maßen die anflagende Stimme ihres Gewiſſens. 

Am folgenden Tage z0g der König ab. Bid gegen 
Abend harrte er, hinter feinen Begleitern zurückbleibend, 


276 Adolf von Naffau und Imagine, 


in ber Nähe des Kloſters. Als es dunkel geworden 
war, zeigte Imagina fi) an der Pforte: ein Mantel 
verhuͤllte ſie. Adolf hob ſie auf einen bereitgehaltenen 
Zelter und raſch gings nach dem Lager hin. Ohne be⸗ 
merkt zu werden, blieb Imagina, nachdem ſie ihre 
Kleidung gegen Männertracht vertauſcht, in einem 
Zelte: nur ein Vertrauter des Königs wußte um dad 
Geheimniß. Nicht lange darauf glaubte Adolf das Land 
verlaffen zu können, welches nun größtentheild in feine 
Gewalt gegeben war, fo wenig auch die Herjen der 
Bewohner ihm gehörten, und zog dem heimifchen 
heine zu. | | 

Nicht weit von dem heiffpendenden Schwalbach 
Viegt am Ufer ber Yar, welche fich durch eine. felfige 
Gegend ihren Weg bahnt, ein nur von wenigen Famis 
lien, nur Landleuten, bewohnte Dörfchen, bei welchem 
die Trümmer einer alten Burg ſich trauernd erheben. 
Noch in unfern Tagen hat Adolfseck den Namen ſei⸗ 
ned Erbauerd bewahrt. Hier, in dieſem abgelegenen, 
ſtillen Winfel, wohin nur felten das Geräufh der Welt 
drang, barg der Raffauer die Entführte; hier genoß er 
- in den Stunden, welche fein unruhiges, bewegtes Leben, 
feine faft anhaltenden Kriege ihm frei Tießen, an ihrer 
Seite des Glückes der Liebe. Aber bei Smagina drängte 
ſich ftetS wie ein finftrer Schatten zwifchen den ruhigen 
Genuß der Gegenwart und die Ausficht in die Zukunft 
die bange Ahnung, daß noch hier die Schuld, die fie 
auffich geladen, ihre Strafe finden werde. Sie Fonnte 
fich nicht verhehlen, daß Adolf immer ernfler und büftrer 
wurde, baß die Zuverſicht mit welcher er ſonſt bem 


Adolf von Naſſau und Imagine, 277 


-Kommenden entgegenfah, ſich allmälig verlor. Seine 
Abwefenheit von der Burg fand inmer häufiger und 
länger flatt; feine Zuneigung blieb warm und herzlich 
wie ehemals, aber es hatte fi etwas Wehmüthiges 
darin gemifcht, das feinem feurigen Karafter und feis 
nem ganzen Weſen fremde war. 

Als er eined Tages wieder zu dem Schloffe zuruͤck⸗ 
fehrte, Fonnte er der harrenden Geliebten Die Wahrheit 
nicht mehr verbergen. Ein unheildrohendes Gewitter 
hatte ſich über feinem Haupte zufammengezogen. Sn 
einer bis dahin unerhörten Verhandlung "hatten die 
Kurfürften, dazu vermocht durch mancherlei Ränfe und 
Berfprechungen, überdies fich getäufcht fehend in der 
Hoffnung, die fie gehegt hatten, im Grafen von Naſſau 
ein willenlofed Werkzeug zur Ausführung ihrer eignen 
Plaͤne zu erhalten, auf dem Kürftentag zu Mainz den 
König Adolf abgefegt und feinem ärgftien Gegner, dem, 
Herzog von Defterreich, die ihm entriffene Krone aufs. 
gefegt. Nichtig und ungerecht war die Mehrzahl ber 
gegen den Naffauer erhobenen Anklagen. Aber er war 
nicht der Mann, fid) ruhig zu fügen in die ihm anges 
thane Schmach, wobei feine Ehre nicht nur, fondern 
auch fein Dafein auf dem Spiele fland. Sein Anhang 
in Deutſchland war immer noch zahlreich genug, um 
feinen Feinden die Spige bieten zu können. Bald bes 
gann der Krieg mit Kleinen Gefechten, bald dem Eis 
nen, bald dem Andern Gewinn oder Berluft brin⸗ 
gend. Die feindlichen Heeredmaffen hatten fich Dem 
Rheine genähert, und eine entfcheidende Schlacht ſtand 
bevor. 


278 Abolf von Naffau und Imagine. 


Die Beforgniß um Adolf, welche den Bufen Imas 
gina's erfüllte, Titt ffe nicht mehr auf ihrer flillen Burg, 
Sie wollte ſich in den Stunden der Gefahr nicht von 
dem trennen, welcher ihr Alles war auf der Erde 
Meinend fchied fie, männliche Kleidung tragenb, von 
Adolfseck: es fchien ihr, als Laffe fie The ganzes Glück 
in ſeilen verödeten Gemächern. “Fünf Stunden vom 
alten Worms erſtreckt ſich die Ebene von Gelnheim, 
wo ber Blick eine große Strede Landes umfaßt, durd 
welche der Rhein ſtrömt und welche zur Rechten von 
der Kette des Hardtgebirges begrenzt wird. Hier flie 
Ben die Heere aufeinander, In dem bei Gelnheim ges 
legenen Klofter Rofentbal harrte Imagina des Aus 
ganged. Die bängften Beforgniffe erfüllten ihre Bruſt; 
fie hatte nicht Raſt nicht Ruhe, kaum behielt fie Fafs 
fung genug, um im Gebete die Sache und das Leben 
ihred Geliebten dem Herrn anzuempfehlen. So ging 
der Tag vorüber, ald gegen Abend dad Gerücht von 
der Niederlage des Königs ſich verbreitete. In grens 
zenlofer Verzweiflung flürzte Smagina hinaus; das Ges 
wühl nicht achtend, durchirrte fie das. mit Leichen befäete 
Schlachtfeld, Adolfs Namen rufend. Ueberall war 
Entfegen, Flucht, Plünderung. Ein Häuflein Krieger 
hatte fich-gefammelt, wo neben einem Eichbaum mehre 
Gefallene nahe bei einander am Boden lagen — mit 
einem Schrei des Entfeßend warf die Unglückliche ſich 
hber einen der Todten hin. 

Es waren die biutigen, verflümmelten Reſte Adolfs 
von Naſſau, die fie, feldft eine keiche, mit ihren Ars 
men umſchlang. 


—* 


Adolf von Naffau und Imagine, 979 


Der Kurfuͤrſt von Mainz, weicher dad Hauptwerk⸗ 
zeug zum DVerderben des Königed gewefen war, bem 
aber fein eigenes widriges Schickſal fich vorzuſpiegeln 
ſchien im Augenblick, wo er Jenen durch Albrechts Hand 
fallen ſah, [ließ den Leichnam im Kloſter Roſenthal 
beerdigen, da man ihm die Aufnahme in die Kaifergruft 
zu Speyer verfagte., Auf der Stelle, wo er gefallen, 
erinnern ein Kreuz und eine Inſchrift an feinen bius 
tigen Ausgang. Bon ihm reden aud die Trümmer - 
Adolfsecks, welche der unverföhnliche Albrecht bald nach 


der Gelnheimer Schlacht ſchonungslos durch feine Rotten 
zerſtoͤren ließ. 


* 


Eppflein. 


Heilſpendende Brunnen entfprudeln den anmuthigen 
Thälern des Taunus, an Erinnerungen reiche Burgen 
blicfen von feinen bewaldeten Höhen, die wie eine Kette 
das fihöne, fruchtbare Land umfchließen, welches auf 
dem rechten Ufer des Mains ſich dahin zieht. Mächtige 
und angefehene Gefchlechter wohnten hier nebeneinans 
der, wo Falfenftein, Königftein, Eppftein, Sonnenberg, 
Hohenftein Tiegen, wo der Altking und der Feldberg, 
an die Begebniffe altfränfifcher Gefchichte mahnend, 
ihre ſtolzen Häupter über die nachbarlichen Berge her 
vorfireden. | 

Wo jetzt, von Thal und Hügel eingefchloffen, in 
der fogenannten Naffauifchen Schweiz, dad Dorf Epp⸗ 
ftein mit dem hohen Thurme und den ftarfen Mauern 
Liegt, welches der Stammſitz weitgebietender und viel 
derfchwägerter Herren war, deren Geſchlecht dem 


Eppſtein. 281 


Mainzer Erzflift manchen Hirten gab: in dieſen nun 
ftillen Gegenden wohnte einjt ein ungefchladhter Rieſe. 
Auf feine Körperftärke troßend, wollte er Keinem ges 
ftatten, fidy im Thale anzufiedeln: mehr aber noch, als 
des Aderbauerd niedere Hütte, war ihm die Burg ded 
Edeln zuwider, und hätte ed an ihm gelegen, fo würde 
fein Mauerring fid) auf den Höhen des Taunus erho⸗ 
ben haben.. Da gefchah es emmal, daß er das Land 
verlaffen mußte, um einigen Ländern im Elſaß zu 
helfen, welche Mühe hatten, fi) der Angriffe der ſchwa⸗ 
chen, aber durch ihre Zahl und Gewandtheit übermie- 
genden gewöhnlichen Menfchenfinder zu erwehren. Kaum 
war der firenge Hüter von Aue und Wald fort, fo 
ftedte ın der Umgebung Alles die Köpfe zu den Fenftern 
hinaus und Iugte recht? und links, und nachdem die 
Leute ſich überzeugt hatten, daß dad Ungethum wirklich 
verfchwunden war, befamen fie Alle viel Muth, und 
nachdem fie tief Athem gefchöpft, befcjloffen fie ſich den 
Umftand zunuge zu machen und ohne langen Prozeß 
fi) in die liegende Erbfchaft zu theilen. Als fie damit 
im Gange waren und es ſchon manchen Zank und Has 
der abgefegt hatte, indem Feiner ded Andern Anfprüche 
gelten laſſen wollte, traf e8 fi), daß ein junger Nits 
terömann in das Thal fam. Diefen wählte die nneinige 
Gemeinde zum Schiedsrichter, und er verwaltete fein 
Amt, troz ‚feines nur unfcheinbaren Bartes, fo gut, 
daß nad) zwei Tagen alle Zwiftigfeiten beigelegt waren, 
und er felbft, zu feiner eignen Berwunderung, fid) im 
Befite des mit frifchem Grün bededten Hügeld fand, 
der ſich fanft. auffteigend aus der Niederung erhebt. 


282 Eypftein. 


Eppo, fo hießader Süngling, begriff fehe wohl 
feine Stellung und feine Pflichten. Sein Sädel war 
ziemlich leer, aber durd; Feinheit und Ueberredungstunft 
wußte er zu erſetzen, was ihm hier abging. Das Land⸗ 
volk Ternte bald einfehn, daß es nichtd befferes thun 
fönne, ald dem Ankömmling beim Bau einer Burg 
helfen, die mit denen der Nachbarn wetteifern würde, 
Wie fchön mußte fie fich mit ihren Zinnen zwifchen den 
dichten Waldungen auönehmen! Welchen Schuß Tonnte 
fie dem ganzen Rande bieten, wenn ed dem Rieſen ein 
mal wieder einftel, feine verlaffenen Befigungen zu bes 
fuchen! Die Wahrheit aber war, daß ber Ritter, 
- welcher gerade dieſen leßtern Grund am meiften her 
vorzuheben fich bemühte, fo wenig im Ernfte des Riefen 
gedachte, ald die Bewohner bed Thaled ed thaten. Es 
war nun eine rechte Luft, das rege Treiben und bie 
freudige Bewegung unter dem Voͤlklein zu fehn. Wäre 
Herr Eppo ein mächtiger Kürft gewefen, und hätte er 
über den Frohndienft Taufender und ben Arm ge 
ſchickter Werkleute verfügen fönnen: ber Burgbau hätte 
doch kaum gefchwinder vorfchreiten können. Die Mauern 
ſchienen aud dem Boden zu wachfen — die guten Lands 
leute vergaßen ihre eigenen Wohnungen drüber, und 
wenn ja einmal ein Vorüberziehender nach dem Grund 
biefer außerordentlichen Xhätigfeit fich erfundigte, fo 
erhielt er die Antwort: zu ihrer Aller und des Landes 
Wohl werde das Schloß gebaut. 

Eppo lachte ınd Käuftchen. Schon war Das untere 
Geſchoß fertig, und während einer fchönen Sommer: 
nacht hatte er fogar befchloffen, die wenigen Stunden 


Eppftein. 283 


ber Dunfelheit oben zuzubringen. Zwar war noch Fein 
ritterlich Gemach eingerichtet — aber was that's, ber 
Gedanke, daß er auf feinem Eigenthbum ruhe, ließ ihn 
felbft die harte Bank weich finden. So lag er beim 
Frühlicht noch im tiefften Schlafe in einem Winkel, als 
er plöglich durch. ein tolles Getöfe gewedt ward, das 
fich über feinem Kopf und auf allen Seiten vernehmen 
ließ. Erſchrocken erhob er fich vom Lager und traute 
noch feinen Sinnen nicht. Balken und Pfoften fchienen 
mit Gewalt nieberzufallen, die Erde erbebte unter ben 
fchweren Stößen. Und dabei ließ fich ein Gebrülle vers 
nehmen, das dem eines Jochs wüthender Stiere glich. 
Eppo'n fehlte zwar auch eben der Muth nicht, aber er 
hielt es doch für beffer, fich für's erfte in Sicherheit zu 
bringen, da er jeden Augenbli fürchten mußte, bie 
Wölbung werde über ihn zufammenfallen. Und er 
hatte auch feine Zeitzu verlieren — faum war er durch 
eine Fenfteröffnung ind Freie gefprungen, fo flürzte 
ein Theil des Baues mit bonnerähnlichem Gekrach zus 
fammen, und mitten in den Trümmern fland der aus 
der Fremde heimgefehrte alte Rieſe, mit wilder Geberde 
feine Keule fchwingend, und des erfchrocdenen Volkes 
fpottend, das fich in tödtlicher Angft in der Ferne hielt 
und dem Werke der Zerftörung zufah, ohne helfen zu 
koͤnnen. | 
Kein Tag war vergangen, unb ftatt des fchönen 
Baued war nur ein wüſter Steinhaufen auf dem Hügel 
zu fehn. Sn diefem ſchlug der Rieſe fein Hauptquartier 
auf und beläftigte und ängftigte auf alle Weife die Um⸗ 
gegend. Wie fehnten fich da die Bewohner nad) den 


‚284 Erpſtein. 


vergangenen Tagen zuruͤck! Eppo ſchien eine Zeitlang 
in Sinnen verloren, dann verließ er das Thal, aber 
“nicht ohne dad Berfprechen zu geben, er werde bald 
zurücfehren. Die Landleute fchienen feiner Rede we 
nig Glauben beizumeffen, und als mehre Wochen vers 
gingen, ohne daß fie die neringfte Kunde vernahmen, 
begannen fie fih in ihr Schiffal zu fügen, und nahmen 
fidh vor, den Gaft zu vergeffen. Doc fiehe, eines 
Morgens erfchien er wieder in den Hütten, wo er mit 
Subel empfangen ward; mit ihm kamen ein halb Dutzend 
Gefellen, welche ſchwere Säde auf Maulthieren mit: 
fhleppten. Was in dieſen enthalten fei, wollte ber 
Ritter nicht fagen, und empfahl feinen Freunden bie 
firengfte Berfchwiegenheit über fein Kommen an. Zu: 
gleich erfundigte er fih, wann und auf wie lange ber 
Niefe fein Mittagsfchläfchen zu halten pflegte, und 
nachdem er vernommen, daß gerade jeßt die Zeit beffel- 
ben da fei und bei der heißen Sahreszeit nicht allzufur; 
wäre, ‚begab er fi, von feinen Gefährten begleitet, 
in größter Stille nad, der zerflörten Burg. 

Eppo wußte nicht, follte er weinen, follte er ſich 
freuen, ald er die Stätte wiederfah. In einiger Ent: 
fernung fchon vernahm er das laute Schnarchen bes 
Ufurpators, wofür er den Rieſen zu erflären feinen 
Anftand nahm, und mit Mühe gelang ed ihm, feine 
Begleiter bei diefer Mufit, welche den langgezogenen 
Tönen eines enormen Dudelſacks glich, vor dem Reiß—⸗ 
ausnehmen zu bewahren. Der Schläfer lag in der 
Vertiefung, welche fich gwifchen den noch übriggeblies 
benen Mauerreften gebildet hatte; einige Ellen groben 


Eppftein. 285 


% 

egeftuch® dienten feinem Gefichte zum Schuß vor der 
ngeuden Hitze einer Suli- Sonne. Durd, Zeichen er⸗ 
eilte Eppo feine Befehle: in einem Nu wurden die 
äde geöffnet, eine Menge von Eifenringen herandges 
unmen umb in größter Gefchwindigfeit zufammenges 
gt. Mlled ging glüdlich von Statten: im Augenblid, 
9 ber Riefe zufammenzudend die Augen auffchlug, Tag 
ich Schon das ſchwere Netz über ihm und war auf 
(en Seiten wohlbefefligt. Eppo aber fland auf der 
tauer, und lachte noch toller über den Gefeffelten, als 
efer fich einft über ihn, den Fliehenden, Tuftig gemacht 
tte. Das Hüfthorn des Ritters rief bald alle uns 
ohnenden Landleute herbei, und mit Verwunderung 
d Freude erblidten diefe ihren fchlimmen Feind, der 
nmächtig unter den ihn enge umfchließenden eifernen 
anden tobte, und einen Strom der grauenvollften 
erwünfchungen ausſtieß. Aber Niemand kehrte ſich 
ran und nachdem die nöthigen Vorfichtmaßregeln ges 
sffen waren, gingen die Meiften nad; Haufe. Am 
dern Morgen ſchon brachten die Wächter die Nachs 
ht, der Gefangene habe fid) im Grimme den Schädel 
| der Steinwand zerjloßen. 

Der Bau des Schloffed wurde nun wieder begons 
n, und bald ftand ed da, feit und flattlich wie irgend 
ıe8d. Bon feinem erften Befißer erhielt e8 den Namen 
ppftein, und um kommenden Gefchlechtern zu zeigen, 
ie es bei feiner Entflehuug zugegangen, wurden bed 
iefen Gebeine über dem großen Thore angefchmiedet. 
ort dienen ſie noch als Wahrzeichen. — Ob nun die 
offnungen des Landvolfd in Erfüllung gingen, und 


‚284 Eypitein. 


vergangenen Tagen zuräd! Eppo ſchien eine Zeitlang 
in Sinnen verloren, dann verließ er das Thal, aber 
“nicht ohne das Berfprechen zu geben, er werbe bald 
zurücfehren. Die Landleute ſchienen feiner Rede we 
nig Glauben beizumeffen, und ale mehre Wochen vers 
gingen, ohne daß fie die aeringfte Kunde vernahmen, 
begannen fie fich in ihr Schicffal zu fügen, und nahmen 
fid} vor, den Gaſt zu vergeffen. Doch fiehe, eines 
Morgens erfchien er wieder in den Hütten, wo er mit 
Subel empfangen. ward; mit ihm famen ein halb Dutzend 
Gefellen, welche ſchwere Säcke auf Maulthieren mit: 
fhleppten. Was in dieſen enthalten fei, wollte ber 
Ritter nicht fagen, und empfahl feinen Freunden bie 
firengfte Verfchwiegenheit über fein Kommen an. Zu 
gleich erfundigte er fih, wann und auf wie ange ber 
Rieſe fein Mittagsfchläfchen zu halten pflegte, und 
nachdem er vernommen, daß gerade jegt die Zeit deffek 
ben da fei und bei der heißen Sahreszeit nicht allzukurz 
wäre, ‚begab er fi, von feinen Gefährten begleitet, 
in größter Stille nad, der zerftörten Burg. 

Eppo wußte nicht, follte er weinen, follte er ſich 
freuen, als er die Stätte wiederfah. In einiger Ent 
fernung ſchon vernahm er das laute Schnarchen des 
Ufurpators, wofür er den Rieſen zu erklären feinen 
Anftand nahm, und mit Mühe gelang ed ihm, feine 
Begleiter bei diefer Mufif, welche den langgezogenen 
Tönen eined enormen Dudelfads glich, vor dem Neißs 
ausnehmen zu bewahren. Der Schläfer lag in der 
Vertiefung, welche fich zwifchen den noch übriggeblies 
benen Mauerreften gebildet hatte; einige Ellen groben 


Eppftein. 285 


Segeltuchd dienten feinem Gefichte zum Schuß vor der 
fengenden Hite einer Suli- Sonne. Durd, Zeichen ers 
theilte Eppo feine Befehle: in einem Nu wurden Die 
Säde geöffnet, eine Menge von Eifenringen herandge 
nommen und in größter Gefchwindigfeit zufammenges 
fügt. Alles ging glüdlich von Statten: im Augenblid, 
wo ber Riefe zufammenzudend die Augen auffchlug, Tag 
auch ſchon das fchwere Net über ihm und war auf 
allen Seiten wohlbefefligt. Eppo aber fland auf der 
Mauer, und late noch toller über den ©efeffelten, als 
diefer fich einft über ihn, den Fliehenden, luſtig gemacht 
hatte. Das Hüfthorn des Nitterd rief bald alle ums 
wohnenden Landleute herbei, und mit Berwunderung 
und Freude erblidten diefe ihren fchlimmen Feind, der 
ohnmächtig unter den ihn enge umfchließenden eifernen 
Banden tobte, und einen Strom der grauenvollften 
Bermwünfchungen ausftieß. Aber Niemand Eehrte fich 
Daran und nachdem die nöthigen Vorfichtmaßregeln ges 
troffen waren, gingen die Meiften nach Haufe. Am 
andern Morgen fchon brachten die Wächter die Nadhs 
richt, der Gefangene habe fid) im Grimme den Schädel 
an der Steinwand zerftoßen. 

Der Bau des Schloffed wurde nun wieder begons 
nen, und bald fland ed da, feft und flattlidy wie irgend 
eined. Bon feinem erften Befißer erhielt ed den Namen 
Eppftein, und um kommenden Gefchlechtern zu zeigen, 
wie es bei feiner Entftehung zugegangen, wurden des 
Rieſen Gebeine über dem großen Thore angefchmiebet. 
Dort dienen fie noch ald Wahrzeichen. — Ob nun die 
Hoffnungen des Landvolks in Erfüllung gingen, und 


286 Eppftein. 


Eppo ein banfbarer und gütiger Herr und Befchüger 
war, davon fchweigt die Geſchichte. Aber ihre Jahr⸗ 
bücher erzählen, daß die Herren von Eppitein reich und 
mächtig wurden, und eine wichtige Rolle fpielten bei 
ben wechfelvollen Ereigniffen des deutfchen Kaiferreis 
ches, bis fie im fechszehnten Jahrhundert ausſtarben. 
Die Burg ift verödet, aber in der Kirche bes Dertchend 
finden ſich noch manche Grabfteine ber alten Beſitzer. 


Eginhard und Emma, 


Das mar eine gute, große und in ihren Folgen beglückende 
Zeit, da der große Karl Hof hielt zu Ingelheim 
auf der hohen Kaiferburg. — Vierzehn Kinder fanden 
ihm zur Seite, die köſtlichſte Zierde der Faiferlichen 
Habe. Des Baterd Auge aber ruhte mit befonderm 
MWohlgefallen auf der jüngften Tochter, Emma (fo 
nennt fie die Sage), die nicht nur in allen häuslichen 
Tugenden von befondrer Tüchtigfeit war, ſondern auch 
mit feltenen Eifer jede Gelegenheit benntzte, um ihren 
Geift durch die Damals noch fo wenig gepflegten Wiſ⸗ 
fenfchaften zu bereichern. Dabei war fie fo tadelloſen 
Leibe, daß — wenn das Ehrifienkum nit ſchon in 
voller Blüthe geſtauden — man wohl geglaubt haben 
würbe,. ed wäre die Göttin Beuns oh einmal vom 
Olymp herabgeitiegen, um Vie Eterbichen zu muhw 
dingter Anbetung gu zwingen. Den Mailer aber erireu⸗ 


288 Eginhardb und Emma. . 


beides gar fehr: ihr verftändiged Gefpräc im Kreife 
der Hausgenoffen und ihr anmuthiges Wefen in Webes 
kammer und Küche, wo fie forgfam Alles ordnete und 

Nauch mit Hand anlegte, befonderd wenn ed galt den 
Gaumen ihres Herrn und Baterd zu .befriedigen, dem 
fie namentlich ein Gericht von Rehfleiſch ſchmackhaft 
zu bereiten und zu würzen verftand, daß feine Andre 
ed ihm zu Dank machen fonnte. — Wenn der Kaifer 
fie fo in Küche und Keller fchalten und fchaffen fah, 

pflegte er fie wohl mit dem väterlichen tiebeönamen 
„meine Imme“ zu nennen. 

* Aber Emma war noch weit geſchäftiger, als der 
gute, obwohl geſtrenge Vater es ahnen mochte. Nicht 
nur am Tage war ihr Fleiß unermüdlich, auch zur 
Nachtzeit pflegte ſie nicht des Schlafes, ſondern viel 
ſüßerer Freuden. — Unter des Kaiſers Räthen befand 
ſich Einer, der viel ſchöner und anmuthiger, auch viel 
jünger war als alle Uebrigen, und dennoch der Ge 
Iehrtefte und Berftändigfte des ganzen Rathes — bie 
auf einen einzigen Punkt, an welchem denn freilid 
feine ganze, Weisheit fcheiterte; — und dieſer Punkt 
war — die zärtlichite Liebe für Emma, Die von ber 
ſchönen Sungfrau in nicht geringerem Grade erwidert 
ward. 

Nun war aber, trob der großen Leutfeligfeit des 
Kaiſers, doch ein allzuftarfer Abftand zwifchen ber jüng 
ften feiner Zöchter und dem jüngften feiner Räthe, fo 
daß es zur Tageszeit dem liebenden Paare unmöglid) 
war, fi) anders ald vom Zwange der Berhältniffe ums 
geben zu ſehen, während es doch auch in feiner Weiſe 


.. Eginhard und Emma. 288 


raͤthlich ſchien, auch ua den Verſuch zu machen, beit 
Kaiſer für die Wünfche der jugendlichen Herzen zu 
ftimmen. Ä 

Diefer Umſtand warb aber den Liebenden bald fo 
laͤſtig, daß fie fich entfchloffen, die ftille Nacht zum Arzt 
des Tages zu. machen und es ihr zu überlaffen, ihren 
duftigen Than dahin zu gießen, wo die Sonne alla: 
ſtark gefengt hatte, oder Gedanfen an das fanfte Mond⸗— 
Licht zu locken, die ded Tages zu heller Schein zurück⸗ 
fohredte: Und fiehe da — in Emma's Kämmerlein, zw 
dem fie ihrem Eginharb heimlich ven Eingang geflattete,- 

da ſchwand im matten Silberlicht der Stertie der Um 
terfchieb zwifchen des Kaifers Tochter und . feinent - 
Diener. 

Doch auch in der Stille der Nacht und von allen 
Zeugen entfernt, blieb ihre Liebe rein und keuſch, und 
fie fündigten nicht gegen Gott — nur gegen bie Sitte 
der Menſchen. 

Manche Sommernacht wurbe in diefer füßen Stille 
am offenen Fenfter verplaudert, und meift erzählten fich 
die Liebenden Dinge, die der ganze verfammelte Hof. 
des Kaifers ohne Anftoß hätte anhören können; ſogar. 
die Gegenftände, in denen Eginhard Emma unterrichz 
tete, wurden bier verhandelt; es war ihnen nur darum 
zu thun, fich ohne Zwang an einander erquiden zu dürs 
fen ; oft auch trat eine heilige Stille ein, Emma fah in das 
ſchweigende Dunfel voll Teuchtender Sterne, und hing 
an der Erde nur. durch die Hand, die Eginhard hielt, die. 
wiederum mit dem Simmel durch den Blick zufammenhing, 
den er auf ihr Auge heftete. — Als die Herbſtnebel 


m 


nagb Eginhard und Emma, 


mit der höher ſchwellenden Fluth bes Rheinſtroms her⸗ 
anzogen und das Fenfter zugemacht werben mußte, ba 
gedachten fie wohl öfter der düſtern Weltverhältniffe, 
die ihre reine Kiebe verdunfeln wollten — und fie ſchloſ—⸗ 
fen fich noch enger, wärmer und felter aneinander. 

Endlich fingen‘ die Novemberftürme an zu toben; 
Emma hüllte fih in ſchützende Gewänder, während 
Eginhard vor der Wärme feined glühenden Herzens 
feine Kälte verjpürte; wieder hatten fie die lange Nacht, 
verſenkt in Liebesträumen, im Kämmerlein gefefien, da 
verkündete die Sanduhr, daß es für Eginharb an der 
Zeit fei, in fein Gemach zurüchzufehren, das jenfeits 
des Schloßhofes Tag. 

Emma geleitete ihn bis an bie äußere Pforte und — 
als fie dieſe leiſe geöffnet, da fuhren beide erſchrocken 
zurüd, — der ganze weite Raum, den Eginhard durdy 
- jchreiten mußte, war mit frifch gefallenem Schnee bes 
det. — 

Ach! wie war nun guter Rath theuer! Denn daß 
Mannedtritte, von der Schwelle ded jungfränlichen 
Gemaches Aber den Hof führend, gefehen würben, dad 
fonnte Emma nimmermehr geftatten, und weder vor 
dem Gerede der. Menfchen, noch vor dem Zorne des 
Kaiſers verantworten. 

Nach kurzem Sinnen gefchah eine That, die feitdem 
von taufend Liedern befungen und zum fchönften Liebes⸗ 
denfmal erhoben wurde: Das ſtarke rüflige Mädchen 
nahm den Geliebten auf den ſchlanken Rüden und fchritt 
mit leifem Zeh über die weiße Fläche hin, die jegt nur 
die Spuren Feiner Frauenflße zeigte, 


Coinbarb und Emma, 289 


Aber — and) der Kaifer hatte die Nacht durchs 
wacht ; nicht in zartem Liebeögefofe, fondern in ernfter 
Sorge um fein Reich, und ald er fich endlich zur Ruhe 
legen wollte, öffnete er noch einmal fein Fenfter und 
fah hinaus auf den befchneiten Hof und freute fih im 
Voraus ber ſchönen Wildfpur — da fieht er plößlich 
fein geliebted Kind, die Laſt eines Mannes auf dem 
Rüden, durch den Hof eilen, und dann fihnellen Schrit« 
tes zu ihrem Gemache zurüdfpringeg,. O Kaifer! wie 
mag Dir ber Morgenfchlaf nad) diefer durchwachten 
Radıt bekommen fein? — 

Ded andern Tages faß Kaiſer Karl zu Rathe 
auf feinem hohen Stuhle, und die den Kreis um ihn 
fchloffen, erichrafen ob des Ernfted und der Trauer, 
die Karls hohe Stirn bededten. — Nach faft Iangem 
Schweigen warf er zu allgemeinem Erftaunen die Fras 
ge auf: was eine Königstochter, die bei nächtlicher 
Weile einen DBuhlen- in ihr Zimmer aufgenommen, 
verbiene ? 

Die Näthe fannen und fprachen bin und her; 

aber fie kannten ja die milde Sinnesart ihred Herrn, 
amb. gaben endlich ihre Stimme dahin ab: in Liebes, 
fachen fei das Raͤthlichſte — Verzeihung. 
Der Kaiſen entgegnete nichts, fuhr aber fort zu 
fragen: was ein niederer Edelmann, der ſich nächtlicher 
Weile in die Kammer einer Königstochter eingeſchlichen, 
verdiene? 

Und die Näthe, die wohl ahneten, wer gemeint fein 
möge und ben jungen Eginhard liebten, gaben abers 
mals ihre Stimme ab: in Liebesfachen fei das Räth⸗ 


2% Eginhard und Emma, 


lichfte — Verzeihung! — Nur Eginbard felbit, der zu 
unterſt im Kreife faß, und der fühlte, wie die Reue fein 
Herz und die Scham feine Wangen beflürmte, zwang 
Die zitternde Stimme zur Fefligfeit und ſprach beſchei⸗ 
den: „er verdient den Tod!“ 

Der Kaiſer ſah ihn lange an und erwiederte: „nicht 
den Tod! — Doch mögen die hinausgehen in die Welt 
und vergeſſen ſein von Allen, die ſie geliebet haben. “ 

Ald Emma die Kunde erhielt, weinte fie, daß ihr 
das Herz brechen wollte, Doch fühlte fie, daß fie feinen 
milderen Spruch habe erwarten dürfen. — Still legte 
fie ihre fürftliches Gewand ab und wand das Gefchmeide 
aus den langen goldenen Haaren los; dann gürtete 
fie ein grobes Kleid um ihren Leib und nahm zärtlich 
Abfchied von den Drten, die fie geliebt und ben Thieren, 
- bie fie gepflegt hatte. — Ihr Täubchen ſetzte fich auf 
ihre Schulter und begehrte die gewohnte Nahrung; 
Doch fie füßte ed mit Thränen — und ließ es fliegen. — 
Sie wendete der hohen Kaiferburg den Rüden und 
ging mit befflemmter Bruft den Fußfteig zur Rechten 
der Heerfiraße entlang. Sie war noch nicht weit ge 
gangen, als fie mit dem goldenen Haar die Thränen 
aus den Augen wifchte um ſich umzufehen; — da ging 
auf dem Fußwege zur Linken ber Heerfigaße ein Anderer, 
in tiefem Schmerz verfunfen, und Tieß das Haupt auf 
feine Bruft finfen, ald fie ihn anfah; — und von 
Neuem floffen ihre Ihränen, und flärker noch als zw 
vor. So ging fie noch eine gute GStrede, bis ber 
Fußſteig zu Ende war und fie auf. die Straße hinab 
flieg und ihm die Hand hinreichte; — bie ergriff er 


Eginhard und Emma. 291 


und-drüdte fie an fein Herz, dann gingen fie neben 
einander hin, fill und traurig, aber fie weinten nicht 
mehr. 

Ald es Abend war, hatte ſich der Wald um fie 
gebichtet und fie fahen ein fernes Feuer. Erfchöpft 
und hungrig gelangten fie bahin und fanden zwei 
Köhler, die ihr Nachtmahl verzehrten, und deren Herzen 
ein Blick auf Emma dergeftalt erweichte, daß fie nicht 
nur die Hungrigen fättigten, fondern and) den Müden 
ein Lager von trodenem Laub bereiteten. Aber Egin⸗ 
hard, nachdem er die Geliebte gebettet hatte, febte ſich 
and Feuer, und fhürte ed an, um dad Zweighäuslein 
zu erwärmen, bis ihm die Augen zufielen und auch er 
in feften Schlaf fiel. ALS der fpäte Morgen bämmerte, 
fchlummerten Beide noch; fie waren nach folder Wars 
derung und fo maticher fihlaflofen Nacht vorher ber 
Ruhe wohl bebürftig, und in dieſer Einfamfeit bes 
Waldes, fern von den Menfchen und ihrem Zwange, 
war es zum erfien Mal, daß fie, wie durch Klofters 
mauern getrennt, fid) Feine Liebfofung und nicht eins 
mal ein Wort der Liebe erlaubten. — Als fie endlich 
erwachten, waren fie allein: die Köhler hatten fie vers 
Iaffen, doch mancherlei Werkzeuge und felbft Nahrungss 
mittel für mehrefg Kage hatten fie zurücigelaffen. Emma 
trat aus ihrer Hütte Finaus in den Wald und fah 
Eginharb ſtumm in der Ferne ſtehen; aber fie rief ihn 
zu fi) und fagte: „Wen hab’ ich denn, ald dich, wen 
haft du denn — ald mich?’ — und weinend fanfen. fie 
fidy in die Arme. 

Bald war ed .anderd. Rüſtig ging dad junge 


292 Eginhard und Emma. 


Paar an den Ban einer Hütte, die bequem für Zwei 
war. In den. Morgenftunden fchoß Eginhard Wild, 
und mit den SFellen beffeideten fie die Wände, deren. 
Fugen fie vorher mit Moos verftopft hatten. Und 
nachdem das Häuschen vollendet war, trat Eginharb 
eined Morgens zagend vor Emma und fprach: „Wer 
wird und den Segen des Herrn geben?” Emma aber 
führte ihn zu einem fchlanten Baumſtamme, den fie zu 
einem Kreuze geftaltet hatten, und Beide knieten davor. 
nieder und baten Gott um feinen Segen zu ihrem Ehe⸗ 
bunde, ber num nicht länger verfchoben werben - follte; 
da ranfchte ein heller Flügelfchlag über ihren Häuptern, 
und als fie aufblicten, faß Emma’d Taube über ihnen 
Am Baum. Nun waren fie Mann und Weib, und weil 
ten ‚dort noch lange in feliger Umarmung. 

In Ingelheim aber grämte fi) Kaifer Karl um 
feine Imme, denn er hatte nichtd in der Welt fo fehr 
geliebt wie fie, und mit ihr fchien die Freude aus feinem 
Schloffe gezogen zu fein. Zwar ging er noch faft täglich 
auf die Jagd und erlegte Wild die Fülle, doc es war 
Niemand da, der ihn fo Liebevoll empfing, wenn er heim 
fam, wie einft feine Emma. Auch bleichte fein Haar 
und feine Wange fiel ein, und wer ihn nur vor ihrem 
Ausſcheiden gefehen, der hätte ihn Seht nicht wieder 
gekannt. Und die Käthe feufzten ſtumm nach der Rück⸗ 
kehr des geliebten Paares, und ſchickten heimlich Boten 
in die Runde; aber fie waren verfchwunden, und Feine 
Spur Tieß ahnen, wohin. 

Zum fünften Male war der Herbft angebrochen, 
feit jenem, ber Emma aus bes Vaters Schloß vertrieb; 


Eginhard und Emma. 293 


doch es Tag noch Fein Schnee auf der Heide, vielmehr 
lächelte die Sonne, als ob fie noch die fommerliche Flur. 
. beleuchtete: — Da machte der Kaifer einen weiten Jagd» 
zug in ben Odenwald; eines Tages, da er einen Hirſch 
verfolgte, fah er ſich ganz allein unter den rauſchenden 
Wipfeln des bichteften Waldes. Sein Jagdruf auf 
dem gewaltigen Bägelhorn, das feinen Befiker bis auf 
ben heutigen Tag überlebt bat, blieb unbeantwortet, 
und er fah fid) endlich genöthigt, folchem Abentheuer 
nicht abhold, Die müden Glieder auf das weiche Moos 
zu ſtrecken und für Diesmal auf fein Abendbrod zu vers 
zichten. Plöglich theilten fich neben ihm die Büfche, ein 
keckes Reh fprang hervor und hinterdrein ein Knabe, 
‘der ed zu hafıhen firebte. Als der den großen Mann 
im Moofe liegen fah, ftand er ftill, ging dann auf ihn 
zu und reichte ihm die Hand. Der Kaifer fühlte ſich 
beim Anblick des fchönen Kindes bewegt, das alsbald 
ein gar ergöbliched® Spiel mit feinen Waffen begann 
und endlich mit dem mächtigen Schwert in's Dickicht 
lief. Der Kaifer rief: „Still bier, du Feiner Fant!“ 
Aber dad Kind hörte nicht, und fo mußte er fich ſchon 
entfchließen, ihm zu folgen, was das Reh ſchon längſt 
gethan hatte, — Nach Furzem Gange fland er auf einem 
freien Plag im; Walde, wo eine zierliche Hütte fand, 
“ vor der Hütte faß eine enzelfihöne Fönigliche Frau, Die 
ein Kind fäugte und hinter welcher der Knabe mit dem 
Schwerte ſich verbarg. Sobald die Frau den hohen 
Fremden fah, fand fie auf, bewillfommte ihn und fragte 
nad feinem Verlangen. Doc, faum hatte er einige 
Worte gefpochen, als fie plöglich mit ihrem Säugling 


294 Eginhard und Emma, 


in die Hütte lief. Der Kaiſer fah ihr verwundert mad, 
aber er Fannte fie nicht; fünf Sahre und Kleidung und 
zwiefaches Mutterglüd hatten fie mehr noch verfchönt 
als verändert, beides aber in fo hohem Grade, daß fie 
dem Auge des eigenen Vaterd nicht Tenntlid war. — 
Bald kam fie mit Früchten und kaltem Inbiß, Doch ohne 
ben Säugling zurüd, und unterhielt fich freundlich mit 
bem Gafte, ber feiner Berwunderung nicht Herr werben 
Sonnte, folchen Vogel in ſolchem Nefte zu treffen: Als 
es ſchon ſtark zu Dunkeln begann, Fam ein rüftiger Jager 
mit einer erlegten Rife aus dem Walde, dem bad lange 
braune Haupt» und Barthaar keineswegs ein verwilders 
te8, vielmehr ein gar ftattliched Anfehen gab. Auch er 
reichte dem Fremden treuherzig die Hand und unterhielt 
ihn verftändig, während die fohöne Fran in der Hütte 
bad Reh zerlegte, um die Abendmahlzeit zu bereiten, 
und der Kleine um die beiden Männer herimfpielte, 
daß der Kaifer feine herzinnige Freude an dem Frohfinn 
des Kindes hatte. Schon war es dunkel, als die Frau 
fie Ale in die Hütte rief zum Abendeffen. Wie ftaunte 
der Kaifer über die Bierlichfeit ded Gemaches, das mit 
Fellen behangen und mit Federn und Steinen geſchmückt, 
ein wirklich einladender Aufenthalt war; aber welch’ ein 
feltfames Beben ergriff ihn, als fein Bli auf der runs 
den, von einer großen Lampe erhellten Tafel ruhte, und 
er nun gewahrte, daß Alles genau fo angeordnet war, 
wie er es daheim gewohnt war und liebte; und als end: 
lich gar der Duft der Speife zu ihm heraufftieg und ihn 
an längftentflohene Tage mahnte, da bob er den Blid 
auf Emma unds Eginhard. — Sie aber hatte ihre 


‚ Egindard und Emma, 295 


Kraft verlaffen, weinend fan? fie dem Vater zu Füßen 
— und Eginhard fchlich fich mit dem Knaben hinaus, 
um ein ſolches Wiederfinden nicht zu flören. — Doch 
er hatte nicht lange draußen geflanden, als der Kaifer 
ihn rief und an fein Herz drückte. 

Indem erfchallte draußen Hörnerflang und Nübdens 
gebell; — bei hellem Mondlicht zog das Sagdgefolge 
des -Kaiferd heran; — er aber fagte nach kurzem Gruß: 
„sch habe ein: köftlicher Wild gefunden, denn je’ — und 
zeigte ihnen feine herrliche, Fönigliche Tochter und den 
vielgeliebten Schwiegerfohn fammt den holden Kindern! — 

So verließ Emma aufs Neue ihren Wohnort, ihre 
Lauben und Fruchtgärten, und zog fammt Bater und 
Gemahl nad) Ingelheim und dann nad) Machen, wo der 
Lettere die Thaten des Erfteren auffchrieb und vers 
ewigte. — An der „feligen Statt” aber, wo Emma fünf 
‚Sahre mit ihrem Gemahl verlebte, ward das Klofter 
Seligenftatt gegründet, wo fpäter ihr fchöner Leib 
der Erde wiedengegeben ward. — 


ckriedrich und Gele, 
oder: 


Gelahauſens Gründung. 


Der Wanderer, der in dem Rheinparadieſe in den 
höchften Genüffen der Ratur geſchwelgt, wird von Mainz 
aus, wo der herrliche Rheingan feinen Segen fpendet, 
auch wohl einen Abftecher über Frankfurt durd das 
Mainthal nach Hanau machen. Das liebliche Thal der 
Kinzig, die freundlichen Höhen der Wetterau laden von 
hier jeden zur Wanderfchaft, und wie der Wanbdrer ben 
Wellen des Flüßchens entgegenzieht, werben ihn bald 
die jet fpärlichen Ueberrefte der einft fo prachtvollen 
flattlichen Kaiferburg Gelahbaufen, deren Mauertrüms 
mer die Kinzig träge umfchleicht, und Die in der Vor⸗ 
zeit ſo reiche, gewerbblühende Reichsſtadt Gelnhaufen 
an die Vergänglichfeit aller irdifchen Größe mahnen. 





Krotsochner dd Okfie OSwsemihl u Schm Danustadt Baumarin 





Sriedrich und Gela. 297 


Hier, wo ein freundlicher Gebirgszug. die Höhen de 
Nhöngebirged mit dem Vogelgebirge der Wetterau eint, 
und die anmuthigfte, üppige Natur dad Herz bes beuts 
fhen Vaterlandes aufs reichfte gefegnet, verlebte Frieds 
vich, bed Schwaben⸗Herzogs Friedrich des Cinäugigen 
Sohn, der Tugend fchönfte Bluͤtentage. In allen ritters 
lichen Zugenden gewandt, machte der edle Süngling 
ihre Uebung auch zur erften Aufgabe feines Lebens. 
. Seinem Speer und Bolzen entgingen felten die grims 
men Bewohner der dichten Forften, die rings die Hö⸗ 
hen befränzten. Das gefahrvollite Sagd-Abenteuer war 
ihm immer das Liebfte, denn fo konnte er ja feinen Muth 
und feine Kühnheit immer am beften erproben. Selten 
befuchte er irgend ein Ritterfpiel, von dem er nicht ale 
Sieger fchied, und allenthalben war ber ſchmucke Jüng⸗ 
fing ein willlommener Gaft. 

- Bannten des Winterd Wetter ihn an den Heerd, 
fo erfreuten ihn die Zeitbücher und Sagen vergangenen 
Tage, und fromm und treu übte er dann auch, wie 
ed dem Nitter ziemte, des Sanges ſchöne Kunft. Kehrte 
dann der Frühling mit feinen Sängern, feinen Blü⸗ 
then und dem ganzen Gefolge der Freude in die heimis 
fchen Sauen, und Iocten taufend Stimmen, der Blumen 
Duft, des Forftes früher Laubſchmuck, die muntern Baͤch⸗ 
lein und al dad Regen und Leben rings in ber uners 
fhöpflihen Werkitätte der Natur mit unmiderftehlichen 
Reizen hinaus in das Freie, dann fchwärmte auch Fried⸗ 
rich, die treue Zither an der Seite, den Bogen auf 
den Rüden, durch Wiefe und Forft, über Hügel und 
Berg. Alles gab ihm neue Lieder und neue Freuden 


CB Sriedrih und Gel 


denn was er fo oft genoflen, war und blieb dem jugend; 
lichen frommen Gemüthe doc, immer neu. Rings anf 
den Burgen, wo ſeines Baterd Bafalleır hauften, war 
er. ein freudiger Saft, und Trauer brachte immer fein 
Scheiden, wenn es ihn wieder hinaus zu der Frühlingss 
fahrt trieb. | 
So' führte ihn auch einft fein Pfad zu einem flatt- 
lichen Ritterfig. Und wie er nun zum Burgthor trat, 
ward er auf eine eigene Weife überrafcht. Unter ber 
Steinlarbe der Thür zum Wohngebäude, die ein blis 
hender Fliederſtrauch überfchattete, faß ein zartes Mägds 
lein, emfig mit der Spindel befhäftigt, während, ums 
lagert von tüchtigen Rüden, der Burgmann, unter der 
Zreppenbrüftung fißend, an Waffenftüden putzte. 
„Gott zum Gruß, Sungherr Friedrich!“ bot ihm 
der Alte dad Wort und wollte fein Werk verlaffen. 
Züchtiglicd, neigte fich Die Sungfrau zum Gruße. „Laßt 
„Euch nicht flören, Herr Erwin, und ihr, zarte Magd“ 
entgegnete Friedrich, „Ihr gönnt dem fahrenden Gafte 
„wohl einen Smbiß und ein Lager, bis ihn die. Lerche 
„wieder hinausruft.” „Gela, einen frifhen Meth!“ 
fprad) der Alte, „Herr Friedrich nimmt vorlieb.’ 

Die Sungfrau wollte ihren Sig verlaffen, Friedrich 
bat aber fcherzend, fie möchte nur bleiben und fich in 
‚ihrer Arbeit nicht unterbrechen, nad) fahrender Sänger 
Weiſe wollte er! fi) den Willkommtrank verdienen. 
Beide willigten in fein Begehr. Alder aber fang von bed 
Frühlings Wonnen, und dem Sehnen, das er wede in 
eined Jeden Bruft und doch nie und nimmer jtille, ba 
ruhten Gela's Hände und ihr Auge wurde feucht, aud 


Friedrich und Bela 295 


der Alte hielt inme in feinem Werke, und felbft die Ruͤ⸗ 
‚den fchienen des Sängers Worten zu horchen. 

Gern empfing Friedrich der Jungfrau Dank; füßer 
munbete ihm hier der Becher des Willfommens den fies _ 
ihm reichte, als fonft der köſtlichſte Labetrunk. Friedrich 
blieb in der Burg, denn wie Fonnte er auch fo bald 
fcheiden! Mandy fchönes Frauenauge hatte ihm ſchon 
gelächelt, und ihm in füßer Minne einen Himmel voller 
Geligfeiten verheißen, aber fein Herz war unberührt 
geblieben. Sn Gela’d blauem Auge war ihm ein gols 
dener Morgen aufgegangen; ein Gefühl, das ihn zu _ 
manchem Sange angetrieben, welchem er aber nie einen 
Kamen zur geben gewußt, war ihm urplöglich Flar ges 
worden, und erfüllte feine Seele mit Wonne; er hatte 
nur einen Gedanken: Gela — und in ihm lag das uns 
‚andfpredjlihe Glück, für welches felbft fein Lied Feine 
Klänge fand. 

Kaum faumte des Frühroths erfter Schein die Laub⸗ 
ginne des frifchen Waldes, ale Friedrich auch fchon das 
Lager verließ, um feiner. Laute zu vertrauen, was fein 
Herz fo ſtürmiſch und Doch fo mild, fo wehmuthsvoll 
bewegte — aber diedmal wurde ihm die Traute untreit. 
Er eilte hinaus, um in der Frifche des Morgens bie 
Stürme feiner Gefühle zu befchwichtigen. Wie er nun 
durch die Burghalle fchritt, da begegnete-ihm Gela, ſchoͤn 
wie die Rofe, wenn der Sonne erfter Strahl die Thaus - 
perlen aus dem duftenden Kelche weggefüßt. Er trat 
ber Jungfrau näher, die ihm freundlich dem herzlichen 
Morgengruß bot. Da ergriff er ihre Rechte, und mit 
bewegter Stimme, kaum feines Athems gewiß, ſprach 


300 Sriedrich und Bela. 


er: „Schöne Gela, o laßt mich dad Wort fprechen, ich 
„liebe Euch, Shr feyd mir mehr werth, denn mein Leben!“ 
Ein brennendes Roth übergoß da die Wangen der Jung . 
frau und fie fand vor ihm, unfähig eined Wortes 
der Erwiederung und die Augenwimpern in holder 
Schaam niederfenfend. Wollet mir nicht zürnen! rief 
Friedrich ganz verwirrt und eilte von bannen. Nicht 
wagte er zurüchzufehren zu. der Burg, wo es ihn doch 
fo unmiderftehlich hinzog. Er barg feine Liebe im tiefs 
fien Herzen, aber ed entging feiner Umgebung nicht, 
daß eine gar große Veränderung in feinem ganzen Me 
fen vorgefalfen. An Iagd, Kampf s und NRitterfpiel 
fand er Fein Behagen mehr, nur feiner Zither vertrante 
er, was fein innerfied Leben jett bewegte. Umſonſt 
forſchte fein Vater, umfonft fragte die beforgte Mutter, 
Sudith, eine Tochter des gewaltigen Heinriche, bed 
Schwarzen, Herzogs von Baiern. 

Allein zog er noch zuweilen hinaus in ben Forſt, 
und führte er auch Speer und Bogen mit fich, fo wa—⸗ 
"ren die Thiere des Waldes doch ficher vor feinen Ge 
fchoffen. Unwiberftehlich zog es ihn hin in die Nähe 

"der Burg, wo der Stern feines Lebend glühte, jedoch 
wagte er ed nicht, dem Mädchen zu nahen, denn fchüdr 
tern ift die erfte Liebe und glaubt nur zu leicht und zu 
gern, ihren ©egenftand beleidigt zu haben. Als Fried 
rih nun wieder eined Tages in der Frühe durch den 
Korft firich, welcher die Burg, in der Gela wohnt, 
umgab, fah er ylöslicy die Jungfrau, die an einer lic 
ten Stelle Waldfräuter ſuchte. Nicht wußte er, wie 
ihm gefchah, er wollte ihr feinen Grup bieten, aber das 


* 


Friedrich und Gela. 308 - 


Wort erftarb ihm auf der Lippe, und hocherftaunt blick⸗ 
fe die Zungfran, felbft erröthend, zu dem Sünglinge, 
ber, wie burdy Sauberbann feftgehalten, vor ihr ſtand. 
„Ihr feid unwohl?“ nahm Gela das Wort, „Herr 
Friedrich, wollt Shr nicht anf unfrer Burg einfprechem, 
„um Euch zu ſtärken?“ 

„Bela! — rief Friedrich und flürzte vor ihr nieder, 
„Du zürneft alfo meiner Liebe nicht? Sch darf hoffen, 
„Dich wieberzufehen, Gela, Du wirft Gehör geben meis 
„mem Herzen? Denn ich ſchwöre“ — 

„O ſchwört nicht, und fleht auf!” unterbrach ihn 
Gela, „denn ed ziemt fich nicht, Euch, Herr, alfo vor 
„mis zu fehen!” | 

„Gela, Dir gehört mein Leben, ich Tiebe Dich; nur 
ein Wort, ob ich hoffen, ob ich leben darf — 

„Gela erwiderte zögernd: So feid denn Morgen, mit 
dem erften Schein des Tages in der Burgfapelle und 
eilte mit fchnellen Schritten von dannen. | 
-  Kriebrich taumelte auf; ein Traum fchien ihm, was 
er gefehen, was er gehört hatte. War dem Süngling 
fe ein Tag langfam dahingefchlichen, fo war ed dieſer, 
ber ihn wieder ald Gaft in ber Burg fah. 

Kaum hatte der Thurmwart Mitternacht verfündet, 
als fich Friedrich auch fchon in der Kapelle befand, ſeh⸗ 
nend feiner Liebe harrend .So wie ſich das erfte Zwie⸗ 
licht des Morgens durch die bunten Fenfter der Kapelle 
ftahl, knarrte das Pförtchen, dad zum Burggange führs 
te — Friedrich fuhr auf, fein Athem flodte und fein 
Auge war auf das ungewiſſe Halbdunkel geheftet, — 
Es war Gela. 


303 Briedrid und Bela 


Raſch eilte er ihr entgegen, unb ald er wieber 
mit feuriger Rebe ihr feine Liebe geftand und um Er 
hörung flehte, da hieß Gela- ihn niederfigen, und fid 
traulich unbefangen in dem hohen: Kirchenftuhle neben 
ihn niederlaffend, ſprach fie: „Here Friedrich, daß 
„ich Euch hieher, und in dieſer Stunde hieher be 
„ſchieden, mag Eudy fchon zum Beweiſe dienen, daß 
„Sure Liebe in meinem Herzen Gegenliebe fand, wenn 
„auch meine Liebe mein einzig Gut bleiben muß, da id; 
‚minmer die Eurige werden kann. End) iſt ein ande 
„res 2008 befchieden, wählen müßt Shr unter den eblen 
„Frauen des Landes, wie ed Eurem Stanbe ziemet.” 

Schön, engelfchön flrahlte Gela in der Roͤthe jungs 
fräuficher Schaam, die ihr Antlig übergoß und von 
ben Streiflichtern der ewigen Lampe, bie vor dem Als 
tare brannte, gar reizgend gehoben wurde, Friedrich 
umfchlang in dem Uebermaaße feiner Liebesfeligfeit die 
Sungfrau, und wollte mit neuen Betheurungen feiner 
Liebe. Gela's Gründe befiegen. Die Sungfrau aber 
ſprach mit dem Tone milder Ergebung: „Herr Fried⸗ 
„eich, ich bin überzeugt von Eurer Liebe, und hier im 
„Angeſichte Gottes ſchwoͤre ich Euch, daß ich Euch ewig 
‚lieben werde, Der Himmel möge mir vergeben, wenn 
„meine Neigung fträflich; aber fo rein der Ort, au 
‚welchem ich Euch dies Geſtändniß ablege, fo rein fol 
„and muß meine Liebe fein. Die heilige Mutter dei 
„Heilands wird mir dazu die Stärke verleihen.” 

Friedrich wußte nicht, wie ihm gefchah, er wagte 
die Jungfrau nicht zu unterbrechen, -fein Auge hing au 
ihrem Auge, aus dem ein Himmel ber feligften Gefühle 


! 


Sriedrih und Gela. 303 


ſprach: „Und werde ich Dich wiederſehen, Gela? Wo? 


„Wann?“ 
„Hier im Angeſi cht der Gebenedeiten, deren Bild 
„dort vom Altare auf uns niederſchaut, ſo oft Ihr wollt 


—„zu dieſer Stunde. Jedoch an keinem andern Orte, 


„denn ich will mir den reinen Schatz meiner Liebe auch 
„noch für ein beſſeres Leben bewahren. Hier ſtehen 
„unſre Gefühle unter Gottes und ſeiner Engel Hut!“ 

Nicht bergen konnte Friedrich das Uebermaß ſeines 
Glüͤckes, im ſtummen Entzücken ſank er an Gela's Hals 
— und ein Kuß beſiegelte den Schwur ihrer Liebe. — 
Jedes Frühroth fand die Liebenden von nun an, in 
ſtiller Liebesſeligkeit verſunken, an dem geweihten Orte; 
aber jeder irdiſche Wunſch blieb ihrer Seele fern — 
rein war ihre Liebe. 

Als der Fall Edeſſas im Jahre des Heils 1147 in 
Deutſchland Fund wurde, und Bernhard von CElairvaux 
das Kreuz predigte, rüftete ſich auch Kaifer Konrad II, 
zum Kreuzzuge. Auch in Friedrichs Bruſt wurbe bie 
Thatenluft wieder rege, und mit feinen treuen Schwa⸗ 


ben nahm auch er das Kreuz, feinem Ohm, dem Kais 


fer, nach dem gelobten Lande zu folgen. Gela felbft 
ermahnte ihn zu dem Zuge, wie ed zieme dem fünftigen 
Schwaben⸗Herzoge. Die Scheibeftunde fam. An ber 
heiligen Stätte nahmen die Liebenden Abfchied, und als 
Friedrich der Sungfrau den legten Kuß auf die Lippen 
drückte, ſprach er: „Unfer Liebesbund fei für ewig ges 
ſchloſſen!“ „Für ewig! wiederholte Gela, fich aus feis. 
ner Umarmung windend, denn bie Hifthörner mahnten 
zum Aufbrud. - 


306 | Friedrich und Bela. 


Sn allen Unfällen bed Kreuzzuges wurde Friedrich 
aufrecht gehalten durch feine Liebe, die ihn Wunder der 
Tapferkeit ausführen ließ. Gela's Bild war fein Schus 
und feine Stärke. Ald des Kaiferd Heer durch die 
Unfälle in den wafferlofen Einöden von Ikonium ger 
zwungen wurde, wieber nach Konftantinopel zurückzu⸗ 
fehren, erhielt auch Zriebrich die Tranerfunde von dem 
Tode feined Baterd, weldye ihn in die Heimath zuräds 
rief. Raum hatte er des Landes Huldigung empfan⸗ 
gen, als ihn feine Liebe, welche die Trennung von ber 
Geliebten nur noch um fo glühender, um fo inniger ges 
macht hatte, auch ſchon nad) ber Burg tief, wo 0 feine 
Gela Iebte. 

Sehnſuchtsvoll den Wonnen des Wiederfehend ents 
gegenhbarrend, und ihrer ſchon im Vorgefühle genießend, 
war er nach der Kintig gelommen; hart traf ihn aber 
die Nachricht, Gela habe den Schleier genommen, und 
ihr Vater übergab ihm eine Schärpe, die Gela ihm an 
dem Tage, an welchem fie ind Klofter ging, für den 
jungen Herzog übergeben hatte, Friedrich fand in ber 
Schärpe die Worte eingewirft: 

„Dem Herzoge ziemt ein ebenbürtiges Weib, Deir 
ne Liebe machte ein Sahr lang meines Lebens Glüd, 
und wird ed auf ewig bleiben. Unſre Liebe fey ewig!“ 

Friedrich hielt treu den Schwur. Die Schärpe ges 
leitete ihn, das theuerfte Pfand, auf allen feinen Helden 
zügen, und wenn er auch, dem Wunfche feiner Familie 
nachgebend, fich im Sahre 1149 mit Adelheid, der Toch⸗ 
ter des Markgrafen Theobald von Vohberg vermählte, 
fo Blieb diefer Verbindung die Liebe fremd. Schon im 


Friedrich und Gele 305 


Sahr 1153, als Deutfchlande Krone des eblen Hohens 
flaufen Haupt zierte, trennte er ſich von Adelheiden. 


Treu blieb er aber feiner Liebe zu Gela. An der Stelle, _ | 


wo die Burg ihres Vaters geftanden, ließ er ſich einen 
prachtvollen Palaft erbauen, der fein Lieblingsaufenthalt 
wurde, und an der Stelle, wo er feine Gela überrafcht 
hatte, entitand eine freundliche Stadt, der er den Na⸗ 
men „Gelahaufen” gab. 

Längft ift das thatenreiche Gefchlecht der Hohen 
ftaufen zu Grabe gegangen, auch Friedrich der Roth⸗ 
bart ift der Gefchichte anheimgefallen, feine Liebe zu. 
Gela lebt aber noch unter dem Volke, und fand in der 
Stadt, die ihren Namen trägt, das Ichönfte Denfmal. 


Pa Monch zu Sort. 


Mer die Bergitraße entlang zieht, laubbededte Hügel 
auf ber einen Seite, an deren Fuß freundliche Orte, 
auf deren Gipfeln graue Burgen liegen, auf ber andern 
die fruchtbare Ebne welche der Rhein burdhfirömt, 
macht gerne vom alten Städtchen Heppenheim aud eis 
nen Ausflug nach der Niederung, wo auf einer Snfel 
der Wefchniz, nahe bei dem jegigen gleichnamigen Fleb 
fen, die Refte der einft großen und mächtigen Benedics 
tiner Abtei Lorfch liegen, welche ein oberrheinifcher 
Gaugraf, Gancor mit Namen, unter bed Franfenfönis 
ges Pipin glorreicher Regierung ftiftete. Wenig haben 
die Drangfale verheerender Kriege und die Veränderun 
gen der Zeitumflände von, den weitausgebehnten Ges 
bänden übrig gelaffen, weldye dem Orden gehörten, bet 
in Zeutfchland, in Stalien und Frankreich mehr denn 
ein andrer zur Wiederbelebung der Wiffenfchaft und 
zur Rettung und Erhaltung deffen beitrug, was in fin 


Der Mönch zu Lorſch. 307 


ftern Zeiten vom Licht voriger Tage geblieben — aber 
noch lebt die Erinnerung, noch lebt der Name, noch 
ſtehn auf den Höhen umher an der Bergftraße, im Oden⸗ 
"wald und am Nedar die alten Schlöffer, deren ritters 
Fiche Gebieter dem reichen Klofter Lehns⸗ und Bafallens 
dienſte leifteten, 

Sitberne Locken floffen fhon um Karls des Gros 
Ben Scheitel, als er, auch im vorgerücten Alter ber 
Gewohnheit feiner Jugend treu bleibend, von einem 
Königshofe zum andern zu ziehen, einft wieder in das 
obere Rheinland kam, das nicht ferne lag von feiner 
prächtigen Ingelheimer Pfalz. Es war an einem Nach⸗ | 
mittage, ald .er mit dem wenig zahlreichen Gefolge, das 

thn zu begleiten pflegte, am Thore von Lorfch hielt 
Freudig empfingen die Bewohner des Klofterd den froms 
men, ihren Stand ehrenden und mit weltlichen Vortheis 
Sen überhäufenden Kaifer. 

Der Abend kam heran. In der Kirche, deren Spitz⸗ 
bogen ſich auf maffive Pfeiler fiutten, breite Schlag» 
ſchatten auf die niedere Wand werfend, war die Bess 
per geſungen worden; die Klänge der tiefen Männerftims 
men waren eben verhallt, fchon waren die Letzten der 
Iangen Reihe ſchwarzgekleideter Mönche in den gewölb⸗ 
ten Kloftergang getreten, und Die noch auf dem Altare 
matt brennenden Kerzen warfen einen röthlichen Schein 
anf die halb in den Duft des Weihrauchs eingehüllten 
Gegenſtände. Der Kaifer Eniete noch auf feiner Bank, 
ald er hinter fich zur Seite Geräufch vernahm, und ein 
&eiftlicher, erblindet und vor Alter fchwach und gebückt, 
an ihm voriherging, von einem freundlichen, blonden 


308 Der Mind su Lori. 


Knaben geleitet, ber ihn zu den Stufen des Altars 
führte. Da kniete der Greid nieder und betete, und 
- bem überrafchten Kaifer ſchien's, als umglänge fein ehr⸗ 
würdiges Haupt die Aureole eined Heiligen, 

Karl blieb auf feinem ‘Plage, bis der Andächtige 
fi) wieder erhoben, und an der Hand feines jugends 
Iichen Führers in den Kreuzgang getreten war. Dann 
verließ auch er die einfam gewordene Kirche und begab 
fi ind Kloſter. Noch waren viele Mönche mit dem 
Abte verfammelt, ald der Kaifer ihnen berichtete, was 
er gefehn, und den Namen des Greifes zu willen vers 
Iangte, ber, ein Hoher und Heiliger, unter ihnen weile, 
In demfelben Moment trat diefer in die Halle. „Da 
iſt er“ fagte Karl, und jest, beim hellern. Lichte, bes 
bünfte es ihn, ald habe er ſchon früher Die Züge ge 
fehen, denen nicht mehr der Stern des Auges Leben 
und Ausdruc verlieh, in welchen aber die ftille Heiters 
feit ded nad) Kämpfen errungenen Friedens fich ſpie⸗ 
gelte, 

„Kennet ihr diefen nicht mehr, den ihr vor euch 
fehet ?’ antwortete der Abt. „Es ift Thaſſilo.“ Erins 
nerung an vergangene Sahre, an mehr denn fein halbes 
Leben, weckte in ded Kaiferd Gemüthe der Klang dies 
ſes Ramend. Er fand in dem Greife den, welcher, aus 
altem Fürftenflamm entjproffen, der Baiern Volk bes 
herrſcht, welcher, unverfühnlich ergrimmt auf feinen 
Lehnöherrn, um ded Unglüdd willen, das diefer auf Das 
- Haupt feines Schwiegervaterd Defider gebracht, wels 
hen er aus feinem fchönen Iombardifchen Reich vers 
trieben, — deflen Sohn er nach vergebligh. wiederholten 


“ 


- 


Der Moͤnch gu Lorſch. 300 


Kämpfen zur Flucht nad, dem fernen Often genöthigt, 
der burch heimliche Ränke und offene Handlung fidy dem 
Mächtigen widerſetzt hatte, aber, den eignen Landeds 
gejegen zufolge, zum DBerluft feiner Würde und zum 
Tob@verurtheilt warden war. Nicht das Blut des 
Gefallenen wollte Karl. Der Herzog wurde feines: Am⸗ 
tes entfeßt und nebft Theodor, feinem Sohne, in ein 
Klofter geſperrt. Es erging dem lebten Agilolfingen 
wie dem letzten Könige des einft fo mächtigen Lombars 
denreich®. 

Der Kaifer, welcher nicht wußte, daß Thaffilo fich 
zu Lorfch befand, ) wurde durch diefe Begegnung tief 
erfchüttert. Er fland in dem Alter, wo bie Nichtigkeit 

irdiſcher Dinge fidy immer lebhafter vor des Menfchen 
Geiſt binftellt, und die eben in der Kirche gefehene Ers 
fcheinung trug noch mehr dazu bei, den natürlich Got⸗ 
tesfürchtigen ernft und feierlich zu flimmen. Frommer 
Vater, ſprach er zum Greife tretend, ihr und ich ſtan⸗ 
Den und im Leben mehr denn einmal feindlich gegen, 
über: jest ſtehn wir Beide nicht ferne mehr von 
der Pforte, die zum letzten Wege führt. Gewährt mir 
Verföhnung, ehe wir fcheiden — Karl ift es, ber euch 
Darum bittet. Gebt mir euren Segen!” 

Eine zucdende Bewegung überflog auf einen Mo⸗ 
ment das Antlit des Blinden, machte aber fogleich wies 
der der ruhigen, erniten Faffung feiner Züge Platz. 


*) Anm. Der Kaifer hatte ihm, nachdem er zu St. Goar ein: 
oefleidet worden war, (788) das Klofter Semeticum (Zus 
milger) bei Rouen zu feinem Aufenthaltsorte beftimmt, 


310 Der Mind su Lorſch. 


„Herr, fagte er, an euch! ift Vergeffen und Berfühnen: 
ich habe gegen euch gefündigt, ich habe den Eid verleßt, 
den ich euch gefchworen — Sahrelang habe ich, es ik 
der Einfamkeit durch Neue und Thränen gebüßt. Sch 
‚habe einen neuen, fchweren Kampf durdifämpft, als 
die Kunde von eurer Ankunft im Klofter mic, mehr 
denn je meined vergangenen Lebens gebenfen ließ: im 
Gebete ſtand die Erfcheinung eined Engeld vor mir, 
mich mahnend, daß meine Gterbeftunde nahe fei. So 
‚gewährt mir denn Berzeihbung, ihr, gegen ben ich am 
meiſten verfchuldet;’ 

Der Kaifer reichte ihm die Hand und eine Thräne 
bliste in feinem Auge. Der Blinde entfernte fich. Als 
am folgenden Morgen Karl feine Begleiter zum Aufs 
bruch nach Worms rief, meldete der Abt ihm beim 
Scheiden, Thaffilo fei, friedlich hingeſchlummert, in ſei⸗ 
ner Zelle gefunden worden. 


Per Nodenſtein. 


Hierzu das Wild VIEL. erfunten von H. Pluüddemaun, geflodgen 
von W. Baumann.) 


„— Habt Acht auf die Burg wahrend meiner Abs 
weſenheit — zieht die Brüce auf, Iaßt den Thurmmart 
. gute Umfchau halten und forgt, daß die Kriegsfnechte 
in Ordnung bleiben. In wenig Tagen bin ich wieder 
bier,’ 

So fprad, Ritter Hand von Nodenftein zu feinem 
alten treuen Burgwärter, indem er im Hofe, welchen rings 
fattliche Gebäude umgaben, von deren röthlicher Steins 
art dad Schloß feinen Namen erhalten, zu Pferde flieg. 
. Eine Minute fpäter fah man ihn, von einigen Neifigen 
begleitet, deren einer ein bepadtes Handpferb führte, 
ben fanften Abhang bes Hügels hinabreiten und bet 
einer Krümmung des Pfades im Gebüfche verfchwinden- 


312 Dev Robenftein. 


Der Kurfürft von der Pfalz, Here Ruprecht, den 
man zur Unterfcheidung von feinen Nachfolgern den 
Alten nennt, vernachläffigte ritterliche Uebungen nicht 
über der Sorgfalt, welche er den Wiffenfchaften wids 
mete, zu deren Nuß und Frommen er in feiner geliebs - 
ten Stadt Heidelberg im Sahr 1386 die hohe Schule 
geftiftet hatte, welche mit den Berühmteflen Welfchlande 
und Franfreichd metteifern follte, und zu deren erftem 
Rector er feinen treuen und weifen Rath, Marftlius 
von Inghen, beftellte., Der zahlreichen pfälzifchen Rits 
terfchaft zu gefallen, hatte er ein großed Turnier a 
feinem Schloſſe ausgefchrieben, das damals ſchon wie 
fpäter ald Juweel unter den fürftlichen Paläften glänzs 
te, durch anmuthige Lage fowohl ald durch Schönheit 
und Umfang der Bauten, welche der Kurfürft felbft 
größtentheild hatte aufführen Iaffen. Bon nahe und 
ferne 309 alfo die Ritterfchaft herbei — die Bewohner 
der zahlreichen Burgen, welche noch heutiged Tages in 
ihren Zrümmern dad Nedarthal, den Odenwald und 
bie überrheinifche Pfalz verfchönern. Denn. manden 
gab ed, der feinen Arm für ſtark, fein Auge für fücher 
genug hielt, im ernften Kampffpiel auf die Ermwerbung 
eines Preifes hoffen zu dürfen. Auch edler Frauen und 
Mägdlein fah man viele einziehn, von gefchmückten Zels . 
tern leicht getragen, in des Kurfürften gaftliche Burg. 1 

Hand von Rodenſtein wollte nicht fehlen bei einem 
folchen Fefte. Lange war’d ruhig gemefen, und er langes 
weilte ſich auf feiner abgelegenen, in einem waldigen 
Winkel ded Odenwaldes verfteten Burg, wo nur die 
Jagd in den weiten Koriten, welche fich nad) Krumbad) 


Der Robdenftein, 313 


und Erbach, nach Reichelsheim und dem Malchenberge 
bin erftredlen, und Zechgelage mit wüflten Gefellen, zu 
feiner täglichen Befchäftigung und Unterhaltung dienten. 
Denn des Ritterd Gemüth war wild und roh: im Wafs 
fenlärm und in Fehden war er herangewachſen, und 
Säger und Krieger waren die einzigen Gefährten bes 
frühe Elternlofen, der nun an der Scheibelinie einer 
shne Schranfen durchtobten Tugend ftand, ohne je der 
Einwirkung milderer Gefühle in feinem Buſen fich bes 
wußt worden zur fein. 

Wenigen konnte die von Heidelberg gelangte Kunde 
willfommener fein als ihm. Am Morgen, nachdem er 
fie vernommen, zog er aus; vor Abend ritt er fchon 
Aber die Nedarbrüde, und fand die kleine Stadt ganz 
voll von Rittern und Reifigen, welche derjelbe Zweck 
herbeigeführt hatte. Sm Schloßhofe waren bereits Die 
Schranken errichtet: eine Menge von edeln Herren 
drängten fich hinzu und ließen ihre Schilde aufhängen, 

und unter ihnen herrfchte der größte Wetteifer. Der 
beſtimmte Tag kam heran: fchöne Frauen faßen auf 
ben Balkonen, welche den Kampfplatz umgaben; Stahls 
rüftungen blitten, Helmbüfche flatterten, Schwerter klirr⸗ 
ten und bunte, Schärpen vereinten im lieblichen Farbens 
ſpiel alle Nüancen des Regenbogens. Roſſe wieherten 
und ſcharrten und nie hatte man, wenn man noch das 
Hin⸗ und Herrennen der Knappen, die Geſchäftigkeit 
der Kampfrichter, dad Gedränge der zum Schauen Zugelafs 
fenen bedenkt, ein fo reges Leben in Friedengzeit'gefehen. 

Unter den Edeldamen, welde Herrn Ruprechts 

fürftliche Gemahlin um ſich verſammelt hatte, war feine 


314 Der Robenftein. 


fo blühend, fo fittlich ſchoͤn, wie dad Fräulein von Hochs 
berg, mit den Shrigen zu dem Feſte gefommen. Sie 
zog aller Blicke auf ſich und manche dachten mit fliller 
"Freunde an das Glück, vielleicht von ihren Händen ben 
Nitterdanf zu empfangen. Keiner der Edeln trug ihre 
Farben, denn noch war fie frei und Dies war daß erfte 
Mal, daß fie bei einer folchen öffentlichen Veranlaſſung 
erfchien. Die Röthe der Schaam und Berlegenheit 
färbte ihre Wange, als fie fo Bieler Augen bewundernd 
auf ficy gerichtet fah. Dem NRodenfleiner war’s, als 
gehe ein neues, bisher ungefannted Leben in ihm auf. 
Kur wenig hatte er bisher auf Frauenfchönheit geachtet: 
jest fühlte er ihre Macht in der rauhen, durd die Rs 
ſtung wie durch die Gefühle mit Stahl gepanzerten Bruft. 

Die Trompeten, welche das Signal zum Anfang 
bes Kampfipield gaben, riffen ihn aus der ungewohnten 
Zräumerei, worin er gefallen war. Das Berlangen 
fi) audzuzeichnen, glühte in feiner Seele, da er wußte, 
baß fie Zeuge davon fein wide. Sein Arm warb 
geftählt: mehr denn einen tapfern Ritter hob er raſch 
und gewandt aus dem Sattel, und ihm wurde der erfie 
Kampfpreis zuerfannt. Es war ein kunſtreich gearbeis 
teter Helm. Die Kurfürftin empfing ihn aus den Häns 
den eined Pagen und reichte ihn dem Fräulein von 
Hochberg, diefe bittend, den fiegreichen Kämpfer damit 
zu ſchmücken. Marie that, in holder VBerlegenheit, was 
von ihr verlangt wurde, und hunderte beneibeten den 
glücklichen Ritter, als er fich wieder erhob und vom 
Balfon weg zu Herrn Ruprecht trat, der ihn freundlid) 
bewillfommnete. 


Der Robenftein. _ 313 


Von dieſem Tage an war ber Rodenſteiner wie 
umgewandelt. Der alte, wilde Geift fchien aus ihm 
gewichen, and die ihn am längſten gefannt, ftaunten 
am meiften über die Veränderung. Bon feiner Burg 
war er oft mehre Tage lang abweſend — aber er lag 
nicht im Gehölz, dem Feinde aufpaffend oder dem Wilde, 
wie er fonft zu thun gewohnt war, Nicht lange Zeit 
verging, und er zog wieder in dad Thor ded feitlich 
geſchmückten Nodenftein, wo die Seinigen ihn freudes 
jauchzend und mit heitern Klängen empfingen — an 
feiner Seite ein Engelbild, deffen Anblick Aller Herzen 
gewann. Marie von Hochberg war bed Beglüsten 
Gattin geworden. | 

Stille, freundliche Tage verfloffen nun auf ber 
Burg, welche ehemald nur Friegerifches Getöfe in ihren 
Hallen vernommen hatte, dem in Liebeöwonne ſchwel⸗ 
genden Paare. Der Mann, welcher einft nur in Feh⸗ 
ben Befchäftigung, in Gelagen Unterhaltung gefunden, 
fehien nichts anderes zu verkangen und zu wünſchen, 
als ungeftörted, häusliches Glück. Marie pried fi 
ſelig, ein ſolches Wunder bewirkt zu haben, ob fie gleich 
die Gefchichten, welche fie von ihres Gatten tollem Les 
ben vernommen, in ihrer Arglofigfeit faum für möglich 
hielt. Aber zu ihrem Entfeßen follte fie finden, daß der 
Teufel der böfen Angewöhnung noch verfteckt war. in 
. feinem Hinterhalt. Das unthätige Leben ließ den Ritter 
allmälig auch an Mariens Seite Langeweile empfinden. 
Er war häufiger auf der Jagd und auf benachbarter 
Burgen; die alten Genoffen, welche feiner oft gefpottet 
und ihn endlich aufgegeben, fammelten fich wieder. um 


316 Der Rodenſtein. 


ihn. Mit Schreden gewahrte Marie, baß die Gemalt, 
bie fie früher über den Gatten hatte, ſich mit jedem 
Rage verminderte. Anfangs fuchte fie ihn zurückzufäh— 
ren. durch Tiebende Vorwürfe, dann überließ fie ſich 
ftilem Schmerze. So faß fie oft allein, Abende mb 
halbe Nächte Tang, während aus den gewölbten Hallen 
des Erdgefchoffes wilder Subel in ihr einfames Gemach 
Drang. Dort zechte der Nobenftein mit feinen wüften 
Gefellen. Seine Gattin war ihm gleichgültig gewor⸗ 
den: ihr milder Sinn vermochte nichts mehr über bie 
wiedererwachten Leidenfchaften des rohen Mannes. | 

Sp bradıte Marie freudenlofe Tage hin, und bad 
Einzige, was fie noch aufrecht hielt und ermuthigte, 
war die Ausficht, bald Mutter zu werden. Sie tröftete 
ſich mit der Hoffnung, durch Died neue Band den Pflicht 
vergeſſenen wieder zu fefleln, die beffern Regungen von 
neuem zu weden in feiner Bruft. Es ift fein Strahl 
fo ſchwach und zitternd, den nicht das beängftigte, vom 
Unglück getrübte Gemüth freudig begrüßt als das Kicht 
der Erlöfung. 

Eines. Abends faß fie in ihrem Gemach, der Tag 
war vorübergegangen, ohne daß fie ihren Gatten geſehn 
hatte. Ihre Zofe hatte ihr berichtet, er fei ſchon früh 
Morgend mit mehren Knechten ausgeritten. Da hörte 
fie im Hofraum Huffchlag und Hundegebel, und bald 
darauf trat der Ritter, von Kopf bis zu Fuß gerüftet, 
mit Hlirrenden Sporen ein. Sie erfchrad vor feinem 
Anblick: feine Augen roflten wild, und auf Wange und 
Stirn wechfelte die Röthe des Zornes mit Todtenbläfle. 
Marie, fprach er rauh und ohne fie zu begrüßen, ih 


Deu Robenflein. a17 


muß dieſe Nacht draußen bleiben. Der Ritter pem 
Scnellerthat mir eine Beleidigung zugefügt, welche 
nur durch Blut gerächt werden kann. Meine Knechte 
find bereits im Hofe — ich.gehe. In der Verzweiflung 
.. warf die Arme ſich an feinen Hals: fie bat, fie befchmor 
ihn, fein Leben nicht auszufeßen, zu denken an fle, Die 
er hülflod zurüdlaffe, an das Kind, bad fie unter ihs 
sem Bufen trage. Sie erinnerte ihn an die glücklichen 
Tage, die fie auf diefer Burg miteinander verleht, an 
ihren Schmerz und ihre Einſamkeit. Nichtd machte Eins 
druck auf den harten Mann: bei feinem Kntfchluffe 
beharrend, fuchte er fich loszureißen von ıhr, und als- 
fie flehend und weinend ihn nicht von ſich laſſen wollte, 
fließ der Unmenſch fie mit der Fauſt weg, daß fie ohn⸗ 
mächtig zu Boden fan, 

Es war gegen Mitternacht, ald der Ritter mit it ſeinem 
Troß in dem Dickicht lag, welches die kaum zwei Stans 
den vom Nobenftein entfernte Schnellertöburg umgibt, 
Hier Tauerte er auf eine Gelegenheit, bie Befte feines 
Feindes zu überfallen. Da fah er plößlich das dunkle 
Gebüſch fich mit lichtem Schein erhellen, und eine bleiche 
Geſtalt, welche die Züge feiner miöhandelten Gattin 
peug, ein todted Knäblein auf ihrem Arm, fehwebte an 
ihm vorüber, indem fie ihm einen wehmüthig firafenbes 
Blick zuwarf. Ein Falter Schauer durchriefelte feine 
Glieder, denn er dachte nun feiner Unthat, al& bie 
Erfcheinung ihm den Tod Mariend verfündigte, die er 
wit ihrem Kinde ermordet, Bon zu ſpaͤter Reue ers 
griffen, warf er fich auf den Boden nieder — da. warb 
er duch Lärm und Waffengeklirr fürchterlich aufge 


318 Der Robenftein, 


ſchreckt. Sein Gegner, von dem nächtlichen Zuge durch 
Kundfchaft in Kenatniß gefekt, war ihm zuͤvorgekom⸗ 
men: die Seinigen waren bald umringt und niederge⸗ 
ſtoßen im blutigen Handgemenge. Ein Hieb, der ſeine 
Stirne traf, machte nach kurzem Kampfe ſeinem Leben 
ein Ende, 

Als die nädite Mitternacht heran fam, feßte eine 
ungewöhnte Erfcheinung die Bewohner des Odenwaldes 
: In jähen Schreden. Ein gräßliche® Geheul und Lars 
men erhob fich auf dem Nodenftein: über dem Boden 
fchwebend ſah man einen gefpenftifchen Reiter mit erd⸗ 
fahlem Geficht auf einem Feuerfchnaubenden fchwarzen 
Roſſe dahin fliegen, unabläffig verfolgt von Höllengeis 
ftern, die in teuflifchen Geftalten, halb Menſchen, halb 
Thieren ähnelnd, ihn hetzten, bid der Hahnenruf. den 
erften Morgenftrahl verkündete. So trieb er's, ewig 
raſtlos und in nie endender Qual, Sahrhunderte lang, 
und mit ftummer Angft vernahm das Landvolf ber Ums 
gebungen dad Toben der wilden Jagd, welche ihm ims 
mer irgend ein Unglüd verfündigte, und welche die Ges 
fhichte vom NRodenftein und feiner Unmenfchlichfeit aud 
in unfern Tagen erhält im Munde der Odenwälder. 

Wenn man von dem freundlichen, an Kunftfchäßen 
und Alterthümern reichen Erbach über dad Dörfchen 
Krumbach nad) dem Felsberge zu fich wendet, um feine 
Naturwunder, Riefenfänle und Steinmeer, in Augen 
fchein zu nehmen, fommt man an den Ruinen des Ro 
benftein’s vorbei, welche, von Waldungen umgeben, in der 
tiefiten Einfamfeit nicht weit von Neichelöheim auf 
—einem niedern Hügel liegen. Das Gefchlecht, dem fie 


Des Roden fein. 319 


gehörten, flarb vor beinahe zwei Iahrhunderten aus. 
Die Sage vom wilden Säger, welche in der ganzen 
Gegend von Groß und Klein erzählt wird, gibt dem 
ſtillen Ort und den verlaffenen Trümmern etwas Un⸗ 
heimliched und Schauerliches. Nicht leicht erwehrt der 
Wanderer fich diefer Empfindung. 





Der Tag bei Seckenheim 
und 


das Gaftmahl ohne Bro. 


Südlich von dem großen Winkel, den ber Zuſammen⸗ 
fluß des Nedars mit dem Rhein bei Mannheim bildet, 
dehnt fich eine große fchöne Ebene aus. Nach Often 
hin zieht noch eine ‚Zeitlang das Gebirge, das, eine 
Fortfegung der odenwaldifchen Höhenreihe der Berg⸗ 
ftraße, an Heidelberg vorbei fich nach Wießloch hin ers ' 
ftreckt, füdlich eröffnet fi) Die weite Ebene, in ber das 
freundliche Karlöruhe Liegt, weitlich macht der Rhein, 
nördlich der Nedar, der fich in flarfen Krümmungen 
aus dem engen Thal, worin die anftoßenden Berge ihn 
gefangen hielten, herwindet, die Gränze. Ganz in ber 
Nähe, von Süden nach Norden ziehend, erfcheint bie 
reizende Bergſtraße mit ihren alterthümlichen Dörfern 


7, 


Der Zag bei Seckenheim. 321 
8 


sunb Stäbtchen und ihren impofanten Burgtrimmern, 
u an ihrem Ende ſtreckt der riefige Melibokus fein 
Saunpt in die Luft empor. Wir befinden ung in einem 
der fchönften, intereffanteften Gegenden bed deutſchen 
Baterlanded. 

An der Straße, welche durch diefe Auen von Hels 
delberg nach Mannheim führt, liegt, ungefähr anderts 
halb Stunden von der letztgenannten Stadt entfernt, 
das große und freundliche Dorf Sedenheim. Rein⸗ 
liche, Ländliche Wohngebäude und mit Mauern umgebene 
Gärten fchmücden biefed Dorf, dad im Allgemeinen 
den Charakter der Wohlhabenheit an fid, trägt. Wenn 
wir die Sahrbücher der yfälzifhen Gefchichte nachſchla⸗ 
gen, fo erfahren wir, daß auf der Ebene, in der Sedens 
heim liegt, am 13. Sunt 1462 eine blutige Schlacht ges 
fchlagen wurde, bie ſowohl durch ihren Erfolg ald durch 
ihren Einfluß auf das Schickſal des pfälzifhen Kurhau⸗ 
ſes von größter Wichtigkeit ift. Doc, wir wollen den 
alten Chronifenfchreibern felbft die Gefchichte jener 
Tage nacherzählen. 

Als Churfürft Ludwig, der bärtige, im Sahr 
1436 im hohen Alter ftarb, hinterließ er zwei Söhne, 
von benen ber Yeltere ihm ald Ludwig IV., ben bie 
Gefchichte den Sanftmüthigen nennt, nachfolgte, wäh 
rend der Süngere, Friedrich, ihm ald Reichsgehülfe in 
ber Verwaltung bed Landes beiftand. Es ift der Mark: 
Aurel des Mittelalters, wie Benedicte NRaubert ihn 
treffend benannt hat, Friedrich der Siegreiche. 
Ludwigs IV. früher Tod beranbte die Pfalz bald ihres 

| 21 


‘ 


x 


322 Der Tag bei Seckenheim. 


Fürften, und feinen einzigen, kaum ein Jahr alte Sohn 
Philipp des liebenden Vaters. Eine Träftige Hanb 

that dem Lande Noth, und anf bad flehende ‚Bitten 
aller Stände übernahm Friedrich ald. Adminiftrater 
bie Regierung, unter Zuftimmung der deutfchen Fürften, 
wiewohl gegen den Willen des deutfchen Katfers. Fried 
rich TIT., der neue Kurfürft, hatte mit vielen und maͤch⸗ 
tigen Feinden zu Tämpfen, aber dad Glück begünftigte 
ihn gegen Neid und Mißgunft, und bald war fein Name 
wie fein Arm allgemein gefürchtet. Mit ſtarker Hand 
brach er die Burgen unb zerftörte viele Naubnefter an 
ber Bergftraße, dem Haarbdtgebirge und dem Nedar. 
Aber fein Ruhm und fein Glück erwarben ihm nur 
neue Feinde. Zwifchen dem Markgrafen Karl von 
Baden, dem Bilhofe Georg von Meg und 
dem Grafen Ulrih von Würtemberg warb ein 
Bund zur Vernichtung des Siegreichen gefchloffen, dem 
im Sahr 1462 auch Sohannes Nir von Hohened, 
Biſchof von Speyer, beitrat. Bon fo vielen Seiten 
zugleich angegriffen, befand ſich der Kurfürft in wirklid 
gefährlicher Lage, welche noch baburch verfchlinmert 
ward, daß Papit Pius II. die Gemüther gegen Fried 
rich erhigte, und feine Feinde in ihrem Vorhaben er 
munterte, 

Im Jahre 1462 warb der Feldzug von Seiten beö 
Kurfürften durch einen Einfall in die fpeyerfchen Lande 
eröffnet, worüber feine Gegner den Entfchluß faßten, 
ben Krieg in Feindes Land zu verfeßen. Viele erfanns 
sen das Gefährliche diefes Unternehmens, und riethen 
ben Fürften, den Anfchlag fahren zu laſſen, ja Einer 


8 


Der Tag bei Seckenhbeim. 323 


‘son den mwürtembergifchen NRäthen, Herr Hans von 
Rehberg, Aufferte fich bei der Berathung folgenders 
‚maßen gegen feinen Fürften: „Gnädigſter Herr, She 
wollet dem allermännlichften Fürften, ber in Deutfchland 
wohnt, in fein Land ziehen. Und fürwahr, fo werdet 
Shr ihn vor Euch fehen, und mit ihm fechten müffen, 
fo wahr ich die Wand vor mir fehe, oder Shr müffet 
ihm flüchtig entrinnen.” So fehr wurde bereits der 
Ruhm von Friedrichs Tapferkeit auch von feinen Keins 
den anerfannt. Die Einfprüce diefes und vieler ats 
derer Ritter fruchteten indeß bei den Fürften nichts, 
‚befonderd da fie Cindem fie den Kurfürften zur Hilfe 
des Herzogs Ludwig von Bayern, der fid) gerade das 
als in großer Noth befand, abweſend vermeinten,) 
ein wehrlofes Land verwüften zu können glaubten. Sie 
Bachten während feiner Abwefenheit an feinem ganzen 
Sande, fo wie an feiner Stadt Heidelberg eine reiche 
Beute zu machen. | 

Am 24. Suni zog ber Graf von Würtemberg mit 
feinen Schaaren von Stuttgart, und vereinigte ſich zu 
Pforzheim mit den Badenfchen, Speyerfchen und Mebis 
fchen Truppen. Nach dem Mißlingen eines Anfchlags 
auf Heidelberg befchloffen die Fürften einen Streifzug 
in dad Oberamt Heidelberg, und nachdem fie Fußvolk 
und Wagenburg zurücgelaffen, zogen fie mit 800 Streis 
tern fengend und Land und Saaten furchtbar vers 
heerend, voraus bis in die Gegend von Sedenheim, 
nahe an's Ufer des Nedar. Diefer unüberlegte Zug 
war am Abende bewerkftelligt worden, und fchon am 
folgenden Morgen ſah man in dem Redarthal und bes 


2 Der Tag bei Gedenpeim. 


rum um SHeibelberg die Dörfer all' in lichten Flammen 
fichen. Um alle Felder fchnel zu verderben, banben 
fie den Pferden abgehanene Baumäfte an die Schweife, 
und fo zogen, bed Landmannd Saat verheerend, die 
Unholde durchs Land. 

Der Pfälzer folgte in der Mitte der Nacht dem 
Feinde. Zu Leinen fammelten ſich feine Wannen, und 
in aller Eile führte er fie burd; den Schwetzinger Walb 
nach dem Nedar hin. AS ber Tag anbrach, verfünde 
ten die rings auffteigenden Nauchjäulen der eingeäfcher 
ten Dörfer die Naͤhe des Feindes, und ald er aud dem 
Walde hervorrüdend, auf einem fandigen Plane hielt, 
ward er zuerſt ber feindlichen Nettergefchwaber gewahrt. 
Zugleih zog von Oſten her, von Heidelberg kommend, 
eine flarfe Reiterfchaar heran, — froh begrüßten fie 
Die Furfürftlichen Truppen, deren blanfe Speere auf 
Den: weiten Sandfeld bis zum dunkeln Walde im las 
ren Morgenlichte ſchimmerten: es waren der Erzbiſchof 
Diether von Mainz und der Graf von Katzeneln 
bogen, Die mit 300 Neitern zu Friedrich fließen. So 
belief fih Die vereinigte Heermacht auf tauſend Reiter 
und zweitaufend Füßer. 

Kun ordnete der Kurfürft die Schlacht. Zum ober 
fien Hauptmann erwählte er den Herrn von Anfelt 
heim; in die Mitte ftellte er Die Neiterei, auf beide 
Flügel die Füßer, von einigen Reitergeſchwadern unter 
ſtützt. Den rechten Flügel führt Sollen von Hering, 
den linken, Johann won Eberſtein und Wilhelm 
von Rappolſtein. Das pfälzifche Hauptbanner trug 
Kheingraf Johann, der Pfalz Erbmarfchall; der 





Der Tag bei Sedenpeim. 325 


pfaͤlziſche Löwe und die bairifchen Rauten flatterten 
body über den Plan und bie gepanzerten Schaaren. 
Hierauf ließ der Kurfürft den Ritterfchlag ertheilen: 
er ſelber Eniete vor Heren Wiprecht von Helmftätt 
nieder und empfing von ihm die gebräuchlichen drei 
Schläge mit dem ritterlihen Schwerte. Mit ihm und 
nad) ihm ward Diefelbe Ehre beinahe fünfzig Eden yu 
Theil. Das Feldzeichen des Heeres war ein Helmbufch 
von Rußlaub: es follte bald. ein Lorbeerkranz werben. 
Friedrich ermahnte die Seinen zur Tapferkeit und ſprach 
zu ihnen, daß fie heute ihrem angeflammten Fürften 
helfen, und ald fromme Leute handelten, wenn fie den 
Tag gewannen und kämpften ale tapferre Männer. 
Da riefen fie alle fröhlich aus: Lieber Herr, mit Euch 
wollen wir leben und fterben! Und hierauf ritt er zu 
dem Erzbifchofe Diefher und ermahnte ihn, ſich nicht 
den Gefahren der Schlacht auszufegen, fondern nad 
Heidelberg zu fehren: der Bifchof aber erflärte, daß er 
bei. dem Herrn bleiben wolle bi8 zum Ausgange, Und 
freudig rief Herr Friedrich aus: „So hat mid) mein 
Wahn nicht betrogen. Heute Kurfürft oder nims 
mer! und damit gab er feinem Roffe Die Sporen, und 
trabte wohlgemuth auf den Feind los. 

.. Die Öegner, da fie Dad unerwartete Anrüden der 
Hfälzer fahen, mußten fich bald zur Schlacht entfchließen, 
da fie in den Winkel zwifchen Rhein und Nedar ges 
drängt, ‘wo jede Flucht unmöglich war. Sie orbneten 
alfe ihr Treffen, fo gut es in der Eile gehen wollte, und 
erwarteten das Anrücden des Furfürftlichen Heeres, das 
fich wie eine Gewitterwolfe heranwaͤlzte. 


326 Der Tag bei Gedenheim. 


Das Mitteltreffen griff rafch an: die Ritter fenften 
ihre Speere, und machten nad) Kriegsart den erfien 
Gang mit einander, während bie Reitergeſchwader anf 
den beiden Flügeln den Feind in den Flanken angriffen. 
Der Kampf war hartnädig und blutig, Die Badiſchen 
und Würtembergifchen wurden zugleich vorne und von 
den Seiten angegriffen, und konnten weder vorwärts 
noch zurück. Rur im Kampf war Hoffnung; zur Flucht 
war der Weg verfchlofien. Einer ermunterte ben As 
dern, und Jeder verkaufte theuer fein Leben. Herm 
Friedrich wurde das Pferd unter dem Leibe erftochen, 
fo daß er eine Zeitlang zu Fuße fechten. mußte, und 
nur feinem flarfen Arme und guten Glücke fein Leber 
dankte; Wiprecht von Helmftätt wurbe an feiner 
Seite erfchlagen. Die pfälzifchen Reitergefchwaber be 
gannen ſchon zu weichen, da ftürzte dad etwas fpäter 
in den Kampf gefommene Fußvolk in die Flanken des 
Feindes, mit feinen langen Spießen die Roſſe der Ritter 
eritechend, jv daß diefe zu Fuß zu kämpfen genöthigt, 
in Unordnung geriethen, worauf die Reiterei von Neuem 
eindrang, die Reihen des Feindes durchbrach, und 
mit fiegreicher Hand das flatternde Hauptbanner em 
oberte, Jetzt wurde bie Niederlage und Verwirrung 
allgemein unter den fürftlichen Schaaren. Herr Hand 
von Gemmingen nahm mit eigener Hand den Gra— 
fen Ulrich von Würtemberg gefangen; der Mark 
graf von Baden und ber Bifchof von Meg muß 
ten ſich nad, tapferer Gegenwehr und fchwer verwun⸗ 
bet dem Feinde ergeben. Drei und vierzig Ritter und 
Grafen ans dem feindlichen Heere blieben auf. der Wabk |, 


Der Tag bei Sedenheim. 327 


ftatt, hundert und vierzig Edelleute, ohne die Neifigen 
und Knechte, wurden gefangen genommen. Bei drei⸗ 
hundert entfamen durch die Flucht. Auf Furfürftlicher 
Seite. war der Berluft an Todten und Berwundeten 
weit geringer, nur wenige Ritter bediten die Wahlftatt« 
Der Tag bei Sedenheim — es war ber 30, 

Juni — zeigte ſich in feinen Folgen fehr wichtig, da 
der Kurfürft in dieſer Schlacht nicht nur die beiten Ritter 
bed Feindes, fondern auch die Fürften felbit in feine 
Gewalt befam, und der Krieg damit ein Ende hatte, 
ei Mit feinem fiegreichen Heere und feinen vornehs 
wen Befangenen 309 Friedrich gen Heidelberg. Bald 
batten fie Weitlingen und Edingen hinter ſich, und 306 
gen, im Angeſichte ber Bergitraße, an ber großen 
Neckarkrüummung herum, dem engen Thale zu, welches 
ſich zwifchen den Koloffen des Heiligenberges und Kö⸗ 
nigftuhls hinzieht, und bald erfchien, die an des Stro⸗ 
med Ufern dicht hingefchmiegte Stadt malerifch übers 
thronend, Nuprecht des Gütigen Fönigliche Burg 
auf dem alten Settenbühl ihren Augen. Noch war der 
größte Theil des herrlichen Schloſſes der Zeiten Schoofe 
nicht entftiegen: auf der öftlichen Seite des Hügels ers 
hob ſich Otto Heinrich& Föniglicher Bau noch nicht, 
keine engelländifche Elifabeth hatte die reizenden Schös 
pfungen der Kunft Ddiefer romantifchen Natur entlodt. 
: ber Kurfürft Adolph alter Bau begrüßte ſchon auf 
„ der Weſtſeite des Hügels mit feinen gothifchen Erfern und 
s Spigfenftern die Stadt; auf der Stelle, wo ſich jest 
ı der Pallaft Friedrichs IV. mit feiner impofanten Fa⸗ 
ı aabe und bem, ben entzüdten Blicken fo viele Herr⸗ 


328 Der Zag bei Sedenheim. 


Bchfeiten verrathenden Altane zeigt, erhob ſich mit ihs 
ren vier Thürmen bie Schloßfapelle Ruprechts des 
Alten. Neben dem Adolföbaue, Dort wo jekt Zerftis 
zung ber Zeit und Menfchen in ben Trümmern am 
meiften gewaltet hat, ohne biefen Denfmalen einer kraͤf⸗ 
tigen Zeit ihren Reiz ganz nehmen zu können, fland 
Ruprecht II., des Königs der Deutfchen, (nach bes 
Euremburgerd Wenzel fchmachvoller Abfegung) fchöner 
Bau, an feinen Wänden die Infignien der Macht, 
“Herrlichkeit und Abflammung des erlauchten pfälziſchen 
Hauſes den Reichsadler, den pfälzifchen und den burg 4 
gräflich würtembergifchen Löwen nebit ber bairiſchen 
Wecke tragend, und mit himmelftrebenden Thürmen 
wohl verwahrt. Auf dem Geisberg ſtand noch Die alte 
Burg Konrads von Hohbenftaufen, eine noch Weis 
tere Gegend überfchauend. Ssener bereitete der Himmel 
felbft, noch Fein Sahrhundert fpäter, durch fein eigenes 
Teuer den Untergang. 

Hier. war ed, in der Burg feiner Väter, wo Frieb⸗ 
rich, der fiegreiche Kurfürft, feine Gefangenen, als Gäfte 
aufs prächtigfte empfing. Der Markgraf von. Baden 
und der Bifchof hatten im Kampfe ſolche Wunden 
empfangen, daß der Kurfürft fie unverzüglich der Obhut 
feines Leibarzted Heinrich Nunfinger, übergeben mußte, 
Graf Ulrich von MWürtemberg aber, und eine große 
Zahl von gefangenen Grafen und Edlen wurden von 
Friedrich Föniglich bewirthet. Der Ritterfaal des Rup⸗ 
rechtbaues fchloß den Gäſten feine ehrwürdigen gewölb⸗ 
ten Hallen, mit den Wappenfchildern der pfälzifchen 

Fürften und ihren Trophäen gefchmädt, auf. Friedrich 


Der Tag bei Sedenheim, 329 


ſelbſt und fein vierzehnjähriger Neffe, Philipp, feis 
ned Bruders Ludwig Sohn, empfing fie. Die Fürften, 
tafel war prachtvoll befegt, der Kurfürft der Teutfeligfte 
Wirth. Aber es fehlte das Brod auf dem Tifche. Ans 
fangs warteten die Säfte eine Weile; dann aber fah 
Graf Ulrich ſich um, die Diener folches-bringen heißend. 
Da erhob ſich Friedrich, nahm den Würtemberger bei 
der Hand und führte ihn and Kenfter hin, wo man das 
Nedartbal überfchauen fonnte. „Herr Graf, ſprach er 
mit ernitem Bli und firengem Tone, blicket um euch! 

acht ihr, wie ihr und die Euren den Weg bezeichnet 
habt durd) ſchwarze Trümmer und verfengte Felder, wo 
MWohlftand und Arbeitfamfeit herrfchten? In Ddiefem 
Sommer giebt’d nicht? zu erndten in der Pfalz, Dank 
euch und euren Verbündeten, darum befcheidet euch: 
„Den Kriegern gehört fein Brod, die aus blos 
Bem Muthmwillen die Saat des Landmanne 
im Felde zerfiören, und die Mühlen in Rauch 
verwandeln!” 

In der heiligen Geiftfirche auf dem Marktplatze zu 
Heidelberg wurde ein feierliches Siegesfeſt mit dem 
Te Deum gefeiert, und zum Gedenken ded Sieges 
jährlich ein feftlicher Umzug am Sonntage nach Sanft 
Petri und Pauli Tag geftiftet. Das feindliche Haupts 
banner ward in der genannten Kirche aufgeftedt. Der 
Bifchof von Met wurde nah Mannheim in Gewahr⸗ 
fam gebracht, die beiden Fürften blieben auf dem Schloffe 
zu Heidelberg in Gefangenſchaft, bis fie ſich lößten, und 
nnebft ihren Nittern einen Revers erlegten, nicht mehr 
gegen Kurpfalz feyn zu wollen. 


ALT Der Bag bei Seckenheim. 


Sp enbet ſich die Gefchichte der für Fried rich io 
ruhmvollen Schlacht bei Sedenheim und des Gaſt⸗ 
mahls ohne Brod. Auf der Wahlftatt aber ließ 
der. Kurfürft ein hohes Kreuz errichten, das mit feiner 
Juſchrift bis. zu fpäten Zeiten zu fehen war, während 
das nahe Dorf Kriedrichöfeld noch in unfern Tagen die 
Erinnerung an. der Pfalz größten Kurfürften weckt. 


Der Wolfsbrunnen. 


ange Sahre bevor Konrad von Hohenftaufen feinen 
Sig nad; dem Nedarlande verlegte und auf dem Hügel, 
welcher Heidelberg, und Ebene und Höhe bis zur Voge⸗ 
fenfette überfchaut, eine Burg gegründet hatte, ftand 
auf demfelben eine einfame Klaufe, von dichter Wals 
dung umgeben, welche fich auch noch in unfern Tagen 
ben hohen Königftuhl und den Geißberg hinanzieht. 
Unter den gewaltigen Eichen, zwifchen deren Stämmen 
und Laubwerk hindurch der Blick über das Thal fchweifte, 
durch dad der Fluß fich windet und wo nur wenige 
vereinzelte Wohnungen Tagen, an deren Stelle jet eine 
alterthümliche und belebte Stadt mit ihren hohen Thürs 
men und langen Gaffen liegt, wohnte eine Sungfrau, 
von deren Herkunft Feiner der Bewohner der Umgegend 
etwas wußte, und deren ganzes Leben in undurchbrings 
liches Dunkel gehüllt war. Sie erfchien dem Landvolk 
wie ein höheres Wefen, und nur mit Schen nahte man 


332 Der Wolfsbrunnen. 


dem Hügel. Ihre Geſtalt war edel, ihr Autlitz fchon 
aber ernſt, ihr blaued Auge baftete durchdringend auf 
dem Gegenftande, den ed anblidte; in langen Loden 
fiel dad blonde Haar herunter auf ihr weißes Gewand. 
Mit den geheimen Kräften der Natur fchien fie vers 
traut; fie beobachtete den Gang der Geſtirne, fie er 
forfchte das Wachſen ded Baumed und der Pflanze 
Auch die Kunde Des Kommenden fhien ihr nicht vors 
enthalten zu fein, und wenn irgend ein Landmann, Fils 
ner als die übrigen, den Muth hatte, ſich dem Feniter 
ihrer ſtillen Wohnung zu nahen, um ihr ein Anliegen oder 
eine Bitte um Rath und Ausfunft vorzutragen, fo gab 
ihre wehllautende Stimme ihm eine kurze aber befries 
digende Antwort, und niemand wußte fich des Falles 
zu erinnern, daß ihr Wort getrogen hätte. 
Am Tiebften ließ fie fih aus über das Fünftige Loos 
des fchönen Landes, das fie vor ſich hingebreitet ſah in 
feiner frifchen Pracht, und da verfündigte fie, einer 
Sybille des Alterthums gleich, mit begeijtert flammens 
dem Auge and ernftem Munde: eine glänzende Zeit 
werde erfcheinen, Paläjte und Thürme werde man ent 
fiehn fehn, und rühriges Bolf zu taufenden die Niedes 
rung füllen, wo dermalen nur arme Fifiher wohnten. 
An einem ſchoͤnen Sommertage verließ die Wahr; 
fagerin, welche man Setta zu nennen pflegte, ihre 
Kaufe, und wandelte auf den ſchmalen Bergpfaden bin, 
welche nach Dften zu dem Laufe des Nedars folgen. 
Almählig ind Thal hinunterfteigend, gelangte fie an 
eine raufchende Quelle, welche unter hohen Linden hers 
vorfprudelte und ein von ber Natur gebildetes Baſſin 


Der Wolfsbrunnen, „333 


füllte. Nichts regte fid) umher — Tautlod waren Luft 
und Wald. Die Wärme ded Tages, die Krifche des 
Waſſers, die heimliche Stile des anmutbigen Ortes: 
alled vereinigte fi, um die Sungfrau zur Ruhe und 
Baden einzuladen. Bald umgab die Welle den Schnee 
‚ihrer Glieder; unbeforgt überließ fie fich der angeneh⸗ 
men Empfindung, ald plößlich ein Geräufch im Walde 
ſich vernehmen Tief. Im erften Augenbfik glaubte die 
Erfchrodene von einem Säger oder Landmann überrafcht 
worben zu fein — fie griff baftig nach ihrem Gewande 
— da erfcholl der heifere Schrei eined Thiered aus dem 
Didicht, und eine Wölfin brach mit ihren Sungen her: 
vor. Nicht Flucht half, nidyt Angitgefchrei — eine zers 
riffene Leiche, lag nach wenigen Momenten das fchöne 
Weib da,-die Mare Welle geröthet von ihrem Blute. 
Seit jener Zeit gab man der Quelle den Namen 
des Wolfsbrunnens. Und wenn der Sungfrun 
Berheißungen in Hinſicht des freundlichen Heidelberg 
in Erfüllung gingen, und die Zeiten der höchiten Macht 
der rheinifchen Pfalzgrafen Wiffenfchaft und Kunft, 
Betriebfamfeit und Reichthum an die Ufer des Nedar 
verfeßten: fo wurde auch die Stätte berühmt, wo fie 
den Tod gefunden. Boskette und Wohnungen fchmüds 
ten ihn, und nie war er reizender als in den Tagen, 
wo Elifabeth Stuart, König Jakobs I. Tochter, und - 
Gemahlin des Kurfürften Friedric von der Pfalz, auf 
dem Schloſſe zu Heidelberg lebte. Auch jetzt noch, nach⸗ 
dem die Sahrhunderte alten Bäume verfchwunden find, 
welche vor Zeiten die Forellenreichen Teiche umgaben, 
ift es ein anmuthiges Pläychen, zu welchem ber Wans 


336 Der Bolfsbrunnen. 


derer fi gerne von ber Stabt and begibt, ſei es nm 
daß er den Weg einfchlägt, welcher durch den fchönen 
Schloßgarten ſich am Abhange des Berges dahinzieht, 
oder unter den Nußbäumen die Straße wandelt, welche 
längs dem Fluffe dahinführt, dad Dörfchen Schlierbach 
berührend und die Außficht auf das rechte Ufer gewähs 
rend, wo der Allerheiligenberg fich erhebt und Die meiß 
fen Mauern des Stiftd Neuburg freundlich herübers 
grüßen. 


Das redende Marienbild. 


Im Dom zu Speyer ſieht man von ber Thüre bie 
zum Chor vier runde, eherne Platten in geringer Ents 
fernung von einander dem Boden eingefügt, auf welchen 
bie Worte zu leſen find: O sanctissima! O piissima! 
Dulcis virgo Maria! — zu beutfch: Allerheiligfte, Allers 
frömmpfte, Süße Sungfrau Maria! — Die leßte Platte ift 
von dem auf dem Altar der Kirche prangenden Mas 
rienbild nicht weit entfernt. 

Hiervon wird erzählt, dem heiligen Bernardus ſei 
ed auch einmal begegnet, den Beginn der Meſſe zu 
. verfäumen. Ald er nun doch endlich fi einfand und 
. über die vier Platten hinwandelnd, dem Marienbild 
nahte und diefes nach herfümmlicher Weife mit jenen 
den Platten eingegrabenen Worten begrüßte, fol bei 
Rennung des Namens Maria! das Bild dad Haupt 
erhoben und gefprochen haben: 


336 Das vebende Marienbild. 


„O Bernbarde, cur tam tarde!“ Zu deutſch: „Wo⸗ 
ber fo fpät, Bernardus?“ — Worauf Diefer mit 
einer Stelle der Schrift erwieberte: „Mulier taceat in 
Ecclesia!“ Das Weib fchweige in der Gemeinde! — Und 
wirklich fol feitvem das Marienbild nicht mehr fprechen. 








Alrich Sandfchaden, 


„Weg aus meinem Angeficht! Preife dich glüͤcklich, daß 
ich, deined Weibes und deiner Kinder mich erbarmend, 
dich nicht firafe wie die andern Räuber, welche wie bu 
den Nitternamen gefchändet. Kehre zu deiner Burg zus 
rück: aber wehe dir, wenn du dich wieder betreten läfs 
feft beim Frevel! doch fortan follen Helm und Sporen 
dich nicht mehr fchmüden, und das Wappen deiner Bors 
fahren fei zerbrochen und vernichtet. Du haft dem Lande 
mehr gefchadet denn Einer — fo trage denn auch ben 
Namen zu bleibender Schmadh, und nicht anders als 
den Landſchaden foll man dich heißen.” \ 

Sao' ſprach, mit ernftem Ton und finftrer Miene, 
Kaiſer Rudolf von Haböburg auf dem Neichdtage zu 
Frankfurt zu einem Ritter, welcher niebergefchlagenen 
Blickes und entwaffnet vor ihm fland, und noch eines 
Arengern Urtheild gewärtig gewefen war. Des Kaiferd 
Mahnungen und Drohungen hatten nicht gefruchtet, 


338 ulrih Landſchaden. 


Ordnung herzuſtellen im teutfchen Reiche; fein ftarfer 
Arm mußte die Unruheftifter feine ganze Kraft fühlen 
Iaffen. Was die Bündniſſe der geängfteten und mishans 
delten Städte gegen den raubfüchtigen Adel nur halb 
auszurichten vermocht hatten, das brachte des entrüfteten 
Herrfcherd Macht zu Stande: am Rheine und in ans 
dern Gegenden Teutſchlands fchlugen die Flammen ver 
eroberten und zerftörten Felfennefter gen Himmel, und 
mancher Räuber mußte durch den Strid oder das Schwert 
feine Unthaten büßen. Störet nicht die Wege der Ge 
rechtigfeit, fprady der Kaifer ernft zu denjenigen, welde 
eine Milderung des Urtheild erbitten wollten. Diefe 
find feine Ritter, fondern verruchte Diebe. und Räuber, 


welche die Armen durch ihre Uebermacht unterdrüden, 


den Frieden gewaltfam brechen, die heiligen Nechte des 


Reiches fchmachvoll mit Füßen treten. Der wahre Abel: 


hält Treu und Glauben, pflegt der Tugend, Tiebt die 
Öerechtigfeit, beleidigt und befchädigt niemanden. Wer 
wahrhaft adelig ift, verfprigt für das Necht fein letztes 
Herzblut, macht füch Feines Diebftahls fchuldig, nimmt 
nicht Theil am Raube. Spart alfo eure Worte, went 
ihr Ritter feid, und laßt ab, für Räuber zu bitten, 
welche, wären fie auch Grafen oder Herzoge, der ver 
dienten Strafe nicht entgehen follen, fowahr ich Nichter 
bin ! 

Bligger von Steinach hatte ded Kaiferd Rede vers 
nommen und trat aus dem Kreife der Edeln, welde 
ben firengen aber gerechten und menfchenfreundlichen 
Herfcher umftanden, welcher, ein Engel des Heil, er 
ſchienen war in Teutſchlands trübften Tagen. Er wagte 


ulrid Landſchaden, 339 


es nicht, in ded Nichterd Auge zu blicken, nicht nach 
feinem Schwert und Schilde, welche zerbrochen vor feis 
nen Füßen lagen. Stumm verließ er die Stadt und 
fehrte, von einem einzigen Diener begleitet, nad) feiner 
Burg zurüd, welche, von den drei Schwefterburgen 
umgeben, von den-hinter dem arnıen und Fleinen Dertchen 
Steinach fich erhebenden Höhen auf den anmuthigen, vom 
grünen Gebirge eingezwängten Nedar hinabfah. Lange 
war Bligger des Landed Plage geweſen. Kein Schiffs 
lein fonnte den Strom hinabfhwimmen, mit den Kauf 
manndgütern von Heilbronn beladen, Fein Wandrer non 
Heidelberg des Weges ziehn, ohne von ihm und feinen 
Gefellen aufgelanert nnd beraubt zu werben. Die Fleis 
nen Ortfihaften, welche ſich am Flußufer erhoben, meift 
von armen Leuten bewohnt, die fi vom Fifchfang oder 
von der Schifffahrt nährten, waren Feinen Augenblid 
ficher vor feinen Anfällen, und hinter ben unzugängs 
Fichen Waͤllen Schadedd oder ber flarfen Vorderburg 
mwurbe der Raub geborgen und bei lauten Gelagen ber 
ſchnöde Erwerb verpraßt. Als er's aber immer toller 
tried und den Gottesfrieden beftändig flörte, paßten 
bewaffnete Bürger und Landleute ihm auf, und gebuns 
den wurde er vor den Kaifer gebracht. Einer der Wes 
nigen, entging er dem Tode. Aber, ſei ed daß die erlits 
tene Schmach und die Angft feinen wilden Sinn ges 
brochen und der Neue Raum gegeben hatten, fei ed daß 
bie Ueberzeugung, ber SHabeburger werbe fein Wort 
gut machen beim eriten Fehl, ihn einfchüchterte: die 
Nachhbarſchaft hatte fürber nichts mehr von ihm zu fürch⸗ 
ten und zu leiden. Die alten Zrevel hörten auf, auf 


340 | uleih Landſchaden. 


den Burgen, zu deren bränenden Zinnen man einft mir 
mit Schreden emporblidte, war’ ftille geworben, und 
der Ackerbauer und Handelsmann, welcher Durch das 
freundliche Thal zog, freute fi) der wiedergemwonnenen 
Sicherheit und Ruhe. Aber der Name, welchen bad 
Volk dem Steinacher gegeben und mit dem der Kaifer 
ihn angerebet, blieb ihm für alle Zeit: man hieß ihn nur 
Den Landfchaden. 

Sahre waren bahingegangen. Bligger war ergrant, 
und ihn umftanden blühende Kinder: Ulrich, fein einzi- 
ger Sohn, war zu einem rüfligen Sünglinge herange 
wachfen. Auf der Familie laftete die Schmach, welche 
einft den fchuldigen Vater getroffen hatte: die edeln 
Geſchlechter hatten fich von ihnen abgewandt und Schas 
bed war verödet. Dies fchmerzte den jungen Ulrich in 
tieffter Seele. Er war in ritterlichen Uebungen wohl 
erfahren und dürſtete nach einer Gelegenheit, fich zeigen 
zu fönnen: aber fie Fam nicht, denn jeder hatte eine 
Scen vor dem Namen Landfchaden, und der Sohn 
deffen, welchen der Kaifer für ehrlos erklärt hatte, 
Fonnte die Ritterwürde nicht erlangen. Je länger dies 
mwährte, deſto tiefer warb die Trauer des Sünglings; 
Tage lang faß er einfam auf der Warte, von welcher 
auf Schade der Blick fich in tiefe Thäler fenft und 
nad) den Kernen ſchweift. Der Tonkunſt kundig, fuchte 
er in diefer oft Linderung feiner Trauer, Doch feine 
Klänge und Eagenden Worte fanden nur einen Wieders 
hal in den nahen Bergen. 

Als er endlicd den Drang ber ſtürmiſch aufgeregten 
Empfindungen nicht mehr zu unterdrücken vermochte 


Ulrich Saadfchaden - 341 


und der Durſt nach Thätigfeit ihn ing Leben trieb, vers 
ließ er die Burg feiner Ahnen, ohne jemanden fein Vor⸗ 
haben mitzutheilen, einen treuen Diener ausgenommen, 
welchen er mit fi nahm. Er flieg in die Ebene hinab 
und gelangte, nach mancher Wanderung, ins fchöne und 
fruchtbare Land Schwaben. Hier, wo niemand von 
ihm wußte, verbarg er feine Herkunft und feinen Nas 
men; daß er von edlem Stamme fei, glaubte man ihm. 
gerne, wenn man in fein offenes Auge, auf feine wohl- 
gebildeten Züge fah, die rein und ohne Arg und Falſch 
waren. So wurde er auf mancher Burg freundlid) 
willfommen geheißen, lernte Land und Leute Fennen, und 
machte ſich Freunde, wohin er fam. Eine lange Zeit 
firich vorüber und er war zum Manıe herangereift: 
zufällig vernahm er von Einem, der aus feinen heimi» 
fhen Gegenden kam, ihn abe: nicht Tannte, Bligger 
der Landſchaden fei geftorben und feine Burgen nur der - 
Obhut von Frauen anvertraut, da fein Sohn fihon 
längſt verfchwunden fei ohne Spur und Kunde. Da - 
befchloß er, fich durch eine ritterliche That würdig zu 
machen der Ehren, welche fein Vater. verwirft hatte 
durch böfes Handeln. 

Jener Friegerifch = religiöfe Drang, weldyer die Be— 
wohner Europa’d Sahrhunderte lang zu Zaufenden und 
abermal Zaufenden hingezogen hatte nach dem fernen 
Morgenlande, war noch nicht ganz erloſchen, wenn 
auch ungünftiger Erfolg die Beftrebungen der Kreuz= 
fahrer meift zu nichte gemacht hatte und ihre Unter— 
nehmung größtentheild gefcheitert waren an eignen Feh— 
fern oder Unfunde und an der Macht ihrer Gegner. 


F 


343 Ulrich Landſchaden. 


Mıch damals wieder glaubte Mancher das Seelenheil, 
Mancher zeitlihed Wohl und Glücksgüter zu finden, 
wenm er mit bewaffneter Hand pilgere zum heiligen 
Grabe. Keine Fürften wie Konrad und Friedrich, wie 
Richard und Bouillon, ſtellten ſich mehr an die Spitze 
bed Zuges: aber viele Ritter und Edle traten zuſam⸗ 
men, und warben bewaffnet Volk auf eigene Koften 
and Gefahr. Keine Gelegenheit konnte Ulrich willfoms 
mener fein, als diefe, welche ihm die fchönfte Augficht 
bot, das zu erlangen, was er fo fehnlic; wünfchte. Er 
ſchloß fich fogleich an und beredete auch manchen Ans 
dern, feinem Beifpiele zu folgen. 





Wer ift der wadere Srieger, der dort unter ber 
Menge der nadı tapfer rühmlichen Thaten aus Kleins 
Aften Heimgefehrten fteht, welche des Kaiſers Majeftät 
vor fich gelaffen hat? So frugen Manche, denn nie 
mand ſchien den hochgewachfenen, ſchönen Mann mit 
dem fonnverbrannten Geficht zu Fennen, den Feine Kette, 
fein ritterliches Abzeichen ſchmückte, deffen Schild fchwarz 
und einfach war wie feine übrige Rüftung. Unter ben 
Trophäen, welche die Tapfern mit ſich gebracht aus 
dem Kampfe gegen bie Ungläubigen, war auch, ſchauer⸗ 
lich und entftellt, ein Haupt zu fehen: e8 war Das bes 
Anführerd der Sarazenen, welcher nach biutigem Kampfe 
bei der alten Stadt Smyrna gefallen war unter ben 
Schwertftreichen des Unbekannten. 

Da rief der Kaifer diefen mit gütigem Blick und 
Worte zu fih. Ulrich von Steinach, ſprach er, du haft 


— 


Ulrich Landſchaden. 343 


wieder gut gemacht durch ritterliche That und untabes 
ligten Lebenswandel, was dein Vater verfchuldet hatte 
-an Reich und Bol, Du wollteft unerkannt bleiben 
und nicht eher Anfprüche machen auf ritterliche Ehren, 
bis du abgewafchen die Flecken, welche deinen Namen 
verunzierten: deinen Vorſatz haft du mit Bebarrlichfeit 
und dem Muthe ausgeführt, welcher dem Manne ziemt. 
Sch fühle mich berufen, dir das wiederzugeben, was 
- Herr Rudolf, mein glorreicher Borfahr, einft Bliggern 
von Steinad; zu nehmen fid; genöthigt ſah. Kniee nies 
der, auf daß ich dich zum. Ritter fchlage. 

Uri bog ein Knie; von des Kaiferd Hand 
geabelt erhob er fich wieder. Alle Anwefenden nahmen 
Theil an feinen Schiefalen und freuten fich des guten 
Ausganges. Er aber Fehrte zurüd nach dem Nedars 
thal, und wo er feine Sugend zugebracht hatte, verfluß 
auch, ruhig und geehrt von Adeligen und Bolf, welche 
feinen Tugenden jede Anerfennung gewährten, fein Alter. 
Ein edles Fräulein reichte ihm ihre Hand und ſchenkte 
ihm zahlreiche Nachkommen. Das Haupt des Sarazes 
nen nahm er in fein Wappen auf, welches er noch, zum 
Andenken an vorige trübe Tage, mit der Harfe zierte. 
Den Namen Landfchaden behielt er bei: noch nach Jahr—⸗ 
hunderten führte ibn fein Gefchlecht. 

Die vielbefuchte und gepriefene Gegend oberhaib 
Sneidelberg hat feinen fohönern Punkt aufzuweiſen, als 
Die Lage von Neckar-Steinach. Zum Theil noch 
bewohnt und gut erhalten und mit Familien-Wappen 
verziert, zum Theil in Trümmer gefunfen, erheben ſich 
in mehr oder minder Fühner Tage vier Burgen, die 


ed. 


344 Ulrich Landſchaden. 


Vorder⸗, Mittels, und Hinterburg, und, auf fchroffer 
Wand, Schadef, beim Bolfe mit gut bezeichnendem 
Namen „das Schwalbenneſt“ geheißen. In dem Städt: 
chen, deffen Wohnungen ſich bis zum Uferrande bins 
giehn, liegt die alte Kirche, welche bekanntlich Kathos 
Iifen und Proteftanten in Gemeinfchaft dient. Sn und an 
ihr fieht man die Denkmale vieler Glieder der Familie, 
welche einft Nerrenrecdhte über das Stäbchen übte. 
Unter ihnen ift auch der Grabftein Ulrich Land- 
ſchadens, auf welchem man feine ritterliche Geftalt 
fieht. Er ftarb, der Snfchrift gemäß, am St. Michaels⸗ 
tage bed Jahres 1369. 


Die Gründung der Minneburg. 


Eine Sage vom Nedar. 


Dem Dörfchen Nedargerach gegenüber, in dem 
anmuthigen und romantifchen Thale, in welchem fich 
her Nedar zwifchen den Höhen des Odenwaldes 
einen Weg bahnt, um, nachdem er einen der fchönften 
* Striche des deutſchen Vaterlandes durchftrömt, feine 
Fluthen mit denen ded mächtigen Rheins zu verbinden, 
k liegen auf einer ſchönen, waldbekränzten Anhöhe die 
‚Ruinen der Minneburg. Wenn man den Berg von 
der Morgenfeite beftiegen hat, fo eröffnet ſich dem ent— 
; züdten Wanderer die herrlichfte Ausficht in das freunds 
liche Nedarthal und auf die Waldfchluchten des Oden⸗ 
waldes, deren Reiz durch die romantifhen Trümmer, 
an benen er ſich befindet, durch den alterögrauen Thurn, 
bie bemonsten Hallen und Steine noch erhöht wird. 
Die Bewohner ded Nedarthaled erzäßgen den Urfprung 
diefer Burg mit folgenden Worten: 


346 Die Sründbung ber Minneburg. 


In dem vierzehnten Sahrhundert wurde Die Burg 
Zwingenberg, welche in der Nähe des Dorfes Kin: 
dach, am Ufer des Neckar gelegen ift, von den letzten 
Sprößlingen dieſes alten edeln Gefchlechtd, zwei Bris 
dern und drei Töchtern, bewohnt. Friedrich und Kunz 
von Zwingenberg waren tapfere aber unruhige Ritter, 
die mit ihren Nachbarn und dem Neiche ſtets in Un 
frieden lebten, und ſich dadurch fchon manchen Nadı- 
theil zugezogen hatten. Das Bitten und Fichen ber 
fanften Schmeftern vermochte nichtd über die wilde 
Gemüthsart der Ritter, und fo gefchah ed denn, daß 
fi) das Ungewitter endlich über ihrem Haupte zuſam— 
menzog, und Kaifer Karl IV., der ewigen Unruhen und 
Zänfereien müde, den Zwingenberg zu flürmen und zu 
zerftören befahl, Nichts half es, daß die Trotzigen fid 
mit Aufbietung all ihrer Kräfte zur Wehre festen, und 
mit dem Muthe der Verzweiflung das Erbe ihrer Bü 
ter vertheidigten: fie wurden überwältigt, und beide 
büßten in dem harten Strauße das Leben ein. 

Schon war eine geraume Zeit feit Zwingenbergd 
Einnahme verfloffen; Friedridy und Kunz wurden wenig 
bedauert, da fie fich durch ihren Unfrieden bei Den Nady 
barn allgemein verhaßt gemacht hatten, aber. das En 
ſtaunen und die Beforgniß aller Wohlwollenden wurde 
durch das ſpurloſe Verſchwinden der drei Schweftern 
erregt. Seit der Zerftörung der Burg hatte man nichts 
mehr von ihnen vernonmen, und man konnte faft nidt 
mehr daran zweifeln, daß die rauchenden Trümmer des 
Zwingenbergs auch die Schuldlofen begraben. hatten. 
Groß war die Betrübniß aller, die fie gefannt hatten 


wm m ww "m. 


Die Gründung ber Minneburg 347 


aber am lauteften war der Schmerz der drei Söhne 


des Ritters Hugo von Zabern, die fchon Tängft mit 


den anmuthigen Mägdlein den Bund der Herzen ges 
fchloffen hatten, und nun troftlos waren über ihren 
Verluſt. Eines Morgens durchftreiften fie, nur von 


‚einem treuen Windfpiele begleitet, die Thäler des Oden⸗ 


walded, und gelangten fo an die Ufer des in feinem 
Felfenbette dahinraufchenden Stromes, ald plößlich der 
Hund dicht vor dem Eingange einer vom üppig Wwus 
chernden Grün, faft verdedten Höhle ftehen blieb, und 


laut anfchlug. Berwundert blieben die Sünglinge ftehen, 
und da fie glaubten, ein Wild fei in der Höhle vers 


borgen, machten fie ſich zum Angriffe bereit, und bahns 
ten fich Durch das Geſträuch den Weg bis ins Innere 
des Felſenaufenthalt's. — 

Aber wer ſchildert ihre Verwunderung, als ſie ſtatt 
der gehofften Jagdbeute, drei weibliche Geſtalten in der 
Höhle erblickten, welche durch das Geräuſch aufges 
ſchreckt, Taut auffchrieen und in den dunfelften Winkel 
flohen, aber beim erften Blicke auf die Sünglinge diefen 
in die Arme ftürzten. Es waren die Bermißten, Tod⸗ 
geglaubten, die fich, nur von einem einzigen alten, treuen 
Diener begleitet, in diefe Einfamfeit begeben hatten, da 
fie fürchteten, die Rache der Feinde, welche ihre Brüs 
der fich zugezogen, möge auch nach deren Tode noch 
nicht erlofchen feyn. Sn der einfamen Grotte hatten 
fie ihre Tage feit der Zerflörung ihrer Ahnenburg zus 


. gebracht, den günftigen Zeitpunkt ab:;vartend, wo fie, 


M 
* 


die Schußs und Güterloſen, wieder aus ihrer Abge⸗ 


ſchiedenheit hervorfommen könnten. 


348 Die Gründung von Winnchurg. 


Bald verwandelten die Lilien ihrer Wangen fi 
wieder in NRofen, und fchon nach wenigen Tagen wurde 
Das VBermählungsfeft der drei feligen Paare gefeiert. Bei 
der Höhle aber, aud welcher die ſchönen Einftedlerinnen 
fo mandmal fehnfüchtig den Blid ind Thal gefandt 
hatten, erbauten fie eine ftattliche Burg, die fie die Min 
neburg nannten, und weldye Hugo, der jüngfte Bruder, 
. nebft feiner geliebten Eliſabeth zum Wohnfig erhielt, 
Und das treue Windfpiel, welches die Urfache der Ent: 
dedung der Jungfrauen geweſen war, ließen fie in 
Stein nachbilden, und fchmücten damit das Burgthor. 
Noch jet, nachdem die Minneburg längft zerfallen 
ift, hat. ſich dieſer Stein erhalten, und wird in dem 
nahen Dorfe Gutenbach gezeigt, und dabei erzählt man 
die Sage von den drei Schweitern. 





Die heilige Motburge. 


Vor mehr denn taufend Fahren hielt einft ein Kaifer 
anf dem Hornberge feinen reichen glänzenden Hof. Die 
jest beinahe verödete Stelle ertönte damal von lauter 
Luſtbarkeit Tag um Tag, und felbft in die flillen Nächte 
hinein lärmte oft die Luft der fefllichen Hofgelage. 
Notburga aber, des Kaiferd einzige Tochter, nahm Feis 
nen Theil an folcher Freude, die ihrem zarten Sinne 
zu rauh, ihrem frommen Gemüthe zu fehr mit heidnis 
fcher Sitte vermifcht fchien. Und wie hätte denn ihr 
Herz fih auch des unfchuldigften Freude erfchließen 
tönnen, fo lange ed von Sehnfucht und Sorge bedrängt 
war? Ihr Dtto war ja hinaudgezogen in den Kampf 
ind fremde Land, und war nicht wiebergefehrt, und 
hatte feine Botfchaft gefandt feit einem Jahre. 

Weil aber der Kaifer fah, wie feine fonft fo blü⸗ 
hende . Tochter in den eriten Jahren der volleften Ju⸗ 


350 Die heilige Notburga, 


gend allmählig dahin welkte, bedachte er endlich, es 
könne ein unverftandened Sehnen fein, dad ihr Herz 
mit dieſer ftillen Trauer füllte. Darum trat er eines 
Tages zu ihr mit diefen Worten: „Burga, deine ftillen 
„Thränen kann ich nicht länger fehen! Sei wieder fröhe 
„lich und heiter, Sieh, ich habe dir einen Gemahl erw 
„wählt, den jungen Heidenfürften, daß fich Dein Her 
„an ihm erfreue, und deine Thränen wieder trocken. 
„Mache Dich gefaßt, in drei Tagen kommt der Brän- 
„tigam.“ 

Dieſe Nachricht erfüllte fie mit ſtummem Schreden; 
denn wie konnte Die zarte jungfränliche Tochter dem 
barfhen Bater ihr Herz offenbaren? Ad aber die 
Nacht kam, ftand fie an dem Erferfenfter ihres Ges 
mached, und flarrte hinaus in die monderhellten Wols 
fenzüge, und hinab in ded Neckars glänzende Wellen, 
und hinüber nach der dunfelbefchatteten Waldhöhe; und 
häufige Thränen fielen über ihre Wangen hinab in den 
Burgzwinger: „Mein Dtto, mein Otto,“ fo Flagte fie, 
„baft du deine Notburga vergeffen bei dem Anblide 
„fremder Sungfrauen, und tft dein Herz fälter worden 
„in dem Lande, da die Sonne wärmer fcheint? Oder 
„felft Du unter. Feindes Schwert, und fchläfit fehen 
„unterm grünen Raſen? und blisen Schlüffelblumen 
„and Maslieben über deinem Herzen? Ach, Daß ich bei 
„die rubte in der Fühlen Erde! — Was fol ich einfam 
„in der Welt, die meinem Herzen fremd ift? Darum 
„find die Sugendrofen meiner Wangen erbleicht. Und 
‚ih fol nun mit den Tilienblaffen Wangen unter den 
„Gaͤſten fiten ald Braut, und meined Herzens Braͤuti⸗ 


| 


Die heilige Rotburge, 351 


„gam foll ferne fein? O, daß ich jeßt nur eine treue 
„Seele hätte, die mid) geleitete in eine Wilbniß, wo 
„ich fern von dem Treiben der Menfchen nur deinem 
‚Andenken lebte!“ | 

Ihr alter treuer Diener Kaspar hatte aber ihre 
Klagen gehört und ihr Herz verflanden. Und er rief 
ihr von feinem Fenſter unten hinauf, und verſprach ihr, 
fie über die Waldhöhe zu geleiten, nad) der Kapelle zu 
St. Michael, wo der fromme Greis einfiedelte; der 
fönne ihr Rath ertheilen, wie fie fich des verhaßten 

Ehebunded mit dem Heidenfürften entfchlagen möge. 

| Dantbar folgte ihm die bedrängte Notburga. Uns 
bemerft famen fie Durch die Thore der Burg, und fihon 
waren fie der waldigen Höhe nahe, da trabte es hinter 
ihnen her mit leichtem flüchtigem Hufe, Waren es bie 
Dferbdetritte eined Verfolgers? Notburga fah ſich ängft« 
lich um, aber in freudige Ueberraſchung löſ'te ſich ihre 
Angft. Es war der weiße Hirfch, den ihr Otto einft 
als Kalb gefangen hatte und gezähmt. Als er fie nun 
erreicht hatre, blickte er fie mit hellen Augen an, die 
gleichſam von menfchlicher Freude glänzten, und bot 
ihr den Rüden dar. Da fihwang ſich Notburga auf 
das fromme Thier, wie ihr Otto fie einft felbft zuweilen 
hinaufgehoben. Kaum aber fühlte der Hirſch ihre Laft, 
fo trabte er ſchnellen Schrittes hinunter, und verſchwand 
mit ihr zwifchen den Bäumen des waldigen Abhangesd. 

Ehe fic der zitternde Kaspar noch gefaßt hatte, 
ihr nachzueilen, oder ihr nachzurufen, fah er den Hirſch 
fchon unten in den Nedar fpringen und hinüberfchwims 
men. Im Mondicheine winkte Notburga nod) mit 


352 Die heilige Notburge. 


ihrem weißen Arme herauf. Ssenfeitd verfchwand aber 
der Hirſch mit ihr im Gebüſch und in den Schatten 
der Nadıt. 

Da ihr Bater aber ihe Verfchwinden erfuhr, und 
niemand feiner Diener ihm Kunde von ihr geben konnte, 
fandte er Boten hinauf und hinab an dem Ufer beö 
Neckars, und ließ nach ihr forfchenz und ritt felbft hin« 
ans mit feinem Gefolge, und fuchte fie auf allen Bur⸗ 
gen, in allen Hütten, und fand fie nirgend. 

Der alte Kaspar fland des nächſten Tages nad 
ihrer Flucht an feinem Fleinen Fenfterlein, und fchaute 
durch die runden Scheiben. Da kam Notburgas Hirſch 
in den Zwinger, und blickte ıhn mit bittenden Augen an. 
„Sa, könnteft du nur reden?” ſprach Kaspar, und 
ging, ihm ein Stud Brod abzufchneiden, wie er fonft 
zuweilen gethan. Aber der Hirſch wollte ed Diesmal 
nicht freffen, fondern hielt ihm fein Geweihe dar. „Soll 
ich's daran ſpießen?“ fragte Kaspar, und thats fchon. 
Aber des Thiered Augen fahen ihn dankbar an, und 
darauf Tief ed in fchnellen Sätzen nach dem Neckar hinab. 

Als Kaspar am andern Tage wieder am Fenſter 
ftand, Fam der Hirfch wieder, und bot ihm fein Gehörn 
dar. Ein großes Eichenblatt war daran gebunden, und 
Kaspars Frau erfannte, daß ed Notburgas Strumpf⸗ 
band war. Auf dem Eichenblatt aber fanden mit zier⸗ 
licher Schrift die Worte eingerist: 

„Bott zum Gruß! 
„Notburga dankt dem Geber 

„Des Manna 

„In der Wüſten.“ 


en nn 


Die heilige Rotburga—. 353 


Als aber Kadyar und Elfe mit Mühe diefe Worte ges 
leſen, da liefen den alten Leuten die Thränen über bie 
Wangen. „Go hat ihr der fromme Hirſch das Brod 
gebradyt!” rief Kaspar; und „o Gott, ach Gott!“ 
fchluchzte Elfe, „die zarte Jungfrau nur genährt von 
unferm trodenen Brode!“ Und fchnell ging fie bin, und 
holte von ihrem beflen Borrathe, und band es in einen 
Tüchlein dem Hirſch and Geweih, und dieſer trabte 
Damit nach dem Nedar hinab. So kam er von Zeit 
zu Zeit wieder, und die Alten gaben ihm immer ihr 
Beſtes mit, wofür er manchmal ein Paar dankbare 
orte auf einem Eichenblatte zurückbrachte. 

Notburgas Bater war indeffen heimgefommen, und 
hatte nichts von feiner Tochter erforfcht; und der Frühs 
ling war hingegangen, und der Kudud und die Nach⸗ 
tigall waren erſtummt: da ward er endlich aufmerffam 
auf den weißen Hirſch und feine Gänge. Und ale er 
ihn einftmald wieder vor Kaspars Fenfter fah, trat er 
zu dem Alten mit rafchem Schritte und rafcher Frage, 
und Kaspar fonnte nicht leugnen; denn eben band er 
. dem Hirfche ein Tüchlein an mit reifen Sommeräpfeln 
von Notburgas Lieblingsbaume. 

Und fchnell beftieg der Kaifer fein beftes Roß, und 
feine Ritter und Edelfnechte folgten mit ihm dem rafchen 
Laufe des Hirfches. Sie fprengen ihm nad) in die Flu⸗ 
then des Nedars, und fehen ihn jenſeits zwifchen den 
Sträuchen verfchwinden. Da fpringt der Kaifer von 
feinem Roß und dringt ihm nad. Erſtaunt bleibt er 
aber ſtehen. Gegen die Felfenwand neigt der Hirfch 
fein Geweih, und ein weiper Arm reicht aus den engen 

23 


[4 


354 Die heilige Notvburga,l 


Eingange einer Höhle hervor, und knüpft das Tuch 
los. „Das ift Notburgas Lilienarm!’ ruft der beftürzte 
Bater, und fchnell, ehe fie ihn noch zurücgezogen, faßt 
er den Arm und hält ihn fell. Wie aber der fchnele 
Hirfh nun zurüdfpringt, und der Kaifer Das todten 
bleiche Antlis feined Kindes fieht, da fpricht er mit 
Inden Worten zu ihr: „Notburga, liebed Herzenöfind, 
„ſei mein Kind, wie vorher, folge mir wieder zu mer 
„mer Burg.” 

Notburga aber fpriht: „Was auf Erden mein 
„Ser; beglücden Fonnte, das hat der Herr zu ſich hins - 
„aufgenommen. Sch fuche nichts mehr bei den Men 
„Shen. Dem Himmel habe ich meine kurzen Tage ganz 
„geweiht; ihm diene ich hier in ſtiller Einſamkeit.“ 
Und wie fehr der Vater in fie dringt, fie wiederhoft 
ihm ruhig diefe Worte. Da erwacht die Heftigfeit fer 
ned Gemüthed. Gewaltfam will er fie aus ihrer Höhle 
ziehen. Sie aber legt die andere Hand an Das einfache 
Kreuz, das fie fich felbft aus Holz gemacht. Er zieht 
mit aller Kraft — da bleibt der Arm ihm in den Hans 
den, abgelöft von ihrem Leibe, Aber ein graufes Ent: 
fegen befällt ihn und alle, die ihm nachgefolgt waren. 
Mit ſchreckenbleichen Mienen fliehen fie zurüd, und 
feiner wagt ed von ihnen, der Höhle wieder zu nahen, 
in der Notburga blutend liegt und hilflos. 

Aber der Herr fendet ihr ein Schlänglein, das ihr 
heilfräftige Kräuter bringt und die wunde Stelle damit 
heilet. 

Bon Stund an ward fie von dem Volke als eine 
Heilige verehrt, und wenn zum Klausner bei der Ks 


. Die heilige Notburga. 355 


delle zu St. Michael reuige Sünder kamen, ſo ſchickte er 
te wallfahren ju der frommen Notburga, und Notburga 
etete für die Büßenden, und begnadigt Fehrten fie 
nit leichtem Herzen in ihre Heimath. 

Als aber im Herbite die Blätter fielen, fam auch 
Notburga zu ſterben. Die Engeldfindlein fchwebten zu 
hr herab, und trugen die Sterbende aus ihrer Höhle 
yeraud. Noch einmal fchlug fie die brechenden Augen 
uf, fchaute gen Himmel und feufzte freudig; „Du bift 
‚schon dort, ich fehe Dich winfen! Sch femme, id 
„komme.“ Zugleich entfchwebte ihre Seele Die Engel 
yüllten die Leiche in ein Fönigliched Gewand und festen 
hr eine Königskrone auf das Haupt. Dann ftellten fie 
ven Sarg auf einen Wagen, und fpannten zwei ſchnee⸗ 
veiße Stiere daran, Die noch niemal ein Joch getragen: 
Ind als fih num das Volk aus der Nachbarfchaft ſam⸗ 
nelte, die fromme Notburga zu ihrer Nuheftätte zu bes 
jleiten, bewegte fich der Zug langfam hinab, und die 
Ingel fangen ein himmlifched Chor dazu. 

Bald hielten die Stiere ſtill, und wo fie hielten 
vard die Leiche zur Erde beftattet. Der Kaifer aber 
tiftete an derfelben Stelle eine Kirche, und in ihr Tieß 
r feinem frühe gefchiedenen Kinde ein Denkmal feßen, 
Rotburgas Hrifch ließ fich nie wieder fehen. 


Karl der Große su Heilbronn. 


In einer vom Neckar durchſtrömten Ebene, welche nad 
allen Seiten hin von grünen Hügeln eingefchoffen if, 
liegt im Schwabenlande bie alte Stadt Heilbronn. Bor 
Jibergegangen ift die Bedeutung, welche fie im Mittel 
alter, in den Tagen der Reichsunmittelbarkeit befaß; 
verftummt der Troß der freien Bürger, welche ihre Uns 
abhängigfeit wie ihre feften Mauern zu wahren wuß 
ten: aber noch herrfchen Leben und Bewegung in den 
Gtraßen der fleißigen und betriebfamen Stadt, frudb 
bar und reich ift das Land, das fie umgibt, fchöne Denk 
male und alte Bauten erinnern noch an den vielfad 
bewährten Ruhm. Hier ift, nahe am Waffer gelegen, 
der hohe, vieredige Thurm, welchen der brave Ritter 
Götz von Berlichingen, deffen Burgen fich nicht weit 
entfernt befanden, als Gefangener bewohnte, ba Tiegt 


Karl der Sroße gu Heilbronn. 357 


die alte Kirche St. Kilian mit ihren gothifchen Spigs 

fenftern und fchlanfen Pfeilern. In der Nähe fieht man 

Weinsberg mit feiner Burg Weibertreue, von der Die 
Gefchichte uns ein fo fchöned Beifpiel der Frauenliebe 

und Gattentreue erzählt; den. Nedar hinunterfahrend 

gelangt man nad, den beiden Stäbchen Wimpfen, im 
Thal und auf dem Berg, in deren Nähe in der erften 
Hälfte des 17. Sahrhunderts zwifchen dem Markgrafen 
von Durlach und dem Grafen Tilly die bfutige Schlacht 
gefämpft warb, in weldyer die 400 Pforzheimer, von 
ihrem Bürgermeifter geführt, für ihres Fürften Rettung 
den Heldentod ftarben. 

Einft jagte Kaifer Karl der Große in den Nieder 
rungen, die der Neckar durchſtrömt, welcher ſich bald 
durch enge, grüne Thäler feinen Weg bahnt, bald im 

weiten Wiefenplarr Tangfamer fich fortfchlängelt. Dichte 
Eichenwaldung bededte damals die ganze Gegend: vom 
Flußufer aus zog fich der Forft die Hügel hinan, und 
nur felten gewährte ein freied Plägchen einen Umblick 
auf die unabfehbaren, grünen Gaue. Keined Menfchen 
Fuß fchien dieſe Wildniß betreten zu haben, Feine Art 
hatte den üppigen Laubwuchs gehemmt, taufendfältig 
ineinander verfchlungen maren bie Kronen der folgen 
Bäume, dichtes hellgrünes Gras bededte den Boden, 
welchen der durch das Laub fallende Sonnenftrahl nur 
an wenigen Stellen berührte, ohne ihn aber trodnen 
zu Tonnen. 

Lange war der Kaifer mit den wenigen Begleitern 

welche er bei feinen häufigen Sagdzügen mit fich zu führen 
| pflegte, durch dad Diicht in die Kreuz und Quere ge 


r 
























358 Karl ber Große zu Heilbronn. 


‚ogen, als er an einer Stelle, mo ber Forft fich Tichtete 
und einige, wenn auch Färgliche Spuren von Wohn 
gen fich zeigten, unter denen eine Feine, halbverfallene 
Kapelle Tag, zu einem reichlich fprubdelnden Quell ge 
langte, deffen fühle Fluth ihm und den Seinigen eine 
lange gefuchte Erguidung bot. Verwundert fah Karl 
fih um an diefem Drte, der ihm ganz fremde war, un 
eben wollte er dad Waſſer verlaffen, das mit leiſen 
Rauſchen zwifchen Gras und Kräntern bahinfloß, als 
Seräufch fih in der Waldung vernehmen ließ, und im 
Augenblid, wo die Jäger ſchon glaubten, auf ber Fährte 
eined Ebers zu fein, ein einzelner Mann hervortrat. 
Sein Aeufferes war ehrwürdig, ein langer weißer Bart 
floß auf feinen Gürtel herab, zum Schnee gebleichtes 
Haar dedte feine Scheitel, fein Anzug war Der eine 
Priefterd des Herrn, aber er war ärmlich, und Kums 
mer und Entbehrungen ſprachen aus dem Geficht bed 
Greifen. Er ſtutzte, ald er die Fremden an der Quelle 
erblickte, aber trat furchtlos näher. 

„Wer bift du, frug Karl den Nahenden, und mad 
führt dich in dieſe Wildniß 2 | 

Einft war es Feine Wildniß, antwortete der Ange 
redete, denn das Licht ded Glaubens erleuchtete fie und 
der Geift des Herrn fenkte fi auf diefed Land. An 
der Quelle woran ihr jest ftehet, euren Durft Töfchend, 
wurden Biele vom Heidenthum zur Lehre Chrifti be 
fehrt, aber der gute Samen ift erſtickt worden im feis 
nem Keime.’ 

„Das wolle Sott nicht, fprach der fromme Kaifer. 
Sag an, wie es zugegangen in diefen entlegenen Bauen." 


Karl der Große gu Heilbronn, 359 


„Wie Bonifaz im Sachfenlande das Evangelium 
predigte, und Sturmio zu Fuld die Abtei gründete, wo 
der heilige Deutfchen-Apoftel begraben liegt, fo kam in 
Diefe Striche der fromme Kilian, und machte Das zer- 
firent in den großen Wäldern haufende Bolf, das vom 
Ertrage der Jagd und des Filchfangs im Neckar Iebte, 
mit der heilbringenden Lehre befannt. Anfangs fand 
er nur Widerftreben und verfchloffene Herzen, und fah 
ſich felbft mancher Gefahr ausgeſetzt: aber dad Beifpiel 
‚ feines reinen Wandels, feiner Sanftmuth und Selbfts 
verläugnung wirkte endlich auf die rauhen, aber unvers 
dorbenen Semüther, und fein frommes Wort fand Eins 
gang bei ihnen. Zu der Quelle, an deren Rand ihr 
ftehet, kamen ſie und ließen fich taufen in ihrem Waſſer; 
unter den Wohnungen ber Chriften erhob ſich ein, Dem 
Erzengel Michael gemeihtes. Kirchlein, und täglich 
mehrte fich die Zahl der Gläubigen. Der heilige Kilian 
aber 309 nach einiger Zeit weiter, dad Wert der Bekeh⸗ 
rung auch an andern Orten in Deutfchland fortzufeßeit. 
Einer feiner Sünger blieb an feiner Stelle zurüd, aber 
‚der Saame des Unfriedens fiel unter die Gemeinde und 
ſchoß bald zu wucherndem Unfraut auf. Die meiften 
verliefen fich, Die Hütten verfielen, das Kirchlein gerieth 
in den Zuftand, in welchem ihr es erblicket. Bor einigen 
Sahren kam ich in diefe Gegend und verfündigte von 
neuem Gotted Wort, aber meine Bemühungen haben 
hur wenig gefruchtet.’ 

Der gottesfürchtige Kaifer ward durch die Rede 
des Priefterd gerührt, Sch habe, dachte er bei fi, 
innerhalb und aufferhalb der Grenzen meines weiten 


360 Karl der Große zu Heilbronn. 


Meiched fo vieles gewirkt, um ber Chriſtuslehre Ein⸗ 
gang und Aufnahme zu verfchaffen; warum follte ich 
die frommen Bemühungen diefes Manned nicht unter- 
fügen ? „Faſſet Muth, fagte er zu diefem, euer Kirdy 
lein wird fidy) bald aus feinen Trümmern erheben; das 
Licht, welches ausgegangen von Oſten, fol auch bie 
deutfhen Waldungen mit feinem milden Strahle ers 
hellen.’ 

Als der Priefter von einem der Jaͤger vernommen 
hatte, mer derjenige war, mit welchem er gerebet, ba 
ward fein Herz mit Freude erfüllt, und er ergoß fi 
in tiefgefühlte Danfesbezeugungen gegen den, welcher 
wohl im zu weit getriebenen Glaubengeifer mit Feuer 
und Schwert dem unterjochten Sachſenvolke die gute 
Botſchaft geprebigt hatte, Würgengel mehr denn Apos 
fiel; welcher aber auch, durch DBegünftigung des geifts 
Iihen Standes und Anlegung von Klöftern, einzige 
Zuflucht der Wiffenfchaft in jenen Tagen, zur Unters 
richtung und Bildung feiner Zeitgenoffen fo vieles 
beitrug. 

Bald erhob fich erneuert und verfchönert die Kirche 
zu St. Michael, und füllte fich wieder mit Gläubigen; 
Anfiedler famen non nah und ferne, und ein Theil ber 
Waldung ſank unter der Art des Holzhauers, Platz 
machend dem Feldbau und der Gultur. Wo einft nur 
wenige Hütten lagen, fah man ein Städtchen entitehen; 
‚Karl der Große befuchte zu verſchiednen Malen den 
aufblühenden Drt, und auf dem Marfte zeigt man 
jegt noch ein altes, ſchönes Haus, deffen Bauart an 
bie Zeit des ruhmgelrönten Kaiferd erinnert, und bad 


Karl der Große zu Heilbronn. 361 


die Sage als. feine Pfalz bezeichnet. Noch ſtrömt 
aus den fieben Möhren des heilfpendenden Kirchbruns 
nens das Friftallhelle Waffer, welches Heilbronn feis 
nen Namen gab. 


Das Käthchen von Heilbronn. 9 


In Heilbronn lebte vor Zeiten ein Waffenſchmidt, 
Namens Friedeborn, dem, aus einer früh durch den 
Tod ſeiner Gattin aufgelöſten Ehe, eine einzige Tochter, 
Namens Katharina, geblieben war. Das Kind war 
am heiligen Oſterſonntage geboren, und darum mögen 
auch mancherlei überirdiſche Gewalten von früh an 
Einfluß auf daſſelbe gehabt haben, obgleich ſich dieſer 
durch nichts Unheimliches oder Verwirrendes kund gab; 
denn Käthchen war in ihrem ſechszehnten Jahre ein 
Kind — recht nach der Luſt Gottes, geſund an Leib 
und Seele, wie es die erſten Menſchen geweſen ſein 
mögen, die auf Erden geboren worden; und dabei ein 


*) Wegen Duͤrftigkeit der hiſtoriſchen Nachweiſe iſt dieſer Er: 
zaͤhlung das bekannte vortreffliche Schauſpiel von Kleiſt zum 
Grunde gelegt. A. T. Beer. 


*.. 


- 


Das Käthchen von Heilbronn. 303 


Weſen von fo zarter, frommer und lieber Art, wie es 
und nur vergönnt ift zu fehen, wenn wir auf Flügeln 
der Einbildung uns in den Himmel verfeßen, zu ben 
Tieben Fleinen Engelein, die mit hellen Augen aus den 
Wolfen — aus den lichten Wolfen hervorguden. 

Ging fie in ihrem bürgerlichen Schmud über bie 
Straße, den gelb geladten Strohhut auf, die Bruft 
von dem fihwarzfammtenen Leibchen bebedt und mit 
Silberfettlein umhängt, fo lief es flüfternd von allen 
Senftern herab: Das ijt Das Käthchen von Heilbronn. — 
„Das Käthchen von Heilbronn! — fagten die 
Leute, ald ob der Himmel von Schwaben fie gezeugt, 
und die Stadt, die unter ihm liegt, fie geboren hätte, 
Bettern und Bafen, die feit drei Gefchlechtern nicht 
mehr an die Berwandtfchaft mit dem wadern Friedborn 
gedacht hatten, nannten fie auf Kindtaufen und Hoch⸗ 
zeiten ihr Tiebes Mühmchen; der ganze Markt, auf 
dem ver Vater feine Werfftatt hatte, erfchien an ihrem 
Namenstage und bedrängte fie, und wetteiferten fie zu 
bejchenfen; wer fie nur einmal gefehen und im Bors 
übergehen einen Gruß von ihr empfangen hatte, fchloß 
fig acht folgende Tage in fein Gebet ein. Der Groß⸗ 
vater hatte ihr früh fchon, als einem Goldfinde, mit 
Ausichluß ihres Vaters, ein Landgut gefchenft und fie 
dadurch zu einer der wohlhabenpften Bürgerinnen der 
Stadt gemacht. Auch hatten fchon fünf Bürgerföhne 
um fie geworben, und die Ritter, die durch die Stadt. 
zogen, konnten's nicht verfchmerzen, daß fie fein Fräu⸗ 
lein war, und meinten, wenn fie’d wäre, fo würde das 
Morgenland aufbrechen und ihr feine Gaben von Per 


Das Käthchen von Heilbronn. 9 


In Heilbronn Iebte vor Zeiten ein Waffenfchmidt, 
Namens Friedeborn, dem, aus einer früh durch den 
Tod feiner Gattin aufgelöften Ehe, eine einzige Tochter, 
Namens Katharina, geblieben war. Das Kind war 
am heiligen Ofterfonntage geboren, und darum mögen 
auch mancherlei überirdifche Gemalten von früh an 
Einfluß auf daffelbe gehabt haben, obgleich fich Diefer 
durch nichts Unheimliches oder Berwirrendes Fund gab; 
denn Käthhen war in, ihrem fechdzehnten Sahre ein 
Kind — recht nad der Luſt Gottes, gefund an Leib 
und Seele, wie ed die erften Menfchen gewefen fein 
mögen, die auf Erden geboren worden; und Dabei ein 


*) Megen Dürftigkeit der biltorifchen Nachweife ift diefer Ct: 
zahlung das bekannte vortreffliche Schaufpfel von Kleift zum 
Grunde geleat, u. 23. Beer, 


4. 


Das Käthchen von Heilbronn. 303 


Weſen von fo zarter, frommer und lieber Art, wie es 
uns nur vergönnt ift zu fehen, wenn wir auf Flügeln 
der Einbildung uns in den Himmel verfegen, zu den 
lieben kleinen Engelein, die mit hellen Augen aus den 
Wolfen — aus den lichten Wolken hervorguden. 

Ging fie in ihrem bürgerlichen Schmud über Die 
Straße, den gelb geladten Strohhut auf, die Bruft 
son dem fchwarzfammtenen Leibchen bedeckt und mit 
©ilberfettlein umhängt, fo Tief es flüfternd von allen 
Senftern herab: Das ijt das Käthchen von Heilbronn. — 
„Das Käthchen von Heilbronn!“ — fagten die 
Leute, ald ob der Himmel von Schwaben fie gezeugt, 
and Die Stadt, die unter ıhm liegt, fie geboren hätte, 
Bettern und Bafen, die feit drei Gefchlechtern nicht 
mehr an die Berwandtfchaft mit dem wadern Friedborn 
gedacht hatten, nannten fie auf Kındtaufen und Hochs 
zeiten ihr liebes Mühmchen; der ganze Markt, auf 
dem der Bater feine Werfftatt hatte, erfchien an ihrem 
Namenstage und bedrängte fie, und wetteiferten fie zu 
beſchenken; wer fie nur einmal gefehen und im Bors 
übergehen einen Gruß von ihr empfangen hatte, fchloß 
fig acht folgende Tage in fein Gebet ein. Der Großs 
vater hatte ihr früh fchon, ald einem Goldkinde, mit 
Ausſchluß ihres Vaters, ein Landgut geſchenkt und fie 
Dadurch zu einer der wohlhabendften Bürgerinnen der 
Stadt gemacht. Auch hatten fchon fünf Bürgerfühne 
um fie geworben, und die Ritter, die durch die Stadt 
zogen, konnten's nicht verfchmerzen, daß fie Fein Fräus 
lein war, und meinten, wenn ſie's wäre, fo würde das 
Morgenland aufbrechen und ihr feine Gaben von Pers 


» 


364 Das Kaͤthchen von Heilbronn, 


Ion und Edelfteinen zu Füßen legen. Aber fie begehrte 
deſſen nicht und kannte feinen Hochmuth. 

Drei Biertel Sahre, nachdem fie ihr fünfzehntes 
zurücgelegt ‚hatte, war der Sylveſter Abend gefoms 
meit, und trennte das alte Jahr von dem neuen, Es 
war damals, wie noch heut zu Tage Sitte, in bdiefer 
Nacht Blei zu gießen und aus den wunderlichen For⸗ 
men diefed Guſſes die Zukunft zu leſen; auch baten bie 
SSungfrauen, die noch nicht wußten, wem fie anheim 
fallen follten, Gott, er möge ihnen den fünftigen Mann 
im Traume zeigen. Käthchen dachte nun zwar damals 
noch wenig an Männer, aber Elöbeth, Die alte Magd, 
ermahnte fie, dergleichen ja nicht zu unterlaffen, und fo 
that fied. Um Mitternacht that fich die Thüre ihres 
Kämmerleind, worin fie auf weißem Bettchen mit roths 
wollener Dede lag, auf, und herein trat ein Cherub 
mit fchneeweißen, filberglängenden Flügeln auf beiden 
Schultern, und führte einen Ritter von flattlicher Ges 
ftalt zu ihr herein, der fie ald Braut begrüßte — Das 
Käthchen freute fic, des Befuches und rief Elsbeth und 
Chriftine, die Mägde des Haufes, herbei, während fie 
aus bem Bette flieg und dem Gaſte zu Füßen fant; 
ber ergriff fie liebreich bei der Hand; der Cherub aber 
zeigte ihm ein Maal auf ihrem Rücken und fagte: das 
ran magit du fie wieder fennen. Da famen die aufges 
rnfenen Mägde mit Ticht, und verfchwunden war Alles; 
Käthchen aber lag im bloßen Hembchen knieend am 
Boden; fie verfchloß ihr Geheimniß forgfältig und legte 
fi) ſtill zu Bette. 

Einige Sabre früher als Käthchen in Heilbronn 


Das Käthchen von Heilbronn. 965 


geboren worden war, warb auch der Gräfin Wetter 
vom Strahl ein Erbe gefchenkt, der zu ihr, und aller 
_ feiner Vafallen Freude heran wuchs, bie ihn im zwei 
und zwanzigfien Jahre feines Lebens ein fo heftiges 
Sichthum ergriff, daß nad, kaum neun Tagen der 
fchlanfe kraftvolle Ritter als Leiche auf feinem Bette 
lag, und die Mutter, fammt den Muhmen und Bafen 
in ſtillem Schmerze um ihn herum knieten. Ald die 
Zeit nun gekommen war, wo man meinte, der Leiche 
die legten Dienfte erweifen zu müſſen, fchlug der tod⸗ 
geglaubte plößlicdy die Augen auf und war ungenein 
befeligt, und von Stund an auf dem Wege der Genes 
fung; wo er in dieſer Pauſe feined irdifchen Daſeins 
geweſen, ob er geträumt oder traumlos gelegen habe, 
. blieb in feiner Bruft verfchloffensg dies Alles begab ſich 
aber in der Sylveſternacht, ‚„„Dreiviertel Sahr, nachdem 
Kaͤthchen fünfzehn Sahr alt geworden war.’ . 
Als der Winter vorüber war, und die Banden ber 
Erde fprangen, bedrängte der Pfalzgraf die Stadt 
Heilbronn aus gar üblen Abftchten, denn er wollte nichts 
Geringeres als ihr ihre Freiheit rauben. Die Bürger und 
befreundete Ritter waffneten fi und der Markt war in 
“ fröhlicher Bewegung; da fprengte der Graf Wetter 
vom Strahl an das Haus des Waffenfchmiedes 
Friedborn, und flieg vor feiner Pforte gepanzert vom 
Dferde herab; er neigte dad Haupt tief zur Erde, 
um mit den hohen Federbüfchen, die ihm vom Helme 
niederwanften, durch die Thüre zu fommen: „Meiſter, 
ſprach er, fchau her, dem Pfalzgrafen, der Eure Wälle 
niederreißen will, zieh’ ich entgegen; bie Luft, ihn zu 


. 


366 Das Kätbhen von Heilbronn, 


treffen, fprengt mir die Schienen, nimm Eifen und. 
Draht, ohne daß ich mich zu entfleiden brauche, und 
heft? fie mir wieder zufanmen.” Friedborn war erbös 
tig zu thun, wie ihm geheißen war, und nöthigte ihn auf 
einen Seffel mitten im Zimmer, drauf rief er: „Wein 
und Schinken zum Imbiß,“ und febte fih and Werk, 
Und während draußen der Streithengft wieherte und 
mit den Pferden der Knechte den Grund zerftampfte, 
daß der Staub emporquoll, öffıtete, ein großes flaches 

Silbergeſchirr auf dem Kopfe tragend, auf welchem 
—Flaſchen, Gläſer und der Imbiß geftellt waren, Käths 
Ken die Thüre und trat herein. Wenn Semanden 
Gott der Herr aus Wolfen erfchiene, würde er fi 
ungefähr faffen wie fie, als fie den Ritter erblickte; 
Gefchirr, Becher und Imbiß ließ fie fallen, und leichens . 
bleich, die Hände wie zur Anbetung gefaltet, den Kopf 
tief zur Erde geneigt, flürzte fie vor ihm nieder, als 
ob fie ein Wetterftrahl getroffen hätte. Der Vater hob 
fie erfchroden auf, fie aber fchlang fich, um nicht wieder 
zu fallen, an ihn an, und ftarrte mit flammenden Wans 
gen nach dem Grafen, als ob fie eine Erfcheinung ges 
habt hätte — Diefer fagte: „was ift dir, Kind ?“ und 
fah fie verwundert an, und das ganze Haus lief zuſam⸗ 
men, um zu fragen, was der Sungfer fei. Nachdem fie 
ihn noch eine Weile angeftarrt hatte, warb ihr Blick 
fanfter und fie fchien in fo weit beruhigt, daß der Bas 
ter fein Gefchäft fortfeßen Fonnte. Nachdem es vollens 
det war ftand ber Graf auf und fah das Mädchen, 
dad ihm bis an die Brufthöhle ragte, gedanfenvol an, 
beugte fich über fie und küßte ihre Stirne, indem er 


Das Käthchen von Heilbronn. 367 


ſagte: „Der Herr ſegne Dich!“ und ſchritt aus dem 
Haufe. — In dem Augenblide aber, wo er den Streits 
hengſt beſtieg und davon ritt, warf fie ſich mit aufges 
bobenen Händen, vom dreißig Fuß hohen Söller auf 
das Pflafter herab, gleich einer Wahnfinnigen, und brady 
fid) beide zarten Lendchen dicht über des Knierunds elfens 
beinernem Bau. Der Ritter indeffen fah wohl, daß 
ein. Getümmel vor dem Haufe entftand, wußte aber 
nichts von deffen Urfache und bielt feinen Weg nicht 
länger - auf. . 


Die Fehde mit dem Pfalzgrafen endigt zur 
Zufriedenheit der Bürger von Heilbronn, und ward 
bald durch andere Abenteuer: in dem bewegten Leben 
des Ritters erfegt. Als es fchon hoch im Sommer 
war, befand er fich eined Tages auf einer Reife nach 
Straßburg und hatte die Kühlung des Rheines gejucht, 
am fih im Schatten einer Felswand auszuruhen. — 
Er erwachte nach Furzer Ruhe und fand — Käthchen 
fchlummernd zu feinen Füßen liegen, ald ob fie vom 
Himmel herabgefchneit wäre; haflig fagte er zu den 
Knechten: „was Zeufel, das ift ja das Käthchen von 
„Heilbronn! Bei diefen Worten fchlug fie die Augen 
auf, und band fid) das Hütlein feit, das ihr vom Kopf 
gefallen war, und benahm fich gerade, ald ob fie in 
ihrer Mutter Laube vom Schlafe überfallen worden 
wäre. Als der Ritter fie fragte, wie fie fo weit von 
Heilbronn daherfäme, fagte fie: „Hab' ein Geſchäft, 
„geftrenger Herr! das mich gen Straßburg führt, und 
„es ſchauerte mich allein im Walde, da fchlug ich mich 


308 Das Käthchen von Heilbronn, 


„zu Euch.“ Der Ritter Tieß fie mit Erfrifchungen vers 
forgen, dang ihr einen Boten, der fie nach Straßburg 
geleiten follte, und ſchwang fich auf feinen Rappen, um 
weiter zu reiten. Abends erreichte er die Herberge und 
wollte ſich eben zur Ruhe legen, als Gottſchalk, fein 
Knecht, zu ihm eintrat und ihm meldete: das Mädchen 
fei unten und begehrte in feinen Ställen zu übernach⸗ 
ten. Der Ritter befahl Gottichalfen, ihr eine Streu 
unterzulegen, und wendete fid) zum Schlafen. Am au 
dern Abende war ed gerade wieder eben fo — und 
im ganzen Verlauf feines Streifzuges nicht anders, 
Der Ritter litt e&, um des alten Mannes willen, und 
Dachte, komm' ich einmal nad) Heilbronn, fo wird er 
mir's danken, wenn ich ihm die Tochter mwieberbringe. 
Gottfchalf hatte aber dad Mädchen lieb gewonnen, wie 
eine Tochter, und pflegte fie auf alle Weiſe. 

Sn Straßburg wohnte der Graf im Erzbifchöfs 
lichen Pallafte, und wunderte ſich, daß ſich Kaͤthchen 
auch dort eingefunden, als ob fie zu feinem Troß ges 
‚böre; auch war es ihm keineswegs genehm, und eines 
Tages, da er fie auf der Stallfcywelle fah, trat er zu 
ihr und fragte fie, was für ein ©efchäft fie in Straß 
burg treibe? Käthchen ward flammenroth und fagte: 
„Geſtrenger Herr! The wißt es ja.” Das Fam ihm 
beinahe vor, als hätte das Kind ed auf ihn felber ge 
münzt, und er befchloß, auf der Stelle einen Boten 
nach Heilbronn zu fenden, um den Bater zu benachride 
tigen, baß das Käthdhen bei ihm fei, und daß er möge 
in wenigen Tagen nad) Schloß Strahl fommen, um 
fie abzuhohlen. . 


Das Käthchen von Heilbronn, 369 


. Den Alten aber traf die Botfchaft in einer nicht 
fehr freundlichen Gemüthöftimmung, denn er wußte fich 


die ganze DBegebenheit mit Käthihen und dem Nitter 


nur durch eine böfe Zauberei von Seiten bed Leßteren 
zu erklären. 
Als er fie mit zerbrochenen Gliedern auf feinen 


. Armen in ihr Bett getragen hatte, Tag fie fechd Wochen, 


ohne ſich zu regen, in der Gluth des hißigen Fieberd — 
auch entlocten ihr nicht einmal die Phantafien ihres 
Gehirns ein Wort, woraus man auf ihre Gedanken 
hätte fchließen können; kaum aber hatte fie fich ein 
wenig erholt, als fie ihr Bündel fchnürte und mit ben 
erfien Strahlen der Morgenfonne in bie Thüre trat. 
Wohin, fragte die Magd. „Zum Grafen Wetter vom 
Strahl” antwortete fie, und verſchwand. 

Thränenlos faß der verlaffene Vater da und zürnte 
feiner Tochter; aber zumeift dem argen Berführer feines 
füßen Kindes. Als endlich deſſen Botfchaft kam, machte 


‚er fih eilig auf den Weg, um fie abzuholen und aus 


feinen Klauen zu befreien. Der Graf empfing Fried⸗ 
born eben fo freundlich, als biefer entrüftet vor ih 
trat, ja der Ietttere trieb den Verdacht gegen ben durchs 
ans fchuldiofen Edelmann fo weit, daß er beim Eintritt 
in feine Thüre die Hand nad) dem Weihkeſſel ausſtreckte, 
und ihn mit dem Waſſer defielben befprigte., Der Graf 
erzählte ihm ohne Arg den ganzen Hergang und führte 
ihn dann in ben Stall, wo Käthchen ein Waffenſtück 
reinigte, um dem bekümmerten Vater feine Tochter zu 
übergeben. Aber die hatte kaum den alten Mann ers 
blickt, als fie kreideweiß dem Grafen zu Füßen fiel und 


94 


370 2 Das Käthihen von Heilbronn. 


ihn bat, fie vor dem eigenen Bater zu fchüßen. Frieds 
born ftand da, wie eine Salzfäule, und ehe der Graf 
noch zur Befinnung fam, warf jener ihm den Hut in’d 
Geficht, ald wollte, er ein Gräuelbild verfchminden 
machen; dann aber eilte er ſelbſt von dannen, als feße 
die Hölle ihm nad). 

Er wußte von einer Gerichts⸗Verſammlung edels 
geborner Männer, die unpartheitfch über Hohe und Nies 
dere urtheilten. Bor dieſem Vehmgericht eilte er, den 
Örafen, ald der Zauberei und des Mädchenraubes 
fehuldig, anzuflagen. Der Graf erfchien auf die erfte 
Borladung und brachte die zagende Sungfrau, Die eben 
falls berufen worden, mit; aber er wußte burch bie 
einfache, der Wahrheit getrene Erzählung ber ganzen 
Gefchichte die Richter von dem Ungrunde bes auf ihm 
laftenden Verdachtes der Zauberei auf das bündigfte zu 
überzeugen, und gegen die Anklage der Verführung 
vertheidigte ihn des Mädchens fleclenlofe, von feinem 
Hauch getrübte Unfchuld, die vor der hohen Verſamm⸗ 
lung der Vehm durch die verfänglichfien Kreuz⸗ und 
Duerfragen fonnenflar an den Tag Tam. 

Graf Wetter vom Strahlmurde freigefprochen 
und nachdem er Käthchen verboten hatte, fich je wieder 
bei feiner Burg blicken zu laſſen, ward dem alten Frie 
deborn der Leib feines Kindes zur ferneren väterlichen 
Pflege übergeben, während ihre Seele, die fich außer 
dem Bereich menfchlicher Gewalt befand, nach wie vor 
bei ihrem „hohen Herrn“ verbdlieb, der wie ein Wetter 
ſtrahl im ihr junges Herz eingefchlagen und es ganz 
und gar entzündet hatte. Aber auch er war, troß feiner 


Das Käthchen von Heilbronn. 371 


"anfcheinenden Gfeichgältigfeit und Härte, doc fchon 
laͤngſt durch die Anhänglichkeit und die Reize des hoks 
den Kindes tief gerührt; nur vermochte ihn Dreierlei, 
die Gefühle, die ſich in feiner Bruft regen wollten, zu 
unterdrücden. Das Eine war: die Ehrenfeftigfeit feines 
ganzen Weſens, Die ed ihm nimnmermehr erlaubt hätte, 
der reinen Sungfrau auf eine unehrerbietige Weiſe zu 
nahen; — fie aber als eheliche Gemahlin heim zu füh— 
ren, daran hinderte Ihn das Zweite, was fich feinen 
geheimen Wuͤnſchen in den Weg ftellte, nemlich die Vor⸗ 
urtheile feined Standes; — das Dritte war ein Ges 
heimniß zwifchen ihm und Gott, aber da es fpäter Doch 
an das Licht gefördert wurde, fo mag ed der Mund 
der Sage bier erzählen. 

In jener Spyloefternacht, in der ber Graf vom 
Strahl todtenähnlich auf feinem Bette lag, meinte er, 
ein Cherub fei zu ihm getreten, habe ihn fanft an der 
Hand genommen und ihn Durch Die Nacht in das Schlafs 
. fammerlein eines Mädchens geleitet, das fchlafend im 
bloßen Hemdchen auf einem weißen Bettchen mit roths 
wollener Dede lag; das holde Kind habe ihn bei feinem 
Eintritte mit großen, ſchwarzen Augen angefehen und 
babe gerufen: „Elsbeth!“ darauf fei fie, vom Purpur 
der Freude über und über fchimmernd, aus dem Bette 
geftiegen und habe ſich auf die Kniee vor ihm nieders 
gelafien und ‚‚mein hoher Herr’ gelispelt; ber Engel 
habe ihm darauf gefagt, daß das Kind eine Kaiſers⸗ 
tochter fei, und ihm ein Maal gezeigt, dad ihr röthlich 
auf dem Nacken gezeichnet ftand, indem er fagte: daran 
magft du fie erfennen; als er ihr aber ind Antlıg habe. 


372 Das Käthhen von Heilbronn. 


ſchauen wollen, um noch ein beffered Kenttzeichen zu 
haben, feien die Mägde mit Licht gekommen, und alles 
fei verſchwunden geweſen; er aber habe, nachdem er 
bie Augen aufgefchlagen, auf Schloß Strahl auf dem 
Bette gelegen, an dem feine Mutter und Baſe weinten, 
Nie hatte der Graf irgend jemanden etwas von dieſer 
Gefchichte mitgetheilt, aber fie Deswegen nicht minder 
tief im Herzen bewahrt; er war fo überzeugt, daß ihm 
som Himmel felbft eine Kaiferstochter beftimmt war, 
Daß er an Feine andere Sungfrau denken zu dürfen 
glaubte, und daher jede Regung, die zu Käthchens 
Gunſten in feinem Innern ſprach, ſchnell zum Schweis 
gen brachte; fo fehlug er fich denn die ganze mehr är 
gerliche ald angenehme Geſchichte, fo gut ed ging, and 
dem Sinne und lag feinen Fehden und fonftigen Ger 
fchäften ob. 

Als Käthchen fich von ihrem Ritter getrennt fah, 
verlangte fie nichts mehr auf dieſer Welt, als von feis 
nem Freunde, dem Prior eines Auguftiner Kloſters, 
geführt zu werden, um von ihm zum Eintritt in ein 
ihr befanntes Urfulinerinnen-Klofter vorbereitet zu wers 
den. Der Vater erfüllte ihren Wunfch mit tiefem Kum⸗ 
mer, und ald fie eines Abends Dicht vor Den Pforten 
ded Auguftiner-Kloflerd angefommen waren, übermannte 
ihn der Gedanke, fein Kind auf immer und immer ind 
Kloſter zu vergraben, fo fehmerzlich, daß er ihr felbk 
vorſchlug, wieder nad, der Strahlburg zu gehen, um 
fid, Dort unter dem Hollunderftrauch am Abhange bei 
Felſens, wo fie am liebften zu ſitzen pflegte, die Sache 
noch einmal zu überlegen, Käthchen fah ihn mit großen, 


Das Küäthihen von Heilbronn. 373 


traurigen Augen an, und fagte: ich Darf es nicht th, 
der Graf hat ed mir verboten. Als nun der gute Bas 
ter fi erbot, zu ihm zu gehen, und ihr die Erlaubniß 
dazu auszuwirken, da erfannte fie Die Macht der väter 
fichen Liebe, und entfchloß fi von Stund an, nicht ins “ 
Klofter zu gehen, aber noch weniger zu dem Hollunders 
ſtrauch, fondern nur ihr Gebet bei dem Prior zu verrichten 
und dann wieder nach Heilbronn mit dem Vater zu ziehen. 

Graf Wetter vom Strahl war um eined Befiks 
thums Willen in Fehde mit einem Nheingrafen vom 
Stein. Diefer hatte, da er mit offener Gewalt wes 
nig ausrichten" konnte, einen Knecht gedungen, ber 
fih auf Strahlburg einſchlich und dort Dienfte er= 
Kangte, aber in ber verrätherifchen Abficht, bei Gele 
genheit feinem eigentlichen Herrn von Nuten fein 
zu koͤnnen. Der Augenblid war gekommen und ber 
Rheingraf fandte zwei Boten mit. zwei Briefen aus, 
den einen an Peter Quan,;, den verrätherifchen Knecht 
auf Strahlburg, worin er ihm fagte, daß er Schlag 12 
mit feinem Kriegshaufen vor dem Schloffe fein, und ſei⸗ 
ner Hülfe von Sunen harren würde; — den Andern an 


‚ ben Prior Hatto von eben dem Auguftiner  Klofter, 


in dem Käthihen Die Nacht zubringen wollte, die Bots 
schaft enthaltend, daß er noch fpät am Abende zu ihm 
Fonmen würde, um die Abfolution zu empfangen. Die 
Fügung des Himmeld wollte e8 aber fo, daß Die 
Briefe verwechfelt wurden, nnd daß Käthchen auf Diefe 
Art hinter den ihren Ritter bedrohenden Anfchlag Fam. 
Keinem Menfchen trauend, und die fchon herabgefunfene 
Nacht nicht fchenend, machte fie fich flugs auf den Weg 


374 Das Käthchen von Heilbronn. 


nach Strahlburg und wäre fiher nicht mehr ın das 
Schloß gedrungen, wenn Gottſchalk fie nicht erblidt 
und vor den Ritter geführt hätte. Diefer war gewals 
tig unwirſch, als er. zu fo fpäter Stunde, und gerade 
ald er glaubte ſich auf immer von ihr losgemacht zu 
haben, das Mädchen auf feiner Burg erblidte, und 
ſchalt Gottſchalk, den Knecht, aber zumeift das arme 
Käthchen, Die er eine landflreicherifche Dirne nannte 
und ‚gar nicht zu Wort fommen ließ; und als Diefe 
dennoch den Brief emporhielt und durchaus gehört fein 
wollte, nahm er bie Peitfche von der Wand um fie 
hinaudzutreiben, beun er Dachte in dieſem Augenblide 
mehr an die Anklage vor dem heimlichen Gerichte und 
alle Berlegenheiten, die ihm die Liebe des Mädchens 
fhon verurfacht hatte, als an die Pflichten der Nitter: 
lichkeit. Endlich gelang es Käthchen troß feinem Toben 
und Zürnen ihm den Brief durch Gottjchalf in Die Hand 
zu bringen, da faßte denn freilich eine ganz andere 
Erfenntniß und tiefe Neue dad Herz bed Ritters; er 
fah, von welcher Gefahr er durch dad heldenmüthige 
Mädchen errettet war, und traf flugs Maßregeln, um 
den Ueberfal der Burg zu verhindern, was ihm aud 
ohne Mühe noch gelang. Das fchwerere war, die Aus 
gen vor Käthchen aufzufchlagen, die er fo mishandelt 
hatte, während er ihr fo viel verdankte; freilich begegs 
nete er ihr freundlich und fuchte fein Unrecht wieder gut 
zu machen, aber Käthchens Herz wußte nichts von Groll, 
benn was konnte der ihre von Gott durch feinen Cherub 
augeführte Herr Unrechted gegen fie begehen; von ihm 
kam Alles recht, wie es Fam. 


Das Kaͤthchen von Heilbronn. 375 


Kaͤthchen verließ ihren Ritter nun nicht mehr; fie 
brachte ihm die Waffen, wenn er ind Treffen wollte, 
fie folgte ihm durch Wald und Feld, Aber Bäche und 
Berge, und ed mar nicht mehr bie Rede davon, daß 
fie nach Heilbronn zurüdfehren follte; der Graf that, 
als ob er fie nicht bemerkte und ließ fie gewähren, zus 
dem mußte er, daß fie an dem alten Gottfchalf einen 
treuen Schuß hatte. Als nun wieder Friede in der Burg 
war, zog Kätlichen auch wieder ein und wohnte wieder in 
dem Stall, aber am liebften bettete fie fich unter dem Hols 
Iunderftraudy vor der Burg; dort hatte fie ſich unter 
den Zweigen des Baumes ein Hüttchen gebaut; und 
wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte, fand fle 
unter feinem Laubdache Kühlung. Gottfchalf hatte manch⸗ 
mal bemerkt, daß ihre Träume nicht ſtumm feien, und 
daß man fie wohl im Schlaf, wie Nachtigallen in der 
Sommernadht, flüftern hörte; er erzählte diefen Umſtaud 
feinem Herrn, der fich mancherlei Gedanken darüber 
machte. 

Es war an einem fohwülen Nachmittage, als der 
Ritter einft allein aus feiner Burg trat und den Weg 
zu Käthchens Hollunderbaum fand; da lag fie fchlafend, 
mit-rothen Baden und verfchränften Händchen, er jah 
fie lange gerührt an und befchloß dann zu verfuchen, 
ob es ihm nicht möglich fei zu ergründen, warum bies 
Mädchen, das beftimmt fchien, den herrlichen Bürger 
von Schwaben zu beglücen, ihm gleich einem Hündchen 
durch Glück und Elend folgen mußte, Es war ihm, 
sd müſſe fie ihm eine Frage im Schlaf beantwortei, 
Die er oft wachenb gethan, aber auf die fie nie etwas 


376 Das Kuaͤthchen von Heilbronn. 


anders erwiebert hatte, ald: „ei, geſtrenger Herr, She 
wißt's ja,” Er nahte ſich ihr leife, kniete vor ihr hin, 
und legte feine Arme fanft um ihren Leib; er fing an 
fie allerlei zu fragen, worauf fie zufammenhängende 
Antworten gab: endlich Fam er mit feinem Hauptanlies 
gen: „Du bift mie wohl recht gut?” Gewiß, fagte 
Käthchenz „Aber ich dir, was meinft Du, ich dir nicht?” 
Ach geh’, lächelte fie, du bift verliebt in mich wie ein 
Käfer, Der Ritter erfchraf, denn fie hatte es wahrs 
haftig getroffen, nur wunderte ihn ihre Zuverficht. Er 
fragte weiter und weiter, und was erfragte er? Was 
fah er, ald er ihr Tuch fanft von ihrem Halfe wegfchob 9 
Ein Maal, wie ed der Cherub ihm gezeigt. Und Käths 
chen war das Mädchen, die er in ber Sylveſter⸗Nacht 
gefehen, und er war der Ritter, bem fie in der Solveſter· 
Nacht zu Füßen gelegen hatte, 

Endlich erwachte fie und erfchraft, von ihm im 
Schafe überrafcht worden zu fein; fie glaubte, er würde 
ihr zürnen, aber er war gedankenvoll und weich, unb 
als Gottſchalk dazu fam, befahl er ihm, der Jungfrau 
ein Gemach auf der Burg anzumeifen. 

Seine einfamen Stunden waren fortan von einem 
Gedanken erfüllt: wie Käthchen des Kaifers Tochter 
fein könne; daß ed aber fo war, war ihm fo gewiß, 
als daß der Himmel fich über der Burg mwölbte, und er 
nahm auch feinen Anfland, e8 mehreren Perfonen, ihren 
Rath heifchend, zu vertrauen. Aber niemand konnte ihm 
fagen, wie ein folh Geheimniß zu ergründen fey? 
Darüber brütete der Graf noch, als eine Botfchaft ihn 
an den Hof bed Kaiſers nach Worms entbot. Fried⸗ 


Das Käthchen von Heilbronn 377 


borit, der von dem heimlichen Gerichte abgewieſen wors 
den war, und num fein Kind aufs Neue verloren fah, 
ja dem e3 fogar zu Ohren gefommen, daß der Nitter 
fein Käthchen für des Kaiferd Tochter audgab, und das 
durch dem guten Ruf feiner Iängftverfitorbenen Frau zu 
nahe trat, zögerte nicht fich dem Throne der höchiten 
irdiſchen Majeftät gegenüber zu ftellen, und feine dop⸗ 
yelte Klage anzubringen. Den Kaifer entrüftete eine 
ſolche Handlungsweife auf das Höchfte, denn war er 
ſich auch mancher Heinen heimlichen Sünde bewußt, fo 
gefiel ed ihm doch übel, der fonft ein gerechter Herr 
war, ſich fo öffentlich blosgeſtellt zu ſehen. 

Den Grafen traf diefe Veröffentlichung feiner ge= 
heimften Angelegenheiten ebenfalls höchſt widrig, und 
er befann fich nicht vor Gericht zu erklären, daß es nie 
feine Abficht gewefen fei, einem folchen Gerücht irgend 
Wichtigkeit zu geben. Der Kaifer wollte ſich auch mit 
biefer Erflärung begnügen, aber Friedborn drang mit 
dem höchften Eigenfinn auf einen Kampf auf Tod und 
Leben mit dem Grafen; diefem riß endlich die Geduld, 
and er rief laut und öffentlich aus: Käthchen fei feines 
hohen Kaiferd Kind, und er werde ed Augenblicks mit 
‚dem Echwerte beweifen. — Er zog und zwei Züge mit 
feiner gewaltigen Klinge reichten hin, ben alten Mann 
zu entwaffnen, dem er Fein Leides anthat. 

Ald der Kaifer die Waffen feines Anflägers alfo 
fiegreich fah, floh dad Blut aus feinen Wangen, aber: 
ein Licht entzündete fich in feinem Gedächtniffe, denn 
er erinnerte fich allerdings, vor fiebenzehn Sahren zu 
ber Vermählung feiner Schweiter, der Pfalzgräfin, in 


78 Das Käthhen von Heilbronn. 


Heilbronn gewefen zu fein, und bei einer Volksfeſtlich—⸗ 
feit allerlei heimliched mit einer fchönen Bürgersfrau 
im Schatten einer Laube gefchwagt zu haben; zum Ab- 
ſchiede gab er ihr, die ihn nicht kannte, eine Schau— 
münze, und ald er darnach forfchte, fand es ſich, daß 
Käthchen diefelbe Münze auf dem Sterbebette von ihrer 
Mutter empfangen habe. Der Kaifer, nachdem ihm 
died den Sinn durchdrungen hatte, nahm fich vor, bie 
Sache gütlich beizulegen, damit nicht ein zweiter Cherub 
herniederfteige und das Geheimniß vor aller Welt ver: 
künde. Er bat dein gebeugten Friedborn, ihm Dies Kind 
abzutreten; um allen ärgerlichen Gerüchten ein Ende 
zu machen, werde er Käthihen von Heilbronn als feine 
Dflegetochter, Katharina von Schwaben, mit dem Wet: 
ter vom Strahl alsbald und mit großem Pomp vers 
mählen. Friedborn fünne aber alddann feine alten Tage 
bei dem jungen Paare in Ruhe verleben. 

Ein folder Vorſchlag befriedigte die flreitenden Pars 
theien, und wenige Zage nachher erglänzgte der Schloßhof 
von allem Pomp der Ritterfchaft, und unter glänzendem 
Baldachin erfchien befcheiden das füße Käthchen als bie 
erforne Braut des Grafen Wetter vom Strahl. 


Der Sennengraben, 


Nicht weit von der Burg Winde Tiegt eine Meierei, 
der Hennengraben genannt. Zwifchen den fröhlich grüs 
nenden Weinreben und den hohen dunkeln Kaftanien« 
bäumen find noch die Spuren eined Graben zu erfens 
nen, welcher fich um ein Borwerf des Schloffes herzog. 
Zur Zeit, ald der Dechant an der Domfirche zu Straßs 
burg auf Winde gefangen faß, wohnte unten im Wolfs⸗ 
bag in einer Mooshütte eine hochbetagte Frau, welde 
von den Ummohnern das Waldmweiblein genannt wurde, 
Sie fannte viele verborgene Dinge und auch die geheis 
men Heilfräfte der Pflanzen und Wurzeln, und die 
wilden Thiere des Waldes thaten ihr nichts zu leide, 
fondern fchienen vielmehr ihrer Stimme zu gehorchen. 
Ihr ganzer Reichthum beftand in einigen weißen Hühs 
nern von ungewöhnlicher Größe, die fi ihr Futter im 
Walde fuchten. 


35V Der Hennengraben, 


Eines Tages faß die Alte vor ihrer Hütte, da fas 
men zwei wunderfchöne Knaben des Weges daher. Eie 
waren müde und traurig und fragten nad dem Wege 
zu der Burg. Die Alte hieß fie freundlich willkommen, 
nnd gab ihnen Obſt und Brod zur Erquidung. Der 
jüngere, ein Knabe von dreizehn Sahren, ließ ſich's 
wohlfchmecen, aber der ältere, der zwifchen ſechszehn 
und achtzehn Sahren flehen mochte, hielt niedergefchlas 
gen feinen Apfel in der Hand und Thränen traten ihm 
in die Augen. Er fuchte fie jedoch zu verbergen, ging 
zu dem nahen Felfenbrünnlein und wufch fich dag Ges 
fiht mit dem Haren frifchen Bergwaffer. Wie die Roſe, 
die der Than erfrifcht hat, fo glänzten jest feine Wans 
gen im blühenden Sugendroth, und dad Waldweiblein 
ſchaute ihn wohlgefällig an und fagte: „Du bift gewiß 
fein Knabe, fondern eine Sungfrau; aber habt Ders 
trauen zu mir, Kinder, und fagt mir, wo Eure Eltern 
wohnen, und was Euer Begehren anf Winde iſt?“ 

Die Kinder fingen beide zu meinen an, und ber 
ältefte erwiederte: „Wohl bin ich ein Mägdlein, und 
heiße Imma von Erftein, und Dies ift mein Bruder. — 
Unfer Ohm, der Dechant von Straßburg, hat uns bie 
jegt väterlich erzogen, und nun liegt er da oben auf 
der Burg gefangen, und wir wollen den Burgherrn 
bitten, daß er ihn frei gebe, | 

Bringt ihr denn Löfegeld ? fragte die Alte. Ad, 
antwortete die Sungfrau, indem fie ein Diamantened 
Kreuz aus dem Buſen z0g: ich habe nichts ale dieſes; 
aber wir wollen den Windecker bitten, daß er und ald 
Geißel behalte, bis der Ohm fidy gelößt haben wird, 


Der Hennengraben, 381 


„Nun fo will id) den Dechant Iosfaufen, fagte das 
TWaldweiblein und ftreichelte der Sungfrau die Locken 
aus dem Geficht. Hört mid, Kinder. Die Straßburger 
werben eheitend anrüden und die Burg belagern. Noch 
Diefe Nacht habe ich zwei Kundfchafter belauert, die füch 
hier im Dickicht verftedt hielten. Sie hatten die Gele— 
genheit der Burg gut audgefpäht und befonders bie 
fhwache Seite bemerft, drüben am Tannenwald, wo 
das fteinerne Todtenkreuz fteht. Geht hinauf zu Herrn 
Reinhard, dem jungen Ritter auf Windel, und fagt 
ihm, er folle dort eilig einen tiefen Graben aufwerfen 
laſſen, und noch heute, denn ich fürchte, die Feinde möch⸗ 
ten noch diefe Nacht heranziehen. 

Aber wird ber Ritter auch unfern Ohm frei geben? 
fragten die Kinder. 

Ich gebe euch ja ein LXöfegeld, erwiederte die Alte, 
Sie HHatfchte jet in die Hände, und von allen Seiten 
flogen und trippelten ihre weißen Hühner herbei. Sie 
nahm eins berfelben, und gab ed Imma mit den Wors 
ten: Diefe Henne bring’ dem Ritter Reinhard auf Wins 
deck, damit er den Dechant von Ochſenheim freigebe. 

Die Kinder fchauten fie verwundert an. 

Thut wie ich fage, fuhr die Alte fort. Der Ritter 
fol! die Henne, fobald die Sonne heute untergegangen 
ift, bei dem Kreuze niederfeßen, wo die Feinde den 
Angriff machen wollen. Er hat auf feiner Burg nicht 
Hände genug, den Graben noch tief und breit genug 
graben zu laſſen — meine gute Henne aber wird’ zu 
Stande bringen. „Bei diefen Worten freichelte fie das 
Thier, und fang in leifen, kaum vernehmlichen Tönen: 


382 Der Hennengraben. 


Hör’, was ich fag’, 

Wenn fich neigt der Tag, 

Mußt dir graben tief und breit, 
Mußt fcharren die Erd’ heraus 
Bid zu dem Todtenhaus, 

Bid zu dem Heldenfchwert, 
Welches Fein Roſt verzehrt. 

Geh, und vor Mitternacht 
Sey noch das Werk vollbracht!” 

Smma nahm die Henne nicht ohne Grauen, aber 
die Alte war fo freundlich und treuherzig, daß fie doch 
Bertrauen gewann. hr Bruder zeigte nicht Die min- 
defte Furcht, und freute fi fogar ded wunderbaren 
Schaufpield, welches die Henne ihm geben follte. Sie 
hatten faum die Hälfte des Berges erftiegen, auf beffen 
Spitze die Burg Tag, als ihnen ein junger Ritter ent 
gegen fam. Er war von fehr edler Geftalt, und obs 
gleich der ftile Ernft in feinem Wefen die Sungfrau 
ein wenig erfchrecte, fo benahm ihr doch bald der milde 
Ton feiner Stimme alle Beſorgniß. Auf feine Frage, 
wer fie feyen, und was fie auf feiner Burg fuchten, 
antwortete Imma: 

„Edler Ritter, Shr haltet unfern Ohm, den Dechant 
von Straßburg, gefangen. Er ift auch unfer Bater, 
denn wir haben feine Eltern mehr, und darum bitten 
wir Euch, ihn frei zu geben und und ald Geißeln zu 
behalten.’ " 

Der Ritter fonnte feine Rührung nicht verbergen. 
Er betrachtete die Kinder, eins um's andere, und fein 
Blick vermweilte zuerft unmwillfürlich auf der weißen 


Der Hennengraben. 383 


Henne, welche Imma trug. Eie- erröthete und erzählte 
in abgebrochener Rede, was es damit für eine Bes 
wandniß habe. 

Der Windeder hörte ihr aufmerffam zu. Seine 
Blide wurden immer forfchender und die Sungfrau ges 
rieth in fichtbare Verwirrung. Shre Worte waren ohne 
Zufammenhang; ihr Bruder bemerkte es und wollte 
einhelfen: 

Imma, ſo ſagte die Frau nicht. 

Imma erglühte bei dieſer Rede, als ſchlüg' ihr eine 
Flamme ins Antlitz. Edle Jungfrau, ſagte der Ritter, 
in Gottes Geleite ſeyd Ihr hierher gekommen, und im 
Schutz meines Arms ſollt Ihr hier weilen und wieder 
heimkehren, ſobald es Euch gefaͤllt. Jetzt kommt, und 
bereitet Eurem Ohm eine fröhliche Ueberraſchung. 

Während Imma und ihe Bruder beim Dechant 
waren, betrieb der Ritter die Bertheidigungsanftaften 
feiner Burg. Wohl fannte er die ſchwache Geite am 
Zannenwald, und ließ auch bereits feit einigen Tagen 
an einem Graben dafelbft arbeiten. Allein die Zeit war 
furz, die Botfchaft des Waldweibleins ihm daher höch⸗ 
Sicht willfommen, und wenn er alle Umftände übers 
Dachte, mußte er großes Vertrauen darein feßen. Al 
die erften Sternlein am Himmel blinften, trug er die 
Henne zu dem Todtenfreuze, wo fein Großvater gefallen 
und begraben worden war. Mit dem Schlag der Mits 
ternachtftunde begab er fich wieder an den Ort, und. 
fand zu feinem Erftaunen einen tiefen und breiten Gras 
ben mit einer Bruftwehr, und im Eternenfchein blinfte 
ihm dad Schwert feined Großvaters entgegen, welches 


384 Der Hennengraben. 


man dem ©eftorbenen mit ind Grab gegeben hatte. 
Die Henne war verſchwunden. Gegen Morgen rüdten 
auch bereits die Straßburger in drei Haufen heran — . 
fie waren zu einem Sturme gerüftet, aber der Graben 
ber Henne vereitelte ihre Abfiche und fie wurben mit 
großem Berluft zurüdgefchlagen. 

Imma hatte inzwifchen auf das Herz bed Nitterd 
von Windel einen großen Eindrud gemacht, und bie 
Sungfrau war auch gegen ihn keineswegs gleichgültig. 
Allein der gefangene Dechant wollte von einer Berbins 
bung zwifchen Beiden nichts hören. Als jedoch der 
Zwift vertragen war, wurde Imma des Windeders 
Gattin und im Münfter zu Straßburg legte der Dechant 
ihre Hände in einander. 

Der Hennengraben hat ben Namen beibehalten: doc 
bie Sage davon fiheint fich immer mehr zu verlieren. 


- 


Siegfried und die Wibelungen. 


wie Siegfried den Drachen erfchlng und höruen ward, 


Auf ber Burg zu XRanten am Rhein herrſchte Siegemund, ein Rbs 
nig im Niederlande. Sein Gemahl Siegelinde war ihm mit einem 
Knäblein geneſen, das fie Siegfried nannten. Maͤchtig wuchs dieſer 
beran, und erfreute fein trußiger Sinn auch den Water, der in 
ihm fchon den Lünftigen Helden ſah, fo machte er dagegen Trau 
Eiegelinden viel Betrübniß, denn der junge Siegfried träumte nur 
Kampf und Gefahr, achtete wenig ber Mutter fanfte Lehren, und 
war nie froher, als wenn er fich wild herum tummeln, und feine 
Kraft erproben konnte. Wenn des Waters Reden gefandt wurden 
zu Strauß und Fehde, drang der Knabe immer in den Vater, ihn 
mit hinaus ziehen zu laffen, doch warnte Here Siegemund, daß er 
noch zu jung fei, und die Zeit abwarten müffe, Dies verdroß Sieg⸗ 
fried gar fehr, denn er fühlte Kraft im Arm, und Muth in der 
Seele und immer 309 und lockte es ihn in der Zerne, wo die blauen 
Berge ihre Häupter in die Wollen hoben. 

Seinen Trotz Tonnte des Vaters Willen und ber Mutter Bitte 
nicht bändigen, und fo fgritt der Züngling eines Morgens in ber 


25 


* 


386 E Siegfried und die Nibelungen. 


Fruͤhe hinab von ber Burg zu Xanten, und frohgemuth ber Sonne 
entgegen. Des Rheines Strom folgend, 3098 er zu Berg, nicht 
Burg noch Städte achtend, bie er auf dem Wege antraf. Die 
dunkeln Berge waren fein Biel. Am britten Tage gelangte er 
zu dem mädjtigen Bergforft am Rheine, dem Siebengebirge 
Dhn Bangen und Zagen eilte jung Siegfried in ber Waldung 
Dunkel; fein Stecken machte ihm Bahn durch Geflrüpp und Ge: 
buͤſch über Zelfenfchlünde und Bergwaſſer. 

Als die Sonne aber hoch im Mittag ftand, und ee noch keinen 
Ausweg aus dem Dickicht gefunden, war es ihm doch lieb, als er 
hoch über den Eichen eine Rauchfäule aufwirbeln ſah. Ihrer Rich⸗ 
tung folgte er, und bald fchallte ihm kraͤftiger Hämmerfchlag aus 
einer tiefen Zelfenktuft entgegen. Wie freute es ihn, als er tk 
Funken fo gewaltig herumfprühen, und das Feuer auf der Eſſe 
auftodern ſah! Ich möchte auch wohl ein Schmied werben, dachte 
er bei fih, und trat mit dem Begehr zur Schmiede. Wie Yachten 
bie Sefellen beim Anblick bes bartlofen Fanten, und zur Kurzwell 
ſprach Meiftee Mimer, der bier feine von allen Kämpen geprie: 
fenen. Waffen fehmiedete: Gr möge eintreten, und ſich einmal ver: 
fuchen. Den wuchtigften Hammer reichte man Giesfrieben, aber 
but, wie flog das Eifen in GStüden durch die Werfftätte, als er 
leicht den Hammer ſchwang. Der Meifter wollte Einhalt rhun, 
‚aber Siegfried haͤmmerte drauf zu, daß dee Ambos in den Boden fuhr. 
— Wohl fürchteten da ber Meifter und feine Leute den jungen Ge⸗ 
ſellen, denn als ſie ſeinem Beginnen ſich widerſetzten, warf er ſie 
insgeſammt zur Erde, daß ihnen das Aufſtehen ſchwer ward. 

Jung Siegfried blieb in der Schmiede, aber auch die ſtaͤrkſte 
Eiſenſtange widerſtand feinem Schlage nicht, und mancher Ambos 
fuhr noch in den Grund. Meiſter Mimer, voll Ingrimm, waͤre 
feiner gern los geweſen; wie ihn aber fortbringen? Endlich beſchloß 
er, ihn tief in den Wald zu fenden, wo ein grimmer Lindwurn 
bauste, um fo ein elendiglich Ende zu finden. Du ſollſt mir im 
Borfte Kohlen brennen, ſprach eines Abends ber Meifter zum Juͤng⸗ 


Stegfried und Die Nibelungen 387 


fing, mache Dich‘ morgen vor der Sonne auf, denn wir bebürfeg 
ipree ſehr, Die Stetle wirft du finden, wo bie ſchoͤnſten Birken 
und Buchen blühn, fie liegt veh dem Sihein, am hoͤchllen Fela. 
Mie der Meiſter befohlen, fo that Siegfried. Eichen⸗ und Buchen⸗ 
ſtanme krachten und brachen unter feiner Jauſt, und waren Se 
noch ſo ſtark. In kurzer Friſt hatte er feinen Meiler farig und 
augeſchuͤrt. und wis er fish nun fo unter dem Laubdache einer 
Linde niedergeſtreckt hatte, ſich von feiner Arbeit zu exholm, de 
ſchoß der Linddradhe auf ihn zu. Jung Siegfried brach fich ader 
raſch einen Eichenſtamm, und erſchlug ihn, wie wild das Ungethüm 
fich auch gebärbete, und 303 ihn zu dem brennenden Meiler, Als 
er nun fah, wie aus’ dem Draden das Fett quoll, warf er noch 
manch brennend Scheit Zu, und in Strömen floß das Drachenfett 
bis zu der Einden. Ein weniges ermübet firedte fi Glegfrieh 
unter der Linde nieder, zu kurzer Haft. Und wie ee nun fo da lag, 
fißtete hoch in des Baum's Gezweige eine Nachtigall, und wie er 
auſhorchte verſtand er gar wohl, wie fie fang: 

Wer babet fi im Drachen: Born, 

Dep’ Leib wirb feſt, de’ Haut wird Ham, 

Ge'n jede Waff’ if er gefeit, 

Gern jede Bahr und jedes Leid, 

Der SZüngling legte fein Gewand ab, und badete fich in der 
Fluͤſſtgkeit, doch fiel ein Blatt von ber Linde ihm auf bie rechte 
Schulterz und wurde er auch am ganzen Leibe hörnen, ſo doch 
nicht an der Stelle, wo das Blatt gelegen und Kein Bett hinge⸗ 
ronnen wat. 

8 er num mit feinem Meiler fertig war, fehärte er fich einen 
Sack von Roblen, riß dem Lindwurm das Haupt ab, und machte ſich 
getroft wieber auf den Weg zur Schmiede, 

Aber wie erſchraken die Gefellen als fie Ihn von dem Walde 
bertommen fahen. „Meiſter, Meiſter, ferien fie, „jung Siegfried 
bat den Drachen erfchlagen, jest gnade uns Gott!” Metfter Mimer 
weite in arger Liſt dem jungen Gefellen entgegen ‚gehn, und mit 


388 Siegfried und die Ribelungen: 


freundlicher Rebe ihm empfangenz ber aber ſchlug ihn au Woben, 
daß er auch nie davon genaß, und fo auch alle bie argen Gelee, 
die fich in der Schmiede verkrochen. 

Luftig fchhete jung Siegfried dad Feuer auf der Effe, und 
wirkte mit flarker Zauft aus dem feſteſten Stahl und Eifen eis 
wuchtiges Schwert und einen Panzer, Halsberge, Schild und Helm, 


. wie es dem Ritter ziemt, und 308 dann fort um Abenteuer zu 


a 5 


fuchen. — 





Wie Siegfried Brunhilde gewann. 


Das beſte Roß, das je eines Reden Krippe gefüttert, den 
veindfchnelen Grani, nahm Siegfried aus Mimers Stalle, und 
309 frifchgemuth gu Thal. Des. Waldes Duelle gab ihm Ladung, 
bie Tieblichften Beeren lächelten ihm rings aus dem duftigen Moofe 
und aus der Straͤuche Blätterhülle entgegen, feinem Gaumen anges 
nehme Stärkung bietend. Und wenn er nun zur Kaſt fich unter 
einem Baum gelagert, dann tönte füß der Nachtigall Lied. Gie 
fang von einer fehonen Maid im Sfenlande, und wie es Tühnes 
Wagniß erheiſchte, das holde Engelskind zu gewinnen. Wie Gicg- 
fried immer weiter fürbaß 209, manch Abenteuer mit des Waldes 
Thieren beftehend, um fo mehr erwuchs auch fein Leder Muth, 
fig um jeden Preis die folge Königstochter zu erringen, von ber 
ihm die Nachtigall immer fang. Die Heine Sängerin war jeint 
Führerin, und wie fie die Minnigliche immer mehr pries, und bed 
Abenteuers Gefahren fehilderte, fo wedte fie auch immer mehr in 
des Zünglings Bruft den Drang daffelbe zu beſtehen, denn all 
Sänger bes Waldes flöteten und fangen und zwitſcherten nur von 
Brunhilden und der FKlammenumloberten Burg Gezard, wo fi, 
vom Bauberfchlaf gebannt, auf Erlöfung hoffte. — 

So kam Giegfried zum Meere, ein Scifflein nahm ihn gar 
balb auf, und trug ihn durch der Wogen wilde Brandung. Hoch 
auf dem Maft faß die Nachtigall und fang füßer Minne Lohn, als 


Sicgfeied and die Nibelungen, 389 


das Schifflein in graufig wilder Kelfenbucht landete. Gleich einer 
Biege erklomm Grani bie fleilen Klippenwaͤnde mit ficherm Huf. 
Saut wieherte das kuͤhne Roß auf, als die Feuerglut, welche um 
Segard wild und hoch Über bie Binnen der Burg, bis zu ben 
Wollen emporloderte, den Reiter fehon aus weiter Berne wie lichten 
Sonnenglanz biendete. \ 
Und wie ihn nun das Roß der Glutveſte immer näher krug, 
in Tühnen Wägen vorfprengte, da fang auch die Nachtigall über 
Siegfrieds Haupte: — 
\ Wie glüht fo wild 
Das Tlammenzewind’ um bie fchöne Brunhild— 
Wohl fuͤnfzig Jahr | 
um Segard's Binnen gebannt ed war. 
Der Retter naht 
Und bahnt fich durch feurige Mauern den plab⸗ 
Siegfried, 's iſt Zeit, 
Die Flammen loͤſch' und gewinne die Maid. 
Kein Lüftchen wehte um die weite Burg, regungslos prangte auf 
der hohen Zinne das reiche Banner, an welchem bie Flammenzungen 
‚teten. Wohl troff der Schweiß in hellen Tropfen von des Juͤng⸗ 
Kings Antlig, und die Glut fchien dem Nahenden ben Athem zu 
-ranben. Er aber fpornte fein Roß an, raſch ſtuͤrmte es in das 
. @lutmeer,. Und ſieh — die Glut verwandelte ſich in eine blanke 
Schildburg, die firahlend im Sonnenlichte fland. Kühn ritt ee 
gegen bie Veſte hinan, und die Schilde ſchoben ſich raſch übereinans 
dere und zufammen, daß er ungefährbet den Zwinger betreten konnte. 
Gar fehr wunderte ed Giegfrieden, daß ringe um ihn ber Grabes 
Hub herrſchte, denn wenn aud hoch am Tage, fo lag body Alles 
noch im tiefften Schlafe. Hoch auf ber Zhorzinne nidte ber Burg⸗ 
- wart, in der Rechten das mächtige Hüfthorn, die Rüden fchnoberten 
im Schlafe neben dem Thore, rings im Hofe und auf dem Schlage 
safteten Zauben und anderes Geflügel ohne Regung. Und wie nun 
Siegfried in die Thorhalle trat, Ichallte weit fein Schritt, aber er 


390 Siegfried and big Nibelungen 


mahte eines zum Empfange. Die Pliegen an ber Wand fei6f 
ſchliefen, und in ber Küche faß ber Junge am Bratſpieß, bie 
Mägde waren bei ihrer Arbeit eingefchlummerts hier ſaß eine und 
hiett das Hahn, das fie rupfen wollte, noch in der Hand, am Heerde 
ſchidef der Koch. Und je weiter Siegfried ging, um fo wunberlider 
Sam ihm alles vor; denn in allen Bemächern fand es gar viel bey 
ſchlafenden Brauen und Männer, So trat ex auch in ben Burg⸗ 
fant, aber wie ſtaunte er, als er bier, auf dem reichſten Pfuͤhl, 
einen reich gewappneten Nitier im tiefſten Schlummes gewahrte, 
Ein mächtiger Helm mit ftattlicher Bierbe yrangte auf feinem Haupte, 
und glängender denn Golb und Gbelgeftein- fchimmerten Halsberge 
und Panzer, und alle Schienen, die feine lieber bargen, fo wis 
ber mächtige Schild, der ihm zur Geile lag, Siegfried konnte einem 
Innern Drange nicht widerfichen, dem feſt Schlafenden ben Helm 
zu löfen. Er that's und — in vofigem Jugendreize lag ein hohes 
Frauenbild vor ihm. Wie die Roſe zuͤchtiglich aus dem MWiätters 
kranz hervorblickt, ſo ſchimmerte das ſchoͤnſte Maͤdchen⸗Antlitz ihm 
aus dem uͤppigen Lockengold entgegen. Raſch hob er das Schwert, 
und mit ſcharfem Schnitt trennte er den gleißenden Stahl von den 
wunderherrlichen Gliedern, die wie bie Roſe aus der Knospe, im 
reinften Ebenmaße aus ber Hülle hervorquollen. Siegfried ſtand 
ganz entzuͤckt in den Anblick verſunken. Und wie nun ber leife 
Athemzug den blühenden Lippen eine leife Bewegung mittheilte, da 
209 es den Süngling untviderftehlic Hin, einen Kuß darauf zu 
druͤcken; und die Erwachende ſchlug die Augen auf, Lieblich blickte 
fie ihn an, gleich den Sternen des Abends, die mild aus rofigem 
Sonnengewölt auftauchen. „Du bift es Siegfried, Siegemund's 
Sohn?“ ſprach Brunhilde, denn fie war es, die er gefunden, „Wer 
hätte auch fonft die Macht, diefen Zauber zu Iöfen? Und ben Muth 
durch die wilde Glut zu dringen?“ Er aber ſprach; Sch bin Giegs 
fried, Siegmund’a Sohn, der Drachentoͤdter, und Du ſollſt jeht 
mein eigen fein!” | 

Da erhob ſich Brunhilde, die flolze Königin, von Ihrem Lager, 


x 


Siegfried und die Nibelungen sg 


wie die prangende Blume, welche dem erſten Morgenblid der 
Sonne entgegenlächelt. — Und wie fie nun durch Segard's Hallen 
fehritten, da war Alles rings im vegflen Leben, Schaffen und Treia⸗ 
ben. Truchſeß, Schenk, Marfchalt und Kämmerer nahten bem 
hoben Paare mit ehrerbietigem Gruße. In der Küche ging bee 
Spieß, die Mägde thaten wieder ihre Arbeit, Aus dem Hofe toͤnte 


lautes Ruͤdengebell, aus den Staͤllen muntrer Roffe Bewicher, und. 
von ber Zinne des Thurmwarts Horn zum Morgengruß. War er 


doch nach fünfzigjährigem Schlafe zu frohbem Morgen wieder ers 
„wacht. Die Zauben flatterten munter auf dem Gchlage. Aller 
Zauber war gebannt, nur ber Liebeszauber nicht, mit welchem 
Brunhilde den Helden Siegfried umgarnt hielt. — 





ie Siegfried die Tarnkappe, das Schwert Balmung, 


uud den NMibelungensHort gewann. 


Durch füßen Zauber hielt Brunhilde, die Vielminnigliche, ben 
Helden in ihrer Hofburg gebannt, fo daß es ſchien, als fei Sieg: 
fried feiner Thatkraft nicht mehr eingedent, Wohl boffte er auf 
den hoben Lohn der Minne, wie er ihn verdient hatte, doch war 
Brunhilde zu hoffärtig, als daß fie fich einem Manne gang zu 
eigen gegeben hätte. Siegfried hoffte alfo vergebens, vermochte 
aber audy nicht ben Bauberbann zu loͤſen. Wenn er nun zuweilen 
hinauszog zum edlen Waidwerk, dann mahnten ihn ber Vögel Stim⸗ 
men an feine früheren Thaten, an das, was er ſchon durch feines 
Armes Kraft vollführt, und wohl erwachte dann in ihm ber alte 
Thatendurſt, ein ungeflümes Sehnen, das aber, fo bald als fein 
Auge Brunhilden in dem Sonnenglanz ihrer Schoͤnheit gewahrte, 
ſich wieder beſaͤnftigte. — Als aber die Voͤgel fruͤh Morgens und 
Abends unaufhoͤrlich an den Fenſtern ſeines Schlafgemachs zwitſcher⸗ 
ten und ſangen von dem großen Hort im Nibelungenlande, den der 
gewaltige Fafner mit arger Liſt bewachte, und wie der, welcher ihn 
gewaͤnne, auch Here des mächtigen Ribelungenlandes ſei, da Bebachte 


393 Siegfried und dig Nibelungen, 


auch Siegfried ihn gu gewinnen. In ber Zrühe des Morgens zog 
er einft von der Iſenburg aus, doch wurbe es ihm fo weh im Her 
gen, daß er umfchauen mußte nad) der Burg, und da gewahrte er 
Brunhilden auf dem Erker, ſchoͤner und anmuthftrahlender, wie bie 
aufgehende Sonne, und er kehrte zuruͤck. So 309 er auch an einem 
zweiten Morgen wieder aus, aber ee wandte fein Antlis wieder um 
nach der Sfenburg, und war noch einmal gefangen; am dritten 
Morgen aber waffnete er fih mit Standhaftigkeit, und eilte hin 
aus aus dem Zauberſchloſſe dem fernen Walde zu, da fangen auf 
allen Bäumen und Zweigen die Vögel mit lauten Stimmen von 
dem großen Nibelungen Horte, fo daß er nicht eher nach der Iſen⸗ 
burg umfchaute, “als bis ein Felsgeſtein fie feinem Blicke barg. — 

Die Vögel waren feine treuen Führer, und frifchgemuth zog er 
viele hundert Meilen, bis er zum Lande der Nibelungen Fam. Bon 
der Reiſe muͤbe, ſtreckte er fich unter ben fehattigen Zweigen eines 
Baumes nieder, auf den fich die Vögel auch zur Raſt niedergelaffen 
hatten. Er entichlummerte, doch wurde er bald durch ein tolles 
Wirren und Summen wieber aufgewedt. Wie er bie Augen öffnete, 
fah er fich von einem bunten Schwarm Eurzweiliger Zwerglein ums 
ringt, bie ihn neugierig begafften, und an ihm und feinen Waffen 
auf und niederrutſchten. Wie er fich erhob, fchüttelte er das wirre 
Geſchmeiß wie die Sliegen von fih. Unter allen aber flach hervor 
ein Männlein mit langen weißem Bart, fein Haupt fehmüdte ein 
Kronhelm, ſtarke Panzerringe fehüsten feinen Leib, und in der Red: 
ten ſchwang er eine goldne Geißel mit fieben ſchweren Knaͤufen. — 
Hei! toller Geſelle, fuhr er barſch den Helden Siegfried an, was 
willſt Du hier im Reiche der Nibelungen? „Mir ihren Dort ge— 
winnen,“ war Siegfried’ Antwort. Da fchallte laut der Zwerge 
Gelächter und Gekicher durch den Tann, Siegfried, erbost, fuhr mit 
feinem Speer um fich, daß die Zwerglein wie Spreu fortftoben. 
Alberich, fo hieß der Geißelführer, führte aber einen fo gewaltigen 
Streich mit feiner Geißel, daß Siegfried wohl Mühe hatte, feine 
Speerſtange zu halten. „Iſt's fo gemeint, Du Heiner Fant!“ ſchrie 


Siegfried und die Nibelungen. 33 


Siegfried auf, „dann wehr dich deiner Haut!“ und fein Schwert 
fauste durch die Luft. Atberich wich aber mit Windesfchnelle feinen 
Hieben aus, feine Gefellen flohen, da aber Giegfrieb in feinem 
Srimme immer wüthender zufchlug, und Alberich fich feiner Diebe 
‚nicht mehr erwehren Eonnte, bat er feiner zu ſchonen, er wolle ihm 
‚beiftehen, den Hort zu gewinnen, — 

Siegfried folgte nun dem Zwerge Alberich, ber ihn gu feiner 
Wohnung zu führen verfprah. Hoch thürmten ſich wilde Felſen gu 
einer feften Burg, und vor dem Cingange lag eine große Belfenmaffe, 
als Thorſchloß. Auf Alberich® Ruf wurde der gewaltige Stein 
wesgeichoben, und ein Baumhoher Niefe trat hervor. Mit Gchlans 
‚gengewandtheit fhlüpfte Alberich durch's Thor, und als Siegfried 
ihm folgen wollte, fperrte der riefige Thorwart ihm den Weg. 
Siegfried wollte eindringen, der RiefeWolfgrambär hob aber feine 
Eifenftange, groß wie ein Schürbaum, zum Schlage. Siegfried wid 
Demfelben aus, und Zußtief fuhr die Stange in den Boden. Raſch 
unterlief jege der junge Held den Rieſen, und warf ihn zu Boden, 
daß von dem Falle die Berge rings erbröhnten. Als Siegfried fig 
nun anfdhidte, Wolfgrambär mit feinem eigenen Waffengehänge zus 
binden, daß feine Knochen unter des Süngling’s flarten Händen 
krachten, bat der Rieſe gar flehentiih um Gnade, und verſprach 
ihm den Einlaß zu gewähren. „Du ungefdjlachter Gefelle, das mußt 
du dennoch, fprah Held Siegfried, und fehnürte ihm die Arme feft. 
Darauf fchritt er durch die hohe Halle und rief! „Heda! Du gleißs 
nerifch Gezwerg, haͤltſt du fo dein Wort, ich will bir zeigen, wie ich 
Gezuͤchte deines Gleichen ſtrafe!“ 

Bergebens ſuchte Siegfried lanze Zeit in den Gängen unb 
Gemaͤchern nach dem Zwerge, es ließ ſich niemand ſehen, acch hoͤren, 
wie er auch rief und ſchalt. Eben trat Siegfried aus einem der 
obern Gemaͤcher, als er den davoneilenden Alberich gewahrte. Mit 
wenigen Schritten hatte er ihn erreiht, und bei feinem greifen 
Bart gefaßt. Wohl ſtemmte ſich Alserih, dem es an Kräften gar 
nicht gebrauch, gegen den ‚Gelben, doch zupfte ihm biefer fo arg am 


39% Siegfried und die Nibelungen 


Bart, daß ber Zwerg vor Schmerz laut aufheulte. Siegfried flürte 
ſich aber nicht an fein Bitten und Flehen, er band ihm mit ben 
Haaren feines Bartes bie Hände. Da ſprach Alberih: „Herr, ich 
will Euch zu eigen fein, gerne Euch dienen, ſchont nur meines 
Lebens. Gelbft bie Tarnkappe fol Euer fein, die Euch vor jeder 
Gefahr ſchuͤtzt, und Euch die Kraft von ſechs ber ftärkften Recken 
verleiht. Bindet mich aber Los, ich erkenne in Euch meinen Meiſter, 
dem es vorbebalten, ben Nibelungenbort zu heben!” Mer Die 
glaubte, der wäre toll! fprach Siegmund's Sohn. Alberich wiebers 
holte aber feine Werficherungen, und gab Siegfrieden fogar bie 
Gtelle an, wo er die Zarnlappe verborgen hielt. Siegfried ging 
bin und fand auch die Bauberfappe, durch die er ſich unfichtbee 
machen, und auf wunderbare Weiſe feien konnte. Er Lödte ben 
Zwerg jest aus feiner Haft, und trat nun wieder vor bie Burg, 
wo der Rieſe Wolfgrambär noch gebunden lag, Kaum warb biefer 
feinee anfichtig, als er ihn fiehentlich bat, ihn feiner Bande zu 
befreien, er wolle ihm ſtets zu Dienften fein, und ihm auch bas 
Schwert Balmung fchenken, das befte Schwert, das je ein Schmied 
gefchmiebet, und je eines Kämpen Fauſt geführt hatte. Als er dem 
Helden Siegfried gefagt, wo er es finden Eönne, hinter dem Fels⸗ 
bloc, der ihm zum Kopflager diente, und Siegfried baffelbe gefun- 
ben, band er wirklich auch den Rieſen los. — 

Auf Siegfrieds Geheiß zeigte jeht Zwerg Alberih dem Sohne 
Siegmunds und Siegelinds den Weg nad der Berghalde, wo 
Bafner der Arge, den großen Golbhort der Nibelungen mit allee 
eift und Sorgfalt Tag und Naht hütete Die Vögel grüßten 
Biegfrieden ſchon als Sieger, und hießen ihn nur ſchlau und Eühn 
au fein. Durch wilde Belsfchluchten führte der Weg, der fo wild 
und graufig, daß Siegfried oft kaum mit aller Mühe fich eine Bahn 
machen fonnte. Schon in ber Gerne fah er am Hange des MWerges, 
welcher den unermeßlichen Schatz barg, Fafner'n in Geftalt eines 
ungebeuren furchtbaren Drachen liegen, fich fonnend in den Strahlen 
ver heilen Mittagsfonne. Die Bügel tiefen ihm mit fröhlichen 


Siepfrich und bie Ribelungen. 395 


Gezwitſcher Muth zu, und Alberich forderte ihn auf, einmal Gebrauch 
von ber Zarnlappe zu machen. Giegfrieb legte fie an, und ums 
gürtet von dem Schwerte Balmung, ging er getroft auf ben Drachen 
zu, der auch feiner durchaus nicht anfichtig wurde. Siegfried's Tritt 
ſcheuchte ihn auf, und er rollte fich in gewaltigen Ringen vor bie 
Deffnung des Berges. Het, wie glänzte und gleiste das Gold und 
Edelgeſtein, das hier zu Haufen aufgethärmt war, durch die Berg⸗ 
fpalten und Klüftungen, wie lichter Sonnen: und Sternenfchein, fo 
daß es Giegfriebs Augen beinabe biendete, und feinen Muth, das 
Tühne Abentheuer zu beftehen, nur noch um fo mehe entflammte! — 

Aber nicht auf hinterliſtige Weife wollte ee den Schatz fich ge: 
winnen, er wollte ihn, wie es bem edlen Recken zufland, im offuen 
Kampfe erringen. Er legte die Tarnkappe daher ab, und trat mit 
gezuͤcktem Gchwerte auf Fafnern zu. Der fpie aber aus feinem 
weiten Schlunde einen Feuerſtrom, vor deſſen Glut Siegfried zuruͤck⸗ 
wich, denn ſie wurde ſo arg, daß ſelbſt die Felſen gluͤhten, als ob 
ſie in einer Eſſe gelegen haͤtten. Der Drache Fafner waͤlzte ſich 
jest den Berghang hinab ins Thal, wo Siegfried, auf Alles gefaßt, 
feines harrte. Wie nun das grimme Unthier fo auf ihn zugefchoffen 
kam, lange, lange Slammenzungen gegen ihn ausfpeiend , wich er- 
rafch zur Seite, und ftieß ihm fein Schwert Balmung in die Weiche. 
Bor Schmerz und Wuth fchnaubte Fafner wild auf, Da Siegfried 
aber gewahrte, daß des Drachen Schuppengepanzerter Rüden feinem 
‚Schwerte Balmung nicht widerftand, fo griff er den ungethümen 
Feind mit aller Kraft an. Sein Schild erglühte in den Flammen, 
bie Fafner's Rachen entfliegen, doch ließ Siegmunds Sohn nicht 
nach von feinen Angriffen, und nach wenigen Streichen hatte Bals 
miung's fcharfe Schneide Fafner’s Herz getroffen. Und wie nun 
fein Blut in ſchwarzen Strömen dahinkauſchte, brüllte Fafner in 
menfchlicher Stimme: „Wie mein Herzblut iſt werronnen, haft du 
meinen Hort gewonnen, aber bir, nicht mir allein, wird ein Fluch 
der Goldhort fein!” Er war erlegt, und alfobald fchritt - auch Alberich 
und bas ganze Awergvolk herbei, um Siekgfried als Sieger gu be⸗ 


Je 


- 


> 


396 Saiegfried und bie Nibelungen 


„geüßen, Sogleicy ging bee Held in ben Berg und grängenlod war 
fein Staunen, ob ber unermeßlichen Menge ber koſtbaren Schaͤte, 
die hier fein Auge kaum überfchauen Eonnte, und besen Herr er jett 
war. Alberich und feine Zwerge beftellte er zu Hütern und Waͤch⸗ 
teen bei dem Hort ber Nibelungen. Und wie er nun zuruͤckkehrte 
su ber Nibelungen Burg, waren hier auch ſchon bie edelſten und 
mächtigften Reden bed Landes der Nibelungen verfammelt, um u 
huldigen ihrem neuen Herrn und König, dem Sohne Siegmund’ 
‚und Giegelind’E aus dem Nieberland. Als er die Huldigungen 
empfangen und fein Reich beftellt hatte, ſchickte er fi) an zur Deims 
fahrt. Er zog daher frohgemuth der rheinifchen Heimath wieder zu, 
wo ihm die Gitern noch lebten, und auch ein gar maͤchtiges Weich 
fein Erbe fein follte, denn ber Zauber, in dem ihn Brunhilde ges 
feffeit gehalten, war, fo wie er Fafner'n den Hüter des Nibelungen 
Hort's erfchlagen, gelöst. So kam ber jest Mächtige und Heide 
nach Ianzer Fahrt wieder zu den Seinen nah Kanten an bem 
Rheine. War je ein Willlomm herzlich, und groß die Kreube dei 
Wiederſehens geweien, jo war ed zu Xanten, als König Siegmund 
‚von Riederland, und Frau Siegelind ihren. Siegfried nach fo langer 
Abwejenheit wieder in bie Arme ſchloſſen. — 





Wie Siegfried nach Worms zog. 


Biel Freude genoffen Herr Siegemund. und Frau Siegelinde 
‚über ihren Sohn. Manch glänzendes Hofgelag warb auf der Burz 
zu Xanten gefeiert, feit Held Siegfried wieder hier eingezogen, 
und nie fehlte e3 an Gälten, denn der König war ein fehr fed: 
fpendender ‚Herr. & 

Held Siegfried aber war oft trüb in fich gelehrt, denn fein 
Seele dachte an Chriemhilde, die Schwefter Günther’s, des Königs 
ber Burgunden, ber da ſaß und Hof hielt in Worms am Rhein. 
„Welt war erklungen ber Huf von der Schönheit bes Sungfrau, zu dasen 


Siegfrieb und die Nibelungen. 397. 


Hof manch edler Nitter gezogen, bie aber im Stolze ihres Ger 
müths keinen minnen wollte. 

An ihre, der hochgepriefenen Königstochter, hing @iegfricht Seele, 
und wurbe fein Bater auch nicht wenig überrafcht, als er ihm feinen 
Entſchluß kund that, nady dem burgundifchen Hofe zu ziehen, und 
um Chriemhildens Hand zu werben, fo beitant Stegfrieb aber 
darauf hinzugeben. Im Vertrauen auf feine Kraft wollte er dieſes 
Abenteuer auch beftehen, wie er ſchon fo Manches beftanden. Da 
Frau Sigelinde fah, daß felbft ihre Thränen ben jungen Helden 
nicht rührten, fo bot fie alles auf, ben einzigen Sohn unb feine 
zwölf Gefährten, die er. fich zur Brautfahrt auserkohren, aufs ftatts 
lichſte auszuruͤſten. Ihre Frauen mußten Tag und Nacht an ben 
Gewändern wirken, veich an Gold und Edelgeſtein. Nicht ‚geringer 
waren die Waffenſtuͤcke, für die Herr Siegmund forgte. Von rothem 
Golde erglänzten Helm und Panzer der Ritter und das Gezäum 
der Roffe, weiche reiche Decken und ſeidne Bugriemen zierten. 

Manche Thraͤne floß beim Scheiden. Giegfrieb aber tröftete 
Vater und Mutter, und bat fie, um fein Leben ohne Borge zu fein. 
Am fiebenten Tage zog fchon der fehöne Siegfried mit den Seinen 
in die Ebene von Worms, ber Stadt am Rhein. PVerwunderung 
ergriff Alle, welche die männlichen Reiter fahen, und liefen hin gu 
Hof, um bem Könige Günther Beſcheid zu geben von der Fremden 
Ankunft. Keiner wußte, woher fie gelommen, und was ihr Begehr. 
umfonft frug König Günther feine Helden, und nur efner von ihnen, 
Hagen von Troneck, glaubte in dem gewaltigen Reden, als er ihr 
von der Burg aus, auf ber Ebene mit feinen Gefährten gelagert 
ab, den Eampfgepriefenen Siegfried, den Drachentödter und Sieger 
der Nibelungen zu erfennen, und gab dem Könige den Rath, ihm 
freundfchaftlichen Empfang zu bereiten. | 

Der König ging mit feinen Mannen hinaus vor bie Shore, 
und empfing den Ankoͤmmling hoͤflicher Weife. Der aber ſprach: 
Euer Hof ift gerähmt feiner Tühnen Reden wegen, und Euch felöft, 
Herr König, ruͤhmt man als Preis ber Nitterfchaft, darum zog ich 


2. 


308 Siegfried und bie Ribelungen. 


hieher, es zu erproben. @6 gilt Dein Land, durch mein Schwert 
will ich’8 mir erringen, bleibfl Du der Sieger, fo maz mein Erbe 
Dein eigen fein. — 

le flaunten da der König und feine Helden. Des Herrſchers 
Bruder Berenot und Ortwein von Mes, fie sriffen nad dem 
Schwertern; wie auch Hagen von Tronek. Mit ſanftem "Wort 
wandte fich aber des Königs jüngerer Bruder, Here Giſelher, zu 
Siegfrieden, und feine Rede befänftigte ihn, fo daß er und bie Sei⸗ 
nen willlommne Säfte wurden an ber Burgunden Hofe. 


Wie ber Held nun hier verweilte, warb manch Feſt veranftaltet, 
und bes Siegers Preis ward immer dem Gewaltigen. Wohl flug 
ihm manch Frauenherz; nur bie er in tieffter Seele minnte, erblidte 
fein Auge nicht. Chriemhilde aber hatte ihn aus ihrem Ranfter oft 
erfhaut, wenn er Ranzen brach auf dem Burghof mit bes Königs 
Reden, unb ihr Herz fchlug unruhiger, wenn fie ihn ſahz und 
dennoch fah fie den flattlichen Ritter immer gern. 

So verging ein Jahr ſeit Siegfried in Worms erfchienen war, 
da kamen Boten aus dem Sachfenland vom Kön’g Lüdeger und 
aus dem Dänenlande von König Lüdegaft, die Herrn Günther 
Fehde boten. Der wußte fich nicht zu faflen bei biefer ſchlimmer 
Mähr, bis Hagen ihm zuſprach, fih an Siegfried gu wenden, 
Freudig hörte der Held die Kunde, und verfpracdh mit taufend Mann, 
und wären ber Keinde auch breißigmal fo viel, alle Fahrniß zu 
wenden, Wohlgemuth hört es der König, bald waren taufend be 
Kühnften geihaart und mit hinaus zogen Volker von Alzei, ben 
man den Spielmann hieß, Hagen, Sindolt und Hunolt, Orte⸗ 
wein von Meg und Dankwart der Schnelle, Hagens Bruder. 


Durch Heflenland ritten fie nah Sachſen, und arges Leib ge 
ſchah den Feinden, mochten fie auch zwanzig Tauſend unter ihrer 
Heerfahne zählen. Selbſt König Lüdegaft erlag der Stärke Sieg: 
friebs, und warb fein Geißel. Als das Küdeger vernahm, zog = 
sol Ingrimm heran, und da ging's erſt en ein Gtreiten, un 


Siegfried und die Nibelungen. 3% 


unerbittlih wie ber Tod, mähte Stegfrieb mit feinem Schwert 
Balmung der Gegner Schaaren nieder, 


As König Lüdeger aber den Helden Siegfried an ber Krone 
erkannt, die fein Schild zierte‘, bat er um Frieden, den man ihm 
gerne gab. Mit hoher Freude warb die Siegesmähr in Worms 
vernommenz reich befchenkte Chriemhild den Boten, als fie erfuhr, 
daß man den Erfolg dem Helden aus dem Nieberland, bem ftarken 
Sohne Giegemunds, verbanle, Wie groß war bie Freude, als die 
Sieger heimkehrten in der Burgunder Land, wie freuten fich bie 
Mägdlein und Frauen, und am Meiften die Schweſter bes Königes, 


Siegfried wollte nun auch Abfchied nehmen und ſich bei Guͤn⸗ 
ther beurlauben, um wieber nach feiner Heimath bin zu ziehen. Als 
aber der König ihn bat zu bleiben, und er auch feiner Liebe ges 
dachte, und wie fein Wunſch, Shriemhilde zu fehen, wohl in Er⸗ 
füllung geben koͤnnte, änderte er gerne feinen Entſchluß und ver- 
weilte am Hofe ber Burgunden. 

König Günther ließ indeß zur Feier bed Sieges ein großes 
Ritterſpiel anfagen und alle feine Betreuen bazu entbieten. Ron 
allen Seiten zogen bie Fürften und Edlen gen Worms, wo man 
gar fleißig mit den Zubereitungen zu dem Hofgelag 'befchäftigt war, 
Das Feft gu verherrlichen, hatte ber König auch feine Mutter, Frau 
Ute, und feine Schweſter Chriemhilde, fammt allen ihren Brauen 
und Maͤgdlein zu demfaben einlaben laſſen, denn es "hatte feine 
Seele erkannt, daß ber aus dem Niederlande recht innig feine 
Schweſter Liebe, wenn er fie gleich noch nicht gefehen. 


Der Zag bes Feſtes nahte, es war um bie Pfingftzeit, wo 
Baum und Flur, und Bluͤthe und Gras auch das Tchönfte Feſt 
feiern. Siegfried ſah Chriemhilden, die vor allen ihren Frauen 
glänzte, und es bangte ihm in tiefſtem Herzen, benn er gebachte, 
wie ihn die hohe Zungfrau wohl nimmer lieben möge. Wie warb 
es ihm aber, als fie mit freundlicher Rebe ihn begrüßte, und er in 
ihrem Auge las, was ihm das Wort nicht fagen konnte. Kal 


Ye 


400 @iegfried und die Nibelungen, 


füßer Kuß lohnte feine Minne, und zwoͤlf Tage lang, bie das Feſt 
währte, burfte er fich ihrer holden Nähe freuen. 

As nun bie Gaͤſte alle wieder heimzogen, als ſelbſt König 
Luͤdegaſt und Luͤdeger entlaſſen wurden mit den Ihrigen, da wollte 
auch Held Siegfried wieder hinausziehen, um durch edle That das | 
Königslind, das ihm vor Allen Hold,. ſich zu gewinnen, und wenn 
er auch noch mit fo traurigem Herzen fchieb. Kaum, hörte der Koͤ⸗ 
nig den Entſchluß, fo ließ er ben Helden durch Giſelher bitten, noch 
in ber Burgunden Land zu weilen. Siegfried war bald durch des 
Freundes herzig Bitten dazu bewogen; wie Eonnte er auch fcheiden 
von fo füßer Minne, welcher er jest in aller Treue pflegen durfte, 





ie Siegfried mit Günther nach Iſenland 308, 
und Günther Brunhilden gewanı, 


Auch nach dem Rheine zum burgundifchen Hofe war bie Kunde 
gedrungen von Brunhilden, der Schönen und Starken im Sfenland, 
und wie ber, welcher ihrer Minne begehrte, ber Königstochter drei 
Spiele abgewinnen mußte, wollt’ er fein Leben nicht verlieren. Kö: 
nig Günther wollte das Wagniß gern beftehen um das fchöne Weib. 
Siegfried widerrieth die Fahrt. Als aber Hagen den Vorfchlag' that, 
Giegfried möge den König hinbegleiten, da war ber Held wohl 
dazu erbötig, wenn der König ihm feine Schwefter Chriemhilde zur 
Gemahlin verfprechen wolle. Freudwillig that dies ber König 
und gelobte es Siegfrieden auf Wort und Treue, Günther wäre 
gar gern mit mächtiger Heerfahrt nach dem Hofe Brunhilbend gezo⸗ 
gen, boch witerrieth dem Siegfried und ſchlug vor, nur noch zwei 
Recken, Hagen und Dankwart, zum Geleite auf die Brautfahrt 
gu nehmen, 

Ueber die Maßen froh war König Günther und trug feiner 
Schwefter auf, für ihn und feine Gefährten die Eoftbarften Gewande 


zu bereiten, auf daß fie, wie fie eö werth, an Brunhildens Hofe 
erfchienen, — 


. 


Siegfried und bie Nibelungen, 1 


Chriemhilde that, wie ihr geheißen, wenn auch nicht ohne tiefes 
Seid, denn ige Herz fagte ihr,. daß nue Kummer und Noth diefer 
Brautfahrt Bolge fein werde, Das Koftbarfte aber und. Prächtigfte, 
was ihre und Frau Utens Laden und Gchreine an Zeugen und Ges 
fchmeide befaßen, wurde zu den Gewändern hervorgeſucht. Emſig 
waren die Koͤnigstochter und ihre Frauen beſchaͤftigt, die Anzuͤge 
gu fertigen, aber manche Zaͤhre fiel auf die Arbeit, Bald war Alles 
fertig und auch das Schiff gerüftet, welches den König und feine 
Reden nah Sfenland bringen ſollte. Da bat Chriemhilde ben 
Bruder flehentlich, von biefer Fahrt abzuſtehen und um eine andre 
Brau zu werben, Er aber ließ nicht ab von feinem Sinn, und 
Shriempilde empfahl weinend, da alles Bitten und Ziehen nicht 
frommte, den Bruder dem Helden Siegfried, welcher der ſchoͤnen 
Frau auch in die Hand gelobte, den Koͤnig wieder unverfehrt zum 
Rheine zu bringen. So ſchieden fie, Chriemhilde einigermaßen ges 
troͤſtet durch Siegfrieds Wort. Da er die Waſſerſtraßen alle kannte, 
ward Siegfried Schifmeifter, und friſch feuerte er mit aünftigem 
Winde, ſo daß-die Reden ſchon am zwölften Morgen nach Iſen⸗ 
and gelangten. Hoch flaunten fie beim Anblid ber Fattlichen 
Burgveften, gewaltiger und reicher, wie fie je geſehen. Che fie 
aber hinfuhren, wo die Sfenburg, Brunhildens und ihres 
KHofgefindes Wohnſitz, lag, gebot Siegfried ven Recken, ihn nur als 
einen Lehnmann Guͤnthers auszugeben, wenn fie vor Brunhiks 
den und ihren Frauen erfcheinen follten. Dies gelobten ihm alle, 

Wohlgemuth fuhren nun bie Ritter auf die Hofburg gu, und — 
ſiehe da! aus allen Fenſtern und von den Erkern lugten gar ans 
muthige Mägblein, neugierig ob der Ankunft der Sremblinge. Der 
König frug Siegfried, welche von den Schönen Brunhilde fei, ber 
aber ſprach: „Moͤgt Ihr Euch felbft eine wählen unter ben Jungs 
frauen!’ Und vafch erwiederte Günther: „Jene im ſchneeweißen 
„Sewande wählen meine Augen, dürfte ich gebieten, fie müßte mein 
„Weib fein.’ Dies tft, Brunhilde felbft, war des Andern Antwort. 


26 


402 Siegfried und die Nibelungen. 


Die Frauen traten jett zuruͤck von ben Fenſtern. Die Recken 
ftiegen ans Land, und Siegfried half Herrn Guͤnther aufs weiſe 
Rob, Weiß war fein und Siegfriede Gewand, und weiß ihre 
Pferde, hell glaͤnzten ihre Schilde und Waffen, und ihre Saͤttel 
ſchimmerten von lauterm Geſtein. ‘Herr Hagen aber und Dankwart 
prangten in reichgewählten rabenfchiwargen Gewaͤndern, auf denen 
manch koſtbarer Stein funkelte. So ritten fie zur Hofburg, bie 
herrlich mit ihren Binnen in das Land fehaute, Alſogleich Tamen 
die Kämmerer ihnen entgegen, und baten fie, bie Waffen abzulegen, 
was fie auf Siegfrieds Geheiß auch thaten, und ſich erlabten am 
bem Trank, den man ihnen' ſchenkte. Brunhilde und ihre Frauen 
hatten ſich geſchmuͤckt zum Empfang der ſtattlichen Gaͤſte, denn als 
fie erfuhr, daß auch Siegfried unter ihnen, ſprach ſie: „Kommt 
er um meiner Minne willen, ſo geht's m an ben te, denn ih 
fuͤrcht ihn nice.“ 

Im Geleite ihrer Frauen und fanſhunrert der auserleſenſten 
Recken ging fie den Gaͤſten entgegen, und wandte ſich auch ſogleich 
mit dem Willkommgruß an Siegfried, ber aber ſprach: Zu große 
Ehre erweist ihr mir, hohe Beau, denn bier ſteht König Günther 
von dem Rhein, mein Herr und Herrſcher. Um Eurer Liebe willen 
fuhe ee bieher, und wird beftehen jede Probe, wie ihm auch geſchehe. 
Da ſprach Brunhilde: „Iſt er bein Herr, fo fol ee meine Spiele 
ſchauen, und bleibt er mein Meifter, fo werb ich fein Weib, doch 
gewinne ich, feld ihr alle bes Todes, Den Stein ſol er mit mie 
werfen und nad ihm fpringen, dann fchleubern meinen Speer. Be 
denkt aber wohl, daB Eure Ehre, Euer Leben auf dem Spiel ſteht.“ 
König Günther entgegnete ihre aber auf Giegfriebs Zureden, daß er 
jeglich Wagniß beftehen wolle, und wenn es noch fo ſchwer, wub 
wenn er auch-fein Leben laſſen müßte, As bie Königin. dies nes 
nahm, tieß fie ſich alfobald zum Wettftreit ruͤſten. Sie zog ihr 
gefeites Waffenhemde an, und darüber ben fchweren Panzer von lid; 
tem Golde. Wohl gebachten Pagen und Dankwart mit fchwerem 
Muthe an des Streites Ausgang. Siegfried hatte ſich aber heimlich 


Stegfeted and die WRibelänge: - 403 


mac, dem Schiffe geſchlichen, und bie Tarnkappe uͤdergezogen, fe bap 
se, ungefehenugpeleber zurückkehrte zum: Rampfpläte. 

Brunbilde trat jest gang gewappnet einher, und vier ihren 
Boden trugen, ihr nach den mächtigen Schild, drei Spannen dick am 
Stahl, reich mit Gefteln beſegt. Als dies Here Hagen füh, ſprach 
er heimlich zu König Günther: „Hier verlieren. wie ben Leib, denn 
bes Teufels Weib iſt die, welche Ihr gu minnen begehrt.“ Als 
aun auch der Reden drei mit vieler Muͤhe Brunbildens Gpeees 
ſchaft brachten, ber riefig groß, ba entfant auch König Suͤnther 
der Muth, und er wöünfchte fi; daheim bei feinen Burgunden, 
Srunhilde, bie vernahm, wie Dankwart und Hagen ihrerfette 
ſich wühmten, ihrem Uebermuth zu trugen, wenn fie nur iger 
Waffen Hätten, ſprach lachenden Mundes: „Gebt ben. Degen ihre 
Waffen, wenn Ihr Cuch fo tapfer duͤnkt, bock fuͤrcht' ich Niemands 
Staͤrke. Es geſchah, und Hagen und Dankwart waren friſcher 
gemuth, doch ward groß ihre Sorge, als zwoͤlf Männer den Stein 
beachten, den Brunhilde werfen wollte, Günther hatte ſich indeſſen 
auch gewappnet. Brunhilde trat in den Kreis,’ fchürzte den Ame, 
und leicht ſchwang fie Schild und Speer. Siegfried mahte fig jegt 
ungefehen König Guͤnthern und ſprach: „Ich bin’s, Dein Freund 
unb Gefelle, und will die Wagniß wohl beſtehen. Du habe bie 
Gebärde, mein fet die That!“ Wie freute das Herrn Günther, als 
er Siegfried erkannte! 

Jetzt ſchwang Brunhilde den rieſigen Sp, wie Sturm bimuste 
ex durch die Luft, und Guͤnthers Schild burchdrang er bergeftakt, 
daß aus Siegfrieds Panzer die Funken fprangen, und beide zurüds 
taumelten. Bald hatte fi Siegfried, dem das Blut aus dem 
Wunde floß, wicher ermannt, er ergriff den Speer, unb hatte ee 
ihn auch umgelehrt, fa. entitoben ‚body Brunhildens Waffen helle 
Zunten, und zufammen brach ihre Kraft, Raſch und zornmuthig 
erhob ſich die ſchoͤne Brunhilde, und Iobte Günthern ob dem Schuſſe. 
Dann ergriff fie wach den Stein, und fehleuderte ihn weit fort, 
ihm ſelbſt nachſpringend, daß Ihre Waffen laut erllangen, Und 
hatte ihr Arm den Stein auch zwoͤlf Klafter geſchwungen, ihr 


405 Gtegfrieb und die Nibelung dk 


Sprung erreichte ihn doch. Siegfried hob jent den Stein mit 
Günthers Hand, bie er in die feine gefaßt hatte, uch der Nibelun 
gen Held fchleuberte ihn viel weiter als Brunhilde gethan hatte; 
und mit möchtiger Kauft griff er König Günther und fprang mit 
ihm noch weit hinaus uͤber den Stein. Wohl warb die fchöne Bruns 
bilde, voth vor Zorn, fich befiegt zu ſehen, jedoch fügte fie fi, und 
gebot ihren Reden, dem Kimig Günther unterthan zu fein, da ee 
gebieten folle fiber ihre Lande. Sie zogen jest zur. Hofburg, Sieg⸗ 
frieb eitte zum Schiffe, die Zarnlappe abzulegen, und Eehrte danz 
gur Burg, Tich ſtellend, als 0b er nichts wiffe von dieſem Wettſpiel. 
„Dich Freut gar fehe die Mähre, ſprach Held Siegfried,“ daß Eure 
Hoffart zu alle gefommenz jeht, edte Jungfrau, bie Ihr den Mes 
ſter gefunden, fort Ihr. uns Folgen nach bem Rhein!“ Brunhilde 
wollte darein nicht willigen, und zuvor ihre Freunde und Bettern 
gu fich entbieten, Wie jest die Boten ausritten nach allen Gegens 
den, da ward's Herrn Hagen gar trüb zu Muth, dem er dachte, 
Brunhilde ‚wolle ſich durch Verrath rächen. Siegfried aber vers 
ſprach, daß er dem Könige tauſend Ritter zuführen wolle, die beſten 
Degen, bie er je geſehen; der König freute fich ſehr dieſer Kunde 

Angethan mit der Tarnkappe Ienkte nun Siegfried fen Schiffe 
Tein durch die Muth, daB alle meinten, der Wind treibe es fort, 
und ſchon nach Verlauf eines Tages fammt der Naht, kam er zum 
Land ber Nibelungen. In der Frühe bes Tages erreichte er eime- 
Burg, die er verichloffen fand, ‘Er klopfte an, der Mörtner war 
ein grinmmer Niefe, ber in voller Wuth aus dem Thore auf den 
Ankoͤmmling guftürzte. Jetzt ging 28 an ein Kämpfen, daß Erbe 
und Berg erbebtenz both war Siegfried Sieger, und band ben Riss 
fen. König Alberich, der mächtige Zwerg, hatte das Streiten 
vernommen, und eilte, gerüftet mit feiner. goldnen Geißet herbei, 
Wohl zerſchellte Siegfrieds Schild von Alberichs Schlägen, und Tee 
freute fig der Held ob feiner Mannen treuer Obhut, doch erfaßt 
er den greifen Zwerg zuletzt beim Bart, fo daß er laut auffegrie, und 
fi Hinden lief, Der Sieger gab fich ihm jet zu erkennen, und 


Siegfried und die Nibelungen, “3 


befaßt ihm, taufend Nibelungen aufzubieten. Kaum erſcholl die 
Kunde, fo waren alle. bereit, Siegfrieden zu folgen, und biefer 
wählte aus Dreißighundert tauſend der beſten Streiter. Prachtvoll 
and reich hieß er alle ſich wappnen und ſchmuͤcken, denn fein großer 

Schatz, der Nibelungen Hort, wie viel man auch davon nahm, ward 
doch nicht minder. Wie ſtaunte Brunhilde und ſelbſt Koͤnig Günther, 

- als fie den Stattlichen alfo heranfahren fahen! Doch hieß der König 
fie die Säfte nach Würden zu empfangen, und fih zur Abfahrt 
süften. Dankwart gab den Helden viel Gold, daß ed Brunhilden 
beinahe verbroß, doch gebot fie zwanzig Reiſeſchreine mit Koftbars 
Zeiten zu füllen, und wählte zweitaufend Degen und ſechs und acht⸗ 
zig Frauen nebft hundert Mägplein zum Geleite, Nachdem fie ihren 
Vetter zum Vogt des Iſenlands beſtellt, ſchied fie aus der Heimath, 
weiche fie nie wieberfehen ſollte. Kiel Thraͤnen wurden ihe beim 
Scheiden nachgeweint. GBünftiger Wind ſchwellte die Gegel zur 
fröhlichen Meerfahrt, — " 





Wie Siegfried nach Worms gefamdt und Brunhilde 
dort empfangen ward. 


Schon volle neun Zage waren fie der Heimath zugelteuert, als 

es Herrn Hagen von Troneck bedünkte, daß es gut fei, einen Boten 
"nad Worms zu fenden, um dorthin die Kunde des glädlihen Auss 
gangs der Werbung zu bringen. Auf feinen Rath wählte der König 
den Helden Siegfrieb zum Boten, ber ben Auftrag herzlich gerne 
übernahm, denn boppelt füßer Botenlohn harrte feiner im Burgun⸗ 
benlande. Gar mande Kunde und manden Gruß an Frau Ute, 
bie Königin, und Meter Chriemhilde hatte ex da zu bes 
fiellen, und frohgemuth zog ee mit vier unb zwanzig feiner Reden 
sheinauf gegen Worms, - Als er dort anlam, und man den König 
nicht in dem Gefolge ſah, da verbreitete ſich ploslich Trauer im 
Lande, denn alle bangten, ber König habe im Iſenlande den Tod 


408 Siegfried und die Nibelungen. 


gefunden. Siegfried brachte aber viel froͤhliche Maͤhr, und die Herren 
Gernot und Giſelher geleiteten ihn zu ihrer Se welcher « 
die frohe Kunde brachte, fo daß alle ihre Roth nd. Gu 
Wang ihm ber Rede Lohn, daß fie ihm ob ber guten Rachrich 
{mmter hold bleiben wollte, 

Bier und zwanzig Spangen, reich an Edelſteinen, echielr « 
von bee Geliebten als Botenlohn, doch gab er He allfogleich “ 
Mägdtein in ihrem Gefolge, Frau Ute war auch hoch erfreut, ı 
gerne übernahm fie es, für den Empfang ber Gäfte zu —* 

23 ihr Sohn, der Koͤnig, geheißen. 

Ehriemhilde Tonnte ihr Wonne kaum faflen, ein Hlumd 
As Ontzuckens malte fih in ihren Bügen, und gern hätte fie ben 
‚Helden voll Liebe gelüßt, als er ſich deurlaubte. 

Welch reges Leben und Treiben belebte jetzt bie ſchoͤne Stadt 
orma! Am Ufer des Rheins wurden bie Sitze zum Zeſte aufge: 
ſchlagen, Boten eilten durch das Land, um alle Freunde bes Könige 
zur Hochzeit einzuladen. Da wurde der Pallaſt geſchmuͤckt, es zier⸗ 
ten ſich Frauen und Maͤgdlein zu dem hohen Feſte, und Chriemhilde 
md ihre Frauen zu dem Empfange des edlen Brautpaars, als man 
die Kuude brachte, daß Brunhildens Heergeſellen heranzoͤgen. 

So ritten fie im prachtvollen Zuge von dee Burgveſte binch 
sum Strande. Siegfried führte Shriamhlldens Zelter, Bitter Orte: 
wein den der alten Königin, und ihre folgten alle bie Frauen mit 
ihren Rittern. Auf der großen Ebene zu Worms begannen mus 
die Hütter den Frauen zu Lich ein edel Kampffpiel und manche 
Opeer ward da beim Rennen gebrochen. — 

Wie nun Brunhilde landete, empfing Chriembilde fie mit er 
lihem Gruß, und wechfelte mit ihr den Willkommkuß. Die Schoͤn⸗ 
heit der Braut feſſelte wohl Alle, dennoch Wien viele, bie Ehriem⸗ 
bilden den Preis zuerkannten. Die Frauen, nachdem fie fig alſo 
begrüßt, nahmen unfer dem feibnen Zelten, die in der Ebene aufge: 
ſchlagen, Plas, um den Nitterfpielen zuzuſehen. Und als nun biek 
beendet, und die Herren und Braun bis ſpaͤt zum Abende unter 


Ä 


Siegfried und die Nibelungen. 407 


den Belten fich vergmügt hatten, und bie Kühle ber Nacht zum 
Aufbruch mahnte, da zogen fie alle nach dem. Pallafle, wo «in 
herrliches Mahl ihrer wartete. | 
She man ſich bier niederließ, mahnte Held Siegfried den 
König an fein Verfprechen, ihm feiner Schwefter Hand zu geben, 
als Lohn für Alles das, was er ihm gethan. Günther wollte fein 
Wort halten, und befchied Chriemhilden in den Saal, Als fie 
erfchien, frug fie ihr Wruber, ob fie ben Zapfern zum Gemahl 
haben wolle? Zuͤchtiglich antwortete „bie hohe Zungfrau, fie werde 
thun nach des Bruders Willen, KGochentzüdt war Siegfried, der 
Breude Roth überflog fein Antlig, und als das Verloͤbniß Ja 
beider Mund gefprohen, da umſchlang Siegfried die Minniglice, 
und brüdte in Gegenwart Aller den erften Kuß auf die Liebreigenden 
gippen Chriemhildens. Fröhlich ließen ſich die Gaͤſte zum Make 
nieder. Oben faß Brunhilde neben dem Könige, zu deflen Geite 
Siegfried und Ehriemhilde. Brunhilde aber Eonnte ihren Neid 
nicht bergen, und Thraͤnen entfielen ihrem Auge beim Anblid bes 
gluͤcklichen Paares. As ihe Gemahl fie deswegen anging, ſprach 
fies „Mich ſchmerzt es tief im ‚Herzen, Deine Schweſter alfo ernies 
drigt zu fehen, als Eheweib eines Deiner Dienſtleute. Wie follt’ 
ich da nicht weinen? Günther ſuchte die Stolze zu tröften, und 
verfprad; ihr fpäter zu ſagra, warum er der Schweſter Hand dem 
Helden gegeben. Brunbilbe wollte aber nicht abflehen von ihrer 
Boage, ſelbſt als Günther ihr gefagt, wie Siegfried auch ein König 
fei und rei an Land und Leuten. Nach dem Mahle fchieden bie 
Paare hin zu ihren Gemaͤchern. Siegfrieben warb füßer Minne 
Lohn. — Brunhilde aber fließ Günthern von fih und ſchwur fo 
lange Magd zu bleiben, bis fie bie Maͤhre von Giegfrieb erfahren, 
Er woüte fein Recht al machen und rang mit der Gewwaltigens 
da loͤſte Brunhilde aber ihren Gürtel, band Günther’ Hände und 
Fuͤße trotz feines Wiberflandes, und hing ihm alfo gebunden, hoch 
an einen Haken an der Dede deö Gemaches. Wohl tobte ber Ks 
nig, Brunhilde bedeutete ihm aber in ihrem Born, fie werde ihn 
tödten, wofern cr fie noch einmal im Schlafe ſtoͤre. Erſt als 


408 :  @iegfrieb und die Nibelungen. 


Morgen ins Gemach fehlen und Günther Reben bat, ihn zu loͤſen, 
nahm ſie ihm die Bande ab. 

Froͤhlichkeit und Kurzweil herrſchte nun In der Pfalz zu Worms, 
aber der am gluͤcklichſten von Allen hätte fein muͤſſen, war traurig 
im Gemüthe. Günther und Brunhilde wurden im hohen Münfter 
gefalbt, und mehr denn fechähundert Knappen empfingen den feiers 
tichen Ritterſchlag der Königin zu Ehren. Als Siegfried feincs 
Herrn Riedergeſchlagenheit gewahrte, befragte er ihn um die Urſache, 
und jener ſprach: „Den Teufel habe ich mir in's Haus geladen, 
flatt eines Weibes;« und nun erzählte er, wie es ihm in der Brauts 
nacht ergangen war, Da verhieß Giegfrieb tem Könige, ihm in 
dee nächften Nacht beizuftehen, er wolle in der Tarnkappe ungefehen 
ins Brautgemach kommen, und das furchtbare Weib zwingen, ſollte 
es ihm auch das Leben koſten. Der König möchte nur die Kämmers 
Hinge heim fenden, er wolle beim Eintritt ind Gemach, zum Zeichen 
feiner Gegenwart, ben Pagen: die Lichter austöfchen. Günther war 
deß zufrieden, und allzulang währte ihm ber Tag mit feinen Feſten. 
Als nun am Abende die Paare von dem Mahle fihieden, faß Sieg 
fried TiebEofend bei Chriemhilden, und hielt ihre Lilienhände in den 
fenigens aber — fiehe da! mit einemmale war Heid Siegfried 
entfchwunden, ohne daß die Königin wußte, wo er hingekommen. 
Sie frug wohl ihre Frauen, aber Feine wußte ihr Beſcheid zu geben. 
Siegfried ging alſo ungefehen, von der Tarnkappe Zauber gefchügt, 
nad Brunhildens Gemach und Löfchte der Kämmerlinze Lichter, um 
vom Könige bemerkt zu werden. Diefer fehob ſelbſt die Riegel vor, 
und Siegfried legte fih zu der widerfpenfligen Braut. Wie am 
vorigen Abende, wollte fie dasfelbe Spiel beginnen, dba Siegfried, 
den fie für ihren Gemahl hielt, fie mit feflem Arm umfchlang. Sie 
gebot ihm abzuftehen, und da Er nicht wollte/ warf fie ihn mit maͤch⸗ 
tiger Hand aus dem Bette, daß fein Haupt hart an einen Schemel 
ftieß. Raſch erhob fich Giegfried und wollte fein Glüd von Neuem 
verfuchen, aber Brunhilde fprang auf vom Lager, um ihn zu binden, 
und begann mit ihm zu ringen. Siegfrieds Kraft mußte ber ihren 


Siegfried und bie Ridelungen. 409- 


weihen, denn Brunhilde brüdte ihn fo gewaltig zwiſchen einen 
Schrein und die Wand, daß er ermattete, Arg bangte es Guͤnthern 
um Siegfried; bdiefer aber, tiefbefchämt, von einem Weibe fich bes 
fiegt zu fehen, bot nun feine-gange Kraft gegen fie auf, — Ungeſtuͤm 
rahgen fie, das ganze Gemach erbröhnte, da zwang er fie aber end⸗ 
lich aufs Lager, und fie ſchrie laut auf vor der Gewalt. Brunhilde 
griff nach dem Guͤrtel, um Siegfrieden zu binden, er hinderte es 
aber, und druͤckte ſie dergeſtalt nieder aufs Lager, daß es Koͤnig 
Guͤnthern nun um fie ſelbſt Angſt zu werben anfing. Da ſprach 
Brunhilde: „Edler König, fchone meines Lebens, Du hafl’s erprobt, 
bag Du magft mein Meifter fein.“ Siegfried fprang jegt vom Lager, 
nahm ihr aber heimlich einen Fingerring und ihren Gürtel, Bruns 
bilde ward jest Günther’s Weib, und ihre Riefenkräfte waren ents 
ſchwunden. Chriemhilde empfing fröhlihen Meuthes den Gemahl, 
ihren Bitten wiberftand Siegfried nicht,- und ſchenkte ihr die Kleins 
odien, welche er Brunhilden abgerungen, Wie leid wars ihm fpäter, 
daß er es gethan! Vierzehn Tage lang währten bie Soffefte in froͤh⸗ 
lichem Wechfel, und der Fröhlichfte der rohen war jegt König 
Günther, bis endlich die Reden, reich beſchenkt, Worms verließen, 
und Alle zufrieden heimzogen. — 





ie Siegfried wieder nach Kanten fahr, und nach 
feiner Hückfehr zum Burgundenland die beiden 
Königinnen Chriemhilde und Brunhilbde 
ſich fchalten. 


Reich befchentt waren die Gäfte alle heimgezogen, ba ſprach 
aud Siegfried zu Chriembliden : „Die Zeit iſt da, daß wir uns 
auch zur Heimfahrt räften.“ Gar gerne hörte dies die hohe Frau; 
doch wollte fie zuvor no ihr Erbe theilen mit ihren Brüdern, 
Diefe waren deß zufrieden, aber @iegfried, Siegmunds Sohn, der 
ed vernahm, lehnte es ab, unb fagte: „Bott ſegne Euch Euer Erbes 


- 


10. . Siegfried and die Nibelungen. 


meine Traute bedarf nicht ihres Thelles, fe foll, ihrer werth, eine 
Krone tragen, und. reicher werben, denn irgend ein Weib auf Ex 
den. Solltet Ihr aber mein bebürfen, fo ſteh ich ſtets bereit.⸗ 
Da Frau CEhriemhilde ihr Erbe verſchmaͤht ſah, wollte fie wenigſten 
einige ber Burgunden Reden mitfuͤhren, und ihr Vruder Gernot 
bot ihr, fie möge fih aus zehntaufend Reden taufend wählen, bie 
the am Beften gefielen. Chriemhilde befandte alfobalb Hagen von 
Aoneck und Ortewein, ob fie von ihrem Hausgeſinde wollten fein, 
Büenend fpradh aber Hagen: „Herr Sünther Tann. uns an Riemam 
vden vergeben , nur ihm bienen wir in Treuen,“ Eckenwart aber, 
‚bee Markgraf, zog mit Chriemhilden von bannen, und viel edel 
Geſinde, fünfhundert dee Degen und zwei und breißig Mägblein, 
Nach traurigem Scheidegruß von Frau Ute, der Mutter, und den 
edlen Brüdern zogen fie rheinabwärts, ven vielen ber Edlen 
geleitet. 

Als König Siegmund bie Kunde vernahm, daß fein Sohn, 
Bed Siegfried, fammt feinem Gemahl, der ſchoͤnen Chriemhilde, 
der Heimath zugog, war er gar hocherfreut, und rief jubelnd aus: 
„Ehriemhilde, die Schöne, foll bier getrönet werden, und Siegfried, 
nber Edle, König fein!“ Niemals war reicherer Botenlohn geſpen⸗ 
det worden, als der, ben Eiegelinde an Gold und Silber dem Boten 
gab, welcher die frohe Maͤhr uͤberbracht. 

Siegmunds Reden zitten dem hohen Paare entgegen, unb viele 
der edelften Frauen, um baffelbe zu bewilllommen. Als fie nun 
nach Kanten zur Hofburg kamen, war bie Zreube über bie Maßen 
geoß. Herzlich und froh wurde Ghriemhilde und der Held Giep- 
fried hier empfangen, und war die Hochzeitpracht in Worms groß ge 
wefen, jo war fie in Xanten noch glängender und reicher. Als bad 
KHofgefinde und alle Reden des Landes num verfammelt waren, ba 
hub König Siegmund an zu fprechen: „Allen Verwandten Sieg: 
wfriebs ſei es Eund gethan, daß er vor allen Reden des Landes 
"meine Krone tragen foll!« Und Riemand in dem Niederlande war 
biefer Kunde gram. Geſchaͤtzt, gefürchtet und geliebt, ein weile 


Siefrted und die Nibelungen. | Kit 


Berrſcher, lebte nun Siegfried in bieten hohen Ehren an bie zehn 
Jahr, gluͤcklich in feiner Eiche, Da ſchenkte Ihn Chriemhilde einen 
Sohn, und froh war darüber ihre ganze Sippfchaft. Im ber Taufe 
erhielt ee ben Ramen Günther. Indeß war auch Frau Siegelinde, 
aufrichtig beweint von dem ganzen Niederland, geftorben, und 
Ehriemhilde trat in ihre Ehren. Jett kam auch die frohe Kunde 
aus bee Wurgundenland, daß Brunhilde dem Könige Günther einen 
Bohn geboven, ven man Siegfried geheißen. 

Frau Brunhilde gebadyte aber mit Neid des Reichthums ihrer 
Schweſter Chriemhilde; denn Held Siegfried war ja nicht allein 
Herr der Niederlande, fondern auch der Nibelungen und des über- 
zeichen Hort, den feine flarke Fauft gewonnen, fo daß Siegfried 
der Wefte unter allen Degen aller Lande fein mochte. Dies Ichmerzte 
nm Brunhilden, die fich Siegfeieben als ihr eigen dachte, und 
darüber heimlich viel Leid trug. Lange fuchte fie den König, ihren 
Deren, daher zu bereben, wie fie Shriemhilben noch einmal ſehen 
möchte, Herr Günther wich aber Immer aus, und meinte, baß Jene 
gar zu ferne wohnten, Wenn da Brunhilde in hoffärtigem Sinne 
fprach: mind mödjt es noch fo ferne fein, fo wird bes Königs 
vDienftmann doch thun, was ihm fein Herr gebeut I“ laͤchelte Herz 
Günther heimlich, wohl eingeben? ber Dienfte, bie ihm Held Sie,A 
fried gethan. Als Brunhilbe aber ihren Gemahl in Eiche bat, umb 
mit füßen Heben“fchitderte, wie es ihr große Freude machen würbe, 
Ehriemhilde und ihren Gern Gieafrieb noch einmal au fehen, da 
erbot ſich Günther, fie gu befenden, Dreißig ber. edelſten Recken 
wurden gu Boten gekürt, und mit den herrlichften Gewanden be; 
ſchenkte fie Brunhilde. Alfo veich beſchenkt, und vertraut mit ber Vot⸗ 
ſchaft, bie fie nah Norwegen zue Burg. der Nibelungen, wo Held 
Siegfried jest hauste, bringen follten, zogen fie ab, “ 

Nach drei Wochen gelangten fie dahin. Kaum hatte Frau 
Shriemhilde die Mähre vernommen, daß Ritter in die Burg gezo⸗ 
gen, die ihrer Heimath Watt trügen, fprang fie auf von ihrem 
Ruhhette, und eilte zum Fenſter. Wie war fie fo. hochvergnuͤgt, 





413 Siegfried und bie Nibelungen. 


als fie Herrn Bere, ben Markarafen, mit ben Recken im Burg⸗ 
hofe fiehen ſah! Froͤhlich wandte fie fi mit der Kunde zu Sieg⸗ 
fried, der die Gaͤſte herzlich willlommen hieß. Alles wurde aufge 
boten zum Empfange der Burgunder Ritter. Als nun Herr Gere 
ben Gruß entbot von König Günther’n, Brunhilden und Frau ten, 
und ben Wunſch ausſprach, Heren Siegfried und Shriemhilden am 
Mhein im Burgundenlande zu fehen, wurben die Boten gar fröhlid 
bewirthet. Neun Tage vergingen, und dba die Woten jest heimzu⸗ 
kehren wünjchten, befandte Here Giegfrieb feine Freunde, um ihren 
Bath zu begehren. Die Reden rviethew ihm binzufahren, und taus 
ſend von ihnen zur Begleitung zu wählens felbft König Siegmund 
erbot fih in Freuden, bie Fahrt mitzumachen. Und deſſen war 
Held Siegfried gar froh. So reich beichenlt, baB die Pferde die 
Laft kaum zu tragen vermochten, zogen Lie Boten jetzt mit des 
feoben Mähre heim. 

Was nur an Gold und Geſchmeide, Gewindern, Schilden und 
Waffen bie Burg Prachtvolles barg, wurde zu der Fahrt hervor⸗ 
geſucht, und ſo groß die Freude an Siegfrieds Hoflager, ebenſo groß 
war ſie in Worms, als die Boten heimkehrten mit der erwuͤnſchten 
Maͤhre, daß Held Siegfried die Einladung angenommen. Nenzierig 
fragte Königin Brunhilde, ob auch Ehriemhilde komme, und ob fie 
ch fo ſchoͤn wäre, wie fie geweſen. Markgraf Gere bejahte «6 
und lobte den empfangenen: reihen Botenlohn. Hagen meinte, 
Siegfried koͤnne wohl mit vollen Händen fpenden, ba er der Her 
bes Nibelungen⸗Horts ſei. 

Seit aber die Ruͤckkehr des hohen Paares laut geworden, war 
alles thaͤtig zu ſeinem Empfange. Auf freiem Plane wurden die 
Sitze aufgeſchlagen, und Schenk und Truchſeß, Herr Hunolt und 
Sindolt, mußten von früh bis ſpaͤt ihres Amtes pflegen. Bratſpieß 
und Pfanne waren auf dem Heerde nicht müßig, und Rumolt, der 
Küchenmeifter, machte feinem Amte Ehre. Frauen und Mägblein 
waren nicht minder beicyäftigt, das Schönfte zum Schmucke zu be 
seiten, mit Gold und Edelgeſtein die Kleider zu zieren, um würdig 
zu erfcheinen vor dem hohen Paare. 


Siegfrled und die Nibelungen. 3 


Mt dem veichften Reiſegefolge und aller Pracht zog Helb 
Siegfried und Frau Chriemhilde dem Rheine zu, und fröhlich und 
herzlich wurde ee und bie Seinen in Worms empfangen, wie es 
dem Helden ziemte. Innig begrüßten fi die beiden Königinnen, 
und alle die Gaͤſte, als fie zu Worms in die Stadt einritten. Was 
war das ein Zubel des Geſindes, welches in und vor ber Stadt 
aufs Köfktichfte beherbergt ward, Zwoͤlfhundert der Recken wurden 


an des Königs Tafel aufs Gaftlichfte bewirthet, und Luftig ging's . 


an den Schenten, daß ver Wein in Strömen floß, bis tief in bie 
Radıt. 

Mit Tagesanbruch tummelten die Degen auch fchon ihre Roſſe 
gum fröhlichen Kampffpiele auf dem Plane, Laut fchallten Pauken 
und Drommeten‘, und in feftlichem Zuge wallten die Frauen und 
Hitter zum hohen Dom, wo man die Mefle fang. 


In Brunhildens Herz erwachte aber der böfe Neid, als fie . 


Chriemhilden in aller Pracht und im Reize ihrer Schoͤnheit fah, 
alle ihre Frauen und Maͤgdlein überragend, Eilf Tage vergingen 
fo in Luft und Freude; Kurzweil und Bitterfpiel wechfelten ben 
hohen Gäften gu Ehren, 

As nun eines Tages vor der Vesper bie beiden Königinnen 
beifammen faßen, um einem Nitterfpiele zuzuſchauen, ſprach Chriem⸗ 
hide: „Sieh meinen Mann, er müßte billig Herr biefer Lane 
feinta Wohl, erwiberte Frau Brunhilde, wenn Niemand Anbers 
lebte, fo möchte das geſchehen, aber Günther Lebt noch! Darauf 
Shriemhilde: „Siehſt Da ihn dort, herrlich vor allen Reden, wie 
nder lichte Bollmond vor ben Sternen ? Hoch erfreut‘ es meinen 
„Muth!“ Brunhilde Schenkte ihr das Wort nicht, und ſprach: 
„ie Du auch Lobeft Deinen Mann, ich hörte ihn Tagen, als ich 
xihn zuerft fah mit Günthern, daß er des Koͤnig's Mann, und fo 
nhalt’ ich ihn für eigen,“ Die fchöne Chriemhilde aber entgegnete: 
„Solche Rebe möcht’ ich mir verbitten, denn mein Bruber hätte 
„mich Teinem Dienfimann zum Weibe gegeben I! Brunhilde beſtand 
auf ihrer Rebe, und es wucht beider Frauen Zorn, fo daß Ehriem 


Ed 


414 Soegfried und bie Ribelungen. 


Yiße ſorecht wind ba Due meinen Siegfrieb Dein eigen haft ge⸗ 
onannt, fe will ic; heute Meinen Recken zeigen, daß ich vor ihres 
Koͤnigs Weib werde zur Kirche gehen“. 

Da ſchieden die Brauner in Grimm und Neib, und Ghr.emhilde 
hieß ihre Mägdlein und Frauen fi aufs Reichſte zieven. Und fe 
sog fie mit deei und vierzig ihrer rauen allein zum Münfter, fe 
daß fich bie Leute wunberten, bie Königinnen alfo gefchieben gu fehen 
Bor dem Münfter aber ſtand Gimihers Weib, und wie Ehtzriemhilbe 
(ich) näherte, fprach in ihrem Neibe Brunhilbe: »Rie ſoll bie Eigen 
mvor dem Königsweibe gehen!“ Zoraglühend entgegnete ihr Gheism 
Bilbe: „Haͤtteſt Du beffer gefchiwiegen! wie bann ein Kebeweib je 
meines Könige Weib werben? denn zuerft hat Did mein Mann, 
oHerr Siegfeted, geminnet, Dein Sinn treg Dich!“ Vor Muth weinte 
Brunhilde, und Ehriemhilde fchritt vor ihr; zur Kirche. Als bad 
Oochamt gefungen war, verließ Brunhilde zuerft ben Dom, um 
Chriemhilden zur Rebe zu flellen, und fie um: Beweiſe "zu fragen, 
wie ihr die Schande gefchehen fei. Da ſprach Frau Chriemhilde: 
"Schau bier den Reif, den Die Siegfried genommen, und ben Guͤr⸗ 
wtel, den Du trugſt. Ich legt' ihn an, Die zu beweifen, daß ich 
wicht gelogen, daß Siegfried Deines‘ Here wurbel« Als Brunhilde 
Yen feidenen, veich mit Edelgeſtein befesten Gürtel um Chriemhilden 
Bäften fah, fing fie laut an zu weinen, und als Günther hinzu 
Tom, und fie fragte, was fie bekuͤmmere, ergoß fie im gomigen 
Thraͤnen ihr tiefes Leid, Günther beſchickte alſobald ben Helben 
Giegfried, und als er kam, war er gar ſehr verwundert, Frau 
Brunhild alſo weinen zu fehen König Günther vebete ihn an, «b 
er fich je gerühmt, wie Chriemhilde gefagt, Brunhildens erfter Mam 
geweſen zu fein? „Niemals,“ ſprach Siegfried, what ſie's gefagt, 
wfoll fie es ſchwer beklagen; mit tauſend Eiden will ich vor Deinen 
„Reden es befräftigen, daß ich es nie gethan tv Dies geſchah 
auch alfobald; Held Siegfried bot die Hand zum Cide. Vor Gün 
thers gefammten Hofgefinde hatte Siegfried zwar den Reinigungseid 
geleiſtet; aber im Innern trug rau. Brunhilde doch den Grimm, 


. Siegfrieh und bie Ridelungen. 445 


und in Trauer fchieben die Frauen. Als Hagen von Troneck Yenu 
Brunhilde weinend fand und von ihr bie Maͤhre erfuhr, gelobte er 
ihr, daß Chriemhildens Mann es fiher büßen folle, fonft folle man 
ihn nie unter den Rröhlichen finden. Gernot und Ortewein ſchwu⸗ 
ren dem Helden auch Rache, nur Gifelher, der Junge, meinte, daß 
um eitler Weiber Zürnen, ein fo ebler Held das Leben nicht Taflen 
dürfe, Die Reden .aber hegten tief im Herzen die Rache, unb 
Sagen ſchmiedete den lifligen Plan, man folle Boten in’s Land 
zeiten lafien, als kuͤnde der Feind offnen Krieg, und wenn Siegfried 
füh dann zue Heerfahrt anböte, koͤnne man ihn leicht aus dem 
Wege räumen. König Günther gab dem argen Rath feines Dienfle ' 
manned Gehör, und nus auf Untreue und Verrath warb jest 
gefonnen, 


|] 


ie Siegfried verrathen und erfchlagen ward, 


Nicht lange nachher ſah man Boten einreiten in des Könige 
Burg, weldhe Krieg und Streit Eündeten von Lüdegaft und Luͤ⸗ 
deger, die Siegfried einft bezwungen. Nicht ahnend die Lüge, 
erbot ſich Siegfried aljogleih, den Streit zu jchlichten für König 
Günthern, und der Feinde Land zu verwüften mit feinen Recken. 
In Arglift flellte fi) Köniz Günther, als wenn er mit frohem Ders 
zen des Helden Gntjchluß vernommen. Siegfried und die Geinen 
züfteten ſich alfobald aufs Beſte, Panzer und Helme wurden auf 
die Roſſe geladen und bie Bähnlein an. die Langen gebunden, wie 
es Sitte war bei ber Heerfahrt. 

Da trat Hagen zu Ghriemhilden, um fich zw beurlauben, 
Ehriempilbe nahm ihn unbefangen auf, und freute ſich, daß Sieg⸗ 
frieb, ihr Gemahl, ihren Brüdern zu Dienft fein Eonnte. Sie bat 
darauf Herrn Hagen, ihren Mann nicht entgelten zu laſſen, was 
fie an Brunhilden getban. Denn,” fprach fie, „es hat mich ſchon 
nkief gereuet, und wohl bat mein: Leib Siegfrieds Zorn. empfunden, 


#16 Blegfrieh und bie Nibelungen 


wbaß ich geſprochen, was ihre Seele betrübt.” Hagen verſprach 
ihr mit gleißnerifcher Rebe, daß fie in wenigen Zagen mit Frau 
Brunbilbe follte gefühnt fein; fie möge ihm nur fagen, wie er dem 
Helden Siegfried bienen koͤnne. „Ich bin,“ nahm Chriemhilbe das 
Wort, „ohne alle Eorge, daß Iemand ihm Leib und Leben nehme, 
„wenn er nur feinem Uebermuth nicht folgt !« Sagen ſprach ganz 
traulih: „Beſorgt Ihr, daß er verwundet werbe, fo vertraut mir, 
„wie ich ihm wiberftehen Tann, ich will nicht von feiner Geite 
mweichen !« Chriembilde ſprach: „Dir, dem Verwandten, vertrau’ 
ich meinen Zrauten, daß Du ihn jhüßeft und wahrefi.“« Und nun 
“erzählte fie dem Argen, was fie beſſer verfchwiegen, wie Giegfrich 
ben Lindwurm erfchlagen im Gebirge, und er fich in befien Blut 
gebadet, fo daß er unverfehrt jeder Wunde wiberftehes wie aber, 
als er fidy gebatet in des Linddrachen Blut, ein Lindenblatt ihm 
auf die Schulter gefallen, und Siegfried nur an biefer Gtelle ver⸗ 
wunbbar fei, 

Wohl ſprach da Herr Hagen: „So näht mir auf fein Gewand 
wein Zeichen, damit ich die Stel’ erkenne, wenn wir im Sturm 
„des Kampfes find, und ich ihn alfo fchüsen kann.“ 

Chriemhilde verſprach, in der Heffnung, ihres Gatten Leben 
alfo zu ſchuͤtzen, an ber Stelle ein SKreuzlein auf das Gewand zu 
fliden. Da Hagen den Helden alfo verrathen fah, nahm er Abfchieb 
von der hohen Frau, mit dem Verfprechen, daß er ihres Gemahls 
Schirm und Schild fein wolle. Wohl verfah fih Chriemhilde der 
Argliſt nicht, aber auch nie und nimmer war größerer Verrath 
angezettelt worden. 

As nun früh des andern Morgens Held Siegfried mit tau: 
ſend Mannen feines Heergefindes frohgemuth auszog, um feiner 
Freunde Leid, wie er wähnte, zu rächen, ritt Hagen neben ihm, 
Kaum hatte er aber das verheiffene Zeichen auf des Helden Gewand 
bemerkt, als er ſachte von bannen ſchlich. And alfobalb kam bie 
Kunde, daß Guͤnthers Land in Frieden bleiben folle, und daß Boten 
von Lüdiger gekommen, dem Könige dieß zu melden. Ungern ließ 


Siegfried und die Nibelungen. 4 


Siegfried von bem Streite, und kaum vermocten Günthers Leute 
ihn zurüdzuhalten, Mit argliftiger Freude kam König Guͤnther 
dem Helden entgegen, ihm für feinen guten Willen zu danken, und 
forderte ihn auf, mit ihm im Wasgauwalde zu jagen auf Bären und 
Eber, wie e8 Hagen dem Könige gerathen harte, Siegfried nahm 
feohgemuth des Königs Antrag an, benn das Waidwerk war ihm 
eine Luft. 

Siegfried ritt nun, die ſchlimmen Raͤnke nicht ahnend, die Bruns 
Hilde gegen fein Leben gefchmiedet hatte, zu Chriemhilden, um von 
ihe Abfchieb zu nehmen. Mit Thränen beſchwor ihn die Trau, 
böfen Verrath Yorausfehend, nicht zur Jagd zu ziehen, eingeben? 
ber Enttedung, bie fie dem argen Hagen gemacht. Siegfried troͤ⸗ 
ftete fie aber, da er fi nicht bewußt war, irgend einen Feind at 
Guͤnthers Hofe zu haben. Chriemhilde mochte erzählen, daß ihr 
geträumt, wie zwei Berge im Thale über Siegfried zuſam⸗ 
mengeftürzt, fo daß fie ihn nie wiebergefehen; Siegfried blieb bei 
feinem Entſchluſſe und nahm herzlichen Abſchied von dem in tieffter 
Seele betrübten Weibe, das ihn nie wieberfehen ſollte. So zogen 
fie, von ftattlichem Sagbgeleite umgeben, nach dem frifchen Zann, 
wo fich die Jagd nieberließ, und fih dann zum Jagen theilte. Sieg⸗ 
fried nahm nur einen Bradın zu fih, und reich war fein Bang, 
denn vıel des Wildes, Schweine, Pirfche und Elendthiere erfchlug 
feine ſtarke Hand, erlegte fein gewaltiges Geſchoß, fo baß bie Bur⸗ 
gundifhen Waidmaͤnner fürchteten, Siegfried möchte alles Wild bes 
Waldes erlegen, und ihnen das bloße Nachfehen laſſen. Wie nun 
die Jagd wilb durch den Tann rafte, daß es durch Kluft und Thal 
toſend wieberhallte, tönte des Königs Hifthorn zur Raſt. Und 
wie nun Siegfried mit den Seinen aufbrach zur Waldherberge, 
gewahrte er einen flarken Bären, „Hei,“ fprach da der Degen, 
zur Kurzweil will ich ihn erjagen, er muß mit uns zur ‚Derberg 
fahren; auf, Gefellen! Löft den Bracken!“ Und wie Wetterflurm 
eilte Siegfried dem grimmen Unthiee mit feinem Roſſe nach, es 
fiel aber in eine Kiuft, fo daß Siegfried ihn nicht folgen Tonnte, 

27 


418 ®iegfried und bie Nibelungen. 


Sogleich ſchwang fi) der Held vom Pferde, zannte dem Thiere 
rad, und fing und band es dann mit eigner Kauft, fo baß es weder 
beißen, noch Tragen konnte. Darauf band er es vor fich auf den 
Sattel, und ritt fo auf bie Jagdherberge zu. Stattlicher hatte 
man nie einen Waidmann gefehen, Reich ohne Maßen war fein 
Birfhgewand aus koͤſtlichem Rauchwerk, geftidt mit Gold und 
Borten. Er trug einen Bogen, den man mit einer Winde nur 
fpannen Tonnte, wenn er's nicht that, und an feiner Hüfte Hang 
fein fchmudes Schwert, der fefte Balmung. So Fam cr zu ber 
Herberg. Saum abgefellen, band ee den Bären los; ber gerieth 
aber, von ben Hunden gefchredt, in die Kaͤche. Wie trollerte und 
Tollerte da Alles durcheinander, die Keſſel und Pfannen fielen von 
den Heerden, auf tie fich die Kuͤchenknechte flüchteten ! Wohl eiiten 
die Herren mit Speer und Bogen nach der Küche, wohl ließ man 
die Braden los, doch entkam ber Bär, und nur Siegfried Ionnte 
ihn ereilen, und erſchlug ihn mit feinem Schwert. 

As ſich darauf die Saygdgefellen zum frohen Male auf bem 
grünen Unzer verfammilt, gab es ter Speifen gar viel und mans 
niofalt, doch fchite es an Wein. Gicgfried wurde unwillig darob, 
und König Günther fchob auf Hagen die Schuld. Hagen entſchul⸗ 
digte fich, vorgebend, er habe den Mein nad) bem Speffart gefandt, 
weil er geglaubt, man wolle dort jagen; doch Eenne er in der Nüse 
am Berghang einen hellen Born, ber füße Labung biete. Sogleich 
wollte Siegfried dahin aufbrechen. Da ſprach Hagen, ber Argliſtige: 
"Die Leute fprechen, es Tonne Euch, Herr Siegfried, Niemand im 
Laufe folgen. Gern füh’ ich's einmal.“ Siegfried fchlug bie Wette 
vor, wer zuerft von ihnen zu der Quelle fomme, folle Sieger fein, 
dech wolle er beim Kaufe noch fein Zugdgeruth und feine Waffen 
tragen. Es geichah, und wer den Born zuerft erreichte, war Sies 
fried. Er lehnte den Speer an bie Linde, welche den Quell über 
fchattete, und Legte auch Schild und Schwert ab. Zuerſt trank 
Herr Günther, und raſch fchaffte Hagen Giegfriedbs Schwert und 
Wehr bei Seite, Als Siegfried fich nun zum Trinken bückte, d3 


Giegfried und bie Ribelungen, 49 


ergriff Hagen feinen Epeer und mit gewaltigem Stoß trieb er dem 
Helden das Eijen an der verwunbbaren Stelle durch den Naden, 
daß hoch das Blut aufſchoß. Wild fprang Giesfrieb auf, die böfe 
That zu vergelten, aber vergebens ſuchte er nach ſeinem Schwerte. 
Hoch ragte bie Speerſtange zitternd aus feinem Ruͤcken hervorz 
er griff aber nach ſeinem Schilde und rannte dem fliehenden Hagen 
nach. Mit gewaltigem Arm fuͤhrte er einen Streich nach dem Ver⸗ 
raͤther, daß rings der Waldgrund von dem Schlage erbebte und 
der Schild brach. Hagen ſtrauchelte und ſtuͤrzte; wohl waͤr's ſein 
Tod geweſen, haͤtte Siegfried ſein Schwert gehabt. Siegfried aber 
erblich; des Helden Kraͤfte ſchwanden, und er ſank todwund auf 
das Gruͤn — in Stroͤmen floß ſein Blut dahin. Da ſprach der 
Sterbende: "So ſchnoͤder Tod iſt alſo meiner Treue Lohn, doch 
„Euch zur Schmach und Schande ſterb ich von feiger Mörder Hand I" 
Wohl beklagten ihn viele der Ritter, die hinzuliefen, auch Günther 
wollte ihn beklagen, boch fehr verwies ihm dies Siegfried, und bat 
ihn nur, für fein Gemahl, die unglüdliche Chriemhild, zu forgen, 
zu bedenken, baß fie feine Schweſter. Da lag ber Held nun in 
fhmerzlihem Todeskampfe, und als er ben Geiſt aufgab, war fein 
letztes Wort: „Wohl werbet Ihe meinen Tod beklagen, denn Ihr 
werichluget Euch felber I” 

Und wie der Held fo tobt in feinem Blute lag, hoben ihn bie 
Degen auf feinen Schild, und beriethen fich, wie fie feinen Tod 
Shriemhilden bergen follten, damit es ihr werholen bliebe, daß Ha⸗ 
gen der Thäter fei. Man wollte ſagen, ein Unfall fei bem Helden 
{im Zann begegnet. Aber Hagen ſprach: „Wenig fol’s mich kuͤm⸗ 
nmern, ob es ihr bekannt werde, und ob fie, bie Brunhilden fo arg 
wbeleidigt, fich auch gu Tode grämel® 





420 Siegfried und die Nidelungen, 


Wie Siegfried beflagt und begraben ward, und wie 
Siegemund heimkehrte. 


18 der Abend hereinbrach, fuhren Siegfrieds Freunde mit 
ſeinem Leichnam von dem Brunnen bei Odenheim, wo er erſchla⸗ 
gen worden, uͤber den Rhein und gelangten im Dunkel der Nacht nach 
Worms. In ſeinem Grimme ließ Hagen die Leiche in aller Stille 
vor Chriemhilden's Gcmah tragen, auf daß fie den theuren Erſchla⸗ 
genen finde, wenn fie zur Krühmeffe ging. Ihr Kämmerer, der fie 
den andern Morgen abholen wollte, ftieß auf die in ihrem Blute 
ſchwimmende Leiche und brachte der hohen Brau die Kunde, daß ein 
erfchlagener Ritter vor bes Gemachs Thüre liege. Wie Todesruf 
traf dieſe Kunde Chriemhilden’s Ohr, fie ſank hin, die Freubenlofe, 
vom Gchmerze überwältigt und jammerte gar laut und fehr. Ihre 
Frauen mochten fie noch To fehr zu bereden fuchen, daB der Erſchla⸗ 
gene vielleicht ein Andrer, fie Hagte nur: „Es ift Siegfrieb mein. 
„Gemahl, Brunhilde rieth zur That, bie Hagen ſchnoͤd' an ihm voll: 
vbracht.“ Und fo trat fie hinaus wo die Leiche Yag, bie fie alfo: 
bald erkannte; fie nahm das biutige Haupt in ihre weißen Hände, 
und beflagte jammernd feinen fehmachvollen Tod. Alfobald ließ fie 
Herrn Siegemund und Siegfried Leute wecken, doc) Teiner wollte 
der Zrauerfunde Glauben ſchenken. Aſs fie aber Chriemhildens 
Wehruf und Klagen hörten, fprangen fie auf, griffen zu den Waffen, 
kuͤhn entfchloffen, bes Hekden Zod blutig zu rächen. Unausfpredlid 
war der Echmerz, ald Siegmund den erfchlagenen Eohn fah, als 
bie edlen Reden aus Nibelungenland ben Hehren, in feinem Blute 
fhwimmend, gewahrten, Wohl gern hätten alle auf der Stelle bie 
ſchwere Unbilde geräht, und waren alle zur That bereit, aber 
Chriemhilde, noch Aergeres fürchtend,, bat und flehte den alten Koͤ⸗ 
nig, Herrn Giegemund an, daß er abftehe von der Rache, fie felbft 
wolle ihm helfen, Rache nehmen an ben Mördern ihres Bemahle, 
feines Sohns, 

Das Klagen war ohne End, als man ben Erfchlagenen jetzt 


Siegfried und bie Nibelungen 7 Du 


in einen von Gold und Silber gefchmiedeten Sara legte, und unten 
dem Klange aller Gloden in feierlihem Zrauerzuge hin nach bem 
Münfter brachte. Da kam auch Here Günther und Hagen, ber 
Grimme. Mit gleißnerifcher Rede beklagte Sünther ber Schweſter 
Leid; Chriemhilde ließ ihren Argwohn nicht bannen und fprady : 
"Wer da unſchuldig, mag bier vor allem Volle, vor die Bahre' 
treten, und alſogleich wird fi) bie Wahrheit zeigen.» As num 
Dagen hin gur Leiche trat, ‚groß Baffte ba die Wunde, und friſch 
viefelte das Blut in Stroͤmen. Größer warb jegt der Weheruf; 
aber Sünther ſprach: „Won Schaͤchern ward Siegfried erfchlagen, 
Hagen hat es nicht gethan.“ "Die Schaͤcher, “ ſprach Chriemhilde, 
„find mie wohl befannt, Herr Günthes und Hagen. Gott möge 
„rächen biefe arge That fa 

Da wollten Giegfriebs Degen mit ben Waffen raͤchen ihres 
Helden Zod, aber Chriemhilde fuchte fie zu beichwichtigen, ſie bits 
tend, noch die Noth mit ihre zu ertragen. Ihre Bruͤder, Gernos 
und Giſelher, kamen jegt auch herbei und nicht gering war ihr 
Weinen und Klagen ob dem berben Verluſt, der Schwefler Kummer, 
Die ganze Stabt war verſunken in Trauer und Grau. 

Chriemhilde wollte aber nicht laſſen, unb drei Zage und 
drei Nächte wachte die Treuholde bei dem theurem Leichnam bes 
Helden. Sie wollte noch recht ben lieben Mann genießen, unb 
Gottes Wille Eonnte es vielleicht fein, fie duch ben Tod von 
allem Leiden gu befiien, So meinte Chriemhilde. Wie manche 
Zähre floß in biefer Zeit, wie mandes Opfer warb dem Altar 
gefpendet, und wie reich waren bie Gaben, welche Herr Siegemund 
und Frau Ghriemhilbe den Armen, den Kirchen, Klöftern und 
@pitälern rings’ im Lande zulommen lieffen, 

Am dritten Tage warb ber Held begraben, mit großem PM 
pränge, wie es fich ziemte. Chriemhildens Iammer war aber über 
bie Maßen groß, fo. daß eine Ohnmacht nach der andern fie befiel, 
Als dee Sarg dem Grabe fchon nahe, ſprach bie. Breubenlofe: _ 
„In meinem tiefen Leib gewährt mir noch eine Gunſt, laßt mic 


.623 Giegfried und bie Wibelungen. 


„no einmal des Theuren Antlig fehen.« Ihrem innigen Bitten 
konnte Niemand wiberftehen, und fo warb der Sarg noch einmal 
erbrochen. Chriemhilbe warb Hinzugeführtz "fie erhob noch einmal 
fein Haupt und drückte den letzten Scheidekuß auf des bleiche, ſchoͤne 
Antlig, und blutige Ihränen enteannen ihren lichten Augen, bis 
die Sinne fie verließen. Wohl ſchwer war ihre Leid, denn ihre 
Ohnmacht währte den Zag und auch die Wacht bis zum andern 
Tage. Nicht weniger fchmerzlih war Herr Siegemund getroffen, 
fein Sram war ohne Maßen, 

As Siegemund aber wieber in etwa genefen, baten ihn die 
Reden von Nibelungenland, mit ihnen heimzufehren, da fie nicht 
länger an Günther’s Hofe weilm moͤchten. Siegemund war be 
willig und eilte zu Chriemhilden, fie aufzuforbern, mit ihm heim 
zu ziehen, da fie doch ungern gefehene Gaͤſte wären am Rhein. Inder 
Heimath follte fie behalten alle Gewalt, bie ihr Siegfried vers 
liehen, follten ihr Land und Leute unterthan fein, und tie Krone fie 
ſchmuͤcken. ° Gern folgte bie Kreudenlofe feinem Begehr, und nicht 
gering war bie Eile, mit ber man Alles zum fchnellften Aufbrud) 
süftete, Als aber Frau Ute der Tochter Willen vernahm, bat fie 
gar inniglich, Chriemhilde möchte in der Heimath bleiben. Sie 
wollte nicht einwilligen, bis es endlich den Bitten ihrer Bruͤder 
Gernot und Gifelher gelang, fie zu bewegen, in ber Heimath 
bei den Ihrigen zu bleiben, 

As nun Alles zur Abreife bereitet ar, ba trat Herr 
Siegemund vor bie junge Königin, um fie zum Aufbruch 
zu bewegen. Weh that es ihm aber, als Chriembilde ihm 
ihren Entfchluß mittheilte, vie fie auf den Rath ihrer Lieben und 
Sreunde in ber Heimath bleiben wolle. Siegemund mahnte fie, 
wie fie im Nibelungenland herrfchen folle ald Königin, er mahnte 
fie an ihr Kind, Siegfried Sohn, wie der eine Waife, wenn fie 
nicht mit heimkehre. Chriemhilde blieb aber feft bei ihrem Ent⸗ 
fhluffe, im Burgundenland zu bleiben; und wohl weh that eö dem 
Köniz Siegmund und feinen Recken, daß dieſe Hoffahrt ſo klaͤglich 


* 


Siegfried und bie. Kibelungen. %3 


geendet. Rimmer mehr nach dem Burgundenland zu kommen, ges 
lobte ber König und auch feine Getreuen, es ſei denn um zu rächen 
Siegfrieds Tod. Als Siegmund den Abſchiedskuß auf Chriemhildens 
Stirn druͤckte, ba ſprach er: „Jetzt erſt iſt mir mein ganzer Kum⸗ 
mer Mar, ganz an Freuden arm kehr' ich heim. 

Und fo zogen die Reden aus Worms, ohne alles Geleite und 
ohne von irgend Jemand Abfchieb zu nehmen, beim nach dem Nibe⸗ 
fungenland. Nur Gernot-undb Gifelher gaben ihnen das Geleit 
nad dem Niederland wo ihr Empfang gewiß Tein fröhliher war, 
Ghriempilb blieb mit ihrem Grame in der Heimath, wo ihr Giſel⸗ 
ber allein Troſt fpendete und ihre Thraͤnen zu ftillen fuchte, deren 
Brunhilde, die fchöne, in ihrem Uebermuthe fpottete, 





Wie der Nibelungenhort nach Wormso Lam. 


Frau Chriemhilde Iebte jest in ſtiller Abgejchiedenheit in einem. 
nahe bei dem Münfter zu Worms gelegenen Schloffe, das ihr als 
Wittwenfig angewielen ward. Wie treu ihr auch ihre Gefinde zuges. 
than, wie fehr aud) Frau Ute, ihre Mutter, es ſich angelegen fein 
ließ, ihre Trauer zu bannen, Alles war umfonft, Ihe liebfter Gang 
war hin nad dem hohen Münfter, wo ihr Gemahl, Herr Siegfried, 
begraben lag. Taͤglich war bie Greubenlofe an feinem Grabe gu 
finden, wo fie in bittern Zähren um ben Geliebten Elagte. 

So waren ſchon vier Zuhre der Zrauer bahingefchlichen, unb 
noch hatte Chriemhilde ihren Bruder, König Günther, keines Blickes 
gewürdigt, noch durch ein Wort erfreuet. Ihren Feind Hagen hat!e 
ſie im Laufe dieſer Zeit gar nicht geſehen. Hagen von Troneck ver⸗ 
gaß aber ſeines Grimmes nicht und ſuchte den König nur dazu zu 
bewegen, daß er Chriemhilde vermoͤge, das Nibelungen gold nach Worm 
zu ſchaffen. Gar oft ſprach Hagen von dem großen Schatze zum 
Koͤnige, der nun Gernot und Giſelher aufforderte, die Traurend 
su ſuͤhnen. Die Wadern verſuchten es auf die freundlichſte Weiſe 


* . 


424 Siegfried unb.bie Ridelungen 


„Ihr Hagt zu lange,” ſprach Gernot, „und dern moͤchte euch der 
König zeigen, baß er Siegfried nicht erichlagen.e Da antwortete 
Shriemhilde: „Niemand geiht ihn der Thatz Hagen erfchlug ihn, 
denn ich zeigte ihm felbft, wo Giegfrieb verwunbbar, und verrieth 
alfo feinen Leib. Nimmer werbe ih denen hold, die ihn erſchlagen.“ 
Gernot ließ aber nicht ab von feinem Witten, bis Chriembilbe end» 
Gh zugab, den König zu fehen. Schwer warb ber Schritt ihrem 
Herzen, als ber König mit all feinen Getreuen, aufer Hagen von 
Troneck, ſich dei ihr einfand. Die Gühne kam zu Standes wie 
ſchmerzlich es ihr auch ward, fo vergab fie, allen, auſſer Hagen, der 
ihn erſchlug. 

Die hohe Frau gab auch zu, daß man ben reichen Hort hole 
aus dem Nibelungenland, ber ihr als Morgengabe eigen. Gernot 
und Gifelher fuhren, auf Chriembildens Geheiß, mit achttauſend 
Recken hin nach Nibelungenland, wo der Zwerg Alberich ben 
Schatz hütete. Als die vom Rheine kamen, ſprach Alberich; „Gie 
Zommen ben Hort zu heben, ber auch der Königin gebührt, Hat 
doch Siegfried dadurch, daß er bie Tarnkappe fid gewann, wenn 
auch fih zum eignen Schaben, uns alle bezwungen,“ Der Zhürhüten 
erſchloß den Schag, und zwölf Doppelmagen konnten das. Golb und 
Edelgeſtein in vier Tagen und vier Nächten, und hätten bie Pferde 
auch täglich dreimal den Weg gemacht, kaum zu den Schiffen brins 
gen. Alſo groß war ber Schag, und mit ihm hatte der Beſitzer 
auch Gewalt über das weite Land und alle feine Reden, denn unten 
den Kleinoden war auch ein Rüthlein, und wer baffelbe gefunden, 
war Herr ber weiten Erbe, 

Der reiche Hort wurde jest zu Schiff gebracht und Rheinauf⸗ 
wärts gen Worms geführt, wo man manchen Thurm und mande 
Kammer mit dem, Golde füllte, Ghriembilde hatte aber an allen 
bem feine Freude; gern hätte fie al das Gold und Gefchmeide 
bingegeben, wäre Held Siegfried wieder erftanden., Mit milder 
Band fpenbete fie ihre Schäge, und Reich und Arm fand in ihr 
eine milde Herrin, fo daß ihrer Getreuen Zahl mit jedem Tage 


* 


Siegfried und dis Nibelungen. a 


wuchs. Da ſprach Herr Sagen gu dem Könige: „Spendet Chriems 
Hilde noch ferner mit folder Deilde, dann hat fie bald fo viele in 
ihr Lehn gebracht, baß es uns bangen koͤnnte.“ König Günther 
aber antwortetes „Ihe gehört das Gut, mag fie nad) Belieben 
damit fchalten, bin ich doch froh, daß fie mic wieber hold wurde.“ 
Hagen ließ nicht ab. „Ein Auger Mann,“ ſprach er, „vertraut ſolche 
Schaͤtze Feiner Frau an, denn mit ihren Gaben bringt fie und noch 
allen den Untergang. Günther verfegte: „Ich ſchwur ihr einem 
Eid, ihe nie etwas zu Leid zu thun, fie ift meine Schweſter.“ 
uno Yaßt mich den Schuldigen fein,“ nahm Hagen raſch das Wort. 
Er wußte fih auch in Beſitz ber Schlüffel zu fegen, und wie auch 
Gernot und Giſelher zuͤrnten, und wie auch Chriemhilde Hagte, es 
war umfonftl. Als nun ihre Brüder hinaus zu einer Fahrt gogen, 
ba verfenkte Hagen heimlich; den mächtigen Schatz in des Rheines 
Tiefen. Hatte Chriemhilde bisher in bitterm Harme um ben ers 
fhlagenen Gatten geweint, fo mußte fie jest auch noch ten Verluſt 
ihrer reihen Morgengabe beklagen. Wo aber ber Ribelungenhort 
geborgen, weiß Riemand; benn es haften die Helden feierlichft bes 
ſchworen, es folle verholen bleiben, damit ſie ihn nicht benutzen 
koͤnnten, noch irgend ein Andrer. 


Ehriemhilden's Nache. 


Dreizehn volle Jahre lebte Chriemhilde in ſtiller Trauer, 
abgeſchieden von der Welt. Als nun um dieſe Zeit Helke, des 
Hunnen⸗Koͤnigs Etzel Gemahl, geſtorben, riethen ihm ſeine Freunde, 
um Chriemhildens Hand zu werben. Koͤnig Etzel folgte dem Rath 
der Freunde, und Markgraf Ruͤdeger von Bechlaren zog mit 
reichem Geleite hinab nach dem Rheine, um fuͤr ſeinen Herrn um 
die hohe Braut zu werben. Gern hoͤrten Koͤnig Guͤnther und die 
Seinen bes Markgrafen Botſchaft; jedoch war Chriemhilde in ihrem 
Kummer wicht alfobalb entichloffen, bes. edlen Markgrafen Antrag 


26 Siegfried und die Nibelungen. 


anzunehmen. Als nım aber ihre Brüder in fie drangen und ihren 
Abfchen, eines Heiden Eheweib zu werden, gu bannen fuchten, da 
willigte endlich bie Hohe In Etzels Werbung, eingebent, daß bie an 
ike verübte Unbilbe, ihres Herrn Toy, noch gerächt werden koͤnnte. 
Ihre Schäge theilte Ehriemhilde unter Markgraf Rübdegers 
Reden als Botentohn und trat dann, beklagt von Allen und bes 
gleitet von hundert Mägblein und fünfhundert Degen, welche ike 
Markgraf Eckewart zuführte, ihre Reiſe nach bem Hunnen⸗ 
Lante an. 
Wohl war ihr Zug ein wahres Feſtgeleite; allentbalben empfing 
fie Jubel und Freude, wo fie hinkamen; durch Baierland bis gegen 
Paſſau an dem Innflrom, und von hier nad Rübegers Mark, we 
fie von Botelinden, ber Markgraͤfin, aufs feftlichfte, wahrhaft 
Böniglich empfangen wurde. Und fo ding es fort bis hin zum Hun⸗ 
nenlande unter dem Geleite der mächtigen Vaſallen Esels, weiche 
ihrer künftigen Herrin weit hinaus bis Deftreich ſchon entgegengezos 
gen waren und fie mit Tühnen Neiterfpielen zu erdoͤtzen fuchten. 
Als Chriemhilde mit ihrem Gelelte nun nah der Stadt Zulna 
am Donaufteom gefommen, ritten ihr vier und zwanzig Fuͤrſten 
und Herzog Ramung aus Wallachenland, Fürft Gibecke, Horn 
boge der fchnele, Hawart aus Dänenland, Iring und Irns 
fried aus Thüringen, fammt Blödel, Etzels Bruder, mit ihren 
mächtigen Schaaren entgegen, und ihnen folgte König Esel, zu 
deſſen Seite Dietrich von Bern mit feinen Gefellen ritt. Vom 
Roffe ſchwang ſich König Esel und empfing bie hohe Braut mit 
Küffen. Chriemhilde gab auch noch dem Bruder Etzels, Blödelin, 
dem Könige Gibecke, dem ftarken Helden Dietrich und zwoͤlf 
ber ebelften Helden den Wilkommkuß. Mancherlei Zefte und Nitter: 
fpiele wechſelten zu Aller Kurzweil, und mit überfchwenglicher Pracht 
wurde in Wien König Etzels Hochzeit aefeiert, welche fieben Tage 
lang währte und noch nie von einem andern Fefte übertroffen warb. 
Die Feftgefchenke, welche man ba fpendete, waren überreih, und 
Chriemhilde Hatte ſich noch nie fo flattlidh bedient gefehen. Des 


Siegfried und bie Ribelungen. 497: 


hohen Frau Schöne feffelte Alles und Grau Helle hatte nie fo gen 
maltiglich geboten, — 

Scon fieben Jahre lebte Chriemhilde mit König Esel, da 
gebar fie ihm ein Söhnlein, das in der Taufe den Namen Ortlieb 
erhielt. Wie fie aber auch Iebte in hohen Ehren, von allen geliebt 
und geachtet, To Eonnte fie aber dennoch nicht der Heimath vergeffen 
und des Kummers und Leidens, das fie dort erfahren. Je mehr fie 
dachte, ber Vergangenheit, um fo lebkafter warb in ihrer Seele bie 
Begierde nach Rache, Wohl oft dachte fie, ihre Feinde bei fich zu 
fehen, um Rache an ihnen nehmen zu koͤnnen. Als fie nun einft 
Nachts bei ihrem Gemahle ruhte, ba bat fie ihn, ihre Freunde aus 
dem Burgundenland einmal nad) feinem Reiche befiheiden zu laſſen, 
da fie diefelben noch gern einmal ſaͤhe. König Esel willigte in ihe 
Begehr und entbot fogleich feine Fiedler Werbel und Swemmel 
zur Botſchaft nach dem Rhein, Chriemhildens Stppfchaft nach bem 
Hunnenlande einzuladen. Wie nun die Boten Tamen, fich von ber 
Königin gu beurlauben, da trug fie ihnen noch befonders auf, nur 
ja Herrn Hagen von Troned auch zur Fahrt nad dem Sunnens 
lande zu entbieten. 

Innerhalb zwölf Tagen gelangten bie Boten an ben Rhein 
nad) Worms, wo fie auf's gaftlichfte empfangen wurden, ba bie 
Mähre ihrer Botfchaft ihnen vorangegangen. Als König Günther 
ibrer Sentung Inhalt vernommen, berief er‘ die Beften feines 
Reiches, um fich mit Ihnen zu berathen. Alle waren des Ginnes, 
baß er hinführe nach dem Sunnenlande, nur Hagen widerrieth und 
bat den König zu betenken, wieviel Leid Chriemhilde durch fie ers 
fahren, das fie wohl nimmermehr vergeffen werde, wie Leicht er Leib 
und Leben im Hunnenland verlieren koͤnne, da Chriemhilde ihm ges 
wiß noch Rache nachttage. Gernot und Gifelher entgegneten aber, ' 
Hagen möge wohl Urſache haben Chriemhilden zu fürchten, da er 
ſich ſchuldig wiſſe, er Eönne ja daheim bleiben. Hagen zürnte und 
beftand jest darauf, bie Fahrt mitzumachen. Mit reichen Geſchenken 
wurden bie Boten entlaſſen, um Koͤnig Etzeln bie Kunde zu brin⸗ 


as Siegfried und bie Ridelungen, 


gen, daß König Günther mit den @einen ihn heimfachen werde. 
und als bie Spielleute dieſe Mähre in’s Hunnenland braditen, war 
Ehriemhilde gar ſehr erfreut, unt König Ettel ließ fogleich Alles 
sum Empfange der lieben Bäfte bereiten. 

Im Burgundenlande hatte man ſich indeß zur Fahrt ins gun. 
nenland gerüftet. Dreitaufenb der auserlefenflen Helden waren auf 
Hagens Rath zur Fahrt verfammelt, und unter ihnen au Dank 
wart, Hagens Bruber, und ber kühne Volker, der edle Wiedler, 
mit allen bie in ihrem Lehn fianden. Man erkor aber nur taufend 
und fechözig der Degen und neuntaufend Anechte. Und als fie nun 
aufbrechen wollten, bat Königin Ute ihre Söhne, von ber Fahrt 
abzulaflen, es habe ihr geträumt, alles Geflügel im ganzen Lande 
wäre tobt. Hagen lachte aber bed Zraumes und rieth jekt um fo 
mehr zur Neife, da ibm Gernot Spott entgegen bot. Unter Pos 
faunen s und Flöten » Schall zogen bie Edlen, an welche ſich nod 
taufend Nibelungens Helden angefchloffen, bin und ließen manch 
trauriges Herz zurüd. Mainaufwärts ziehend durch Oſtfranken 
kamen ſie, gefuͤhrt von Hagen dem Stolzen, bis zum Donauſtrom, 
der wild über Teine Ufer getreten war. Hagen erhielt den Auftrag, 
bie Fuhrt zu fuchen. Wie ee nun am Ufer bin und her fpähete, 
um einen Schiffmann zu finden, hörte ee etwas im Waſſer pläts 
fern und gewahrte bald mehre Frauen, bie fich ſchaukelnd in den 
Wellen badeten. Er wollte ihnen nahen, ſie ſtuͤrzten aber in die 
Flut. Da nahm er ihnen ihre Kleider. Die Waſſernixen baten ihn, 
ihnen ihre Kleider zuruͤckzugeben, ſie wollten ihm dann auch ſagen, 
was er auf der Hoffahrt erlebe. Und die Eine ſprach: „Niemals 
fuhren Helden noch zu ſolchen hohen Ehren in ein fremdes Reich, 
wie ihr nach Etzels Land.“ Erfreut gab Hagen ihnen die Kleider 
zuruͤck, da ſprach aber die Andere: „Der Kleider wegen hat Dich 
meine Muhme belogen, Eommft Du zu den Hunnen, fo bift Du bea 
trogen, denn ihr müßt alle flerben in Egeld Land, einer wirb bie 
Heimath wieber fehen, bis auf des Königs Kaplan. Nicht mit 
feopem Muth hörte Hagen dieſe Maͤhr, doch war er froh, als ihm 


Giegfried und die Nibelungen. 029 


die Meerweiber Kunde gaben, wie er Über den Huf Irmumen Fir. 
Er brauche nur dem Fährmann Amelreich, ber jenfrits ber Fries 
wohne, zu rufen, ber fie überfegen werde um reihen En. Eosen 
fand auch den grimmen Kährmann, gerieth aber mit ihm im Etreit, 
weil er fich weigerte bie Helden aus Burgunden⸗kand Ehersifegen 
in das Gebiet des Herrn Elfe. Da Amelreich foger mit der 
Nubderftange nach Hagen ſchlug, hieb dieſer ihm ben Kopf vom 
Rumpf, brachte dann durch feines Armes Kraft das Schiff sum 
Strande und feste die Helden und ihre Knechte über. In feinem 
Grimme, gedenk der Weiffagung der Riren, fchleuberte er des Ks 
nigs Kaplan in die Flut, der entlam aber durch Gottes Hälfe, wies 
wohl er nicht ſchwimmen Tonnte, und Hagen ihn immer zurädfiich, 
wann er in das Schiff wollte, Hagen erkannte aber jest die Wahr⸗ 
heit der Todeskunde der Waflernire. Als fie nun alle übergefeht, 
zerfchlug Hagen, zur aller Schreck, das Fahrzeug, auf daß keiner 
entrinnen möchte, 

Volker war jest ihr Führer, denn ihm, dem kuͤhnen Fiebler, wa⸗ 
zen alle Stege und Wege bekannt, Gelfrat, Elſe's Bruder, Hatte 
aber kaum vernommen, daß ber Fährmann erfchlagen, ale er fi 
rüftete mit den Seinen und feinem Bruder Elfe, um den Burguns 
der Helden nachzufesen. Bald fahen fih Hagen und Dankwart, 
welche die Nachhut führten, angegriffen, Hart war ber Kampf, 
doch fiegten die vom Rhein; Dankwart erfhlug Belfrat, Elfe 
ward gar ſchwer verwundet und die Baiern in die Flucht getrieben, 
Ungebindert zogen die Burgunben jegt weiter und kamen in Ruͤdegers 
Land, wo fie auf das gaftlichfte aufgenommen wurden, Gar fröhlidy 
weilten fie an Ruͤdegers Hofe, wo fi dann auch Giſelher mit 
Dietlinden, des Markgrafen ſchoͤner Tochter, vermaͤhlte. Rei 
befchentt, zogen fie dann weiter und gelangten ohne anderes Bahraiß, 
an König Etzels Hof. 

Dietrich von Bern empfing Die vom heine mit flattlichem 
Heergeſinde, wie es ſich der hohen Gaͤſte ziemte, boch that es ihm 
leid, daß fie gelommen, und wohlweislich machte er bie Rechen 


va 


430 Eiegfried und die Nibelungen. 


darauf aufmerkfam, wie Shricmhitbe noch immer ben erfchlagenen 
Helden Siegfried beklage, Als fie nun zur Hofburg kamen, begrüßte 
GShriembilbe fie mit falfchem Gruße und kuͤßte nur @ifelheren, fo 
daß Hagen ſich ob des Grußes nichts Gutes verfah. Chriemhilde 
fragte nad dem Nibslungenhort und „verlangte, bie Reden follten 
alle die Waffen ablegen, und ihr anvertrauen, bevor fie in den Saal 
träten. Hagen gab das nicht zu, und der edle Dietrich widerſetzte 
fid) auch dem Anfinnen, fo daB die Königin befhamt von bannen 
ging. Allen war es aber doch an Etzels Hofe nicht froh zu Muth, 
benn Ghriempilde ſann vur auf Rache und wußte durch ihre Thraoͤ⸗ 
nen auch manden Hunnenhelden zur Rache gegen Hagen zu ent: 
flammen, ber in feinem trugigen Grimme ſelbſt vor ber Königin, 
die er nicht einmal grüßte, fich als Siegfrieds Wörter bekannte, 
König Günther wurde aber von Ebel auf’s freundlichite empfan- 
gen, “und an Nichts ließ der Wirth es feinen Bäften fehlen. Auf 
bas prachtvollſte war der Saal ausgeftattet, wo die von Worms zur 
Nuhe fich begeben folltenz; doch wollte der Schlaf keinen befchleichen, 
denn alle waren voller Sorge. Volker, der Fiedler, fpielte aber 
mit feinem Saitenfpiel manch forgenden Mann in den Schlaf und 
hielt dann bis zum Morgen mit Hagen Schildwacht vor des Saales 
Thür, Mit großem Waffenipiel wurde der andre Zag gefeiert, im 
welhem Volker einen reichen Hunnen erſtach. Chriemhilde fuchte 
nun Hildebrand und Dietrich von Bern zu gewinnen, um ſich 
an Hagen zu. rächen; die Werner Helden wiefen ihr Anfinnen aber 
ab. Auch Blödel, den Chriembilde auch zur Mache aufferderte, 
wollte das Gaſtrecht nicht verlegen. Als fie ikm aber Nudungb 
Land und ein fehöned Weib, Nudungs Wittwe verfprach, willigte er 
fogleich. ein und hieß alle feine Leute fich waffnen, 
x. Mit feinen Reden drang Blödelin in den Saal, wo Dank 
"wart mit feinen Knechten zu Zifche faß, und als diefer ihn bw 
grüßte, rief ex ihm zu, daß er gekommen, Siegfried Tod zu rächen 
an Hagen und den Seinen. Dankwart aber erfhlug Bloͤdel, 
und als befien Leute dies erfuhren, drangen fle in den Saal, aber 


Siegfried und die Nibelungen. 431 


Oankwarts Knechte wehrten ſich kraͤftiglich, fo daß bald fuͤnfhundert 
Hunnen erſchlagen waren. Noch ehe Koͤnig Etzel dies vernommen, 
war ſchon ein anderes wohl zweitauſend Mann ſtarkes Hunnen⸗Heer 
in den Saal gedrungen. Wie kraͤftig die Knechte auch ſtritten, ſie 
wurden alle erſchlogen und noch zwoͤlf Ritter in Dankwarts Lehn, 
ſo daß dieſer zuletzt allein ſtand in dem wilden Kampfe. Sein 
wuchtiges Schwert bahnte ihm aber einen Weg durch die wilden 
Haufen nach des Saales Thuͤre, und er gelangte ſo auch fechtend bis 
zur Hofburg, um ſelbſt Bote der Trauerkunde zu fein. Als er nım 
fo bluttriefend in ben Saal der Hofburg trat, wo alle zum Map 
verfammelt, und feinem Bruder Hagen zurivf, daß alle Knechte und 
Ritter getöbtet, erfchlug Hagen in feinem Grimme Ortlieb, Chriem: 
bildens Sohn, daß fein blutend Haupt ihr in den Schooß fiel. 
Ein wilder grimmer Kampf entfpann fi jest, und ein fürchterlich 
Blutbad richteten die BurgundensHelden unter ben Hunnen anz 
vor allen aber kaͤmpften Hagen und Volker, während Dank: 
wart bie Thür des Saales fhüste. Günther gebot enblih 
Friede, und Dietrich von Bern führte Chriemhilden und Ekel aus 
dem Saale, ben dann auch Rüdeger mit feinen Wannen verließ. 
Nachdem der ungeheure Kampf beentigt, warfen die Burgunder 
‚Helden die Zobten, wohl fieben Taufend, aus dem Saale. Hagen 
fpottete in feinem Uebermuthe über Esel und Chriemhilde, bie wies 
der-von neuem Alles aufbot, Etzels Reden gegen bie wilden Gäfle 
gu werben. Sting aus dem Dänen Land, an ben fih Irnfried 
von Thüringen und Hawart der ftarke mit taufend Degen fchloffen, 
wollten jest den Tühnen Strauß ‘beftehen. Iring wollte den Kampf 
allein. Er maß fih mit Hagen, Volker, Günther, Gernot, 
doc ohn' Erfolg. Giſelher dem Kinde wäre er bald erlegen, 
nur dem grimmen Hagen brachte er eine Wunde bei, mußte aber gie 
lest der gewaltigen Kraft bed Troneckers erliegen, Als nun Senf ried 
mit feinen Helden zum. Kampfe anrüdte, warb das Gemesel noch 
ärger; aber auch er fiel von Volkers Band, wie au) Has 
wart und Tauſend und vier Helden bie elendiglich umkamen. 


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432 @iegfried und die Ridelungen.. 


Groß war die Trauer Egels und Chriempilbensz bod 
entboten fie fogleich gwanzigtaufend aus dem Hunnenlande, um ben 
Kampf mit den Helden vom Btheine zu beflehen. Den langen 
Sommertag währie der harte Kampf, bis bie Racıt ihm ein Ende 
machte. Die Burgunden wünfchten Frieden, doch wollte König 
Etzel von keiner Sühne willen, und eben fo wenig Chriempilde, als 
ihre Brüder darum baten. Sie wollte ihnen das Leben ſchenken, 
doch follten fie ihe Hagen als Geißel Lafien. "Die Helden wieien 
den Vorfchlag von fi und wollten Fieber flerben. Der Kampf 
begann ven neuem, Die Burgunden, die aus bem Saale getreten 
waren, um ben Kampf im ofinen Felde zu beſtehen, wurden wieber 
in den Saal zurüdgebrängt. Da gebot Etzels Weib den Baal 
an allen vier Enden anzuzünden, und bald loderte das Gebäude in 
wilder Blamme empor. Gchredlich war bie Feuersnoth und manche 
der Reden tranken fogar Blut, um in ber Hitze des Feuers ben 
brennenden Durft zu ſtillen. Da der Saal gemwölbet war, fo ents 
kawen die Helden dem Tode, und mit dem Morgen tobte nun au 
wieder ber blutigfle Streit, ber manchem Edlen das Leben koſtete. 

Markgraf Rüdeger bot Alles auf, den Sinn des Königs und 
der Königin zu befchwichtigen, aber umfonft. Esel und Chriems 
bilde baten ihn fogar unter Thraͤnen, vor ihm-nieberfnieend, wider 
die Burgunder zu kaͤmpfen. Lange wiberftand ber eble Held ihren 
Bitten, ihrem Kleben. Er wollte lieber Alles verlieren, als Worts 
und pflichtbrüchig zu werden, denn er hatte ben Recken vom Rheine 
ia freies Geleit zugefagt, war doch Giſelher fogar fein Schwies 
gerfohpn. Chriemhilde ließ aber nicht ab vom Bitten, und Ruͤdeger 
entfchloß fich zu ihrer Freude, den Kampf mit den Burgunden zu 
beftehn. Mit fchwerem ‚Herzen bieß er feine Reden fich waffnen zu 
dem Kampfe, und zog mit fünfhundert Degen gegen ben Saal. 
Us die Burgunden ben edlen Markgrafen kommen ſahen, waren 
fie ſehr beftürzt und Alles boten fie auf, Ruͤdeger von feinem Ent⸗ 
Jchluffe abzuwenden. In feinem edlen Muthe gab er fogar feinen 
Schild an Hagen, beflen Schild arg verbauen war. Manch Auge 


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Siegfried und die Nibelungen. 433 
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wurde naß uber des Edlen hohen Muth unb rein Gemuͤthe, und 
j Hagen wie auch Volker gelobten ihm, feiner zu fehonen, ihn nicht 
zu berühren und wenn er auch alle Burgunder erſchluͤge. Der 
Kampf begann, Wuͤthend fochten bie Helden, Rudeger fiel endlich 
durch Gernots Hand, den er auch fo fchwer verwundet hatte, daß 
er vom Leben fchied, Alle die in Ruͤdegers Lehn, wurben aber 
erichlagen. ' 

Des Sammers war kein Ende, ald man biefe Trauerkunde vers 
nahm. Als Dietrich von Bern NRüdegers Tod hörte, fandte er 
ben alten Hildebrand, um fich nad) der Wahrheit der Mähre zu 
ertunbdigen, Als fie dieſe vernahmen, wie weinten ba die Helden. 
Hildebrand bat nun, ihnen den Leichnam des Helden zu über: 
Yaffen, um ihn ehrlih zu beftatten. Volker rief ihnen zu, fie 
möchten ihn fich felbft holen. So fpottefe Volker, bis die Berner 
in Wuth entbrannten und einen fo fürdterlichen Kampf begannen, 
daß alle Burgunden, außer Günther und Hagen, wie auch alle 
Berner, Hildebrand ausgenommen, vom Leben ſchieden. Hilbes 
brand, felbft tobtwund, eilte zu feinem Herrn, Dietrich von 
Bern, um ihm den traurigen Hergang zu berichten. Dietrich 
von Bern waffnete ſich augenblictich felbft und eilte nach dem Saale, 
um Rechenſchaft zu fordern über dad, was gefchehen. Günther 
entſchuldigte fih, daß er Dietrichs Leuten Rüdeger’s Leiche 
nur unterfagt,. um König Etzeln zu trotzen. Dietrich forderte fie 
nun auf, fich als Geiſſel zu ergeben, er verfprädhe ihnen dann feinen 
Schus. Hagen widerſprach bem aber, er wolle nie Geiffel werben, 
fo lange er noch ein Schwert führe. „Cs habe ihn entrüftet, daB 
Dietrich ihm angefonnen, Geiffel zu werben,“ ſprach er und for« 
derte drum Dietrich zum Kampfe. Wie Eräftig Hagen aud) das 


Schwert Balmung führte, Dietric, brachte ihm bod; eine Wundgg 


bei, warf dann den Schild fort; um mit ‚Hagen zu ringen, welchen 
er auch bezwang. Dietrich band jet Hagen und führte ihn 
zu Chriembilden, die nicht wenig erfreut war, als fie ihren Todfeind 
alfo aefangen fah. Dietrich bat aber, ihm das Leben zu laffen 
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“ ® ®@ . 
43 Siegfried und bie Niebelüngen. 
und eilte zuräd gum Saale, wo Günther feiner zum Kampfe bärrte: 
Günther, wie ritterlich er auch focht, unterlag aber Dietrichs 
Arm und warb ebenfalls von ihm gebunden zu Chriemhilden ges 
bracht. Die Königin, in ihrem grimmen Borne, ließ bie beiden 
Gefangenen in gefdiebene Kerker legen. Hin zu Hagen trat nun 
jest Chriemhüde, und ſprach: „Gebt ihr nun zurüd, was ihr mir 
nahmt, mögt ihr heimziehn nach bem Burgundenland.“ Hagen 
erwieberte: „Die Bitte ift verloren, edle Königin, denn ich ſchwur, 
den Hort Niemanden zu zeigen, fd lange noch einer meiner Herren 
am Leben.” Chriemhilde war rafch entfchoffen; fie ließ dem Könige 
Günther das Haupt abfchlagen und bracht' es ſelbſt in Hagen’s 
Haftgemach. Wie er das Haupt fah, warb es ihm gar traurig 
iu Muth und er ſprach: „Du Haft nun deinen Willens der ganze 
Burgunden-Stamm ift jest tobt: Den Hort weiß Niemand als 
Gott und ich allein, und foll bir Zeufeldweib ewig verborgen fein.“ 
— „So will ich doch Siegfrieds Schwert behalten,“ ſprach Chriems 
bilde. Er Eonnte es ihr, gefeffelt wie er war, nicht wehren. Sie 
2098 aus der Scheide und mit einem Hieb, bem fie mit beiben 
Händen führte, fchlug fie ihm das Haupt ab: König Ekel fah bie 
oraufe That und beklagte laut ben gefallenen Helden. Hildebrand 
aber konnte feinen Born nicht meiftern, er fprang hinzu und mit 
einem Schwertichlag hieb er das Königsweib nieder. 

Dietrich und Esel beweinten inniglich ber Freunde Tod. Ritter 
und eble Frauen klagten laut über bie gefallenen Helden. Dies 
iſt das Ende der Mähre von den Nibelungen, 


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